In Israel umstritten: Der Retter Rudolf Kasztner

Der mit den Nazis feilschte
Rudolf Kasztner

Laura Breiling

Menschenleben gegen Kriegsgerät: Dieses Geschäft nahmen die Israelis dem Judenretter Rudolf Kasztner übel.

Vorgelesen: Die Entscheidung "Der mit den Nazis feilschte"

Er war 38 Jahre alt, Journalist und Aktivist im zio­nistischen Hilfskomitee von Budapest. Und nun sollte er mit dem Judenmörder Adolf Eichmann, dem Planer des Holocaust, einen Deal aushandeln: eine Million Juden gegen 10 000 neue Armeelastwagen für die Russlandfront.

Ein verrücktes Geschäft, Rudolf Kasztners Mitstreiter Joel Brand hatte es eingefädelt. Er war im Mai 1944 nach Istanbul gereist, um dort die ­Alliierten und die zionistische Führung in Palästina, die Jewish Agency, zu dem Deal zu überreden. Doch die Alliierten wollten den Nazis nicht ­helfen. Kasztner ließ Eichmann im Glauben, Brand verhandele noch. ­Kasztner wollte Zeit gewinnen.
Aber geht das überhaupt, mit Nazis verhandeln, sie bezahlen? Darf man sich zum Herrn über Leben und Tod 
aufschwingen, entscheiden, wer ge­rettet wird, wer nicht? Gerade für viele Überlebende des Holocaust ist beides bis heute undenkbar. Seine Ent­-scheidung sollte Kasztner denn auch Jahre später zum Verhängnis werden.

"Oder bevorzugen Sie Auschwitz?"

1944 sah die Lage allerdings ganz anders aus. Kasztner wusste vom systematischen Mord an den Juden in Auschwitz. Der Fabrikant Oskar Schindler hat ihm davon berichtet. Kasztner entschied sich für einen 
Bluff. Er ließ Eichmann wissen, Brands Verhandlungen in Istanbul könnten scheitern. Eichmann war wütend und drohte, Kasztner nach Theresienstadt zu deportieren: "Oder bevorzugen Sie Auschwitz?" Kasztner 
blieb standhaft und verlangte als ­Zeichen des guten Willens, Juden freizulassen. Der SS-Offizier gab nach. 388 Juden aus Kasztners Heimatstadt ­
Cluj, (Koloszvár) trafen in Budapest ein.

Mit Hilfe von Bestechungsgeld (das Hilfskomitee hatte 150 Plätze in die Freiheit an wohlhabende Juden verkauft) wuchs die Kasztner-Gruppe auf etwa 1700 Personen an. Sie kamen in einem sicheren Sammellager in Budapest unter. Kasztner bestimmte nicht, wer gerettet wurde. So waren seine Frau und sein Schwiegervater zwar unter den Passagieren – aber als Eichmanns Geiseln. Am 30. ­Juni verließ ihr Zug Budapest. Er fuhr aber nicht wie versprochen ins neutrale Spanien, sondern stoppte im KZ ­Bergen-Belsen bei Hannover.

500 Juden werden aus Bergen-Belsen freigelassen

Anfang Juli 1944 traf bei Eichmann in Budapest ein fingierter Brief der ­Jewish Agency ein. Darin versprach die zionistische Führung, eine Million 
Schweizer Franken monatlich zu ­zahlen, wenn die Judendeporta­tionen eingestellt würden. Als Zeichen des guten Willens sollten die Juden aus Bergen-Belsen in ein neutrales Land ausreisen.

Kurz darauf wurde Kasztner in Budapest von ungarischen Polizisten entführt, in einer Polizeistation festgehalten, verhört und mit dem Tode bedroht. Nach neun Tagen kam er wieder frei. Am 2. August wurden 500 Juden aus Bergen-Belsen freigelassen; die anderen sollten erst folgen, wenn Brand nach Budapest zurückkehrte. Dank weiterer fingierter Briefe schafften es auch die übrigen Kasztner-­Juden am 7. Dezember 1944 in die neutrale Schweiz. Eichmanns Rache an Joel Brand, der nicht zurückkehrte: Er hielt dessen Frau, Mutter, Schwester 
und weitere Verwandte zurück.

Igal Avidan

Igal Avidan, geboren 1962 in Tel Aviv, studierte Englische Literatur und Informatik in Ramat Gan sowie Politikwissenschaft in Berlin. Igal Avidan lebt in Berlin und arbeitet seit vielen Jahren als freier Journalist und Deutschland-Korrespondent für verschiedene israelische Zeitungen (wie z. B. der Tageszeitung Maariv, Tel Aviv), Hörfunksender und Nachrichtenagenturen sowie als freier Autor und Kolumnist zum Thema Nahost u. a. für die Süddeutsche Zeitung, die NZZ, Cicero, Frankfurter Rundschau, Berliner Zeitung, Der Tagesspiegel, Die Welt, Handelsblatt. Für verschiedene deutsche Organisationen wie die Bundeszentrale für Politische Bildung, die Deutsch-Israelische- und Christlich-Jüdische-Gesellschaft sowie für mehrere Stiftungen hält er Vorträge über Israel und den Friedensprozess im Nahen Osten.
Intertopics/Horst Galuschka

In der Schweiz wohnten die Kaszt­ner-Juden in zwei Hotels über dem Genfer See: die orthodoxen in einem, die liberalen im anderen. Als Kasztner 
sie im Dezember 1944 besuchte, bedankten sie sich mit einer Urkunde bei 
ihrem "edlen Retter und Beschützer, der sein Leben gefährdete, um uns vom blutrünstigen Feind zu befreien". Für Kasztner war das einer der glücklichsten Momente in seinem Leben.

In seiner neuen Heimat Israel ­erlebte Kasztner Neid und Hass alter Rivalen aus Ungarn. 1955 musste er sich in einem Prozess wegen des Vorwurfs der Kollaboration verantworten. 
1957 wurde er vor seinem Haus in Tel Aviv angeschossen. Er starb acht Tage später – bevor das israelische Oberste Gericht ihn vom Vorwurf frei­sprechen konnte.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Redaktion,
in dem schönen, traurigen Beitrag "Der mit den Nazis feilschte"
spricht der Verfasser für Ihre Leser in Rätseln:
"388 Juden aus Kasztners Heimatstadt Cluj, (Koloszvár) trafen in Budapest ein."
Wer kennt C., wer K.?
Für die Leser von Chrismon wäre "Klausenburg" kein Rätsel
gewesen! So weit muß die Selbstverleugnung nicht gehen, daß
man die eigene Sprache verleugnet. Noch leben in Deutschland
nicht wenige "Immigranten", die in Klausenburg zu Hause waren.
Mit freundlichem Gruß
Friedrich Kuntz