Gottesdienstkritik: Ein Gottesdienst am einst innerdeutschen Grenzfluss Elbe

Kein Geld, aber Kraft
Kirchgang - Niemandsland am Elbestrand, Jagel in der Prignitz

Kerstin Beck

Zwischen Deich und Elbe: Feiern im einstigen Grenzstreifen

Kirchgang - Niemandsland am Elbestrand, Jagel in der Prignitz

Niemandsland am Elbestrand, Jagel in der Prignitz, Sonntag 14 Uhr: Was für eine ­Idylle. Die Schafe weiden, Radfahrer lassen sich im Gras am weißen Festzelt nieder. Hier stand vor 30 Jahren eine nahezu unüberwindbare Grenzanlage. Heute wird gefeiert: dass sie weg ist. Der Evangelische Pfarrsprengel Lenzen-Lanz-Seedorf hat zu einem Festgottesdienst im ehemaligen Niemandsland auf den Elbdeich eingeladen.

Die Elbe fließt träge dahin. Vom Brandenburger Ufer aus sieht man auf zwei Bundesländer: Sachsen-Anhalt und Niedersachsen. Hinterm Deich liegt der kleine Friedhof der Ortschaft Jagel, jahrzehntelang einer der bestgeschützten Friedhöfe Deutschlands. Wer ihn betreten wollte, wurde streng ­kontrolliert.
Pfarrer Wolfgang Nier lässt aus einem Lautsprecher die Glocken läuten. Das Festzelt ist bis auf den letzten Platz gefüllt. Die meis­ten der 150 Gottesdienstbesucher haben Teilung und Wiedervereinigung noch erlebt.

Nicht jeder in der Region jubelte damals

Fototafeln an den Zeltwänden zeigen Türme, Stacheldraht – und das erste Loch im Zaun. Pfarrer Nier lockert seine Gemeinde mit einer lustigen Idee auf. Zwei Gruppen sprechen Psalm 67 ("Gott sei uns gnädig") im Wechsel: Diejenigen beginnen, die nach der Mauer­öffnung zuerst nach Lüneburg gefahren sind. Dann sprechen diejenigen, die es erst nach West-Berlin zog. Die Gruppen sind, der Lautstärke nach zu urteilen, etwa gleich groß.

Nicht jeder in der Region jubelte damals. Viele dienten bei Grenztruppe oder Volks­polizei oder waren überzeugte Parteikader. Pfarrer Nier erwähnt nicht den jungen Hans Georg Lemme. Er hatte hier 1974 versucht, durch die Elbe zu schwimmen. Grenzsol­daten überfuhren ihn mit einem Schnellboot. Er ertrank. Nier redet über Erwartungen, die mit dem Wegfall der Mauer bei vielen auf­kamen: einen Opel fahren, auf die Seychellen fliegen, volle Regale im Supermarkt. "Viele hatten Erwartungen, die sich nicht erfüllten."

Der Predigttext (Apostelgeschichte 3, 1–10) passt: Ein Gelähmter bittet um Almosen. Jesus gibt ihm kein Geld, dafür aber die Kraft, selbst zu gehen.
"Wir danken für die Freiheit", sagt Nier. Er hofft, "dass alle damit verantwortungsvoll umgehen." An diesem Ort ist alles symbolisch aufgeladen. Deshalb wird hier auch jede und jeder das Segenslied "Vertraut den ­neuen Wegen" unterschiedlich deuten: 
"Wer aufbricht, der kann hoffen in Zeit und Ewigkeit. Die Tore stehen offen. Das Land 
ist hell und weit."

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.