Lehrerin Julia Wöllenstein und Bildungsforscher Marcel Helbig über Bildungschancen und Brennpunktschulen

Hauptsache Gymnasium!
Marcel Helbig und Julia Woellenstein in der chrismon-Begegnung zum Thema Bildung

Kaja Smith

Julia Wöllenstein und Marcel Helbig am Küchentisch - und damit an dem Ort, an dem immer viel über Schule nachgedacht wird, Morgen für Morgen, Tag für Tag

Marcel Helbig und Julia Woellenstein, Kassel, Deutschland 2019

Und bloß keine Brennpunktschule! Dass Eltern so denken, 
schadet der Gesellschaft, sagen die Lehrerin und 
der Bildungsforscher. Was tun? Die Mischung macht’s, 
in Schulen wie in Stadtvierteln.

chrismon: Vor uns sitzen eine Lehrerin und ein Professor – zwei gelungene Bildungsbiografien. Wie kam’s?

Julia Wöllenstein: Meine Eltern sind Deutsche, sie kannten das Bildungssystem, ich bin einfach gut klargekommen.

Marcel Helbig: Zufall. Niemand aus meiner Familie hatte studiert, meine Eltern kommen aus der Arbeiterschicht. In der Oberstufe hatte ich wenig Lust auf Schule und musste das Abi zweimal machen. Nach der Bundeswehr habe ich mich eher wahllos für Ausbildungen beworben. Da sagte ein Freund: Die Uni in Erfurt hat wieder aufgemacht.

Julia Wöllenstein

Julia Wöllenstein, Jahrgang 1975, 
ist Lehrerin für 
evangelische Religion, ­Englisch und ­Dar­stellendes Spiel an 
der Carl-Schomburg-
Schule, einer 
Gesamtschule in 
Kassel. 2019 ist ihr Buch "Von Kartoffeln und Kanaken" 
(mvgverlag, 14,99 Euro) erschienen, mit dem sie zeigen möchte, 
wie Kinder mit 
unterschiedlicher 
Herkunft und 
Begabung besser
 miteinander lernen können.
Kaja Smith

Marcel Helbig

Marcel Helbig, 
Jahrgang 1980, hat seit 2015 die Sonderprofessur für "­Bildung und soziale Ungleichheit" von 
der Universität Erfurt und dem Wissenschaftszentrum ­Berlin für Sozial­forschung inne. Der Sozialwissenschaftler geht in seiner Arbeit vor allem der Frage nach, warum Städte, Gesellschaft und Schulen in Arm und Reich gespalten sind.
Kaja Smith

Es muss Sie dann ja ganz schön gepackt haben.

Helbig: Ich hätte mein Studium fast abbrechen müssen. Das hatte auch mit dem Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium zu tun, bei dem 17 Menschen ums Leben 
kamen. Zwölf davon kannte ich. Da war es schwierig, 
Klausuren zu schreiben. Gleichzeitig war es der letzte Wink, 
ich merkte: Junge, du musst dich jetzt hinsetzen. Dann kam das Interesse an Statistik und daran, die Gesellschaft in Zahlen zu fassen. Dass man landet, wo man landet, 
würde ich nie nur der eigenen Leistung zuschreiben. Die meisten Menschen vergessen, dass es um Strukturen geht – 
etwa um den Papa, der Kontakte hat. Oder um Zufälle.

An was für einer Schule arbeiten Sie, Frau Wöllenstein?

Wöllenstein: An einer Schule mit besonderen Heraus­forderungen, wie es heute heißt. Der Volksmund sagt: Brennpunktschule. 95 Prozent unserer Schülerinnen und Schüler haben einen Migrationshintergrund, viele ­kommen aus bildungsfernen Haushalten und aus einem Stadtteil, der schlecht durchmischt ist. Die Kinder haben wenig Kontakt mit Deutschen. Das ist ein Problem, wir wollen sie ja in die Mehrheitsgesellschaft entlassen.

"Viele wollen Anwalt oder Arzt werden"

Äußern Ihre Schüler Berufswünsche?

Wöllenstein: Viele sagen Anwalt oder Arzt, weil das klar umrissene Berufsbilder sind. Eine Schülerin möchte Krankenpflegerin werden. Viele Hauptschülerinnen wollen in den erzieherischen Bereich. Aber dafür braucht man einen Realschulabschluss. Ihr Praktikum in der 9. Klasse machen viele beim Onkel in der Dönerbude oder bei der Tante im Friseurladen. Um ein gutes Praktikum zu bekommen, muss man früh dran sein und auch mal eine schriftliche Bewerbung schreiben. Meine Schüler sind aber oft auf sich gestellt, gehen vor die Tür und sagen sich: Geh isch halt subway. Wir sagen ihnen natürlich, dass es einen nicht unbedingt weiterbringt, Baguettes zu belegen. Aber die Sicherheit, die sie brauchen, finden sie in ihrem Stadtteil.

Helbig: Ein Migrationshintergrund ist ja kein Problem, wenn es Diplomatenkinder sind. Wie viele Kinder an ­deiner Schule beziehen Transferleistungen vom Staat?

Wöllenstein: Fast alle. Manche Eltern arbeiten, viele sind angedockt bei VW. Aber eher als Leiharbeiter und ohne große Sicherheiten im Leben.

Helbig: Migration ist oft verknüpft mit Armut und ­Bildungsferne und führt häufig in die Segregation. Wir haben 2019 untersucht, wohin die Zuwanderer ziehen. Meis­tens sind es sozial benachteiligte Gebiete.

Warum ist das so?

Helbig: Nehmen Sie die Zuwanderer aus Syrien, die 2015/16 nach Deutschland kamen. Als ihre Asylverfahren abgeschlossen waren, bezogen viele erst mal Hartz IV, konnten sich also nur dort Mieten leisten, wo der Staat sie bezahlt – mit entsprechenden Folgen für die Schulen.

"In Finnland buttert man Kohle in die Brennpunktschulen"

Frau Wöllenstein, Sie warnen davor, dass wir eine ganze Generation von Kindern aufgeben. Warum?

Wöllenstein: Weil der gesellschaftliche Fokus nicht auf den Kindern liegt, mit denen ich arbeite. In Finnland versucht man, die Schüler viel stärker zu mischen, und buttert Kohle in die Brennpunktschulen rein. Es muss ­politisch gewünscht sein, dass Schulen wie meine bombas­tisch gute Arbeit machen und dass wir dafür richtig viel Geld zur Verfügung haben. Dann wären wir auch attraktiv für die bildungsnahen Eltern.

Welche Probleme gibt es in Ihrer Klasse?

Wöllenstein: Wir haben viele Kinder, die kommen in Deutsch nicht mehr auf ein muttersprachliches Niveau. Auch Kinder, die hier geboren sind, lernen ja oft erst mal die Muttersprache ihrer Eltern. Außerdem müssen wir oft kulturelle Konflikte lösen. Wenn die Türkei in die Kurdengebiete in Syrien einmarschiert, streiten sich Türken und Kurden auch auf dem Schulhof. Da sitzen nach der Pause Schüler mit hochrotem Kopf, an Unterricht ist nicht zu denken. Und es gibt den klassischen Streit um die Ehre. Ein Schüler beleidigt einen anderen, plötzlich ist die Ehre der ganzen Familie verletzt, und dann geht der Punk ab.

Helbig: Sind es kulturelle Konflikte, die deine Arbeit erschweren – oder ist es das soziale Umfeld, das konflikt­trächtiger ist, weil Migration und Armut eins sind? Ein Beispiel: Die sozial benachteiligten Gebiete im Osten sind kaum von anderen Kulturen durchdrungen, aber auch dort gibt es Konflikte im Miteinander. Ich habe mit ­einer Sozialpädagogin im Erfurter Norden gesprochen. Sie sagte, bei einer Schule mit 200 Schülern habe sie 40 bis 50 Kinder mit Gewalterfahrung in der Familie. Das wirkt sich natürlich aufs Klassenklima aus.

"Auf Gymnasien sind nicht nur die Schlauesten"

Warum hat die familiäre Herkunft eines Menschen in Deutschland so viel Einfluss auf den Bildungsweg?

Helbig: Die entscheidende Frage ist: Wer schafft es aufs Gymnasium? Das sind eben nicht nur die Schlauesten. Es gibt Gymnasiasten, die haben das Niveau von manchen Hauptschülern.

Wöllenstein: Aber deren Eltern verstehen unser Bildungssystem. Gerade in Bundesländern, in denen der Elternwille über dem Lehrervorschlag liegt, argumentieren die bildungsaffinen Eltern, es liege am Grundschullehrer, dass ihr Kind schlechte Noten hat. Nach dem Motto: Mein Kind ist hochbegabt, es hat nur keiner gemerkt.

Helbig: Und auf dem Gymnasium gibt es Angebote, die Personalchefs in der Wirtschaft immer noch als wichtig erachten. Zum Beispiel den Lateinunterricht.

Wöllenstein: Weil Latein eine Auswirkung darauf hat, wie sich jemand Sprachen aneignen kann?

Helbig: Nein, das ist die pure Distinktion. Das Signal ist: Seht her, ich komme aus einer ganz bestimmten Schicht. Studien zeigen, dass Schüler, die Latein hatten, mit einer um 20 Prozent erhöhten Wahrscheinlichkeit zum Vorstellungsgespräch eingeladen werden. Es gibt noch einen Glauben, der mit dem Gymnasium zu tun hat: dass Auslandsaufenthalte wichtig seien. Dadurch, dass Gymnasien von jeher Partnerschulen im Ausland haben, ist die Wahrscheinlichkeit, dass Gymnasiasten ins Ausland gehen, viermal höher als bei Gesamtschülern.

"Es hat mit patriarchalen Strukturen zu tun"

Wöllenstein: Es gibt aber auch kulturelle Unterschiede. Meine Schüler sagen: Ich habe Schwestern, da kann doch kein Austauschschüler ins Haus kommen! Die wissen gar nicht, was sie an Eindrücken verpassen.

Verstärkt der Islam so ein Problem?

Wöllenstein: Das hat mit patriarchalen Strukturen zu tun, die wir öfter noch in traditionellen muslimischen Familien vorfinden. Wir hören häufiger, dass es bei Mädchen nicht so wichtig sei, wie gut sie in der Schule sind, weil sie sowieso irgendwann verheiratet werden.

Helbig: Moment! Westdeutschland, 60er Jahre, Katholizismus – dass Mädchen damals keine Bildungserfolge hatten, lag nicht daran, dass sie blöder waren, sondern dass sie spätestens in Klasse 10 gefragt haben, wofür sie sich anstrengen sollen, wenn sie am Ende doch am Herd stehen.

Ist der überwiegende Teil Ihrer Schülerinnen im Patri­archat gefangen? Oder ist das eine Minderheit?

Wöllenstein: Es ist nicht die Minderheit, aber exakt be­ziffern kann ich es nicht. Ich habe sie nur bis zur 9. oder 10. Klasse, und in der Zeit haben sie noch andere Pläne. Oft trifft man sie später, wenn sie nicht mehr zur Schule ­gehen, auf der Straße und merkt: Oh, da ist jemand aber ­unterwegs abgebogen. Gerade Mädchen aus bildungsfernen 
Elternhäusern fügen sich ins traditionelle Rollenbild.

"Der Islam ist nicht schuld"

Helbig: Es ist totaler Quatsch, dass der Islam daran schuld ist. Die christlichen Kirchen haben doch die gleichen Geschichten über die Erwerbstätigkeit von Frauen erzählt. Eine Frau, die ihr einjähriges Kind in die Krippe bringt, gilt vielen heute noch als Rabenmutter.

Wöllenstein: Es sind patriarchale Strukturen, die Probleme schaffen, nicht der Islam an sich. Religionen waren immer schon patriarchal. Aber wir haben in Deutschland in den vergangenen 100 Jahren eine Entwicklung durchgemacht, die viele Menschen, die zu uns kommen, überfordert. Meine Schüler verstehen oft nicht, was Gleichberechtigung heißt. Und wir haben es ungleich schwerer, in einer Schule wie meiner mit den Kindern an einem demokratischen Grundverständnis zu arbeiten, weil wir sie von einem ganz anderen Wissensstand abholen müssen.

Helbig: Seit den Pisa-Studien geht es verstärkt um Lesefähigkeit, Mathe und Naturwissenschaften, also um die Verwertbarkeit des Wissens für die Wirtschaft. Die Lehrpläne müssten viel stärker die Erziehung zur Demokratie betonen. Und die Bindung zu den Religionen kappen.

Wöllenstein: Selbst ich als Religionslehrerin bin dafür, den Religionsunterricht abzuschaffen. Wir schaffen uns mehr Probleme als Lösungen, wenn wir anfangen, allen Religionen gerecht zu werden. Wir brauchen eine gemeinsame Kultur! Religion muss Privatsache sein.

"Wir brauchen Ethikunterricht für alle"

Aber ohne Religionsunterricht gibt es gar kein Gegen­gewicht mehr zu den Koranschulen.

Wöllenstein: Natürlich habe ich Angst vor den Koran­schulen. Meine Schüler lernen am Wochenende den ­Koran auswendig. Aber die gehen ja nicht in den christlichen ­Religionsunterricht. Wir brauchen Ethikunterricht, in dem alle Religionen gleichwertig beleuchtet und Werte und Normen vermittelt werden.

Mit islamischem Religionsunterricht hat der Staat die Chance, in die Ausbildung der Religionslehrer einzugreifen.

Wöllenstein: Dafür ist es zu spät. Was da für Leute im islamischen Religionsunterricht mitmischen, ist gefährlich. Konservative islamlische Verbände stecken zu tief drin, als dass liberale Muslime Lehrer für konfessionsge­bundenen Islamunterricht werden könnten. Die arbeiten mit an Lehrplänen, in denen es um die Rolle der Frau geht.

Wie brechen Sie Traditionen auf?

Wöllenstein: Ich versuche, Mädchen und Jungen gleichberechtigt zu behandeln. Wenn wir sehen, dass sich ­Mädchen zurücknehmen, stärken wir sie. Wir haben eine Mädchen-AG und sprechen viel mit den Eltern. Die be­gegnen uns mit Respekt und sind mit vielem einver­standen. Die Frage ist, ob sie es zu Hause umsetzen.

"Wir laufen auf eine extreme Spaltung im Schulsystem zu"

Die Zahl der Privatschulen ist seit 1992 um über 80 ­Prozent gestiegen. Wie erklären Sie sich diesen Boom?

Helbig: Die Pisa-Studie 2000 löste ein Misstrauen gegenüber dem öffentlichen Schulsystem aus. Besonders in Akademiker-Städten wurden viele private Grundschulen gegründet: Freiburg, Darmstadt, Potsdam, Regensburg, Jena – überall dort, wo viele Akademikereltern wohnen, gibt es besonders viele Privatschulen. Wir laufen auf eine extreme Spaltung im Schulsystem zu: Die Ärmeren und Bildungsfernen sind nicht auf den Privatschulen vertreten, die höheren Bildungsschichten umso mehr. Im Osten ist ein Viertel aller Akademikerkinder auf Privatschulen zu finden – aber nur vier Prozent derer, deren Eltern keine abgeschlossene berufliche Ausbildung haben.

Kann man Eltern vorwerfen, dass sie die beste Bildung für ihr Kind wollen?

Helbig: Nein, aber der Staat muss hinschauen, wie Privat­schulen die Kinder auswählen. Grundgesetz und Ver­fassungsrichter sind eindeutig: Ein Kind aus einer Familie, die Hartz IV bezieht, muss null Euro bezahlen. Aber der Staat guckt weg. In Hessen zum Beispiel gibt es so eine Vollermäßigung nur an der Hälfte der Privatschulen.

Auch linksliberale Eltern sagen oft, sie wollten eine Schule, an der nicht so viele Ausländer sind.

Wöllenstein: Wir haben so ungute Mischungen an den Schulen, dass auch ich es als problematisch ansehe, ein Kind aus bürgerlichem Haushalt auf eine Brennpunktschule zu schicken. Mit einem einzelnen Kind kann ich nichts anfangen! In den USA hat man versucht, People of colour mit weißen Schülern zu mischen, indem man sie mit Bussen in andere Viertel fuhr. Hat nicht funktioniert.

Helbig: Der Unterricht war für sie nur ein Ausflug in die Nachbarschaft. Grundsätzlich änderte sich aber nichts.

"Man müsste grundsätzlicher ansetzen"

Wöllenstein: Ein Schlüssel zur Integration könnten Elterncafés sein, vormittags, besonders für Mütter. Wir sind viel mehr als eine Bildungsanstalt, wir sind Familie und Zuhause für unsere Schüler und könnten mit so einem Café auch Eltern erreichen. Aber dafür müsste es Extrastellen geben, das können nicht wir Lehrer auch noch machen.

Helbig: Man müsste viel grundsätzlicher ansetzen, nämlich bei der Stadtplanung. Seit den 80er Jahren hat man in Westdeutschland sukzessive den sozialen Wohnungsbau abgeschafft und die Stadtplanung dem Markt überlassen. Als dann in den 90er Jahren die Einkommens- und Ver­mögensungleichheit zunahm, bildeten sich die Brennpunkte. Heute haben wir in Deutschland 36 große Städte, in denen jeweils die Hälfte der Kinder von Transferleistungen lebt. Wir müssen an die Verteilungsfrage ran und, zum ­Beispiel, über höhere Erbschaftssteuern diskutieren.

Claudia Keller

Claudia Keller ist chrismon-Redakteurin und zusammen mit Burkhard Weitz verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Sie hat Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln und in den USA studiert und war viele Jahre Redakteurin beim "Tagesspiegel" in Berlin. Sie interessiert sich für religiöse und ethische Fragen und schreibt gern über Auf- und Umbrüche des Lebens. Einmal ist sie bei Recherchen sogar zufällig auf ein Geheimnis in der eigenen Familie gestoßen und hat einen Bruder gefunden, von dem sie nichts wusste.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Nils Husmann

Nils Husmann studierte Politikwissenschaft und Journalistik an der Uni Leipzig und in Växjö, Schweden. Nach dem Volontariat 2003 bis 2005 bei der "Leipziger Volkszeitung" kam er über ein Praktikum zu chrismon. Seit dem Umzug der Redaktion nach Frankfurt/Main ist er chrismon-Redakteur. Nils Husmann interessiert sich für die Themen Umwelt, Gesellschaft, Sport und - Menschen. Nils Husmann ist Herausgeber des Buches "You'll never walk alone" in der edition chrismon.
Lena Uphoffchrismon Redakteur Nils Husmann, September 2017

Wöllenstein: Und die "Biodeutschen" müssen umdenken.

Wie meinen Sie das?

Wöllenstein: Große Teile der Mehrheitsgesellschaft haben gar kein Interesse daran, dass alle Kinder eine gerechte Chance auf dem Arbeitsmarkt bekommen und zur Konkurrenz für die eigenen Kinder werden. Man lässt es zu, dass sich viele Kinder mit Migrationshintergrund an bestimmten Schulen sammeln, und sagt dann: "Ich toleriere ihre Kultur, aber mein Kind geht nicht auf so eine Schule." Dieser strukturelle Rassismus ist vielen nicht bewusst.

"Die Forschung ist blind für soziale Ungleichheit"

Müsste sich die Lehrerausbildung ändern?

Helbig: Ja! Die Forschung kennt die Kategorie Brennpunktschule nicht und ist größtenteils blind für soziale Ungleichheit. Was guter Unterricht ist, analysiert man an Mittelschichtsklassen.

Wöllenstein: Man muss den Lehramtsstudenten auch den Zahn ziehen, dass sie vor allem Wissensvermittler sind. Auch in Gymnasien sind sie das nicht mehr. Es bräuchte mehr Pädagogik. Lehrersein ist Beziehungsarbeit.

Inwiefern?

Wöllenstein: Eine Bildungskarriere hat auch damit zu tun, ob du Bock hast, für deine Englischlehrerin zu pauken. Und ob du dich als Lehrerin auf die Kinder einlässt, ­ge­rade auf die schwächeren und traumatisierten. Wir müssen ­jedes Kind abholen, wo es steht. Das geht aber nicht, wenn man nur auf den Lehrplan schaut.

"Angst engt ein"

Wie lange sollten Kinder zusammen lernen?

Wöllenstein: Bis zur 10. Klasse.

Helbig: Ein längeres gemeinsames Lernen ist immer am Widerstand der Gymnasialklientel gescheitert. Der letzte Versuch in Hamburg zeigte, dass zum dortigen Volksentscheid die Menschen aus den besseren Vierteln zur Wahlurne gingen, die aus den armen Gegenden aber nicht.

Wöllenstein: Wenn Eltern fürchten, dass ihre Kinder Nachteile haben, weil sie mit meinen Schülern zur Schule gehen, haben wir verloren. Angst engt ein und lässt Vorurteile wachsen. Vor meinen Schülern muss sich niemand fürchten. Eine bessere Durchmischung ist wichtig, um Vorurteile abzubauen. Am Ende werden alle Kinder in einer Gesellschaft leben. 

Nebenbei gefragt

chrismon: Frau Wöllenstein, was war in der Schule Ihr Lieblingsfach?

Julia Wöllenstein: 
Religion, weil der 
Lehrer Religionen ­verglichen und gemeinsame ­Grundsätze ­gesucht hat. So stelle ich mir das Fach "­Werte und Normen" 
in meiner Klasse vor.

Träumen Sie ­manchmal von Ihrer Schulzeit?


Nein, dafür bin 
einfach noch zu oft 
in der Schule.

Was meinen Sie 
als Englischlehrerin: Harry Potter oder King Lear?


King Lear auf der 
Bühne, Harry Potter als Buch – oder als Film!

 

chrismon: Herr Helbig, ­
was war in der Schule Ihr Lieblingsfach?


Marcel Helbig: Ich hatte sogar zwei: Sport und Geografie.

Träumen Sie ­manchmal von Ihrer Schulzeit?


Nein, das kommt 
nie vor.

Worauf achten Sie, wenn Sie jemanden einstellen dürfen? 


Dass mir mein 
Gegenüber 
sympathisch ist.

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Lesermeinungen

Hauptsache Gymnasium! Und bloß keine Brennpunktschule! Dass Eltern so denken, schadet der Gesellschaft, …
Eltern vorzuwerfen, dass sie ihren Kindern Voraussetzungen für ein erfülltes und selbstverantwortliches Leben mitgeben wollen, halte ich für – mit Verlaub – realitätsfern, ja unverschämt. Gesellschaftlicher Schaden entsteht m.E. nicht durch solche vernünftig handelnden Eltern, sondern durch über Jahrzehnte gepflegte ideologische und offensichtlich erfolglose Positionen, wie sie die beiden Bildungsakteure im Interview äußern. Ich möchte nur zwei Aspekte herausgreifen. Warum ist es heute gesellschaftlich nicht mehr möglich zu diskutieren, dass neben einer hinreichenden staatlichen Ausstattung der Schulen, die Eltern in der Verantwortung stehen, ihre Kinder nach Kräften schulisch zu begleiten. Der ständige Verweis auf Armut und die materielle Spaltung der Gesellschaft offenbart m.E. ein traurig stimmendes Menschenbild und es ist gerade an diesem Ort zu fragen, ob menschliche Fürsorge und Zuwendung erst erwartbar sind, wenn das Einkommen stimmt. Ich komme selbst aus sehr, sehr, bescheidenen, ja, heute würde man sagen, bildungsfernen Verhältnissen und meine Eltern haben es dennoch fertiggebracht, mich und meine Geschwister zu erziehen und zu unterstützen. Bildungserfolg braucht das Zutun der Eltern. Wir müssen ein gesellschaftliches Klima schaffen, in dem Verantwortung auch wieder beim Einzelnen angesiedelt, dies auch als Leitbild begriffen und nicht lediglich an den Staat delegiert wird. Und zum Thema Migration. Wenn wir weiter fast reflexhaft relativieren, dass der Islam in seiner derzeit gelebten Form noch sehr starke patriarchalische Vorstellungen pflegt, ja, von den religiösen Eliten eingefordert werden, wir jedoch als an der Integration interessierte Gesellschaft darauf verzichten, gegenüber der islamischen Bevölkerung – ohne Ressentiments - deutliche Signale auszusenden, dass dies nicht unseren Wertvorstellungen entspricht, werden die Integrationsbemühungen vornehmlich im Sande verlaufen. Ich wüsste nicht, weshalb ein – und das ist als kulturelle Bereicherung zu begrüßen - gläubiger und in seiner Kultur gefestigter Moslem sich unserm Wertesystem öffnen sollte, wenn wir dieses nicht selber wertschätzen und selbstbewusst vertreten.
Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Volkmann

Sehr geehrte Frau Ott,
obwohl ich gar keiner Religion angehöre und auch noch nie einer angehört habe, lese ich fast regelmäßig Chrismon, das als Beilage zur FAZ zu uns kommt. Diesmal hat mir das Gespräch mit Julia Wöllenstein und Marcel Helbig besonders gefallen.
Meine Eltern waren Bahai, haben aber uns 5 Kindern freigestellt, wie wir uns entscheiden wollten. Aber ich habe den evangelischen Religionsunterricht besucht, sonst hätte ich da alleine eine Freistunde gehabt. Außerdem war dieser Religionsunterricht zumindest in der Oberstufe wirklich interessant. Irgendwann in der Schullaufbahn wollte ich zum katholischen Religionsunterricht wechseln um zu lernen was es da so gab. Das war nicht möglich, der katholische Pfarrer lehnte die Teilnahme eines "Heiden" an seinem Religionsunterricht ab.
Wie FrauWöllenstein bin ich der Meinung, dasses statt eines religionsunterrichts besser eine Art Ethik Unterricht und in der Oberstufe Philosophiegeschichte geben sollte. Zumindest in der Oberstufe hatte ich das vor fast 60 Jahren bei unserem Pfarrer Michel in Villingen.
Auch dem Leserbrief von Ernst Bening kann ich nur zustimmen.
Viele Grüße, ich bin gespannt auf die nächsten Chrismon Ausgaben.
Jörg B.

Sehr geehrte Redakteure,
einige Aussagen im Interview „Hauptsache Gymnasium“ können nicht unwidersprochen bleiben. Religionsunterricht ist verfassungsrechtlich geschützt (Artikel 7 GG) und vermittelt ebenso wie Latein essentielle Grundlagen unserer Kultur bzw. unseres zwischenmenschlichen Zusammenlebens. Beide Fächer sind weder elitär noch abzuschaffen bzw. zu ersetzen.
Gemeinsames Lernen (wie von Herrn Helbig gefordert) findet in den zahllosen Gesamtschulen besonders in NRW statt. Leider entsprechen diese oft wegen der Konstruktionsmängel (völlig unzureichende Leistungsdifferenzierung, zu geringe Leistungsanforderungen u.ä.) oft nicht den Ansprüchen vieler Eltern. Daher kann man Eltern verstehen, die ihre Kinder nicht gut im öffentlichen Schulsystem aufgehoben sehen. Gesamtschulen müssten grundlegend reformiert werden!
Nur über eine leistungsfähige Wirtschaft können die Steuern erwirtschaftet werden, die ein Schulsystem ermöglichen (mehr Personal u.ä.), welches Herr Helbig und Frau Wöllenstein sich wünschen.
Es wäre gut gewesen, wenn Sie diesem Interview von 01/20120 eines mit Vertretern anderer bildungspolitischer Positionen gegenübergestellt hätten. Es würde mich sehr freuen, wenn meine Position in Ihrer nächsten Leserpost erschiene.

Sehr geehrte Frau Ott, sehr geehrte Damen und Herren,
mit einiger Irritation habe ich in dem Artikel "Hauptsache Gymnasium" lesen müssen, dass man in den Lehrplänen "die Bindung zu den Religionen kappen" müsse (S. 26 unten) und dass man "den Religionsunterricht abschaffen" müsse. Wörtlich: "Wir brauchen eine gemeinsame Kultur! Religion muss Privatsache sein." (S. 27 oben).
Abgesehen davon, dass diese unkommentierten Äußerungen in einer kirchensteuerfinanzierten Publikation der EKD irritieren und im Übrigen mit der geltenden Verfassung nicht in Einklang stehen, ist das hinter diesen Äußerungen stehende pädagogische Konzept nicht auf der Höhe der Zeit und Fachlichkeit.
Es wäre zu begrüßen, wenn Chrismon in einer der nächsten Ausgaben über Schulprojekte berichtet, bei denen der Religionsunterricht ein elementarer Bestandteil einer integrierenden Schulkultur ist. als Beispiel möchte ich auf die Theodor-Heuss-Schule in Offenbach verweisen: www.achtenundstärken.de und hoffe sehr, über dieses erfolgreiche Projekt oder auch andere Projekte lesen zu können.
Mit freundlichen Grüßen

Prinzipiell teile ich die Bedenken von Frau Wöllenstein und Herrn Helbig, dass die Spaltung in unserer Gesellschaft immer größer wird und das momentane Bildungssystem dazu beiträgt. Auch ich sehe das mit Sorge. Dennoch bin ich etwas irritiert davon, dass Eltern, die ihre Kinder auf eine Privatschule schicken, als „strukturell rassistisch“ und als „Biodeutsche“ bezeichnet werden.
Mein Mann und ich sind beides Akademiker. Unser Sohn besuchte eine private Grundschule. Dort waren wir immer sehr zufrieden. Völlig arglos meldeten wir ihn an der Realschule unseres Wohnortes an, die einen hohen Migrationsanteil hat. „Biodeutsch“ wie wir sind, sahen wir darin kein großes Problem. Unser Sohn wurde dann zwei Jahre extrem gemobbt, obwohl er gern Teil der Klassengemeinschaft gewesen wäre. Da haben wir verstanden, dass es auch eine Ausgrenzung, einen „Rassismus nach oben“ gibt. Diesen Aspekt berücksichtigen Frau Wallenstein und Herr Helbig in ihren Aussagen überhaupt nicht.
Unsere Tochter ging auf die staatliche Grundschule. In der Klasse mit 22 Schülern und Schülerinnen gab es nur zwei Kinder ohne Migrationshintergrund.
Obwohl sie dort nette Freundinnen fand, mit denen sie sich gut verstanden hat, wurde sie in den ersten zwei Schuljahren sehr häufig Opfer von Gewalttaten. Während der ersten Klasse wurde sie so oft verprügelt, dass wir sie zum Kung-Fu-Unterricht anmeldeten. In der zweiten Klasse wurde sie so stark gewürgt, dass sie nachmittags noch Schluckbeschwerden hatte. Der Gipfel war ein sogenannter „Albanerkreis“, bei dem mehrere Jungs auf dem Pausenhof um sie herum in einem Kreis standen und sie schubsten, bis sie weinend auf dem Boden lag. Inzwischen ist sie auf einem Privatgymnasium.
Ich weiß nicht, auf welche Schulen die Kinder von Herrn Helbig und Frau Wöllenstein gehen, aber ich möchte mich nicht abwerten lassen, wenn ich meine Kinder auf Schulen schicke, von denen sie nicht mit psychischen oder physischen blauen Flecken nach Hause kommen.
Carmen S.

Ich verantworte die Erziehung und Entwicklung meiner Kinder. Sie beanspruchen Förderung in ihren Kompetenzen und Empathie im sozialen Umgang. Deshalb kann ich es nicht akzeptieren, dass sie auf eine Schule gehen, die ihnen diesen Anspruch nicht ansatzweise gerecht werden kann.

Meine Kinder gingen auf das Gymnasium. Trotzdem erlebten sie Diskriminierung auf hohem Niveau: Mein Sohn wurde. vom Schüleraustausch ausgeschlossen, weil "Dir Dein Vater das anderweitig besorgen kann". Sie mussten ihn dann doch mitnehmen, weil die gewünschten Kinder ausländerrechtlich nicht teilnehmen konnten und ich die Kosten für die nicht besetzte Stelle übernommen habe.

Ich habe grossen Respekt vor den Aufgaben, die die Lehrer Wöllenstein und Helbig zu bewältigen haben. Sie werden aber den Kindern nicht gerecht, wenn sie die sozial besser gestellten benachteiligen, um die sozial schwächer gestellten zu bevorteilen. Diese mangelnde Abwägung ist ein grosses Problem für unseren sozialen Rechtsstaat.