Transsexuelle in Armenien

"Schneidet ihr die Zunge ab!"
Transsexuelle in Armenien

Didier Ruef

"Ich muss vorsichtig sein. Viele Leute hassen mich", Lilit Martirosyan

Transsexuelle in Armenien

Fast jeden Tag wird irgendwo auf der Welt ein Mensch ermordet, nur weil er oder sie transsexuell ist. Lilit Martirosyan trat als erste Transfrau im armenischen Parlament auf. Seitdem erhält die 28-Jährige Hassbotschaften und Morddrohungen.

Der Priester sagt: "Was mit ihr zu tun ist? Es steht in der Bibel: Todesstrafe!" Der Politiker erklärt: "Man kann Männer nicht mit Frauen vermischen. Das ist schändlich!" Der Journalist warnt: "In einer konservativen Gesellschaft führt das natürlich zu Aggressionen."

Eriwan im April 2019. Auf den Grün­streifen vor den Wohnblocks aus der Sowjetzeit blühen die ersten Narzissen. Im Parlaments­gebäude, einem braunen Steinbau mit Säulen, in dem einst das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei tagte, tritt Lilit Martirosyan ans Rednerpult. Graues Kostüm, lange, ­blonde Haare. Die 28-Jährige, die in Armenien ­unter ihrem Vornamen bekannt ist, spricht als erste Transsexuelle im Parlament. "Menschen wie ich werden in diesem Land gequält, ver­gewaltigt, entführt, verbrannt, überfallen." Keine drei Minuten dauert ihre ­Ansprache. Nüchtern und mit Zahlen beschreibt sie die Diskriminierung und Ver­folgung von ­Menschen mit einer abweichenden sexuellen Identität in dem kaukasischen Land. Was folgt, ist eine Welle aus Hass und Drohungen, die über Lilit zusammenbricht. Die Sitzungs­leiterin im Parlament, Naira Zohrabyan, wirft Lilit "Missachtung der Agenda" und "Respektlosigkeit" vor. Kurz darauf erscheinen die ersten Hassbotschaften und Todesdrohungen auf Lilits Facebook-Seite. Jemand veröffentlicht die Adresse ihrer Wohnung im Internet. Auf der Straße vor ihrem Haus versammelt sich ein Mob, der Beleidigungen und Drohungen brüllt. Die Lage spitzt sich so zu, dass Ver­treter der Europäischen Union und der ­Vereinten ­Nationen vor "einer Zunahme von Hassreden und Gewalt" in Armenien warnen. Lilit taucht unter, flüchtet für mehrere Wochen ins Ausland. Heute lebt sie versteckt in Eriwan.

Harald Maass

Harald Maass war ­fasziniert von der Weltoffenheit und dem Nachtleben der Metro­pole ­Eriwan. Erst in den Interviews für ­diese ­Geschichte merkte er, dass viele Armenier bei ­Themen wie Liebe und Sexualität sehr ­konservativ sind.
PrivatHarald Maass

Didier Ruef

Didier Ruef hat in Armenien Frauen kennengelernt, deren Stärke ihn beeindruckt hat – wie sie darum kämpfen, in der geschlossenen und teils archaischen Gesellschaft ­anerkannt zu ­werden.
PrivatDidier Ruef

Statistisch gesehen wird fast jeden Tag auf der Welt ein transsexueller Mensch ermordet. Fast immer handelt es sich um Hassverbrechen, der einzige Grund für die Tat ist die sexuelle Identität des Opfers. ­Während in Deutschland und anderen Ländern seit ­einigen Jahren eine gesellschaftliche ­Debatte über Transsexualität geführt wird, die zu mehr Akzeptanz und Gesetzen zum Schutz vor Diskriminierung geführt hat, werden Transsexuelle in anderen Regionen stärker verfolgt als je zuvor. In den vergangenen zwei Jahren gab es nach Zählungen von Aktivisten weltweit 700 Morde an Transsexuellen. Allein in den USA wurden im vergangenen Jahr 26 transsexuelle Menschen umgebracht, berichtet die Human Rights Campaign. Kaum wo ist die Diskriminierung und Verfolgung dieser Menschen so schlimm wie in Armenien. Eine schmale, dunkle Treppe führt zu dem Ort, an dem wir Lilit treffen. Wände aus unverputztem Beton. Kein Türschild, kein Name an der Klingel. Die Adresse im Zentrum von Eriwan haben wir erst kurz vor dem Treffen per E-Mail bekommen. Ein muskulöser Mann begutachtet uns misstrauisch durch den Türspalt, ehe er öffnet. "Ich muss vorsichtig sein. Viele Leute hassen mich", sagt Lilit. Sie trägt ein schwarzes T-Shirt, auf dem in bunten Buchstaben "­Happy" steht.

 Lilit (unten Mitte) lebt in Eriwan. Ein Taxi bucht man dort per App, die Bars und Cafés in der Altstadt sind so schick wie in Paris oder LondonDidier Ruef


Die kleine Wohnung ist das Büro von Right Side, einer von Lilit gegründeten NGO für Transsexuelle. Ein halbes Dutzend Aktivisten sind an diesem Morgen versammelt. Lilit setzt sich hinter einen Bürotisch, faltet die Hände zusammen und erzählt ihre Lebensgeschichte. In einem Dorf, ein paar Autostunden von Eriwan entfernt, wuchs Lilit auf. Den Namen des Ortes will sie zum Schutz ihrer Familie nicht sagen. Der ­Vater: Bauer, die Mutter: Hausfrau. "Alles sehr traditionell", erzählt sie. Als Lilit, die damals noch ein Junge war, mit zehn oder elf Jahren beginnt, sich heimlich die Kleider der ­Mutter anzuziehen, reagiert die Familie entsetzt. "Das ist nur in deinem Kopf", sagen die ­Eltern. ­Lilit antwortet: "Nein, ich bin eine Frau. Ich fühle das." Von Tag zu Tag wird die Situa­tion schlimmer, bis Lilit mit 13 von zu Hause wegrennt. Sie schlägt sich nach Eriwan durch. "Meinen Eltern habe ich gesagt, dass ich eine Arbeit gefunden habe." In Wirklichkeit muss sie sich prostituieren, um zu überleben. Mit anderen Mädchen und jungen Frauen, die sich ebenfalls im falschen Körper geboren fühlen, gründet Lilit eine WG.

Mit Östrogen werden Lilits Gesichtszüge weicher

Das Leben ist hart: Weil niemand Trans­sexuelle einstellt − zu groß wäre der öffentliche Protest −, müssen die jungen Transmädchen am Straßenstrich anschaffen. Für manche der Freier sind sie wie Freiwild. ­Lilit wird geschlagen, misshandelt. "Einmal bedrohte mich einer mit dem Messer. Zum Glück hörten die Mitbewohnerinnen meine Schreie", erzählt Lilit. Trotzdem sind diese ­Jahre für sie eine Zeit der Befreiung. Sie ist jetzt volljährig, lebt und kleidet sich als Frau. Weil es keine Hormon­therapie gibt, kaufen ­Lilit und ihre Freundinnen Antibabypillen, um an das weibliche Sexualhormon Östrogen zu kommen. Ihr Körper und ihre Gesichtszüge werden weicher, femininer. "Es war die glücklichste Zeit, die ich bis dahin erlebt ­hatte", sagt Lilit. "Wenn ich auf der Straße lief, schauten mir die Männer hinterher."

 Der Priester Ghazar Petrosyan hatte nach Lilits
Rede öffentlich die Todesstrafe für Transsexuelle gefordert
Didier Ruef

Sie wagt den nächsten großen Schritt, die Geschlechtsumwandlung. Der Chirurg, der Lilit operieren soll, muss aus Russland eingeflogen werden. Mehrere Ärzte in Eriwan hatten zuvor abgewunken. Für einen armenischen Chirurgen wäre der Tabubruch zu groß, eine Geschlechtsumwandlung durchzuführen. Lilits Operationen, die Letzte kurz nach Weihnachten 2015, finden heimlich bei Nacht statt. Für den Eingriff opfert Lilit ihre ganzen Ersparnisse. Es ist die dritte operative Geschlechtsangleichung überhaupt in dem Land. Wo fand die Operation statt? Wer hat sie gepflegt? Lilit schüttelt den Kopf. Mehr will sie dazu nicht sagen. Obwohl wir an mehreren Tagen mit ihr sprechen, oft über viele Stunden, bleibt ein Teil von ihr verschlossen. Lilit hat gelernt, dass sie sich schützen muss. Nur so hat sie als Transsexuelle überlebt. "Endlich fühlte ich mich als richtige Frau", sagt Lilit über die Zeit nach der Operation. Sie hat jetzt einen Freund, der ihr schon bei der Geschlechtsumwandlung beistand, gründet eine Hilfsorganisation für Transsexuelle, verdient so auch etwas Geld und muss sich nicht mehr prostituieren. In ihrem Pass steht ihr neuer Name – Lilit. Zum ersten Mal in ihrem Leben kann sie frei und mit dem Geschlecht leben, mit dem sie sich geboren fühlt. Bis zum 5. April 2019, dem Tag ihrer Parlamentsrede: "Schneidet ihr die Zunge ab!", "Verbrennt sie!", "Todesstrafe!" Bis heute erhält Lilit Hassbotschaften und Todesdrohungen. Ihre Familie, Freunde und Mitarbeiter ihrer NGO wurden bedroht.

 Ein paar Kilometer außerhalb der Hauptstadt beginnt das andere Armenien. Sehr konservativ, traditionell –
und arm
Didier Ruef

Drei Tage nach ihrer Rede versammelten sich Priester und Demonstranten vor dem Parlament, um das angeblich "besudelte" Gebäude neu zu weihen. Vardan ­Ghukasyan, Abgeordneter der Oppositionspartei "Blühendes Armenien" und lang­jähriger Bürger­meister der zweitgrößten Stadt ­Gyumri, erklärte gegenüber Radio Free Europe: "­Perverse" wie Lilit müssten aus dem Land ausge­wiesen werden. "Gefängnis ist nicht genug. Sie sollten ­verbrannt werden." Eigentlich hätte Lilit nie über die Lage der Trans­sexuellen sprechen sollen. Formal ging es bei der Parlamentsanhörung um die Rechte von Kindern. Ein Routine­termin, bei dem auch Nichtregierungsorganisationen zu Wort kommen sollten. "Ich hatte im ­Sekretariat des Parlaments angerufen und mich einfach angemeldet", erklärt Lilit. Als sie vor das ­Mikrofon trat, wusste niemand, dass sie ein Tabu brechen würde. Wer für den Hass in Armenien gegen Transsexuelle eine Er­klärung sucht, läuft gegen Mauern aus Schweigen. Naira Zohrabyan, die Vorsitzende des Menschenrechtsausschusses, lässt ein geplantes Interview mehrfach durch ihr Sekretariat verschieben und schließlich ganz absagen. Auch ihr Parteikollege Ghukasyan lehnt ein Gespräch ab.

Eriwan wirkt wie eine westliche Großstadt

Das Thema passt nicht zu dem ­modernen und europäischen Image, mit dem sich ­Armenien im Ausland präsentiert. In Werbe­broschüren wirbt das Land für sich als Industrie­standort, als "Silicon Valley der früheren Sowjetunion". Am Flughafen ­hängen Plakate für einen anstehenden IT-Welt­kongress. Eriwan wirkt wie eine westliche Großstadt. Ein Taxi bucht man hier per App. Die Weinbars und Cafés in der Altstadt sind so schick wie in Paris oder London. Ein paar Kilometer außerhalb der Hauptstadt beginnt das andere Armenien. Ein Land mit gerade einmal drei Millionen Einwohnern, deren Pro-Kopf-Wirtschaftsleistung geringer ist als in Swasiland oder Guatemala. Ein konservatives Land, das sich stolz als ersten christlichen Staat der ­Erde bezeichnet. Entlang der ungeteerten Schotter­straße stehen windschiefe, niedrige Holz­häuser. Davor parken alte Ladas und Toyotas. Ein alter Mann brennt auf einem Holzfeuer neben seinem Haus Schnaps aus Pfirsichen und Trauben. Hier, im Dorf Byuravan, steht die Kirche von Ghazar Petrosyan.

Der Priester trägt eine schwarze Robe. Breiter, grauschwarzer Bart. Auf dem Kopf ein schwarzes Kamilavkion, der zylindrische Hut Geistlicher. Petrosyan hatte nach Lilits Rede in einem Fernsehinterview öffentlich die Todesstrafe für Transsexuelle gefordert. Beim Treffen vor der Dorfkirche greift er die Hand des Reporters, lässt sie nicht mehr los. Ob man "normal" sei, also mit einer Frau verheiratet, möchte er wissen. Strenger Blick in die Augen. Ob man Kinder habe? Noch immer hält er die Hand des Reporters. "Was wäre, wenn ein Homosexueller zu dir nach Hause kommt und sagt: ,Ich möchte deinen Sohn heiraten‘?" Für ihn ist die Antwort klar: "Eine sexuelle Beziehung kann es nur zwischen Mann und Frau geben. So hat Gott die Welt gemacht." Nach der Messe bittet er uns in den kleinen Gemeinderaum neben der Kirche. Es gibt Kaffee und Gebäck. "Es ist eine Sünde gegen Gott, sein Geschlecht zu ändern", sagt Petrosyan und seine Stimme wird jetzt lauter. Der Priester zitiert ein halbes Dutzend Bibelstellen, möchte, dass der Reporter jede notiert. "Transsexuelle darf es in einer Gesellschaft nicht geben. Die Kinder dürfen es gar nicht erst lernen", sagt er.

 "Ich möchte das Gesicht der Transfrauen werden. Das ist mein Ziel", Monica SarkisyanDidier Ruef

Doch auch Petrosyan gibt sich gegenüber dem Journalisten aus dem Ausland gemäßigt. Von der Todesstrafe will er plötzlich nichts mehr wissen. Statt­dessen fordert er, dass Geschlechts­umwandlungen als Verbrechen festgeschrieben werden. "Zu be­strafen mit vier Jahren Gefängnis." Ist das nur eine extreme Einzel­meinung, wie uns ein Sprecher der armenischen Kirche später zu erklären versucht? Ein paar Straßen von Petrosyans Kirche entfernt treffen wir den pensionierten Buchhalter Ishkhan Arakelyan. Freundlich drängt er uns, im Schatten einer seiner Obstbäume zu sitzen, während er Walnüsse aus den Ästen schüttelt und mit den Händen knackt. Arakelyan, ein rundlicher Mann mit Halbglatze, zeigt Fotos von seinem Enkel.

Diskriminierung und Verfolgung

Transsexuelle in Armenien? "Unvorstellbar", sagt er. Das sei gegen die Natur. Dann spricht er vom Krieg mit Aserbaidschan, den die beiden Nachbarländer bis heute führen. "Die Muslime bekommen sechs und mehr Kinder", sagt Arakelyan. Wie könne man da gleichgeschlechtliche Liebe erlauben, bei der keine Kinder gezeugt würden? Armenien brauche Soldaten, "sonst wird der Feind uns eines Tages überrennen", sagt der Rentner. Auf der Rückfahrt nach Eriwan fallen uns die riesigen Tafeln mit religiösen Sprüchen auf, die an Hauswänden hängen und inmitten der Kreisverkehre stehen: "Glaube an den Herrn Jesus Christus, so werden du und dein Haus selig!"

Armenien gehört weltweit zu den Ländern, in denen transsexuelle Menschen am stärks­ten diskriminiert und verfolgt werden. Ein Land, das sich Westeu­ropa zugehörig fühlt, eine Demokratie ist und christlich geprägt. In einer Untersuchung der International ­Lesbian, Gay, Bisexual, Trans and Intersex Association von 49 europäischen Staaten steht Armenien bei der Verfolgung und Diskriminierung Andersgeschlechtlicher auf Platz 47 − nur in Russland und Aserbaidschan ist die Situation noch schlechter. Offiziell sind Geschlechtsumwandlungen und gleichgeschlechtlicher Sex in Armenien zwar nicht mehr verboten. Seit 2015 können Transsexuelle auch ihren ­Namen ändern lassen, ohne jedoch das im Pass eingetragene Geschlecht zu wechseln. Doch die Ablehnung gegen Menschen mit einer anderen geschlechtlichen Identität oder Neigung sitzt noch immer tief. 97 Prozent der Armenier sind der Ansicht, dass Homo­sexualität in­akzeptabel ist, so eine Studie des Pew ­Research Centers. Bei Transsexuellen sei die gesellschaftliche Akzeptanz sogar noch ­geringer, sagen die Betroffenen.

Als 2014 der Travestiekünstler Tom Neuwirth alias Conchita Wurst den Eurovision Song Contest gewann, sagte die Sängerin und damalige Punkt­richterin für Armenien, Anush Arshakyan: "Ich habe Conchita ganz nach unten gesetzt, weil ich innerlich abgestoßen bin." ­Arshakyan, Teil des bekannten Gesangsduos Inga & Anush, ergänzte: "Ich finde das Phänomen widerlich, genauso wie ich Geisteskranke wider­lich finde." Später entschuldigte sich die Sängerin für die Aussagen. Und doch sind es Sätze wie diese, die in den Köpfen der Armenier hängen bleiben. Im Sommer 2018 attackierten Bewohner des Dorfes Shurnoukh eine Gruppe von Transsexuellen und Schwulen, die sich in einem Privathaus getroffen hatten. Mehr als eine Stunde lang wurden die jungen Menschen durch die Straßen gejagt, ehe die Polizei kam. Sechs der Opfer erlitten blutige Kopf- und Schürfwunden, einer hatte eine gebrochene Nase, berichtete Human Rights Watch. Keiner der Angreifer wurde festgenommen oder vor Gericht gestellt. Weil Polizei und Behörden Gewalttaten oft ignorieren oder sogar decken, gibt es nur ­unvollständige Sta­tistiken. Eine Stichprobe von Right Side in den ersten sieben ­Monaten des Jahres 2018 kam auf landesweit 123 Übergriffe, Drohungen und Misshandlungen gegen­über Transsexuellen.

Sie hat stets einen Elektroschocker dabei

Monica Sarkisyan, eine hochgewachsene Transfrau mit großen braungrünen Augen, wurde im Juni 2019 attackiert. In der Innenstadt von Eriwan hatte sich eine Menschenmenge gebildet. "Das ist eine von ihnen. Verbrennt sie!", habe eine Frau gebrüllt, als Monica vorbeiging, erinnert sich die 25-­Jährige. Ein Mann rennt auf Monica zu, zerrt an ihrem Kleid und ruft: "Zieh deinen Rock aus! Beweise, dass du ­eine Frau bist." ­Monica blickt ruhig, fast schon amüsiert, als sie von der bedrohlichen Situation erzählt. Sie ist Hass gewohnt. "Sie kamen immer näher und begannen, mich anzugreifen." Um sich zu verteidigen, hält Monica einen Elektro­schocker in die Luft, den sie stets in der Handtasche mit sich trägt. Der Mob weicht zurück. Als später die Polizei kommt, nehmen die Beamten nur Monica mit zur Wache. Von den Angreifern wird niemand belangt.

Wir treffen Monica in einem Café neben der Oper. Die Bedienung, ein junger Mann mit Bart, wirkt beim Anblick der Transfrau irritiert. Während des Interviews deuten er und andere Männer im Café auf ­Monica und lachen. Monica ignoriert den Spott, den sie fast täglich erlebt. Sie hat viel tiefere Wunden. Seit sie mit 18 Jahren beschlossen hat, als Frau zu leben, lehnen ihre Eltern und Geschwister ­jeden Kontakt zu ihr ab, erzählt sie. Da auch sie keine Arbeit findet, sei sie zur Finanzierung ihres Lebens auf "die Unterstützung einiger Männer" angewiesen. Mehr möchte sie dazu nicht erklären.

2018 erlebte Armenien eine "samtene Revo­lution". Hunderttausende demonstrierten in Eriwan und im ganzen Land gegen die damalige, korrupte Regierung und erzwangen so einen friedlichen, demokratischen Machtwechsel. Nach Ansicht von Beobachtern hat sich die Menschenrechtslage seitdem deutlich verbessert. Armeniens neuer Premier und Hoffnungsträger Nikol Pashinyan gilt als progressiver Liberaler, der Nelson ­Mandela zu seinen Vorbildern zählt. Doch auch ­seine Regierung traut sich nicht, die Lage von Trans­sexuellen zu verbessern. "Für unser Land ist das ein wichtiges Thema", sagt ­Hovhannes Galajyan, Chefredakteur der konservativen Zeitung "Iravunk". Wir sitzen in der Redaktionsküche in Eriwan, es riecht nach Bier und Schweiß. Die Transsexuellen seien selbst schuld, dass es zu Übergriffen kommt, sagt der 56-Jährige und lächelt durch seinen grauen Stoppelbart. "Wenn Sie in einer konservativen Gesellschaft so etwas predigen, wenn Sie versuchen, das den Leuten aufzudrängen, dann führt das natürlicherweise zu Aggres­sionen." Galajyan ist überzeugt, dass die euro­päischen Länder versuchen, seinem Land ­eine liberale Gesellschaft aufzudrängen. Eine Verschwörung des Auslands? Der Journalist nickt. "Armenien befindet sich in einem Krieg gegen ausländische Ideen, die für ­unser Land schädlich sind." Seine Zeitung sieht er als Sturmgeschütz in diesem Krieg. In ­seinen Artikeln wettert er gegen Schwule und "Zombies", wie er Transsexuelle in der Zeitung nennt. Woher kommen diese Ab­lehnung und Hass gegen eine Minderheit, die nur ­einen verschwindend geringen Anteil der Be­völkerung ausmacht? Nur wenige Menschen in ­Armenien trauen sich, ihre Sexualität auszuleben. Nur ein paar haben bisher wie Lilit ihr Geschlecht operativ verändern lassen.

 Auch Mamikon Hovsepyan bekommt regelmäßig Morddrohungen. Er ist einer von wenigen offen schwul lebenden Männern in ArmenienDidier Ruef

Mamikon Hovsepyan atmet tief und hörbar ein, ehe er antwortet. Der 37-Jährige kennt das Gefühl, von der Gesellschaft ausgegrenzt zu werden. ­Hovsepyan ist einer von wenigen offen schwul lebenden Männern in Armenien und Chef der nichtstaatlichen Organisation Pink ­Armenia, die sich für die Rechte von Schwulen und Transsexuellen einsetzt. Auch er ­bekommt regelmäßig Todesdrohungen. "Der Hass ist ein Teil unserer nationalen Tradi­tion geworden. Wenn du nicht hasst, bedeutet das, dass du kein richtiger Armenier bist." Der ­Aktivist spricht von dem Einfluss der kon­servativen armenisch-apostolischen Kirche. Von reaktionären politischen Kräften, die das Thema Transsexuelle und Schwule populistisch nutzen, um eine weitere Demo­kratisierung des Landes zu verhindern. Er spricht von Gruppenpsychologie und dem "insgesamt ­hohen Level an Sexismus" in der Gesellschaft. Als Mann habe man in Armenien eine "dominante Rolle", erklärt ­Hovsepyan. Wenn jemand als Homo- oder Transsexueller diese Stellung aufgebe, sei das für viele erst einmal unverständlich. "Im Grunde genommen fühlen sie sich damit in ihrer Position bedroht."

Meline Dalusjan war eine Frau, die alles erreicht hatte. Als 19-Jährige gewann sie 2007 die Europameisterschaft im Gewichtheben. Ihr Sieg in der 63-Kilogramm-Klasse, der erste Einzeltitel einer Armenierin, machte sie über Nacht zur Nationalheldin. Fotos von damals zeigen die junge Frau mit einer armenischen Flagge und der Goldmedaille um den Hals. Im Folgejahr wurde sie erneut Europa­meisterin, holte später weitere Medaillen und Siege. Doch im Innersten wusste Dalusjan immer, dass sie transsexuell ist. "Schon im Kinder­garten ­wurde mir klar, dass ich im Körper eines anderen geboren bin", sagte der 31-­Jährige, der sich heute Mel nennt und als Mann lebt, in einem Interview. Als er 2015 an einer Konferenz für Schwule und Transsexuelle in Eriwan teilnimmt, gibt es einen öffentlichen Aufschrei. Dalusjan, der als Sportlerin Meline ein Star war, vom ganzen Land verehrt, wird als Mel beschimpft, beleidigt und bedroht.

Für Mel ist Flucht die einzige Rettung

Eine nationale Schande sei Dalusjan, sagte Pashik Alaverdyan, Chef des nationalen Gewicht­heberverbandes. Jener Verband, für den Mel so viele Medaillen gewonnen hatte. "Als armenischer Mann schäme ich mich, in Armenien zu leben." Die patriarchalische Gesellschaft fühlt sich herausgefordert. Eine Gesellschaft, die keine Abweichungen von der Norm duldet und sich deshalb gegen die Schwachen wendet. Gegen Menschen mit ­einer fragilen Sexualität und Identität. Gegen Menschen wie Mel, Monica und Lilit. Welche Zukunft haben sie in ihrem Land? Mel sah als einzige Rettung die Flucht. "Es gab so viel negative Stimmung. Ich habe nicht mal Arbeit als Trainer im Fitnessstudio gefunden", sagt der mehrfache Medaillengewinner. Nach einem Selbstmordversuch lebt er heute in den Niederlanden und versucht, sich ein neues ­Leben als Mann aufzubauen.

Monica hat einen Traum. "Von klein auf wollte ich Model werden", erzählt sie. Vor kurzem erhielt sie das Angebot für ein Casting bei der ukrainischen Version von America’s Next Topmodel. Aber wegen Corona wurde die Reise abgesagt. Mit leuchtenden Augen erzählt sie von ihrer Leidenschaft für inter­nationale Modemarken wie Gucci, Versace und Dolce & Gabbana. "Mein Ziel ist, das ­Gesicht der Transfrauen zu werden."

Lilit will in Armenien bleiben. Als sie nach dem Parlamentsauftritt fliehen musste und mit Hilfe französischer ­Diplomaten für zwei Wochen in Frankreich war, habe sie überlegt, für immer im Ausland zu bleiben, erzählt sie. Dann ging sie zurück nach Eriwan. "Ich will kein Flüchtling werden. Das ist auch mein Land. Meine Freunde leben hier, und sie werden weiter diskriminiert." ­Jeden Tag trifft sie sich mit ihren Mitstreitern in dem kleinen Büro, um anderen Trans­sexuellen Informationen und Hilfe anzubieten. Was muss sich ihrer Ansicht nach ändern? "Es gibt keine Gesetze, die uns schützen. Es gibt keine Hormone für uns. Es gibt keine Ärzte und Kliniken, bei denen wir uns operieren lassen können." Lilit will dafür kämpfen und weiter Reden halten.

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Lesermeinungen

Das Märchen vom Fischer und seiner Frau ist bekannt: Als jene ihren Mann zum Butt schickt, dass dieser sie zu Gott mache, platzte der Butt vor soviel Hochmut förmlich, ließ die See beben und stieß die Frau in alle Ärmlichkeit zurück. Daran erinnere ich mich als ich den Titel las „Ich will sein, wer ich bin.“
Ich glaube nämlich nicht, dass transsexuellen Menschen dieser Hochmut zu Eigen ist und wenn ich im Artikel von deren Schicksal lese, werde ich in meinem Glauben gestärkt: „Denn Dein Wille geschehe, wie im Himmel, so auf Erden.“ Es gibt mächtigeres als meinen Willen.

Sehr geehrte Redaktion,
das „sehr geehrte“ ist keine übliche Floskel eines formalen Schreibens sondern von mir tief empfunden.
Ohne selbst eine Verbindung zu irgend einer Konfession zu empfinden ist Ihr Magazin für mich eine Quelle für Nachdenklichkeit und tiefe Gedanken und Gefühle.
Ich möchte mich bei Ihnen Bedanken und würde mich freuen, wenn Sie diesen Weg mit diesen Themen weitergehen. Speziell die Geschichten über Patrick Braun und Lilit Martirosyan haben mich sehr berührt.
Vielen Dank und herzliche Grüße aus Hamburg
Thomas Albrecht

Liebes Chrismon Team, Danke für diesen informativen und kritischen Beitrag aus Armenien. Die Situation von dieser mutigen Menschen in Armenien macht einen wütend. Insbesondere die nach hinten gerichtete Rolle der armenischen Kirche finde ich schwer auszuhalten. Ich würde mir wünschen, dass die armenische Regierung und die Zivilgesellschaft mutiger wird, denn nur so kann die Transformation in eine liberalere Kultur gelingen. Ich selber war von 2 Jahren in Armenien und war angenehm überrascht, wie modern sich die Hauptstadt Eriwan gibt. Es ist ein buntes und liebenswertes Land mit einer großartigen Kultur und leidvollen Geschichte. Gerade aus diesem Grund wünsche ich mit mehr Toleranz gegenüber Minderheiten. Doch das wird wohl noch ein langer Weg.

Margrit Gregorian (Stuttgart)