20 Jahre chrismon: Wie kamst du zu deinem Namen?

"Klingt wie das Knusperbrot"
Namen

Privat Illustrationen: Amelie Persson

Junis, der Friedliebende: die Bedeutung gefiel seinen Eltern. Marta ohne "h" in der Mitte (wichtig!), benannt nach einer Freundin der Familie

Namen

Aber eigentlich ist Philine nach einer Romanfigur benannt. Warum heißt du so? Magst du deinen Namen? Was hast du damit erlebt? - Das haben wir 20-Jährige in ganz Deutschland gefragt.

Junis, Hannover, studiert Soziale Arbeit

Meine Eltern haben damals, als sie einen Namen für mich suchten, im Urlaub ein Paar getroffen, das ihnen "Junis" vorschlug. Die Bedeutung gefiel ihnen: der Friedliebende, der Nachrichtenüberbringer. In Hannover war ich dann der erste Junis mit dieser Schreibweise, das erzählte der Standesbeamte, als meine Eltern mich anmeldeten. Weil Junis so unbekannt war, musste ein eindeutig männlicher Name dazu: Ben. Ich habe sogar einen dritten Namen: Ernst, nach einem Ururgroßvater. Mein ganzer Name lautet also: Ben Junis Ernst, aber mein Rufname ist Junis.

Ich mag meinen Vornamen sehr, da er für mich ein Wiedererkennungsmerkmal ist und ich nur wenige Jungs kenne, die auch so heißen. Einer, der sich mit Y schreibt, war in meiner Grundschulklasse; und einen mit gleicher Schreibweise, etwas jünger als ich, auch aus Hannover, hab ich neulich mal kennengelernt.
Wenn ich meinen Namen buchstabiere, scheint es sehr schwierig für andere zu verstehen, wie er geschrieben wird. Deswegen habe ich mir eine Eselsbrücke ausgedacht: der Monat Juni mit einem S. Manchmal fragen mich Leute, ob meine Eltern arabische Wurzeln haben. Ich finde die Frage berechtigt, könnte ja sein. Ist aber nicht so. Allgemein habe ich fast immer positive Reaktionen auf meinen Namen erlebt: "Oh, den hab ich ja noch nie gehört, voll schön." Oder: "Der Name passt gut zu dir." Stimmt vielleicht, ich löse gern schnell Konflikte. Und ich bin oft der, der Ruhe ausstrahlt.

 

Marta, Hannover, studiert Medizin

Eine Freundin meiner Mutter aus Italien heißt Marta. In das Ferienhaus ihres Vaters fahren wir schon sehr lange jedes Jahr. Als Mama im Urlaub vor 21 Jahren keinen Alkohol trinken wollte, vermutete Marta sofort, dass sie schwanger war, und hat sich gefreut. Ab da hat sich auch meine Mutter gefreut, ein Kind zu bekommen. Vorher war sie ein bisschen panisch gewesen. Ich fand die "große" Marta toll, sie hat ein Tattoo auf dem Oberarm und fährt sehr wild Auto. Ich mag meinen Namen, er spricht sich schön, und man kann daraus keine blöden Spitznamen machen.

Er wird aber fast immer falsch geschrieben – mit h in der Mitte. Mich nervt, wenn das Leute machen, die öfter mit mir zu tun haben. Namen richtig zu schreiben hat was mit Respekt zu tun! Mein Zweitname ist Hildegard. Früher war mir der peinlich, jetzt finde ich ihn richtig cool. Er ist Bestandteil meines Instagramnamens, auch auf dem Abipulli stand Marta Hildegard. So heißt niemand, ich werde ganz oft drauf angesprochen. Manche nennen mich mittlerweile Hilde. In unserer Familie heißt die erstgeborene Enkelin immer nach der Oma. Meine Oma Hildegard habe ich sehr geliebt. Ich finde es schön, in dieser Tradition zu stehen.

 Privat Illustrationen: Amelie Persson

Hannah, Regensburg, studiert International Relations and Management

Mein Name stammt von meinem Opa. Der ist in den 40er Jahren in einem christlichen Waisenhaus in Bethlehem abgegeben worden, mehr weiß man leider nicht. Er heißt Schukri Hanna Attallah. Mit 18 kam er nach Deutschland, hat meine Oma kennengelernt und einen Sohn bekommen, meinen Vater.

Die Leute sind oft irritiert, wenn sie meinen Namen Hannah Attallah hören und meine blonden Haare sehen, halt gar nicht arabisch. Als ich aus einem Auslandsjahr in den USA zurückgekommen bin, guckte der Zollbeamte auf meinen Pass, sagte: Attallah? Willkommen in Deutschland!

Mir gefällt, dass ich nicht so hundert ­Prozent deutsch bin. Klar haben wir hier ­einen sehr hohen Lebensstandard, alles ist gut ­organisiert, aber manchmal eben auch kühl. ­Andere Kulturen sind mehr beziehungsorientiert, das lerne ich in meinem Studium gerade und finde das cool und bereichernd.

In meiner WG wohnt ein Syrer, der ­Hannah arabisch ausspricht – so wie mein Opa. Er hat mir viel über Palästina erzählt und dass ­Attallah "Geschenk Gottes" bedeutet. Ich ­würde gern mal nach Palästina, aber ich stelle es mir schwer vor, dort als Frau zu reisen. Auf jeden Fall will ich mich bald mal mehr mit der palästinensischen Kultur beschäftigen.

 

Lars, Reinbek, studiert Philosophie

Mein Name sollte kurz und prägnant sein, drum habe ich auch keinen zweiten Vornamen: Lars. Meinen Eltern gefielen offenbar schwedische Namen, mein Bruder heißt Eric. Es ist schwer festzumachen, wann man einen Namen wirklich mag ­– aber ich hasse ihn auch nicht und finde es schön, fast immer der einzige Lars zu sein. Außerdem ist der Name so "langweilig", dass jeder weiß, wie man ihn schreibt, und ich nie negativ damit auffallen werde. Viel habe ich damit nicht ­erlebt (das ist wohl die Kehrseite, wenn er so unauffällig ist), besonders im Gedächtnis geblieben sind mir die Spitznamen "Larsi Hasi" und, wie könnte es auch anders sein, "Lars, der kleine Eisbär".

 

Abir, Rüsselsheim, FSJlerin in einer Schule für geistig behinderte Kinder

Meine ältere Schwester hatte eine Klassen­kameradin, die hieß Abir. Das gefiel meinen Eltern, sie kommen aus Marokko. Abir ist ein arabischer Name, er bedeutet "Duft von Blumen". Ich mag ihn, wie ich insgesamt Mädchennamen mag, die nicht auf -a enden. Die sind ja auch seltener. In der Schule haben einige Witze gemacht über meinen Namen. Zum Beispiel: "a Bier" (ein Bier auf Bayerisch). Das hat mich früher geärgert. Ich habe aber auch Spitznamen, die ich mag: Meine Mutter nennt mich oft Abura, manche sagen auch Abios. Im Deutschen klingt mein Name anders als im Original. Deutsche betonen die erste Silbe (Aaa-bir). Auf Arabisch ist das A nur ganz kurz und das R am Ende hört man deutlich (A-biiirrr). Ich finde das hübscher. Aber wenn ich mich vorstelle, benutze ich meist die deutsche Fassung. Bei der endet es ja sowieso fast immer.

 Privat Illustrationen: Amelie Persson

Charlotte, Hamburg, ist Hörakus­tikerin und beginnt im November ein Studium der Sozialen Arbeit

Früher hing in meinem Kinder­zimmer ein Foto von meiner Ur­oma, die hieß auch Charlotte. Meine Eltern haben mich aber auch nach der Lotte in ­Goethes "Werther" benannt, sie haben beide Germanistik studiert. Ich habe den Werther gerade für das Abitur gelesen. Lotte ist verlobt und behält ihre Gefühle für Werther erst mal für sich und trennt sich nicht. Das finde ich gut. Aber ich war noch nie in einer solchen Situation.

Früher fand ich Charlotte zu brav, deshalb haben mich viele Lotte genannt oder Charly. In der Ausbildung sagten die Kunden selbstverständlich Charlotte zu mir, und so habe ich mich dran gewöhnt. Jetzt finde ich den ­Namen gut. Ich höre auch oft, dass das ein schöner ­Name sei. Ein "anständiger" Name, mit dem man sich gut bewerben könne. Darüber kann ich mich heute freuen.

 

Taha, Berlin, macht eine Ausbildung zum Erzieher

Taha kommt aus dem Arabischen und ist einer der Namen des Propheten Mohammed. Im ­Koran heißt auch eine Sure Taha. In ihr geht es um die Berufung von Mose zum Propheten. Meine Eltern sind religiös und ihnen hat die Geschichte gefallen, so haben sie mich danach benannt. Auch alle meine Brüder sind nach Propheten benannt, zum Beispiel Isa (Jesus), Yahya (Johannes der Täufer) oder Zakariya (Zacharias).

Taha bedeutet Ruhe, ruhig, beruhige dich. Ich nehme das als Aufforderung, mich nicht zu sehr in etwas reinzusteigern. Zum Beispiel, wenn man mir bei einem Bewerbungs­gespräch sagt, dass ich gute Chancen habe, dann nicht sofort davon auszugehen, dass es klappt. Sonst bin ich nur enttäuscht, wenn ich dann doch ab­gelehnt ­werde. Ich finde meinen Namen auch schön, weil er so selten ist und mich zu etwas Besonderem macht. Außerdem ist es praktisch, dass Taha auf Arabisch und Deutsch gleich ausgesprochen wird. Wenn ich bei einer Behörde anrufe, ­fange ich trotzdem direkt an, ihn zu buchstabieren.

In der Ausbildung sagte mal eine blonde Lea: Was ist das denn für ein komischer Name! Dass sie das gleich so abwertend gesagt hat, fand ich merkwürdig. Wenn die Leute fragen, woher der Name kommt und woher ich komme, hilft das manchmal ja aber auch, im Positiven miteinander ins Gespräch zu kommen.
Wenn ich blöd angemacht werde in der Bahn zum Beispiel, dann nicht wegen des Namens, sondern wegen ­meiner schwarzen Haare. Denn man sieht natürlich sofort, dass ich einen Migrationshintergrund habe. Für manche bin ich kein Deutscher, obwohl ich hier aufgewachsen bin und einen deutschen Pass habe. Aber damit komme ich persönlich klar, ich bin ja nicht der Einzige, dem es so geht. Und manchmal gucke ich halt einfach blöd zurück.

 

Natalie, Olpe, Berufskraftfahrerin

Der 24. Dezember war mein Geburts­termin. Daher entschieden sich meine Eltern für diesen Namen. Er bedeutet nämlich "die zu Weihnachten Geborene". Dann kam ich erst Silvester. Und wurde trotzdem eine Natalie. Die meisten Leute schreiben meinen Namen falsch – mit h. Drum sag ich immer gleich: Natalie ohne "h" und mit "ie". Viele nennen mich Nata, ist auch okay.

 Privat Illustrationen: Amelie Persson

Jasper, Cochem, jobbt in einem Weinkeller

Meine Eltern hatten für mich ein paar Namen zur Auswahl, und mein damals dreijähriger Bruder hat das mitbekommen. Sie erzählen, wie er mit einer ­Fahne in der Hand auf einem Hocker sprang und rief "Jasper, Jasper, Jasper soll er heißen!" Er hat entschieden. Ich mag meinen ­Namen, er ist zwar selten, wird aber meist auf Anhieb richtig geschrieben. In Schleswig-­Holstein, wo ich herkomme, hört man ihn ab und an, manchmal auch als "Jes­per". Als ich zehn war, bevorzugte ich eine Zeit lang meinen zweiten Namen Max. Einmal war ich beim Arzt und hatte dort angegeben, dass ich "Max" heiße. Ich saß im Wartezimmer und wurde ein paar Mal aufgerufen, ohne dass ich reagierte. ­Meine Oma, die mit dabei war, natürlich auch nicht, weil sie auf "­Jasper" wartete.

 

Philine, Leipzig, ab Herbst Medizinstudentin in Riga

Philine kommt von Goethe, ­"Wilhelm Meisters Lehrjahre". Meine Eltern mochten das Buch und fanden den Namen Philine darin sehr schön. Mein zweiter Vor­name "Maria" ist Tradition bei den portugiesischen Verwandten meiner Mutter. Da heißen alle Frauen mit erstem oder zweitem Namen Maria; nur meine Mutter nicht. Ich mag "Philine" sehr gern. Er ist sehr selten, ich kenne niemanden, der ihn trägt; höchstens eine Feline, also anders geschrieben. Im Ausland ist es meistens schwierig, die Engländer sagen "Felaini" . . .  Das "PH" ist auch in anderen Sprachen wirklich schwierig. Sowieso muss ich den Namen immer buchstabieren, egal wo ich hinkomme. Aber das macht nichts. In der DDR gab es ein Knäckebrot, das hieß ­Filinchen. In Leipzig, wo ich gerade ein FSJ absolviert habe, kennen das alle und ich wurde echt oft angesprochen. Meine Abteilung im Krankenhaus hat mir dann auch mal ein Paket geschenkt. Ist lecker!

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