Wie Europa als Friedensmacht an Venezuela scheitert

Europa disqualifiziert sich selbst
Wir schlagen uns auf die Seite der Opposition - und fallen als Vermittler im Konflikt zwischen Guaidó und Maduro aus

Juan Guaidó, der Parlamentspräsident Venezuelas, liefert sich einen Machtkampf mit der Regierung unter Nicolás Maduro. Guaidó hat sich selbst zum Übergangspräsidenten seines Landes ausgerufen. Und Deutschland hat - wie Frankreich, Großbritannien, Spanien und andere EU-Länder auch – den Parlamentspräsidenten Anfang Februar als Staatsoberhaupt anerkannt. Es war eine falsche Entscheidung. Den Menschen in Venezuela ist mit ihr jedenfalls nicht gedient.

Toni Keppeler

Toni Keppeler, Jahrgang 1956, ist Dozent an der Zeitenspiegel-Reportageschule in Reutlingen und der Burda Journalistenschule in Offenburg. Der freie Journalist war zuvor Journalismusprofessor an der Zentralamerikanischen Universität in San Salvador, Korrespondent für Mittelamerika und Karibik und Auslandsredakteur bei einem Schweizer Nachrichtenmagazin
PrivatToni Keppeler

Man muss kein Freund Maduros sein, um das so zu sehen. Man kann die Legitimität seiner Wiederwahl anzweifeln. Man kann seinen undemokratischen Umgang mit den Institutionen des Landes, seine repressive Politik gegenüber der Opposition und seine Blindheit vor dem Hunger im Volk verurteilen. Man kann allerdings genauso die nur scheinbar verfassungskonformen Argumente infrage stellen, mit denen Guaidó seinen Griff nach der Macht legitimiert.

Einmischen darf man sich so oder so nicht. Wenn eine Regierung den selbst ernannten Präsidenten anerkenne, der offensichtlich die Macht nicht ausübe, begehe sie eine "völkerrechtswidrige Einmischung in die inneren Angelegenheiten Venezuelas", sagte etwa der Augsburger Völkerrechtsprofessor Christoph Vedder der "Süddeutschen Zeitung".

Das Ideal einer friedlichen Lösung verraten

Ganz abgesehen vom Völkerrecht haben Guaidós europäische Verbündete auch das Ideal einer friedlichen Lösung von Konflikten verraten. Sie haben sich ganz ohne Not auf eine Seite geschlagen und sich so als mögliche Vermittler unmöglich gemacht. Sie haben den Konflikt sogar noch zugespitzt. Warum sollte Guaidó mit dem international immer mehr isolierten Maduro eine friedliche Lösung aushandeln, wo ihm - außer den USA und vielen lateinamerikanischen Regierungen - nun auch noch die wichtigsten europäischen Länder den Rücken stärken?

Sie alle unterstützen einen Mann, dessen erklärtes Ziel es ist, die Armee oder mindestens Teile davon auf seine Seite zu ziehen. Sollte ihm das gelingen, wird ein Bürgerkrieg immer wahrscheinlicher. Venezuela braucht etwas anderes. Das Land braucht Freunde, die auf einen Dialog beider Seiten drängen. Und die Garanten dafür sein können, dass dieser Dialog auch ernsthaft geführt wird.

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Lesermeinungen

Sehr geehrter Herr Toni Keppeler

Mit "Erschrecken" udn Verwunderung habe ich in der Ausgabe 03.2019 Ihren Artikel über Venezuela gelesen.

Ich glaube, Sie verkennen die Realität, oder wollen es so.

Wie kommen Sie dazu, Europa des Verrats zu besichtigen, weil hier mutige Menschen sich gegen ein
Unrecht stellen und Herrn Maduro die Legitimation aberkennen, sein Volk zu führen ?

Denn die Sache ist doch ernster, komplizierter, als Sie es dem Leser erklären.
Ihre Antwort dazu ist natürlich der einfachste Weg.
Sich raushalten.
Andere das machen lassen.
Vom Frieden reden, aber denen, die ihn erreichen wollen, zu verurteilen und ihnen nahezulegen, sich
besser rauszuhalten.
Da machen Sie sich es mit Ihrem Artikel zu einfach.

Ich finde es sehr befremdlich, gerade für eine Zeitung wie chrismon, sich auf so eine
Argumentation festzulegen.
Oder vielleicht gerade, weil es chrismon ist !?

Hoffen wir, für ALLE Venezoelaner, dass es bald zu vernünftigen Lösungen kommt, das sich die Richtigen immer
wieder mit einmischen und nicht die Augen verschleißen, vor dem, was getan werden muss.
Nämlich denen Unterstützung geben, die sich an demokratische Grundideen richten und nicht, die ihr Volk unterdrücken und
die Menschenwürde als etwas zu Bekämpfendes ansehen.

Herzliche Grüße