Martin Luthers "Freiheitsschrift"

"Herr über alle Dinge"
Reformation - Herr über alle Dinge

Sylwia Kubus

Reformation - Herr über alle Dinge

Christenmenschen seien frei und zugleich "jedermann" untertan, schrieb Luther 1520. Die Bauern wollten nur eins: nicht mehr Leibeigene sein.

Abiturientinnen und Schulabgänger hatten es in diesem Corona-Sommer schwer. Sie mussten auf große ­Abschiedsfeiern verzichten. Auch die Reisen rund um den ­Globus fanden nicht statt, weg von den ­Eltern. Keine Fahrt über das Meer, der Sonne ent­gegen. Der Aufbruch in die große Freiheit fiel in diesem Jahr einfach aus.

Katharina Kunter

Katharina Kunter ist Professorin für Kirchengeschichte. Unter anderem veröffent­lichte sie den Bildband "500 Jahre Protestantismus. Eine Reise von den Anfängen bis in die Gegenwart".
Privat

Martin Luther hätte das vor 500 Jahren nichts ausgemacht. Denn er kannte diese ­äußere Freiheit nicht, nach der wir uns in den Zeiten der Corona-Beschränkungen so sehr sehnen. Mit unserem Verlangen nach Autonomie und Selbstbestimmung hätte er nichts anfangen können. In seiner Zeit lebten viele Bauern in Leibeigenschaft, Frauen ­hatten kaum Rechte, und Knecht und Herr waren gottgegebene und unveränderliche Posi­tionen in der mittelalterlichen Gesellschaft. Luther war kein moderner Mensch. Trotzdem wusste er ganz genau, wie sich Unfreiheit anfühlte und wie sie in Freiheit umge­wandelt werden konnte. Diese Erkenntnis wollte er nicht für sich behalten, sondern sie allen Christenmenschen mitteilen; seelsorgerlich und zugewandt.

Luthers Flugschrift "Von der Freiheit eines Christenmenschen" erschien im November 1520 in Wittenberg. Sie wurde schnell nachgedruckt und übersetzt. Luther hatte sie zunächst in der Volkssprache Deutsch geschrieben und sie dann ins Lateinische übersetzt. Es gibt also von ihr zwei Fassungen, die beide von Luther stammen.

Nichts zu widerrufen

Die Freiheitsschrift war eine Beigabe zu einem persönlichen Brief an Papst Leo X., den Luther nach Gesprächen mit dem päpstlichen Gesandten und sächsischen Adligen Karl von Miltitz geschrieben hatte. Von ­Miltitz hatte gehofft, dass sich mit einem solchen Schreiben doch noch zwischen Luther und der Papst­kirche vermitteln ließe. Luther ließ sich darauf ein, indem er den Papst in diesem Schreiben nicht direkt für den Glaubwürdigkeitsverlust Roms verantwortlich machte. ­Zugleich bekräftigte Luther jedoch deutlich, dass er nichts zu widerrufen habe.

Hinter den Kulissen waren die Entscheidungen längst gefallen. Im Juli wurde in Rom Luthers Verurteilung als Ketzer durch die Bannandrohungsbulle "Exsurge Domine" bekannt gemacht; Ende September dann in Merseburg, Meißen und Brandenburg. Um trotzdem Luthers guten Willen zu bekunden, wurde das Sendschreiben auf den September 1520 rückdatiert. Es machte also den Eindruck, als ob er es vor der Veröffentlichung der Bannandrohungsbulle geschrieben hätte.

Ob Luther wirklich gehofft hatte, den Papst mit diesem Brief auf seine Seite ziehen zu können, bleibt offen. Die beigelegte Freiheitsschrift ließ jedenfalls keinen Zweifel daran, dass Luther von seiner Auslegung und Wahrheit durch und durch überzeugt war – und bereits das stellte die Autorität des Papstes infrage.

Freiheit und Zuwendung zu anderen

Seine aus 30 Punkten bestehende Schrift begann Luther mit zwei Thesen:
"Ein Christenmensch ist ein freier Herr über alle Dinge und niemandem untertan. Ein Christenmensch ist ein dienstbarer Knecht ­aller Dinge und jedermann untertan." Mit diesem Paradox meinte Luther, dass sich das religiöse Leben des Christen immer zwischen zwei Polen bewege: zwischen der Freiheit, die von Gott geschenkt werde, und der Zuwendung zu den Mitmenschen, die durch diese Freiheit beflügelt werde. Wie siamesische Zwillinge gehören Freiheit und Dienstbarkeit für ihn zusammen; sie sind trotz ihrer Unterschiedlichkeit in einer gemeinsamen Bewegung verbunden. Dabei hatte der Mönch Luther den "inwendigen, geistlichen Menschen" im Blick und nicht den äußeren, leiblichen.

Der Christenmensch brauche nur den festen Glauben und das frische Vertrauen auf Gott, erläuterte er in der Schrift weiter. Dafür bedürfe es keiner religiösen Anstrengungen wie fasten, beten, sich züchtigen, wachen. Auch die Pflicht, gute Werke zu verrichten, sei nicht nötig. Es reiche, dass sich Christen ohne religiöse Gebote und Gesetze dem ­Glauben an Jesus Christus öffnen, dann würden ­ihnen alle Sünden vergeben. Dann würden sie ­innerlich frei, wie Luther mit Bezug auf ­Paulus im Römerbrief im Kapitel 1,17 betonte: "Ein gerechtfertigter Christ lebt nur von ­seinem Glauben."

Serie: Luthers wegweisende Schriften

Teil 1: Die Adelsschrift
Teil 2: Die Babylonica
Teil 3: Die Freiheitsschrift

Wenn der Mensch dann diese innere Freiheit im Glauben zur Grundlage seines Lebens mache, werde Gott ihn auch dazu bringen, sich in Liebe anderen Christenmenschen zuzuwenden, ihnen zu helfen und sie zu unterstützen. Denn ein Christenmensch, so fasste es Luther am Ende seines Traktates zusammen, lebe nicht in sich selbst, sondern "in Christus und in seinem Nächsten, in Christus durch den Glauben, im Nächsten durch die Liebe". Luther begründete die christliche Freiheit also nicht aus dem Menschen selber. Er verwies auf das unauflöslich miteinander verwobene Zusammenspiel von Gott und dem Nächs­ten, von oben und unten, von Freiheit und Dienstbarkeit.

Mit diesem Gedanken nahm er theologisch die sogenannte Zwei­naturenlehre auf, die seit dem fünften Jahrhundert festgehalten hatte, dass Jesus Christus sowohl erhöhter Gott als auch erniedrigter Mensch ist. In "Von der Freiheit eines Christenmenschen" formulierte er das nicht akademisch abstrakt, sondern eben mit diesem viel schöneren, dynamischen Bild: ­Die Freiheit, so Luther, ist eine permanente Bewegung zwischen Himmel und Erde.

Freiheit konnte aber auch zu Luthers Zeit ganz anders gedeutet werden. 90 Prozent der Bevölkerung waren damals Bauern. Viele von ihnen verstanden unter Freiheit ein ­konkretes weltliches Recht: Sie wollten keine Leibeigenen mehr sein, sie wollten sich frei bewegen und frei heiraten und lasen Luthers Freiheitsschrift als Legitimation und Aufruf zur persönlichen Befreiung aus der Leib­eigenschaft.

Die Bauern nahmen ihn beim Wort

Kein Wunder, dass der Humanist Erasmus von Rotterdam Luthers Freiheitsschrift für den Bauernkrieg mit seinen mehr als 70 000 Todesopfern verantwortlich machte. Auch für den Mühlhausener Reformator Thomas Müntzer war Freiheit politisch und nicht nur religiös. Deshalb schlug er sich auf die ­Seite der aufständischen Bauern. Luther lehnte Müntzer ab und wütete 1525 in seiner Schrift "Wider die räuberischen und mörderischen Rotten der Bauern" fürchterlich gegen die Bauern.  

Im 20. Jahrhundert kritisierte der Sozial­philosoph Herbert Marcuse, was schon Luthers Zeitgenossen an der Freiheitsschrift moniert hatten: dass sich Luther zu sehr auf das ­Innerliche der Menschen, auf den Einzelnen und seine Religiosität konzentrierte und die sozialen Bedingungen ausblendete. Luther dulde, dass sich der Mensch den äußeren Machtverhältnissen unterwerfe, und recht­fertige damit gesellschaftliche Unfreiheit. Weil Luther Person und Werk voneinander trenne, könne der Mensch bei ihm auch kein Subjekt der Praxis sein. Das wiederum führe zu doppelter Moral, formulierte Marcuse scharf.

Natürlich war auch Marcuse ein Mann seiner Zeit. Er war kein Historiker und sympathisierte mit sozialistischen Ideen. Aber klar ist auch: Luther war kein Martin Luther King oder Nelson Mandela. Wenn er von Freiheit sprach, meinte er die innere, religiöse Freiheit und nicht die politische. Mit der Obrigkeit hatte er gute Erfahrungen gemacht; ohne die Unterstützung der Fürsten wäre er Kaiser und Papst schutzlos ausgeliefert gewesen. Er war Mönch, und in seiner Kirche der Freiheit war das "Herz frei von allen Sünden, Gesetzen und Geboten". Sie war aber kein Motor von Revolution, Auf­ständen oder Bürgerrechtsbewegungen.

Zur Freiheit verurteilt?

Das stellt Leserinnen und Leser des 21. Jahrhunderts vor ein grundsätzliches Problem: In der Regel kennen wir Christen keinen reli­giösen Leistungsdruck mehr. Der Glaube an den christlichen Gott ist uns, wie die aktuellen Statistiken zeigen, mehr oder weniger abhandengekommen. Sind wir nicht doch alle sehr viel stärker von dem Gedanken geprägt, dass wir selbst in der Welt, in der wir leben, entscheiden können – und das auch müssen? Der Philosoph und Schriftsteller Jean-Paul Sartre hat das mit der Kurzformel "Der Mensch ist zur Freiheit verurteilt" auf den Punkt gebracht. Ist uns Sartres nichtreligiöse Deutung des Menschen nicht viel näher als Luthers?

Der evangelische Theologe Eberhard ­Jüngel kannte die atheistische und die reli­giöse Welt sehr gut. Als er in den 1950er Jahren in Magde­burg auf der Oberschule war, setzte Walter Ulbricht gerade als Generalsekretär des Zentralkomitees der SED den Aufbau des Sozialismus nach stalinistischem Vorbild in der DDR durch. Zu diesem Programm gehörte ein aggressiver Kampf gegen die Kirchen.

Mut zum Widerspruch

Jüngel fand in der Jungen Gemeinde, der Jugendorganisation der evangelischen ­Kirche, Offenheit und Ehrlichkeit. Das stärkte ihn ­innerlich und ermutigte ihn zum Widerspruch. Am Tag vor seinem Abitur wies er in seiner Klasse öffentlich darauf hin, dass die aktuellen Repressalien gegen die Kirche Unrecht seien; auch vor dem Gesetz der DDR. Daraufhin wurde er als "Feind der Republik" vom Abitur ausgeschlossen.

Später beschäftigte er sich als Theologe ausführlich mit Luthers "Von der Freiheit eines Christenmenschen". Für ihn war die innerliche und politische Deutung der Freiheit kein Widerspruch. Er verglich sie mit einer Liebesbeziehung. Auch die Liebenden und Geliebten erleben ein ständiges Ineinander von Freiheit und Unfreiheit. Wenn sie sich aufeinander verlassen können und einander vertrauen, sind sie frei.

Für Jüngel gilt dieses Beispiel auch für ein Leben im Vertrauen auf Gott, wie es Luther in seiner Freiheitsschrift beschreibt. Er ­selber hatte es ja erlebt: Wegen seiner Kritik an der SED wurde er vom Abitur ausge­schlossen, konnte aber unter dem Dach der Kirche ­Theologie in Naumburg und Ostberlin stu­dieren. Zu dieser Erfahrung passt das Ende von Luthers Freiheitsschrift: Wenn wir in dieser christlichen Freiheit leben, dann übertreffe der Himmel die Erde.

Infobox

Vor drei Jahren ­er­innerte das Reformationsjubiläum an Luthers 95 Thesen. 2020 jährt sich das Erscheinen seiner drei wichtigsten Schriften zum 500. Mal. Die Kirchenhistorikerin Katharina Kunter stellt sie in einer Serie vor.

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