Serie Mission: Wie funktioniert Mission im Jahr 2016?

"Wir sollten leuchten – das ist Mission!"
16_9_p445m911861.jpg

Marie Docher/plainpicture

Wer heute eine Evangelisation erlebt, hört ­bisweilen Kriegsrhetorik. Im schlimmsten Fall entsteht sogar Massen­hysterie. Aber was ist 2016 wirklich gemeint, wenn wir von Mission reden? Die evangelische ­Theologin Uta Andrée empfiehlt: Nehmt die Menschen, wie sie sind! Zeigt ihnen, was christliche Freiheit ist!

chrismon: Nach gängigem Verständnis heißt Mission, dass man mit einem Auftrag unterwegs ist, anderen etwas zu bringen.

Uta Andrée: Mission kommt von Senden und Gesandtsein. Aber das Verständnis eines Senders, der etwas zum Empfänger bringt, lehnen wir heute mehrheitlich ab. Wir wollen dabei sein, miterleben, mitdenken, wenn das Evangelium Gestalt gewinnt.

Früher hätte man gesagt: Das Christentum hat eine Botschaft der Liebe und der Vergebung. Sagt man das heute nicht mehr?

Doch. Christen können ja genau das ausstrahlen. Vielleicht fragen die anderen dann: „Warum handelst du so? Warum kommst du zu uns? Warum hilfst du uns?“ Dann kann die Antwort sein: „Weil ich selbst geliebt bin. Weil ich mich durch meinen Glauben getragen weiß.“ Aber das kann immer nur Antwort auf ein Erstaunen sein. Und da verkündigt man nichts grundlegend Neues, was die anderen nicht kennen.

Müssen Christen manchmal sagen: „Das ist falsch, da machen wir nicht mit!“ – zum Beispiel beim hinduistischen Kas­ten­system?

Früher haben sich viele Missionare selber dem Kastensystem gefügt und sich Menschen der einen oder der anderen Kaste zugewandt. Deshalb spielt das Kastensystem auch heute noch innerhalb der Kirchen in Indien eine große Rolle, und es gibt beispielsweise von Brahmanen dominierte Kirchen. Letztlich geht es hier ja um die Frage, ob wir mit Menschenrechten und mit christlichen Überzeugungen alle Welt heilen können. Und dabei geraten wir deutlich an Grenzen. Der ethische Konflikt-stoff liegt ja genauso in der Begegnung von Christen mit Christen wie in der von Christen mit Nichtchristen. Wenn es um Homosexualität geht, haben wir eine komplizierte Debatte, die die Gemeinschaft von Kirchen gefährdet. Wenn es um Exorzismus an Kindern geht, die als Hexen dämonisiert werden, wenden wir uns damit auch gegen christliche Gruppen. Trotzdem bleiben wir Gäste. Wir können unsere Meinung vertreten und sagen: „Wir sehen das anders!“ Wenn Homosexuelle verfolgt oder Frauen beschnitten werden, geraten wir klar an die Grenze dessen, was wir ethisch mittragen können. 

"Die Bibel muss für vieles herhalten"

Auch in christlichen Gemeinden?

Besonders da. Kultur und Religion sind überall – auch bei uns – ganz stark verwoben. Wir hatten ja das Beispiel mit der Kastensegregation in Indien, aber auch bei positiven kulturellen Errungenschaften wie Traditionen der Fürsorge füreinander. Die Menschen haben ihre Bräuche, und das Christentum hatte oft die Tendenz zu fordern: „Das legt ihr ab, wenn ihr zu ­Christus gehören wollt.“ Aber letztlich ist Kultur etwas sehr Starkes, wir feiern ja auch Weihnachten unter dem Tannenbaum.

Soll jeder nach seiner Façon selig ­werden?

Nein. Wir müssen mit eigenen Überzeugungen und unserem vernunftgeleiteten Verständnis in jede Debatte hineingehen, auch über kulturelle, nationale und reli­giöse Grenzen hinweg. Aber wenn wir als Vertreter einer Religion sagen: „Es ist jetzt meine Mission, euch davon zu überzeugen, dass eure kulturellen Praktiken falsch sind“, dann wird es schräg. Es gibt auch andere als christliche Gründe, Mädchenbeschneidung abzulehnen, Homosexuelle zu achten und gering geachtete Menschen gleichzubehandeln. Und auch wenn man das mit der Bibel begründet, kommt man in Schwierigkeiten. Die Bibel muss ja für so vieles herhalten, was ich mit meinem Zugang zum Evangelium nicht befürworten kann.

Wenn Mission heute vor allem soziale Arbeit ist, warum heißt sie dann Mission?

Der Begriff ist unklar, das ist richtig. Missionswerke leisten durch ihre interkulturelle Arbeit einen Beitrag zu Frieden, Gerechtigkeit und zur Bewahrung der Schöpfung. Sie nennen das Mission. Damit haben sie viele nicht im Boot, die sich unter Mission vorstellen, wie in früheren Zeiten Menschen indoktriniert und zum Glauben überredet oder gezwungen wurden. Die Norddeutsche Mission hat gerade eine Kampagne laufen: „Daniel muss heute arbeiten. Seine Mission: Seinen Eltern bei der Zuckerrohr­ernte helfen.“ Ich glaube, damit tun wir uns keinen Gefallen. Wer kann denn verstehen, was das mit Mission zu tun hat?

"Im Verbund mit Coca-Cola die Welt erobern"

Und es gelingt nicht, das Wort umzu­definieren?

Nein, trotz der riesigen Anstrengung seit der EKD-Synode von 1999, wo es hieß: „Mission ist der Herzschlag der Kirche.“ Freunde von mir, die wenig mit der Kirche zu tun haben, verstehen jetzt auch nicht besser, was Mission bedeuten soll. Das Problem löst man gerade nicht dadurch, dass man den Begriff neu füllt: „Mission ist, Schulen zu bauen.“ – „Mission ist Aids-Prävention.“ Es ist eher schade, dass man so etwas „Mission“ nennt, wenn so viele Leute mit dem Wort nichts anfangen können. Anders ist es im englischsprachigen Bereich. Eine „mission“ ist im Englischen eine Aufgabe, eine Art Herausforderung.

Dabei treten gerade Missionsorganisationen außerhalb von Deutschland ziemlich aggressiv auf.

Und es ist schade, wenn unsere Missionswerke mit denen verwechselt werden, die vor allem eine zahlenmäßige Entwicklung des Christentums auf alle erdenkliche ­Weise anstreben. Und die möglichst gute Statistiken für das weltweite Wachstum des Christentums erstellen wollen. Die koreanische Mission zum Beispiel kennt da oft keine Hemmschwelle. In Deutschland sind wir zurückhaltend mit dem, was wir anderen an vermeintlich Gutem antun wollen.

Wohlstandsprediger verknüpfen Glauben und persönliches Wohlergehen und werden kritisiert, sie würden den Marktinteressen westlicher Unternehmen dienen.

Ja. Sie selbst sehen sich natürlich nicht so – im Verbund mit Coca-Cola die Welt erobern. Aber natürlich wird das Christentum dadurch attraktiv, dass es für die westliche Welt steht. Und da wird es sehr gefährlich. Wenn das Wohlstands­evangelium sich deshalb ausbreitet, weil so eine Aussicht am Horizont auftaucht, verbindet sich selbst die Präsenz von Missions- und Entwicklungswerken aus Deutschland mit dem latenten Versprechen: „Wenn wir deren Glauben und deren Werte teilen, dann werden wir auch etwas von ihrem Wohlstand und ihrem Segen abbekommen.“

"Manipulation ist ein Verbrechen"

Was halten Sie von Evangelisation, also von Verkündigungsveranstaltungen?

Es ist wichtig, dass Christen ihren Glauben ernst nehmen und ihre christliche Überzeugung formulieren können. Das gehört zum Christsein dazu. Ich finde Evangelisation manchmal authentischer als Mission. Bei Evangelisation weiß man, was die Leute wollen: Jemand geht in eine Stadt und will Menschen zu Christen machen. Jemand predigt auf der Straße darüber, was ihn heil oder ganz macht. Und jeder Zuhörer kann sagen, das ist meins oder nicht.

Vorausgesetzt, man glaubt nicht, den anderen überlegen zu sein.

Genau. Es reicht ja zu sagen: „Das ist mein Glaube, und ich erzähle euch jetzt davon.“

Bei vielen Evangelisationsveranstaltungen wird irgendwann dazu aufgerufen, nach vorne zu kommen, ein Zeugnis abzulegen und sich zu Christus zu bekennen.

So etwas meine ich gerade nicht. Auch nicht die Evangelisationszüge von Reinhard Bonnke. Das sind riesige Kreuzzüge, es ist tatsächlich Kriegsrhetorik, mit der sie ihre Unternehmungen bezeichnen. Da weiß man zwar auch, woran man ist, aber sie fördern eher Massenhysterie als das Evangelium. Für mich ist Evangelisation dort, wo eine Gemeinde die Werbetrommel rührt, um für ihren Glauben zu werben. Eine Einladung zum Glauben, der man sich auch entziehen kann.

Manche drohen mit der Hölle.

Ich habe eine extrem manipulative Evangelisation in Brasilien erlebt. Als von dunklen Mächten die Rede war und der Prediger sagte, dass man den Teufel austreiben und sich ganz Jesus zuwenden müsse, wurde ein ganz tiefer Ton in den Raum eingespeist. Wer von der ganzen Situation ergriffen war, konnte den gar nicht wahrnehmen, so tief war er. Das ist natürlich eine Grenzüberschreitung. Ich höre auch in Berichten, dass Leute ganz plump manipuliert werden, damit sie etwas Bestimmtes erleben, wenn sie an Jesus denken. Der Sauerstoff wird künstlich reduziert, sie fallen um. Das ist ein Verbrechen. Da werden Menschen im Namen der Religion hinters Licht geführt.

"Das Christentum ist nicht das einzige Heil, das ich mir für andere vorstellen kann"

Was, wenn ein Missionar nicht zu lernen bereit ist, sondern nur auf andere ein­redet?

Jemanden zum Objekt der eigenen Mission und des eigenen Sendungsbewusstseins zu machen, geht gar nicht. Ein Gegen­beispiel dazu sind Hermannsburger Missionare, die 15 Jahre im Amazonasgebiet arbeiteten und nicht ein einziges Mal von ihrem Glauben sprachen, die nur zugehört haben und versucht haben zu verstehen. Die Leute sagten: „Hier sind schon so viele vorbeigekommen, die mal schnell eine Kirche bauen wollten. Aber ihr habt uns einfach so genommen, wie wir sind. Das überzeugt uns, auch wenn wir deshalb nicht unbedingt Christen werden wollen.“ Das ist jesuanisch. Jesus hat nicht getauft, er hat Menschen befreit. Menschen waren angetan, ihr Leben hat sich in seiner Gegenwart verändert. Das kann auch ohne Taufe geschehen. 

Wann gelingt Mission?

Wenn das Zusammenleben gelingt. Wenn Menschen sich gesegnet fühlen und miteinander leben können. Gott kann erretten, erwählen, frei machen jenseits all unserer Rituale und Religionsgrenzen. Wir kleinen Menschen, im Gegensatz zu unserem großen Gott, brauchen einen Ort und eine Verankerung. Deswegen bin ich gerne Christin, aber das ist nicht das einzige Heil, das ich mir für andere vorstellen kann. Ich freue mich, wenn das jemand mit mir teilt. Aber es gibt auch ein Teilen, ohne dass beide Christen sind.

Wie weit kann sich das Christentum an andere Kulturen anpassen, wann hört es auf, Christentum zu sein?

Dafür braucht man ein Maß. Luther hat gesagt: „Was Christum treibet“, daran solle man sich orientieren. Das ist ein bisschen schwer zu übersetzen. Aber so was wie: Was dem Leben dient, das muss man nicht ablehnen. In Brasilien stellen Menschen am Tag von Cosmas und Damian – afrikanische Ahnen im Gewand katholischer Heiliger – Teller mit Essen vor die Tür, für die Götter. Eigentlich ist es eine Armenspeisung, ein ganz heidnischer Brauch, ein rauschendes Fest aus der alten afrikanischen Tradition – eine gute Tradition. Das muss man nicht ab­lehnen.

In China verehren viele Christen ihre Ahnen. Kritiker sagen: Das passe nicht zum Christentum. Ahnenverehrung festige Familienverbindlichkeiten und trübe den Blick über die Familie hinaus.

Ein super Beispiel dafür, dass wir uns gar nicht anmaßen sollten, wir seien besser als die anderen. Bei uns erodiert schon die Kleinstfamilie. Wir sollten nicht andere kritisieren, dass bei ihnen die Familie überbetont sei und die Solidarität nicht über die eigene Familie hinausreiche! ­Etwas anderes ist es, wenn sich chinesische Christen selber damit ausei­nandersetzen. Einige sehen ja auch vieles kritisch: zum Beispiel wenn jetzt die ­Firma die Familie ist oder die Gemeinde die Familie ersetzt.

"Christen und Muslime glauben an denselben Gott"

Am Ostersonntag 2016 wurden in der Stuttgarter Stiftskirche acht Muslime getauft, drei durch Landesbischof Frank Otfried July. Ein gutes Zeichen?

Ja. Ebenso treten ja auch Christen zum ­Islam über und werden dort fröhlich ­empfangen. Wir sollten es nicht verkomplizieren, wenn Menschen zu uns über­treten wollen. Wenn allerdings der Bischof ein Zeichen setzen wollte, um die Mission unter Muslimen zu befördern, wäre das für mich schwierig. Um das zu beurteilen, müsste man sich genauer ansehen: Wie hat er gepredigt, welches Wort hat diese Taufen begleitet? Muslime sollten nicht zum Ziel unserer Sendung werden. Gerade weil so viele Menschen bei uns getauft sind, deren Taufe brachliegt. Da passiert nichts. Das ist unsere erste Aufgabe, zu diesen Menschen sollten wir uns gesandt fühlen.

Was, wenn Muslime den Eindruck haben, Sie bekommen Asyl, wenn sie zum Chris­tentum konvertieren?

Es ist nicht an uns zu bewerten, ob jemand deshalb konvertiert, weil er damit einen Asylantrag stellen kann – oder ob er oder sie ein echter Christ ist. Wie man überhaupt nie den Glauben von jemandem bewerten sollte. Wenn jemand eine ­Taufe begehrt, dürfen wir sie ihm nicht verwehren. Da sind die Freikirchen und die evangelikalen Christen sehr unbefangen. Der Taufscheu in den Landeskirchen halte ich entgegen: Wir haben nicht Politik zu machen und zu entscheiden, ob die Taufe als Asylgrund missbraucht werden könnte. Sondern wenn Menschen von selbst kommen und getauft werden wollen, werden sie getauft. Anders ist es, wenn jemand in die iranische Community gehen und sagen würde: „Kommt zu uns, dann habt ihr das Asyl sicher.“ Damit würde man die politische Lage ausnutzen. Aber wenn ein Mensch aus dem Iran sagt: „Ich habe verstanden, dass ich zu Christus gehöre“, muss man ihn auch taufen.

Glauben Christen und Muslime an denselben Gott?

Ja.

Ist im Koran göttliche Offenbarung?

In jeder Geschichte vom Leben und seinen Sorgen und Nöten kann Gott sich offenbaren. Für uns Christen bindet sich Gott in besonderer Weise an das biblische Wort – und ganz besonders an Jesus, die Person, in der wir Gott besonders gut erfassen können. Gott kann sich daneben in vielen anderen Texten und Weisheiten offenbaren.

"Religion hat viel mit dem Hineingeboren-Sein zu tun"

Vieles scheint aus muslimischer und christlicher Sicht unvereinbar. Muslime werfen Christen Polytheismus vor, weil sie an den dreieinigen Gott glauben.

Die Debatte um die Dreifaltigkeit Gottes oder seine Einzigkeit macht mir keine Schwierigkeiten. Das sind verschiedene Weisen, wie man den einen Gott beschreiben kann. Wenn da wechselseitige Offenheit besteht, wird sich unser Gottesbegriff nicht allzu sehr unterscheiden. Wenn wir beten, haben wir alle nur ein Gegenüber.

Muslime sagen auch, dass die christliche Sündenlehre viel zu pessimistisch sei und dass man Gottes Gebote doch gut erfüllen könne.

Über das Menschenbild habe ich tatsächlich auch schon mit Muslimen gestritten, ob man nicht eher an den Punkt kommen muss, wo Martin Luther schon mal war. Wenn man seine Sünden gebeichtet hat, ist schon wieder das Gefühl da: „Irgend­was habe ich bestimmt vergessen. Ich kann gar nicht ganz rein vor Gott da­stehen.“ Darüber streite ich aber vor allem auch mit anderen Christen. Nicht – wie jetzt naheliegen könnte – mit Katholiken, um Gottes willen. Sondern mit denen, die sagen: „Wenn du das und das machst oder lässt, hat Gott dich besonders lieb.“ Oder: „Ich kann ein guter Mensch werden, ich muss es nur anpacken.“ Das klingt, als könne man eine christliche App anbieten: „Ein guter Mensch werden.“ Ich fühle mich dem eher skeptischen Menschenbild Luthers verbunden, nicht nur im Gespräch mit den Muslimen, weil es mir ehrlicher vorkommt.

Was, wenn die anderen gute Argumente für ihren Glauben haben? Muss ich dann als Christ meinen Glauben ändern?

Man wird mit einer Religion groß, ist ihren Texten und Festen verbunden. Weihnachten und Ostern kann einem niemand durch Argumente madig machen. Ich kann den Koran lesen und schöne Verse darin finden. Aber Argumente führen nicht zu einer Konversion. Es kann natürlich sein, dass ich jemanden liebe und heirate und mir seine Religion so nahe wird, dass ich hineinwachse. Auch dann überzeugt mich diese Religion auf einer emotionalen Ebene. Oder wenn ich in einem anderen kulturellen Kontext lebe, kann ich mich in die andere Religion hineinfühlen und -denken. Um Argumente geht es dabei meiner Meinung nach nicht.

Manche Katholiken lassen sich von der Schlichtheit des sunnitischen Islam überzeugen. Manche Schiiten sind die religiösen Regeln leid und finden im Protes­tantismus eine freiere Religion. 

Ich kann mir nur schwer vorstellen, dass Menschen ihre Religions­zugehörigkeit so rational mit Pro und Kontra abmessen. Das kommt natürlich auch auf die eigene Persönlichkeit an. Meist ist man doch schon im Kontakt mit der anderen Religion, für die man sich interessiert. Aber selbst wenn jemand vermeintlich rational sagt: „Die Jungfrauen­geburt kann ich mir nicht vorstellen, deshalb wechsele ich jetzt meine Religion“, dann steckt da etwas anderes als rationales Abwägen von Argumenten dahinter. Religion hat viel mit dem Hineingeboren-Sein zu tun. Das ist natürlich fatal, wenn man bedenkt, wie viel Traditionsabbruch wir hierzulande erleben. Kinder werden nicht mehr in ihre Religion hineingeboren, ­-erzogen, -gesungen und -gebetet. Da ist viel Kontaktpflege und Arbeit mit Kindern und Jugendlichen nötig, und wir als Kirche können uns nicht auf das Lamento zurückziehen, dass die Familien die reli­giöse Erziehung nicht mehr leisten. Das ist Aufgabe der Kirchengemeinden und der Christen geworden, die gerne glauben, beten und singen. 

"Nicht klagen, dass Muslime unsere Kirchen kaufen. Lieber selbst hingehen!"

Darf man Juden missionieren?

Eine Mission, die den anderen nicht in seiner Religion ernst nimmt, ist eine ­Beleidigung des anderen. Insofern kann ich weder mit Muslimenmission noch mit Judenmission etwas anfangen. Ich lehne die Judenmission aber auch aus theo­logischen Gründen ab. Paulus warnte Heidenchristen vor Überheblichkeit gegenüber Israel. Die rheinische Synode hat in den 80er Jahren gesagt, dass Gottes Bund mit Israel weiter gilt. Die letzte EKD-­Synode hat sich kritisch mit der Judenmission befasst. Wir haben es hier allerdings mit einem Eifer zu tun, der biblisch motiviert ist, wenn dort angenommen wird: Wenn die Juden zu Christus bekehrt sind, bricht die Endzeit herein. An solche Geschichtskonstrukte glaube ich aber ohnehin nicht.

Jesusgläubige Juden werben auch selbst.

Da muss man manchmal aufpassen. Ich war vor einigen Jahren zufälligerweise in der American Church in Berlin-Schöne­berg, einer nichtkonfessionell gebundenen interkulturellen Gemeinde, als dort im Gottesdienst eine Gruppe von Leuten mit orangefarbenen T-Shirts auftauchte. Auf den T-Shirts stand: „Jews for Christ“ – „Juden für Christus“. Die Leute kamen aus den USA. Als sie zur Begrüßung das Mikro in der Hand hatten, haben sie für ihren Missionsfeldzug in Berlin geworben. Das hat jetzt niemandem wehgetan. Aber da müsste ein Pfarrer sagen können: Das gehört nicht in meinen Gottesdienst.

Wie soll Mission künftig aussehen?

Christen sollten weniger von Mission reden und stattdessen ihren Glauben sichtbar werden lassen, ihre eigene Gemeinde wahrnehmen und nicht im Stich lassen. Die getauften Christen sollten aufhören zu jammern, dass die Muslime Kirchen ­kaufen, und lieber stattdessen ihre ­Kirchen bevölkern. Sie sollten sich nicht darüber beklagen, dass afrikanische Christen so laut sind – sondern sich freuen, dass die am Sonntagnachmittag in ihre Gottesdienste gehen, und fröhliche Feste auch in unseren Kirchenräumen feiern! 2022 soll es eine große europäische Versammlung geben, einen europäischen Kirchen­tag. Er soll sichtbar machen, dass es in Europa viele Christen gibt, die ein fröhliches, frommes und offenes Europa wollen. Wir sollten leuchten. Das ist Mission.

Wie leuchtet man?

Indem man sein Leben im Angesicht Gottes gestaltet. Indem man Gott zur Sprache kommen lässt. Es gibt so viele schöne Bilder des ­Glaubens, die uns tragen und aus dem stumpfen Konsumleben herausreißen. Man kann von den kleinen freien Gemeinden und auch von Migrantengemeinden lernen, wie man füreinander lebt und einsteht. Man kann von der ökumenischen Bewegung von Taizé und ihren Gottesdiensten lernen, wie man Jugend­liche begeistert. Man kann einander verbunden sein im Gebet, miteinander singen und – von Gott inspiriert – nicht alles ausklammern, was persönlich wird.

Uta Andrée

Uta Andrée, geboren 1971, ist Theologin und leitet die Missionsaka­demie an der Universität Hamburg, wo Promovierende aus Afrika, Asien und Lateinamerika unterkommen und gefördert werden, künftige leitende Geistliche. Die Missionsaka­demie veranstaltet auch Seminare und Fort­bildungen zu Themen der Ökumene. 
Foto: Privat

Leseempfehlung

Missionar August Kuhlmann wollte das Beste für den Hirtenvolk der Herero und wurde ausgenutzt
Ausgerechnet die christlichen Kirchen in Ruanda haben schrecklich versagt. Und sie haben daraus gelernt
In Frankfurt entsteht eine koreanische Megachurch – demnächst auch fürs deutsche Publikum
Drehbuchautorin Gabriele Kosack erinnert sich an ihre Kindheit auf Nias, einer abgelegenen indonesischen Insel

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.