Irmgard Schwaetzer zum Völkermord an den Armeniern

Die Mitschuld klar benennen
Der Völkermord an den Armeniern ist eine Gewissensfrage nicht nur für die Türkei, sondern auch für die Deutschen

Thomas Meyer

Im Frühjahr 1915 begann ein Ver­brechen ungeahnten Ausmaßes an der armenischen Bevölkerung des Osmanischen Reiches. Waren diese Christen schon jahrzehntelang zum Teil gewaltsam unterdrückt worden, kam es damals zu Razzien und Exekutionen, seit Mai zu systematischen Vertreibungen aus dem Osten. Ein Deportationsgesetz schuf die gesetzliche Grundlage. Armenier wurden enteignet, ihr Besitz geplündert. Sie wurden in Kreisstädten zusammengetrieben, starben auf Todesmärschen und bei Exekutionen. Der gewollte Tod von Hunderttausenden, möglicherweise weit über einer Million Armeniern war, auch wenn noch so heftig über diesen Begriff gestritten wird, Völkermord, Genozid.

Wie konnte das geschehen?

1915: Der osmanische Staat versuchte, seine armenischen Bürger zu vernichten – und die Türkei gibt das als Kriegsgeschehen aus. Hier geht es zum Text von Eduard Kopp 

Das Deutsche Reich, mit den Osmanen im Ersten Weltkrieg verbündet, tat nichts, um dieses Verbrechen zu verhindern. ­Die deutsche Regierung war zu jedem Zeitpunkt über die Pläne und Maßnahmen der Regierung des Osmanischen Reiches informiert. Wie weit die Unterstützung der Reichsregierung für dieses Verbrechen am armenischen Volk ging, werden wissenschaftliche Veröffentlichungen und Diskussionen zeigen. Das Auswärtige Amt hat inzwischen die in seinen Archiven befindlichen Unterlagen der Öffentlichkeit zugänglich gemacht. Daraus wird ­erschreckend deutlich, mit welchem Zynismus deutsche Politiker und Diplomaten die Vernichtung des armenischen Volkes erörterten und zuließen.

Ein weiterer Blick in die Geschichte, der zu Scham Anlass gibt. Sicher: Interessen­abwägung zählt immer auch zu den Aufgaben einer Regierung. Dabei darf sie die Interessen des eigenen Landes nicht vernachlässigen. Aber schutzbedürftigen Menschen den Beistand zu verweigern, vielleicht nicht das zu tun, was möglich wäre, ohne die Interessen der eigenen ­Bevölkerung direkt zu gefährden, entspricht nicht den Werten, die damals wie heute politisches Handeln bestimmen. ­Politik ohne Ethik und Moral? Das ist nach unseren heutigen Vorstellungen nicht akzeptabel.

Der gewollte Tod der Armenier war Völkermord

Nach dem Zivilisationsbruch des Ho­locaust verabschiedeten die Vereinten ­Nationen die Allgemeine Erklärung der Menschenrechte. Sie bindet alle Regierungen der Welt ethisch und moralisch. Und die UN-Konvention gegen Völkermord von 1948 ist die Grundlage für inter­nationale Gerichte, Völkermorde aufarbeiten zu können. Dennoch kam es 1994 zum Völkermord von Ruanda, 1995 zum Massaker in Srebrenica.

Zur deutschen Verantwortung für die Verbrechen im 20. Jahrhundert gehört es, sich dem Mittun oder Wegsehen beim ­Völkermord an den Armeniern zu stellen. Der Deutsche Bundestag hat 2005 die Türkei aufgefordert, sich zu ihrer historischen Verantwortung für die Massaker an armenischen Christen im Osmanischen Reich zu bekennen. Im Entschließungs­antrag wurde „die unrühmliche Rolle des Deutschen Reiches [bedauert], das angesichts der vielfältigen Informationen über die organisierte Vertreibung und Vernichtung von Armeniern nicht einmal versucht hat, die Gräuel zu stoppen“. Der Begriff „Völkermord“ fehlt im Antrag.

Diese Diskussion spiegelt das Bemühen, dem türkischen Staat entgegenzukommen, der sich nur sehr zögerlich einer realistischen Bewertung der Ereignisse von 1915 und 1916 nähert. Sagen, was ist: Das fordern viele Bürger heute mit Nachdruck. Ich sage: Der gewollte Tod der Armenier war Völkermord. Die Mitschuld des Deutschen Reiches muss klar benannt werden. Wenigstens dies schulden wir den Kindern und Enkeln der überlebenden Armenier.

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Lesermeinungen

Frau Irmgard Schwaetzer fordert von der Bundesregierung "Sagen, was ist!", nämlich dass das Osmanische Reich einen Völkermord an den Armeniern verübt hat. Dankenswerter Weise informiert sie auch, dass der Deutsche Bundestag bereits 2005 die Türkei aufgefordert hat, sich zu ihrer historischen Verantwortung für die Massaker an den armenischen Christen zu bekennen. Ich kann nicht beurteilen, ob das nicht genügt. Aber ich sehe Deutschland in einer anderen Verantwortung, nämlich gegenüber den Palästinensern, die 1947/48 durch das zionistische Projekt von drei Viertel ihrer Heimat vertrieben wurden und in dem ihnen verbleibendem Restgebiet (Westjordanland, Ostjerusalem, Gaza-Streifen) seit 48 Jahren durch den Staat Israel völkerrechtswidrig besetzt, durchsiedelt, unterdrückt, tagtäglich schikaniert, verhaftet, ihrer Olivenbäume, ihres Wassers, ihrer Häuser und ihres Bodens beraubt werden  und am Aufbau eines eigenen freien Staates von der israelischen Netanyahu-Regierung gehindert werden.  

"Sagen, was ist!"  Warum sagt hier keiner, was ist?  Sind wir Antisemiten, wenn wir das sagen?  Ist es nicht noch wichtiger, das gegenwärtige als ein historisches Unrecht  klar zu benennen?!   Bundesregierung, Bundestag und auch die Medien denken nicht daran.  Weiterhin werden - teilweise steuerfinanzierte -  hochmoderne, atomar ausrüstbare U-Boote an Israel geliefert, geniesst Israel die Vorteile des EU-Assoziierungsabkommens und die bedingungslose Solidarität Deutschlands  "gegründet auf die Staatsräson".

Günter Wehner

Sehr geehrte Redaktion,

seit 70 Jahren bemühen sich deutsche Politiker mit unermüdlichem Eifer, das Thema deutsche Schuld in Zusammenhang mit dem zweiten Weltkrieg abzuarbeiten. Ist jetzt der Stoff ausgegangen ? Muss ich mich als Deutscher jetzt auch für Verbrechen schämen, die Deutsche zwar nicht begannen haben, für die sich aber eine Mitschuld deutscher Politiker ableiten liesse ? Ich sage: Nein. Ehrenvolles Gedenken an die Leiden der armenischen Bevökerung statt Schuldzuweisung an Deutsche.

Es ist unrealistisch zu glauben, dass das deutsche Kaiserreich diesen Genozid hätte beeinflussen können. Konnte Mussolini seinen Verbündeten Hitler von dessen Verbrechen abhalten ? Nein. Tragen Italiener folglich eine Mitschuld ? Oder die damaligen Verbündeten Stalins für dessen Gräueltaten ?

Mit freundlichem Gruss von einem kritischen chrismon-Leser,

R. Reimolsd.

Anlässlich des 100. Jahrestag des Völkermordes an den Armeniern ab 1915 hätte die Internationale Staatengemeinschaft von der Türkei die Umsetzung des Vertrags von Sèvres einfordern können, der einen Armenierstaat in Ostanatolien vorsah. Der Versailler Vertrag wurde schließlich auch zu weiten Teilen umgesetzt. Es ist nicht nachvollziehbar, wenn deutsche Politiker davon sprechen, dass man von den Armeniern "erwarten" könne, keine Forderungen gegenüber der Türkei mehr zu stellen und keinerlei Rachegefühle mehr zu empfinden. Wieso nicht? So wie sich die derzeitige neoosmanische türkische Regierung verhält, kann man noch mehr verstehen, warum viele Menschen Entschädigung und Wiedergutmachung für das armenische Volk, den Staat Armenien sowie die Nachfahren der Ermordeten und Vertriebenen fordern.
(Die Rückgabe der westarmenischen Gebiete nach dem Vertrag von Sèvres wäre ein Schritt, auch Regelungen für Rückkehrmöglichkeiten, zudem selbstverständlich finanzielle Entschädigung.)
Nicht vergessen: Armenier leben seit über 2700 Jahren im Gebiet zwischen dem Hochland Ostanatoliens und dem Südkaukasus, lange bevor irgendjemand in Anatolien von den Türken oder gar islamisierten Türken mit jihadistischer Agenda gehört hatte.
https://de.wikipedia.org/wiki/Vertrag_von_S%C3%A8vres_%28Osmanisches_Rei...

... auf den weisen stets drei Finger zurück", hat 1968 Ihr Vorgänger als Präses der Synode der EKD, Gustav Heinemann während der Studentenrevolte gesagt. Es ist erfreulich, dass ausgerechnet Sie als langjähriges Vorstandsmitglied der Friedrich-Naumann-Stiftung endlich einmal Ross und Reiter nennen. Es wäre an der Zeit, dass sich diese Stiftung einmal (selbst-)kritisch mit der äußerst unrühmlichen Rolle ihres Namensgebers und seiner damaligen Mitarbeiter Theodor Heuss und Ernst Jäckh während des "Armenozids" auseinandersetzt ......

Sehr geehrte Redaktion !  Heute muessen wir die gegenwaertigen Voelkermorde benennen und darüber hinaus die moerderischen Milizen von IS , Boko Haram und Al Shabab kompromisslos bekaempfen. Christsein heisst nicht : wegschauen . Unsere dunkle NS-Vergangenheit muss uns eine Lehre sein.     Mit freundlichen Grüßen     Erwin Chudaska

Sehr geehrte Redaktion!  

Heute muessen wir die gegenwärtigen Völkermorde benennen und darüber hinaus die mörderischen Milizen von IS, Boko Haram und Al Shabab kompromisslos bekämpfen. Christsein heißt nicht: wegschauen. Unsere dunkle NS-Vergangenheit muss uns eine Lehre sein.

Mit freundlichen Grüßen    

Erwin Chudaska, Roedermark

Schuldig kann nur sein, wer die Not des Anderen sieht und wegschaut. Wieder einmal hat sich die Geschichte wiederholt. Ein Volk anderen Glaubens und mit vermutlich auch mit besseren Fertigkeiten mußte eliminiert werden. Es waren zweifellos die Türken, vermutlich aber nicht auch die Nachbarn Kurden, die so neidisch auf die Armenier waren, dass sie sie umbrachten. Ja, unser Kaiser und die, die das wußten, haben wie alle anderen Völker zugeschaut. Ob die sich alle auch so bereitwillig die Schuld- und Büßerkappe aufsetzen? Auch wenn wir nicht direkt am Genozid beteiligt waren, aber ein bischen Schuld geht immer. Jetzt aber daraus abzuleiten, dass das ganze Volk damals und immer noch auch hieran mitschuldig ist, ist schon verwegen. Egal welches noch so ferne Problem aus der grauen Vorzeit oder der jetzigen Lebendigkeit aufgetischt wird, die Gutmenschen werden schon einen Weg finden, dass auch wir uns schuldig gemacht haben. Das mildert nicht die Dimension des Unrechts und die Türken täten gut daran, nicht so überheblich mit dem Leid (wie die Japaner mit den Chinesen und Koreanern) der Armenier umzugehen.

Eine ganz andere Frage. Es waren Christen. Was haben denn dann die Bruderkirchen in Rom und in Deutschland getan, um dieses Verbrechen zu verhindern? Denn wenn unterstellt wird, dass auch wir schuldig sind, müßten die christlichen Kirchen die Dimension der dortigen Schrecken gewußt und dazu geschwiegen haben.

Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, für die klaren Worte und die im Text enthaltenen Forderungen von Irmgard Schwaetzer und ebenso die Skizze zur historischen Einbettung von Eduard Kopp.

Ihre Buchtipps möchte ich gerne um Hinweise auf zwei literarische Arbeiten ergänzen.

Da ist zunächst „Franz Werfel - Die vierzig Tage des Musa Dagh“ zu nennen.

Und auf „Edgar Hilsenrath – Das Märchen vom letzten Gedanken“ möchte ich besonders hinweisen.

Wertschätzung für seine Arbeit zeigt sich in der Verleihung des Alfred-Döblin-Preises durch Günter Grass (1989) sowie die Überreichung des Armenischen Nationalpreises für Literatur und die Zuerkennung der Ehrendoktorwürde der Staatlichen Universität Jerewan (beide 2006) an Hilsenrath. In diesen wird seine Hinwendung zu und sein ganz eigener Fingerzeig auf dieses historische Geschehen, wird seine Genauigkeit und die poetische Kraft dieses Werks geehrt.

Mit freundlichen Grüßen,
Dietmar Engelberth