Gottesdienstkritik: Johanniskirche in Nassau

Von der Feindesliebe
Kirchgang - Johanniskirche Nassau

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Johanniskirche Nassau

Kirchgang - Johanniskirche Nassau

Johanniskirche Nassau, Sonntag, 10.15 Uhr: Der Taunuswald leuchtet herbstlich gelb durch den Nebel. Unten am Fluss liegt das Städtchen Nassau im Rheinland, im Wes­ten der hessen-nassauischen Landeskirche. ­Hinter der Lahnbrücke erhebt sich der weiß-rot ­verputzte Turm der evangelischen Johannis­kirche. Sie ist gut geheizt. Alte Epitaphe zieren die Wände. Ein Rundbogen hinterm Altar führt in eine gotische Taufkapelle. Rechts neben der Kanzel hat ein Künstler eine Kirche, einen siebenarmigen Leuchter und eine Moschee dicht nebeneinander gemalt.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und zusammen mit Claudia Keller  verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Heute wird mehrerer Verstorbener gedacht. Offenbar sind einige ihrer Angehö­rigen unter den 25 Besuchern. Prädikant Rainer Zins entzündet gleich nach der Be­grüßung Kerzen für sie. Ein Prädikant ist ein für den Gottesdienst geschulter Ehrenamtlicher. Dieser hier, Rainer Zins, führt sicher und freundlich durch die Liturgie. Zins tourt Sonntag für Sonntag durch Hessen-Nassau und vertritt Pastoren in verschiedenen ­Gemeinden. Auch die örtliche ehrenamtliche Lektorin trägt sicher Lukas 10 vor – einen schweren Text über die Wiederkunft des Menschensohns, aber bestens zu verstehen.

Geschlagen wurde mit der rechten Rückhand

Predigttext ist Lukas 6: Von der Feindes­liebe und dass man auch die linke Wange hinhalten soll, wenn man einen Schlag auf die rechte bekommt. Geschlagen wurde zu Jesu Zeiten mit der rechten Rückhand, erläutert Zins – eine erniedrigende Geste. Wer danach seine linke Wange hinhalte, könne nicht noch mal mit dem rechten Handrücken geschlagen werden, sagt Zins, und führt es auf der Kanzel vor: Da stehe die Nase im Weg. Wenn Jesus sagt, halte auch die linke Wange hin, fordere er also nicht zur Selbsterniedrigung auf, sondern dazu, den Gegner mit einer überraschenden Ges­te zu überrumpeln. Wie es auch die Leipziger Montagsdemonstranten am 9. Oktober 1989 taten: Sie demonstrierten mit Kerzen.

"Wir waren auf alles vorbereitet", sagte ­später DDR-Volkskammer­präsident Horst Sindermann, "aber nicht auf Kerzen und Gebete." Der Weg der Feindesliebe biete keine Erfolgsgarantie, schließt Zins seine ­Predigt. "Aber er schaffe Raum für die bedingungslose Liebe, die wir so nötig haben wie unsere Feinde. Amen." Starke Worte!

In der Fürbitte kommt alles wieder zusammen: die Bitte um die Kraft zur Feindesliebe, die Bitte des Eingangspsalms ("Herr, lehre uns bedenken, dass wir sterben müssen, auf dass wir klug werden") und die Bitte für die Verstorbenen. Ein würdiger Gottes­dienst.

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