Gottesdienstkritik: Diakoniekirche Luther in Mannheim

Ohne Moos viel los
Kirchgang - Diakoniekirche Luther in Mannheim

Claudia Keller

Diakoniekirche Luther in Mannheim, Neckarstadt-West

Kirchgang - Diakoniekirche Luther in Mannheim

Diakoniekirche Luther, Mannheim, Sonntag, 11 Uhr: Vom erhöhten Eingangsportal schweift der Blick über den Neckar und Kräne und Container des Mannheimer Hafens. Die Neckarstadt-West ist ein altes Arbeiterviertel, den Menschen ging es schon mal besser hier. Heute haben nicht mal die Hälfte der Nachbarn sozialversicherungspflichtige Jobs. In der hoch aufragenden, über 100 Jahre alten Diakoniekirche Luther können sie preiswert frühstücken, donnerstags günstig Lebensmittel bekommen und nahezu täglich Rat 
und juristische Hilfe. Architekten haben dafür ­unter den Emporen mittels Glaseinbauten vier Beratungsräume geschaffen.

Jetzt sind die Glastüren geschlossen, jetzt ist "Gottesdienst plus": Gottesdienst plus Segnung. Erst mal singen die gut zwei Dutzend älteren und jüngeren Frauen und Männer, sprechen im Wechsel einen Psalm und hören eine gute Predigt von Gemeindediakonin Andrea Weiß. Es geht um die Be­gegnung von Petrus und Johannes mit einem gelähmten Bettler in der Apostelgeschichte und die Frage "Ohne Moos nix los?".

Ein Mann hat seine kleine Maus mitgebracht, auch sie wird gesegnet

Paulus und Johannes haben kein Gold und Silber für den Bettler, aber sie beachten ihn, sprechen mit ihm, und Petrus reicht ihm ­sogar die Hand und hilft ihm aufzustehen. "Um anderen etwas geben zu können, muss man wissen, was man hat", sagt Andrea Weiß. Der eine könne gut zuhören, die andere gut organisieren, wieder andere hätten Zeit, um für Mitmenschen zu beten, oder könnten mit Geld weiterhelfen. Die Kirchgängerinnen und Kirchgänger sollen notieren, welche ­Fähigkeiten sie haben. Papier und Stifte gab’s zu Beginn des Gottesdienstes, vielen fällt etwas ein. "Aus all diesen Kräften kann Gemeinschaft entstehen, und Menschen können aus ihrer Gelähmtheit aufbrechen", sagt die Diakonin.

Die Luthergemeinde scheint ein gutes Beispiel für eine solche Gemeinschaft zu sein: Nach der Predigt nehmen sich Andrea Weiß und ein ehrenamtlicher Mitarbeiter viel Zeit, um den Menschen zuzuhören und sie persönlich vor dem Altar zu segnen. Eine Frau schiebt sich mit Rollator nach vorne, ein Mann hat sein Haustier mitgebracht, eine kleine weiße Maus, auch sie wird gesegnet. Manche ­haben viel auf dem Herzen, andere äußern kurze Wünsche. Singen, Fürbitten und das Vaterunser runden den Gottesdienst ab. ­Danach sitzen alle bei Kaffee und Kuchen beisammen, und die Maus schläft im Pappkarton.

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