Martin Luther an den christlichen Adel deutscher Nation

Schluss mit Fußkuss!
Schluss mit Fußkuss!

Sylwia Kubus

Schluss mit Fußkuss!

Vor 500 Jahren rüttelte Martin Luther die Öffentlichkeit wach und provozierte den ganz großen Streit. Eine chrismon plus-Serie über die drei Hauptschriften der Reformation. Diesmal: "An den christlichen Adel deutscher Nation".

Geschäftiges Treiben in der Nacht zum 13. Januar 1898 auf den Straßen in Paris: Überall klebten Zeitungsjungen heimlich Plakate. ­Darauf in großen Buchstaben die Schlagzeile vom nächs­ten Morgen: "J’accuse"  – "Ich klage an". Der Schriftsteller Émile Zola prangerte auf der Titelseite einer Tageszeitung einen der größten Jus­tizskandale Frankreichs an: Der jüdische Offizier Alfred Dreyfus war allein aus antisemitischen Gründen aus militärischen Diensten entlassen, verurteilt und verbannt worden.

Katharina Kunter

Katharina Kunter lehrt seit Sommer 2019 als Dozentin für Kirchengeschichte an der Universität Helsinki

Über 200 000 Exemplare der Ausgabe erschienen. Ein Skandal lag in der Luft. Zola hinterfragte die Autoritäten der damaligen Zeit: das Militär, die katholische Kirche. Er ­polemisierte, polarisierte. Er holte seine Gegner aus der Deckung – Konservative, Reaktionäre und ­Antisemiten. Seine Anklage löste ein politisches Beben aus. Zola wurde wegen Verleumdung verurteilt. Nur weil er nach London floh, konnte er seiner Gefängnisstrafe entkommen.

War Émile Zola der erste Intellektuelle, der unter Einsatz seines Lebens öffentlich für Wahrheit und Gerechtigkeit stritt? Der Historiker Dietz Bering behauptet das. Im 20. Jahrhundert ergriffen dann herausragende Persönlichkeiten wie Hannah Arendt, Dietrich Bonhoeffer, Martin Luther King und Václav Havel unter Gefahren öffentlich das Wort.

"Die Zeit des Schweigens ist vergangen"

Fast 400 Jahre vor Zolas öffentlicher Anklage "J’accuse" erschien bereits Martin Luthers Schrift "An den christlichen Adel deutscher ­Nation von des christlichen Standes Besserung". Es war das Jahr drei nach Luthers berühmten 95 Thesen gegen den Ablasshandel, die auch schon Wellen geschlagen hatten. Und Luthers Adelsschrift erzielte ein vergleichbares Maß an Empörung und öffentlicher Wirkung wie später Zolas "J’accuse". Eine "Kriegstrompete", nannte Luthers Freund Johannes Lang sie, "schrecklich wie grausam". Die "Adelsschrift" erschien in der ersten Augusthälfte des Jahres 1520 in der damals ungewöhnlich hohen Auflage von 4000 Exemplaren – und war nachweislich bereits am 18. August ausverkauft. Schon im Herbst folgte eine zweite Auflage und bis 1521 weitere 14 Nachdrucke. Geht man nach der Wirkung seiner Publikation, war schon Martin Luther ein öffentlicher Intellektueller.

"Die Zeit des Schweigens ist vergangen", begründete Luther seine Schrift, "und die Zeit zu reden ist gekommen, wie der Prediger Salomo (3,7) sagt." Während er an den Zeilen feilte, lief in Rom ein Ketzerprozess gegen ihn. Das Urteil stand noch nicht fest. Wahrscheinlich war: Verbrennung bei lebendigem Leib. Luther schrieb also "um sein Leben", wie der Kirchenhistoriker Thomas Kaufmann formuliert. Und zugleich fand er gerade in dieser Situation und durch das Verfassen dieser Schrift in die Rolle des Reformators hinein.

Alle Christen könnten die Kirche besser machen

In seiner Not suchte Luther das, was wir ­heute den öffentlichen Raum nennen. Vielleicht schuf er diesen öffentlichen Raum sogar. Denn statt auf Latein an die Gelehrten (wie bei den ­95 ­Thesen) wandte er sich jetzt auf Deutsch an die Welt außerhalb der Klostermauern und Kirchen. ­ Er forderte jeden einzelnen Christenmenschen auf, sich an der Reform der Kirche zu beteiligen: Männer und Frauen, Bürgerliche, Handwerker und Bauern. "Denn was aus der Taufe gekrochen ist, das kann sich rühmen, dass es schon ­zum Priester, Bischof und Papst geweiht ist." Luther argumentierte, dass sich die Trennung der Christenheit in Priester- und Laienstand ­biblisch nicht rechtfertigen lasse. Durch ­Christus und durch die Taufe seien alle ­Christen gleichermaßen zur Freiheit und Gerechtigkeit vor Gott berufen, egal, welchem Stand, ­welchem Geschlecht sie angehörten. Alle Christen könnten auch die Heilige Schrift deuten, sich gegen Missstände einsetzen und Verantwortung für die Kirche übernehmen. Der christliche Stand werde die Kirche besser machen – deshalb der Untertitel: "Von des christlichen Standes Besserung".

"Gott hat uns Vollmacht gegeben, nicht um die Christenheit zu verderben, sondern um sie zu bessern", zitierte Luther im weiteren Verlauf seines Traktats aus dem zweiten Brief des Paulus an die Korinther. Und er sparte nicht an Verwünschungen gegen seinen Feind, die Papstkirche: Handele die christliche Kirche Christus zuwider, so tue sie dies mit Vollmacht des Antichristen und des Teufels. Er, Luther, wolle nun mit seiner Argumentation "das falsche, lügenhafte Erschrecken, mit dem uns nun lange Zeit die Römer schüchterne und furchtsame Ge­wissen gemacht haben", beseitigen.

Eine Adlige wurde die erste Reformatorin 

Tatsächlich reagierte die Öffentlichkeit. Luther war nicht mehr der alleinige Kopf der Reformbewegung. Sein Konzept vom Pries­tertum ­aller Gläubigen sprach viele an. So las die bayrische Adlige Argula von Grumbach Luthers Adelsschrift. Sie ermutigte sie so sehr, dass sie selbst zur Feder griff und die Universität Ingolstadt herausforderte, um mit ihr über die schriftgemäße Auslegung der Bibel zu diskutieren. Das war etwas Neues: Eine Frau und Laiin meldete sich öffentlich zu Wort. ­Argula von Grumbach wurde die erste Reformatorin Deutschlands. Ihr Beispiel zeigt, wie sehr Luthers Adelsschrift einzelne Christinnen und Christen anspornte, sich aus eigener Verantwortung und biblisch begründet gegen menschenfeindliche, kirchliche Autoritäten zu stellen.

Luther hatte gar nicht einmal selbst gehofft, dass dieser Appell in eine diffuse Öffentlich­keit hinein derart einschlagen würde. Er setzte ­seine Hoffnung vielmehr auf ein freies und recht­mäßiges Reformkonzil unter dem neu ge­wählten Kaiser Karl V. – tatsächlich beabsichtigte der, seinen ersten Reichstag in Worms abzuhalten. Dies solle ein Reformkonzil werden, forderte Luther, mit Fürsten, also dem Adel, und Stadtregierungen, "dem christlichen Adel". Sie alle wollte er für die nötigen Reformen gegen das gewinnen, worin er die zahlreichen kirchlichen Missstände sah.

Der Reformstau war groß

Bereits im Spätmittelalter gab es in Deutschland Beschwerdekataloge, sogenannte Gravamina, mit denen man auf Reichstagen Missstände, Klagen und Bitten von allgemeinem Interesse einbringen konnte. Die Kirche des Spät­mittelalters, die "geistliche Obrigkeit", galt als reformunfähig, verdorben, korrupt. Luther beklagte die römi­sche Geld- und Habgier und die teuflischen ­Finanzkonstrukte, mit denen sich das Papsttum jetzt anschickte, Deutschland auszu­plündern. Der Papst dürfe nicht länger dem Kaiser übergeordnet sein. Das Personal des römischen Klerus sei zu reduzieren, das "Gewürm und Gewimmel zu Rom zu verringern", das Fußküssen des Papstes zu verbieten, Wallfahrten nach Rom, Pilgerfahrten, der Heiligenkult und seine ­Feste zu stoppen, das Mönchswesen, die Bettel­orden, das Betteln, das Zölibat und das Fasten abzuschaffen wie auch den Ablass und andere päpstliche Geldbeschaffungsversuche.

Gedanken, die gut zur Demokratie passen ...

Luther sprach sich auch für eine umfassende Bildungsreform aus, durch die in allen hohen und niedrigen Schulen das gründliche Studium der Heiligen Schrift zu lehren sei. Sie solle nicht nur für Knaben gelten, sondern auch für Mädchenschulen, in der die Mädchen täglich eine Stunde das Evangelium hören sollten; auf Deutsch oder Latein.

Noch als er am Schreiben war, ereilte Luther die Kunde vom Bannspruch des Papstes. Der Graben zwischen ihm und der römischen ­Kirche war unüberbrückbar geworden.

Heute, im Jahr 2020, scheint dieser ­Gedanke vom Priestertum aller Gläubigen, vom demokratischen Mitwirken aller Getauften an Reformprozessen in der Kirche, gut in unsere individualistische Gesellschaft und zu unseren nonkonformistischen Selbstbildern zu passen. Manch einer mag in Luthers Impuls sogar eine Wurzel und einen wichtigen Antrieb für die spätere Entstehung moderner Demokratien sehen.

... aber das 19. Jahrhundert deutete nationalistisch

Doch die Adelsschrift hatte auch eine zweite Seite: eine Tendenz nationaler Abgrenzung. Darauf macht unter anderen der Historiker ­Otto Dann aufmerksam. Luthers antirömischer Akzent stand in der Tradition einer Romkritik, mit der sich die damalige deutsche Nation von Rom abgrenzte. Luther verschärfte diese Kritik, indem er das Papsttum als teuflischen Feind der Deutschen denunzierte.

Gewiss, das Heilige Römische Reich Deutscher Nation, in dem Luther wirkte, war keine politisch souveräne Einheit. Aber genauso las man im 19. Jahrhundert gerade die Adelsschrift mit ihrem Appell an den "christlichen Adel deutscher Nation" – und verpasste ihr eine nationalistische Deutung. Völkisch gesinnte Protes­tanten, die jede Form von Internationalismus und Universalismus ablehnten, verstanden Luthers antirömische Kritik und die Reformation im Allgemeinen als ein ers­tes nationales Aufbegehren. Daran knüpften die National­sozialisten in den 1930er Jahren an. 1933 verglich Hans Preuss, ein evangelischer Kirchen­his­toriker, Luther und Hitler und behauptete: "Darin sind sich doch Luther und Hitler eins, daß sie deutsche Führer sind, daß sich beide zur Errettung ihres Volkes berufen wissen."

"Die Wahrheit ist auf dem Weg"

Zur 500-jährigen Deutungs- und Wirkungsgeschichte von Luthers Schrift "An den christlichen Adel deutscher Nation" gehört beides: Luthers parti­kularistische Beschränkung auf den deutschsprachigen Raum wie auch sein ­radikaler Einsatz für die christliche Gleichheit und Mündigkeit in der ­Sprache des Volkes: Deutsch. Wie später auch Zolas "J’accuse" trug die Adelsschrift dazu bei, dass sich das Verhältnis zwischen Kirche und Staat in Deutschland grundlegend veränderte. Auf Luthers Einspruch lösten sich viele Regionen aus der Umklammerung durch Rom und ­schufen Landeskirchen. Auf Zolas Kritik folgte bald die scharfe Trennung von Staat und Religion in Frankreich, der sogenannte Laizismus.

Kaum vorstellbar, dass Luther mit dem ­Bohemien, Kirchenfeind und Republikaner Zola sonst irgendetwas verbunden hätte. Zolas berühmtester Satz aus "J’accuse" hätte dennoch in Luthers Adelsschrift stehen können: "Die Wahrheit ist auf dem Weg, und nichts wird ­ sie aufhalten."

 

Infobox

Vor drei Jahren ­er­innerte das Reformationsjubiläum an Luthers 95 Thesen. 2020 jährt sich das Erscheinen seiner drei wichtigsten Schriften zum 500. Mal. Die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter stellt sie in einer Serie vor:

Die Adelsschrift: Wie Luther die Öffentlichkeit wachrüttelte
Die Babylonica: Der Reformator provoziert den großen Streit
Die Freiheitsschrift: Herr sein über alle Dinge, und doch jedermann untertan

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Lesermeinungen

"Kaum vorstellbar, dass Luther mit dem ­Bohemien, Kirchenfeind und Republikaner Zola sonst irgendetwas verbunden hätte."

Kaum vorstellbar? - wo er doch nur so handeln konnte, weil es seinem Kurfürsten gerade sehr genehm war, oder wo er doch später ein Kaufmann wurde?

DIE WAHRHEIT IST AUF DEM WEG, UND STETS WIRD SIE VON DER WIRKLICHKEIT/ VOM ZEITGEIST AUFGEHALTEN!