Bei der stillen Andacht der Quäker

60 Minuten Stille
Kirchgang - Feriendorf  Eckenhof

Christina Stohn

Stuhlkreis in Grün: Der Gruppenraum in Schramberg, Schwarzwald

Kirchgang - Feriendorf Eckenhof

Feriendorf Eckenhof, Freitag, 9.10 Uhr: Eben, vor der "Stillen Andacht", haben alle gesungen. Jetzt schweigen sie, die zwanzig Quäkerinnen und Quäker im Stuhlkreis. Einige sitzen kerzengerade auf den erbsgrünen Bezügen. Andere haben es sich lässig bequem gemacht, eine Frau hat den Kopf in die Hände gestützt. Die meisten haben die Augen geschlossen. Alle sind leger gekleidet, der Blick schweift über Wandersandalen, Turnschuhe und braune Bodenfliesen.

Mitte des 17. Jahrhunderts hatten sich um den Engländer George Fox Menschen gesammelt, die nach Gott suchten, aber von den Kirchen enttäuscht waren. In den starren Ritualen und Dogmen fanden sie keine Antworten und begannen, in sich hineinzu­horchen. Dort entdeckten sie die Erkenntnis, dass in jedem Menschen etwas Göttliches ist und jeder auf seine Weise dem göttlichen Ruf folgen kann. Die Stille während der Andacht soll dabei helfen.

60 Minuten in sich hineinhören

Die "Religiöse Gesellschaft der Freunde" hat in Deutschland 250 Mitglieder. Manche treffen sich in Kirchen, andere halten Andacht im Wohnzimmer. An diesem Freitag sind die Freunde aus dem Südwesten und Bayern zur Bezirksversammlung in einem Tagungshaus mit Ferienanlage im Schwarzwald zusammengekommen und sitzen im Gruppenraum. 

Die Quäker kennen keine Lehrautorität. So hält auch niemand eine Predigt. Keine Musik, kein Kreuz, kein Altar, keine Liturgie lenkt die Gedanken und Sinne. Nur Schweigen.

60 Minuten lang sollen alle versuchen, in sich und in die Gemeinschaft hineinzuhören, in der Hoffnung, gemeinsam das Wirken ­einer Kraft, einer Energie, einer göttlichen Instanz zu erfahren.

Draußen zwitschern Vögel. Die Gedanken wandern im Kopf umher, sie laufen zurück in die vergangene Woche, zur Arbeit, zur Familie und eilen voraus in die kommenden Tage.

"Neulich saß ein Nobelpreisträger neben mir"

"Freunde, wir sollten auf andere Menschen unvoreingenommen zugehen", sagt plötzlich der Nachbar so laut in die Stille ­hinein, dass die Kirchgängerin erschrickt. Und er zitiert George Fox: "You will come to walk cheerfully over the world, answering that of God in everyone" (auf Deutsch: "Du wirst freudig durch die Welt laufen und auf das Göttliche in jedem antworten"). Das falle ihm schwer: "Neulich saß ein Nobelpreisträger neben mir. Das hat mich abgeschreckt."

Haben Menschen nicht immer Rollen, überlegt die Kirchgängerin, egal, was sie tun? Und gibt es wirklich etwas Authentisches hinter den Rollen? Dann stehen alle auf, ­nehmen sich an der Hand. Schon sind 60 
Minuten um.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

1987 allein in Philadelphia. Sonntags stand ich früh auf, um möglichst viele Gottesdienste hintereinander kennenzulernen. Gespannt auf Gospel oder anderes Neues setzte ich mich zuerst zu den Quäkern. Irgendwie wollte dieser Gottesdienst nicht beginnen. Es dauerte gut 20 Minuten, bis ich kapierte, dass das der Gottesdienst war. Keine Action, kein Programm u kein Event. Kein Lied, kein Wort.
Ich saß bei allen andern und war doch mit Gott allein. Nichts konnte ich dazwischen stellen.
Erst war ich sauer über die verschwendete Zeit...

Es ist noch heute der wichtigste Gottesdienst meines Lebens...
Danach gab man sich die Hand.

Ich ging in keinen weiteren Gottesdienst mehr sondern wanderte still durch die Stadt.