Genozid an Armeniern: Wie eine Lehrerin 1915 Waisenkinder rettete

"Gott wollte etwas tun!"
Entscheidung - "Gott wollte etwas tun!"

Laura Breiling

Entscheidung - "Gott wollte etwas tun!"

1915 beginnt der Völkermord an den Armeniern im Osmanischen Reich. Die Schweizer Lehrerin Beatrice Rohner arbeitete dort für eine Hilfsorganisation und rettete vielen Waisenkindern das Leben.

Ein Zug voller Kinder verlässt Aleppo. Wohin? Beatrice Rohner weiß es nicht. Sie steht am Gleis und kann nichts tun. Jahrelang hatte sie versucht, armenische Kinder zu ­retten, die durch den Völkermord ihre Eltern verloren hatten. Im März 1917 scheint alles vergebens. Sie bricht ­zusammen. "Und so wurde der Vorhang der ­Dunkelheit über sie, über mich und über alles, was ich in Syrien erlebt hatte, gezogen", schrieb sie später.

Beatrice Rohner, 1876 in der Schweiz geboren, arbeitete ab 1898 für den "Deutschen Hülfsbund für christliches Liebeswerk im Orient", den ein evangelischer Pfarrer ­gegründet hatte, als Reaktion auf die Massaker an den Armeniern in den Jahren ab 1894. Rohner ging nach Anatolien. In Marasch (heute: ­Kahramanmaras) arbeitete die tiefgläubige Frau als ­Waisenhausmutter im Mädchenheim Bethel und wollte die Menschen für das Evangelium begeistern.

Hunderttausende in die Wüste getrieben

1913 gelangten im Osmanischen Reich durch die jungtürkische Revo­lution drei Männer an die Macht. Innenminister Talât Pascha, Marineminister Cemal Pascha und Kriegs­minister Enver Pascha versprachen anfangs gleiche Rechte für alle, strebten dann aber eine muslimisch-türkisch dominierte Gesellschaft an. Opfer der nationalistischen Politik wurden vor allem armenische Christen.

Am 24. April 1915 ließ Talât Pascha die armenische Elite festnehmen und ermorden. Als daraufhin einige Armenier Widerstand leisteten, begannen die osmanischen Herrscher mit ihrer Ausrottung. Hunderttausende wurden in die Wüste getrieben und in Konzentrationslager gesperrt. Sie verhungerten, starben auf Gewaltmärschen an Erschöpfung und Hitze. Die Überlebenden wurden niedergemetzelt. Beatrice Rohner beschrieb, was sie damals erlebte: "Ich fand Männer und Frauen schwer verwundet, die Leiber aufgeschlitzt, die Schädel –eingeschlagen, auch sonst mit Messerstichen entsetzlich zugerichtet."

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Auch aus Aleppo im heutigen Syrien drangen erschütternde Berichte zu ihr durch. Sie bat die Regierung, humanitäre Hilfe leisten zu dürfen. Marineminister Cemal Pascha erlaubte ihr, ein Waisenhaus zu führen. Da sie für die Hilfsorganisation eines neutralen Staates arbeitete, ließ man Rohner halbwegs freie Hand. Geld erhielt sie von amerikanischen Missionaren. "Das war ein Hoffnungsstrahl! Ich merkte: Gott wollte etwas tun! Aleppo, verschlossen, verseucht, jenes Zentrum von Not und Elend, sollte geöffnet werden."

"Es gibt eine Gabe des Gottes, der gerufen hat, die der Aufgabe vollkommen entspricht"

Als sie das Gebäude in Aleppo das erste Mal betrat, fand sie kranke und erschöpfte Kinder vor, die Schreckliches erlebt hatten. Sie waren in ­Lumpen gehüllt in Räume gepfercht. "So stand ich vor der neuen Aufgabe. Sie überstieg weit alle Kräfte des Leibes und der Seele. Aber eines wusste ich: Es gibt eine Gabe des Gottes, der gerufen hat, die der Aufgabe voll­kommen entspricht", schrieb sie. Aber das Waisenhaus war den Behörden ausgeliefert. Immer wieder wurden Kinder abgeholt, oft mussten sie umziehen.

Zwei Jahre lang konnte ­Rohner die Waisen schützen. Der Glaube gab ihr die Kraft dafür. Jede Fügung, jede Genehmigung, jedes gerettete Leben führt sie direkt auf den "Schirm des Höchsten" zurück. "Etwas hinderte die Feinde, etwas lähmt die vielen Spione und Häscher, die uns täglich umgaben, etwas hielt die türkischen Behörden zurück, mit einem einzigen Befehl alles zu zerstören, obwohl wir ihnen völlig preisgegeben waren."

Michael Güthlein

Michael Güthlein, Jahrgang 1990, ist Redakteur am Magazin-Desk von chrismon, epd Film und JS-Magazin. Er hat Journalismus, Geografie und Germanistik in Mainz und Bamberg studiert. Er schreibt am liebsten über gesellschaftspolitische Themen und soziale Gerechtigkeit.
Lena Uphoff

Doch im März 1917 nahmen die osmanischen Machthaber alle Waisen mit. Die Kinder sollten in türkischen Heimen und muslimischen Familien erzogen werden. Rohner war am Ende ihrer Kräfte und kehrte nach Europa zurück. Sie brauchte Jahre, um sich zu erholen und ihre Erinnerungen aufzuschreiben. Im Herbst 1926 erhielt sie Besuch von einer ehemaligen Helferin aus Marasch, die eine erlösende Nachricht aus Syrien mitbrachte: Rohners Waisen hatten alle überlebt.

Infobox

"Aghet - Ein Völkermord"

Noch heute leugnen viele Menschen den Genozid an den Armeniern, obwohl er gut dokumentiert ist. Im Dokumentarfilm "Aghet" aus dem Jahr 2010 tragen Schauspieler*innen Zitate von Zeitzeugen vor. Auch Beatrice Rohner taucht auf, gespielt von Katharina Schüttler.

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Lesermeinungen

Wollte Gott auch etwas tun für die Assyrer-Aramäer, die etwa die Hälfte der Ermordeten ausmachten?
Durch die Familiengeschichte eines assyrischen Freundes, Muttersprache aramäisch, bin ich auf die Geschichte dieses Volkes aufmerksam geworden. Ich dachte immer, sie stünden nur bei uns im Museum Dahlem. Aus der Familie des Freundes hat nur die Großmutter den Todesmarsch ihrer Familie überlebt. Menschen haben das kleine Mädchen immer weiter bis Bagdad getragen und sie dort auf die Stufen eines assyrischen Hauses abgelegt. Ich habe die Schilderung ihres Lebens vor vielen Jahren von ihr selbst gehört.
2010 war ich mit Wolfgang Benz vom Zentrum für Antisemitismus Forschung Berlin in Armenien. Ich fragte den inländischen Führer nach dem Denkmal für die ermordeten Assyrer in der Hauptstadt. Er stellte auf stumm. Ich habe es mir später selbst gesucht. Neue Frage von mir nach den Assyrischen Dörfern, immerhin gibt es fünf. Schweigen. Auf einer Fahrt durchs Land zeigte er widerwillig auf die kleinen Dörfer, durch die wir fuhren. Das seien assyrische Dörfer. Jeder Stein, jede Inschrift sind assyrische Buchstaben. Nur ihr stetiges Dasein im Land wird verschwiegen.

Auf meine Frage an den Freund, warum 1923 nur Armenien gegründet wurde und nicht auch ein assyrischen Staat, antwortete er: wir sind ein so altes Volk und haben keine Kraft mehr. Und trotzdem ärgert es mich, daß ihre Leidensgeschichte auch im 20. Jahrhundert nicht zur Kenntnis genommen wird.

Karl-Marcus Gauß hat in seinem Buch: “Die fröhlichen Untergeher von Roana“, unterwegs zu den Assyrern, Zimbern und Karaimen den vergessenen Völkern ein Denkmal gesetzt.

Mit freundlichen Grüßen
Beate Niemann