Was Thomas de Maizière aus der Bibel für seine Arbeit als Verteidigungsminister lernte

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Was Thomas de Maizière aus der Bibel für seine Arbeit als Verteidigungsminister lernte
Tun, was möglich ist
Das Wort - Tun, was möglich ist

Ahaok

Das Wort - Tun, was möglich ist

Verantwortliche Menschen müssen 
handeln, auch wenn sie sich irren und scheitern. Der Gedanke tröstet Thomas de Maizière.

 Wie oft haben wir im Gottesdienst den Wunsch gehört: "Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft, bewahre Eure Herzen und Sinne in Jesus Christus." Der Kanzelsegen steht in der Bibel im Brief des Paulus an die Philipper, Kapitel 4, Vers 7.

Ganz neu und wichtig wurde mir der Satz, als ich Verteidigungsminister war: Auf dem Kirchentag 2011 in ­Dresden diskutierte ich mit dem Ratsvorsitzenden der Evangelischen Kirche in Deutschland, Nikolaus Schneider, über Krieg und Frieden, über die ethische Rechtfertigung von Bundeswehreinsätzen, die nötigenfalls das Kämpfen, das Sterben und das Töten umfassen können.

"Sie sagten: Der Tod ihrer Söhne, Brüder und Partner dürfe nicht vergeblich gewesen sein"

Ich kam zu dieser Diskussion direkt aus Hannover von einer Trauerfeier für drei gefallene Soldaten. Für mich war es das erste Mal, bei solch einer Veranstaltung zu reden und mit den Angehörigen zu sprechen. Nur einen Tag ­zuvor war ein weiterer Soldat gefallen. In den Medien 
und auch auf dem Kirchentag wurden die Zweifel am Afghanis­tan-Einsatz der Bundeswehr lauter und drängen­der. Aber wir durften vor den Taliban nicht weichen.

Thomas de Maizière

Thomas de Maizière, geboren 1954 in Bonn, ist deutscher Verteidigungsminister. Nach dem Fall der Mauer war er Berater seines Cousins Lothar de Maizière, des letzten Ministerpräsidenten der DDR. Von 2001 bis 2005 amtierte er als Minister in Sachsen, dann ernannte Angela Merkel ihn zum Chef des Bundeskanzleramtes. 2009 wurde er Bundesinnenminister, im März 2011 übernahm er die Führung der Bundeswehr. Seit 2003 ist der promovierte Jurist Mitglied im Präsidium des Evangelischen Kirchentages. Thomas de Maizière ist verheiratet, hat drei Kinder, seine private Heimat ist heute Dresden.

Die Angehörigen hatten mir eindringlich gesagt, der Tod ihrer Söhne, Brüder und Partner dürfe nicht vergeblich gewesen sein. Ich war von alledem sehr bewegt und beendete meine Diskussionseinführung mit diesem Satz: Der Friede Gottes ist höher als alle Vernunft.

"Der wirkliche Friede liegt in der Hand und in der Macht Gottes"

Erst während der Diskussion auf dem Kirchentag ist mir klargeworden, dass dieser Satz auch eine Entlastung enthält: Wir als Menschen, als Politiker, als Soldaten oder Polizisten, werden den Frieden auf Erden mit noch so viel Vernunft nicht schaffen können. Der wirkliche Friede liegt in der Hand und in der Macht Gottes. Er ist höher als unsere Vernunft. Unsere Vernunft verpflichtet uns gerade, das zu tun, was uns Menschen gegeben ist, um den Frieden zu schaffen, der eben menschlich möglich ist. Aber dieser Friede wird eben immer unvollkommen sein – politisch und vor allem auch zeitlich und räumlich. Denn wir sind eben nur Menschen.

Im Kanzelsegen ist von Vernunft die Rede: Wir ­sollen unsere Vernunft nutzen, um Frieden zu stiften und zu erhalten, indem wir Kriegsursachen beseitigen und ­Konflikte ohne Gewalt lösen. Es kann aber auch bedeuten, Frieden, wenn nötig, wiederherzustellen. Und sei es auch nur, um erst einmal einen Waffenstillstand zu erreichen.

"Das Ziel des Friedens heiligt nicht alle Mittel"

Sicherheitspolitik muss Friedenspolitik sein. Politik für Frieden nach außen und im Innern. Aber wie alle Politik ist auch Friedenspolitik interessegeleitet. Das ist überall auf der Welt so. Und hoffentlich ist Sicherheitspolitik als Friedenspolitik auch vernunftgesteuert. Unsere Wertvorstellungen und die Würde des Menschen zu beachten, ist jedenfalls aus meiner Sicht nicht nur ein ethisches oder religiöses Gebot, sondern auch vernünftig.

Manchmal scheint es einfacher zu sein, sich mit ­lauter Stimme moralisch über Interessen und Zwänge in der Sicherheitspolitik zu erheben, aber nichts zu tun. Jedenfalls ist es einfacher, als in schwierigen Konstellationen und unter schwierigen Bedingungen selber Einfluss zu nehmen. Das Ziel des Friedens heiligt nicht alle Mittel. Aber der Weg zum Frieden muss Vernunft und Interessen, Kompromisse und notfalls auch einen polizeilichen oder militärischen Einsatz einschließen können.

"Wir sind keine schlechteren Menschen, wenn wir uns redlich aber erfolglos um Frieden bemühen"

Der Friede Gottes ist höher als alle Vernunft. Das heißt für mich: Wir dürfen und sollen seinen Frieden auf ­unserer Welt in den Blick nehmen, ihn als Ziel setzen, ihn als Maßstab benennen und uns nach ihm sehnen. Der ­Friede Gottes ist kein ganz anderer Frieden, der nichts zu tun hat mit unserer Arbeit auf der Welt.

Dennoch ist der Friede Gottes höher als all unsere menschliche Vernunft. Er ist mehr, als wir Menschen erreichen können. Wir scheitern nicht, wir sind keine schlechteren Menschen, wenn wir uns redlich und vernünftig, aber erfolglos um Frieden in unserer Welt bemühen. Das entlastet. Und ­dieser Gedanke hat mich getröstet, seit ich ihn so verstanden habe. Seit dem Kirchentag in Dresden 2011.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen, sehr geehrte Herren,
ich verstehen den Artikel "Tun, was möglich ist" von Herrn Maiziere nicht und wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie oder Herr Maiziere ihn mir erklären. Gott hat uns gesagt, du sollt deinen Nächsten lieben wie dich selbst. Er hat uns die Fähigkeit zu Denken und selbstständigem Handeln gegeben. Ich war bisher immer der Meinung, dass jeder Mensch für sein Handeln und die Resultate aus diesem Handeln eigenverantwortlich ist. Wie kann man dann sagen "Der wirkliche Friede liegt in der Hand und der Macht Gottes" ? Welchen "wirkliche Friede" meint Herr Maiziere ? Ich denke es geht in dem Artikel um den Frieden auf Erden. Angefangen im Kleinen, dem Umgang mit meinem Nächsten, bis hin zum gegenseitigen Umgang von Staaten und Völkern. Wenn nicht wir Menschen diesen Frieden auf Erden erreichen können, wer dann ? Es ist nach meiner Überzeugung auch falsch zu sagen, "Aber wie alle
Politik ist auch die Friedenspolitik interessegeleitet." Welche Interessen ? Politische Interessen sind z. B. Erweiterung des eigenen Machtbereiches, Steigerung des eigenen Wohlstandes, billige Rohstoffe etc. . Solche Interessen ergeben niemals Friedenspolitik. Ich hoffe es ist verständlich, wie falsch, ja sogar gefährlich ich den Artikel von Herrn Maiziere halte ! Die Verantwortung und Ergebnisse für das eigene Handeln mit der
Tatsache abzugeben, dass Gottes Vernunft höher ist, als die des Menschen ! Sie, liebe chrismon Redaktion, hätten daher diesen Artikel nach meiner Ansicht nie unkommentiert veröffentlichen dürfen. Und der Friede Gottes, der höher ist als alle Vernunft.

Seit dem Erscheinen von Chrismon lese ich interessiert das Magazin, da es aktuell ist. Etwas erstaunt fand ich im Heft 7 keine Äußerung darüber, dass wir gerade einem neuen Krieg im Nahen Osten entkommen sind. Wir wissen, dass es mit der Atomabrüstung nicht weitergeht und in Deutschland die Rüstungsexporte nicht eingestellt sind. Außerdem werden die Militärausgaben in jedem Jahr höher. Ich erinnere mich gut daran, als sich die Gläubigen der Kirchen in der gewaltigen Bewegung "Frieden schaffen ohne Waffen" für die-ses Ziel einbrachten. Warum ist das nicht wieder aktuell, obwohl die Gefahren doch heute wieder zunehmen. In der Leipziger Nikolai-kirche mit den damaligen Friedensgebeten sind gerade neue Friedensglocken angekommen, die bald für den Frieden läuten werden.