Der Soziologe Armin Nassehi über die Allmacht Gottes

"O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas gegeben, so dass Gott ihm etwas zurückgeben müsste? Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen."
11, 33-36
Der Soziologe Armin Nassehi über die Allmacht Gottes
Wäre Gott ein Algorithmus
Auch dann wären die Wege des Herrn unergründlich. Ist das logisch, und wie soll man sich das vorstellen? Eine Annäherung von Armin Nassehi.

Das Apostolische Glaubensbekenntnis beginnt mit dem Bekenntnis zu Gott, dem Allmächtigen, dem Schöpfer des Himmels und der Erde. Die Allmacht ist das, was Gott von den Menschen mit ihrem begrenzten Vermögen unterscheidet.

Gottes Allmacht ist für seine Geschöpfe unbegreiflich. Die Wege des Herrn sind unergründlich, sagt der Volksmund. Paulus drückt das im Römerbrief so aus: "O Tiefe des Reichtums, der Weisheit und der Erkenntnis Gottes! Wie unergründlich sind seine Entscheidungen, wie unerforschlich seine Wege! Denn wer hat die Gedanken des Herrn erkannt? Oder wer ist sein Ratgeber gewesen? Oder wer hat ihm etwas gegeben, so dass Gott ihm etwas zurückgeben müsste? Denn aus ihm und durch ihn und auf ihn hin ist die ganze Schöpfung. Ihm sei Ehre in Ewigkeit! Amen." (Römer 11,33–36) Die klassisch theologische Vorstellung von Allmacht folgt einem patriarchalischen oder caesaristischen Verständnis von Herrschaft und stammt aus der Zeit, als dieser Text entstand.

Heute fürchten die Menschen eher allmächtige Algorithmen als allmächtige Herrscher. Vielleicht würde man heute die Allmacht und Unergründlichkeit Gottes eher als formallogisches System verstehen, als alles eindeutig bestimmenden Algorithmus.

Wir müssen die Algorithmen gar nicht fürchten

Algorithmen sind Listen von abzuarbeitenden Kondi­tionalprogrammen. Sie bestimmen vollständig nach ­eigenen Regeln über das, was sie tun. Wie sie zu ihren ­Ergebnissen kommen, scheint ganz unergründlich. ­Nehmen wir also versuchsweise an, Gott wäre genau dies, ein Allmächtiger, der dem Programm seiner Schöpfung tatsächlich ­eine eindeutige Form gegeben hätte, wie es die Algorithmen tun. Das könnte helfen, das Dogma der Allmacht neu zu verstehen.

Prof. Dr. Armin Nassehi

Armin Nassehi, Jahrgang 1960, ist Professor für Soziologie in München und Herausgeber der Zeitschrift "Kursbuch". Nassehi ist Katholik, er ließ sich mit 18 taufen. Sein Vater stammt aus dem Iran.
Hans Günther Kaufmann

Der Mathematiker Kurt Gödel hat 1931 nachgewiesen, dass es auch in der Mathematik (wie in allen formalen Systemen) logische Sätze gibt, die nicht rein formal bewiesen beziehungsweise berechnet werden können. Aus seinem sogenannten Unvollständigkeitssatz folgt: Auch der Algorithmus kann nicht das Denken und Wissen in seiner Ganzheit darstellen oder simulieren. Algo­rithmen sind also nicht allmächtig. Sie wirken nur so, weil sie ­extrem leistungsfähig sind. Wir müssen sie gar nicht fürchten.

Es war Gottes ­Wille, dass der Mensch frei ist

Das heißt auch: Die Welt ist nicht algorithmisch ­strukturiert. Und Allmacht wäre eine logisch unmögliche Figur. Nicht einmal der Allmächtige hätte die vollständige Kontrolle über die Welt. Es ist, als würde Gott sagen: Ich habe zwar alles erschaffen, aber nicht alles im Griff.

Man könnte einwenden: Gödels Unvollständigkeitssatz gilt sicherlich für den begrenzten Menschenverstand, aber nicht für Gottes Allmacht. Denn die ist Ausdruck seines unbegrenzten Willens. Es war aber eben auch Gottes ­Wille, dass der Mensch frei ist. Gott hat so der Zeit und der Geschichte einen unvorhersagbaren Verlauf gegeben. So ist eine von dem Allmächtigen gewollte Unbestimmtheit in seine Schöpfung gekommen.

Gott musste einfach Mensch werden

Ob Gott sich selbst zurückgenommen hat oder ob ihm nichts anderes übrigblieb, wissen wir nicht. Doch die im Römerbrief beschriebene Unergründlichkeit Gottes kann man nun sogar so verstehen, dass sich der allmächtige Schöpfer einer geschichtlichen Welt selbst unergründlich bleiben muss.

Dass alles, was in der Geschichte passiert, letztlich unergründlich bleibt, muss aber doch einen allmächtigen Gott herausfordern! Gott gibt dem Menschen die Freiheit, auch das Schlechte und Falsche zu tun. Wenn er den Lauf der Geschichte ändern will, ohne dem Menschen die Freiheit zu nehmen, kann er nur durch sein Vorbild und seine Güte wirken. Dafür muss er selbst Mensch werden. In­sofern hat vielleicht die Unergründlichkeit der Schöpfung die Menschwerdung Gottes schon aus formallogischen ­Gründen nahegelegt.
Gott ist einer von uns. Ist das blasphemisch? Nun, es wäre fast eine göttliche Blasphemie.

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