Jesuitenpater Klaus Mertes über die Aussendungsrede Jesu

"Danach setzte der Herr zweiundsiebzig andere ein und sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er gehen wollte, und sprach zu ihnen: Die Ernte ist groß, der Arbeiter aber sind wenige. Darum bittet den Herrn der Ernte, dass er Arbeiter aussende in seine Ernte. Geht hin; siehe, ich sende euch wie Lämmer mitten unter die Wölfe. Tragt keinen Geldbeutel bei euch, keine Tasche, keine Schuhe, und grüßt niemanden auf der Straße. Wenn ihr in ein Haus kommt, sprecht zuerst: Friede sei diesem Hause! Und wenn dort ein Kind des Friedens ist, so wird euer Friede auf ihm ruhen; wenn aber nicht, so wird sich euer Friede wieder zu euch wenden. In demselben Haus aber bleibt, esst und trinkt, was man euch gibt; denn ein Arbeiter ist seines Lohnes wert. Ihr sollt nicht von einem Haus zum andern gehen. Und wenn ihr in eine Stadt kommt und sie euch aufnehmen, dann esst, was euch vorgesetzt wird, und heilt die Kranken, die dort sind, und sagt ihnen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen."
10, 1-9
Jesuitenpater Klaus Mertes über die Aussendungsrede Jesu
Steine unter den Füßen
Jesus rät seinen Jüngern, es sich nicht bequem zu machen. Klaus Mertes hat’s ausprobiert.

Ich wurde 2016 als Referent zum Katholikentag in Leipzig eingeladen und sagte zu. Ein paar ­Wochen später bekam ich vom Veranstaltungs­büro einen dicken Packen Papier zugesandt, darunter auch das Angebot einer Hotelunterkunft oder wahl­weise die Möglichkeit, bei einer Familie unterzukommen, die bereit wäre, Kirchentagsgäste auf­zunehmen. Ich zögerte. Ich mag die Bequemlichkeiten eines Hotels mit berechenbarem Service, wo einen an­sonsten niemand stört und wo man nach einem langen Tag allein sein kann. Bei einer gastgebenden Familie gibt es da ein paar Un­berechenbarkeiten: Sie nimmt freundlich auf, hat aber vielleicht auch unausge­sprochen einige Erwartungen. Und vielleicht gibt es auch ­Kinder, die mich zu früh aufwecken. Ich bin nämlich ein ­Morgenmuffel. 

Klaus Mertes

Klaus Mertes ist Jesuit, ­Buch­autor und ­leitet das Kolleg St. Blasien im Schwarzwald. Von 2000 bis 2011 war er Rektor des Canisius-Kollegs in Berlin.
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Da kam mir die Aussendungsrede Jesu in den Sinn, mit der ich mich ein paar Tage zuvor beschäftigt hatte: Jesus "setzte zweiundsiebzig andere ein und sandte sie je zwei und zwei vor sich her in alle Städte und Orte, wohin er gehen wollte . . . Siehe, ich sende euch wie Lämmer unter die Wölfe . . . Sagt allen: Das Reich Gottes ist nahe zu euch gekommen." (Lukas 10,1–9)

Wie Lämmer unter die Wölfe: Das ist eine drastische Beschreibung für die Gefahr, die Jesus sieht. Also: Nehmt kein Futter für die Wölfe mit.

Erstens: "Tragt keinen Geldbeutel bei euch." (Lukas 10,4) Die Welt und die Wölfe schauen auf das Geld. Also weglassen! Aber Jesus kennt seine Leute. Er sagt sich: Na ja, dann kauft ihr ein Überlebenspaket und packt es in den Rucksack. Also: "Tragt keine Tasche bei euch."

Seid nicht bloß höflich!

Dann kommt die nächste Sicherheit, auf die sie ver­zichten sollen: auf die Schuhe. Sie schützen vor Dornen und Glasscherben, aber auch davor, berührt zu werden. Sich von etwas berühren zu lassen, ist die Voraussetzung dafür, dass man mit dem ganzen Körper aufmerksam ist und nicht nur mit dem Kopf. Also: Lasst die Schuhe weg. Mose zog vor dem brennenden Dornbusch auch die Schuhe aus. Und wenn ihr in die Häuser geht, müsst ihr sie sowieso ablegen. Zieht sie gleich aus. Vertagt die Aufmerksamkeit nicht auf morgen, nach dem Motto: Ich ­werde morgen aufmerksam sein, heute lieber noch nicht.

Der vierte Rat ist besonders schwierig zu verstehen: "Grüßt niemanden auf der Straße." (Lukas 10,4) Ich erinnere mich, wie jemand im Bibellesekreis protestierte: "Das ist doch unhöflich!" Das brachte mich auf eine neue Spur. Der Rat lautet: "Seid nicht bloß höflich!" Blockiert eure Aufmerksamkeit nicht durch Höflichkeitsregeln und Gewohnheiten. Viele Menschen, die Jesus auf dem Weg begegnen, gehen nicht höflich mit ihm um: Sie schreien, sie lassen sich nicht abweisen, sie überspringen Anstandsregeln, Reinheitsregeln. Und auch Jesus ist nicht immer höflich. Er bleibt nicht immer stehen für einen Plausch, grüßt nicht immer nach rechts und links und kann sehr unfreundlich werden. Er konzentriert sich auf die Wirklichkeit, die nicht nach Regeln auf uns zukommt, sondern überraschend. 

Sich auf Fremdes einlassen

Aber wie soll man das heute leben? Und was hat das ­damit zu tun, allen zu sagen, das Reich Gottes sei nahe? Mit Jesu Aussendungsrede im Ohr entschied ich mich beim Katholikentag für die herausforderndere Variante: für die Gastfamilie. Sie wohnte am Rand von Leipzig, stammte aus religionslosen DDR-Verhältnissen, hatte im Radio davon gehört, dass Gastfamilien gesucht werden, wollte gastfreundlich sein und bei der Gelegenheit einmal einen Katholiken beschnuppern. Sie waren neugierig auf ein solches fremdes Wesen.

Beim Frühstück kam es zu Gesprächen über Gott und die Welt. Ich verpasste das Schlendern über die Katholikentagsmeile und wäre bei­nahe zu spät zu meiner Veranstaltung gekommen. Und so ging es die ganzen Tage weiter. Selten habe ich so viel über Gott, die Welt und das Evangelium gesprochen und gehört. Aha! So also funktionierte Mission in der Urkirche, dachte ich mir. Sich auf den Weg machen, angewiesen auf Gastfreundschaft, und reden, wenn man eingeladen wird.

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