Adventsgottesdienst in der Berliner Emmaus-Kirche

Ein gutes Wort kann Türen öffnen
Berliner Emmaus-Kirche

Georg Slickers / Wikipedia

Emmaus­-Kirche mit der Hoch­bahntrasse, auf der die U­Bahn fährt

Berliner Emmaus-Kirche

Emmaus-Kirche, Berlin-Kreuzberg, Sonntag, 11 Uhr: Hier ist das architek­tonische Zentrum des Lausitzer Platzes. An diesem grauen ersten Advent scheint der Backsteinbau auch seine Wärmestube zu sein. "Herr bleibe bei uns, denn es will Abend werden", steht auf dem Mosaik über dem Eingang zur Kirche. Den Trost kann Kreuzberg gebrauchen. Besonders hier, am Görlitzer Park, in dem sich zugezogene bürgerliche Familien, Drogendealer, Touristen und von Gentrifizierung bedrohte Kiezbewohner über den Weg laufen.

Gunda Bartels

Gunda Bartels ist Redakteurin im Kulturteil des Tagesspiegels.
Christopher Rowe

Im Foyer parken jede Menge Kinder­wagen. Lachen, Schwatzen, Suppendüfte. Familiengottesdienst am ersten Advent, das heißt in Emmaus auch: Basar. Der Turm beherbergt einen Weltladen und ein Café, in dem regelmäßig Obdachlose bewirtet ­werden. Rechts erstreckt sich das weite, im schlichten Stil der Nachkriegsmoderne ­wiederaufgebaute Kirchenschiff. Die Stuhlreihen sind dicht besetzt und bilden ein Oval. Junge und Alte schauen einander an. An ein Nickerchen während der Predigt ist auch ohne den Augenkontakt nicht zu denken, so viel wie hier los ist.

Pfarrerin Rebecca Marquardt hat das ­Gewusel im Griff. Der Gemeindekirchenrat hat die 33-Jährige gerade im Amt bestätigt. Auf die Ansage folgt herzlicher Applaus. Posaunen­chor und Orgel begleiten kraftvoll den Choral "Macht hoch die Tür", danach betet die Gemeinde Psalm 24. Marquardt sagt, Symbol und Thema der Adventszeit seien geöffnete Türen. Aber wofür soll man sein Herz öffnen? Konfirmanden haben Zettel mit einer ge­zeichneten Tür auf die Stühle gelegt. Jeder und jede möge einen Wunsch für jemanden aufschreiben. Bevor später der Basar losgeht und das im Gottesdienst freudig begonnene Advents­liedersingen fortgesetzt wird, werden die Zettel durchmischt und wieder verteilt.

Die Predigt, eine Märchenstunde

Die Predigt verwandelt Rebecca Marquardt, auf den Altarstufen hockend, mittels der Requisiten Apfel, ­Teetasse und Wollschal in eine ­Märchenstunde. Sie liest die Er­zählung "Martin, der Schuster" von Leo Tolstoi. Die handelt von einem russischen Schuster, der im bitterkalten Winter vier Armen hilft und dabei Jesus begegnet.

"Schon ein gutes Wort kann Türen öffnen", sagt die Pfarrerin. In dieser Adventsseligkeit ist es leicht, ihr zu glauben. "Ich zünde eine Kerze für alle an, die kein ­Zuhause haben", sagt ein Mädchen beim ­Fürbittgebet. "Denn es ist blöd, in der Kälte draußen zu sitzen."

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