Die Theologin Anne Gidion über Versöhnung

"So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!"
Die Theologin Anne Gidion über Versöhnung
Lasst euch versöhnen!
Gar nicht so einfach, hat die Theologin Anne Gidion auf einer Reise ins Baltikum gelernt.

Versöhnlich leben, bereit sein zur Vergebung, ­andere um Vergebung bitten. Das ist mir ­wichtig. So möchte ich leben. Ich mag das große warme Wort Versöhnung.

Vergangenes Jahr war ich eine Woche vor Karfreitag mit Pastorinnen und Pastoren aus der Nordkirche in Riga. Mit Kolleginnen und Kollegen aus Lettland und Estland und einem Pastor der evangelischen Minderheit in Litauen sprachen wir über den Umgang mit der Vergangenheit, in unseren Kirchen und in der eigenen Bio­grafie – 30 Jahre nach dem Fall des Eisernen Vorhangs.

Anne Gidion

Anne Gidion, Jahrgang 1971, ist Rektorin im Pastoralkolleg Ratzeburg. Dort werden  Pastorinnen und Pastoren, der Nordkirche fortgebildet. Zu ihren Schwerpunktthemen zählen Kunst und Kultur, Gottesdienst und Predigt, Gemeindeentwicklung und Diakonie.
Privat

Viele von uns Deutschen wuchsen im Westen auf, haben dort studiert, jetzt arbeiten sie im Osten. Bei anderen ist es umgekehrt. Einige arbeiten in Gemeinden, die um Ver­söhnung mit der eigenen Geschichte ringen. Fast alle ­Gemeindeglieder aus der Luthergemeinde in Riga, unserer Gastgeberin, verloren zur Zeit der russischen Besatzung Freunde und Verwandte, die nach Sibirien verschleppt wurden. Sie reden nichts Schlechtes über die vielen Nachbarn aus der Sowjetzeit, Russen. Aber die Wut ist noch da.

"Die Leute haben sich im Nichtversöhnten eingerichtet, im kalten Schweigen"

Wir besuchen einen älteren Pastor im Kurland. Seine Gemeinde war in der Sowjetzeit ein Ort der Freiheit für viele. Nach 1990 erfuhr er: Etliche Gemeindeglieder arbeiteten für den KGB. Jemand fragt: "Als die Akten offen waren, ist da je einer gekommen und hat um Vergebung ge­beten? Sie kannten sich doch alle." Er überlegt. Blinzelt durch seine dicke, schiefe Brille. "Nein", sagt er. "Kein Einziger."

Wir lesen gemeinsam den Paulustext aus dem 2. Korin­therbrief 5,20. "So sind wir nun Botschafter an Christi statt, denn Gott ermahnt durch uns; so bitten wir nun an Christi statt: Lasst euch versöhnen mit Gott!" Was heißt es, "sich mit Gott zu versöhnen"? Wie viel Ausgleich braucht es zum Versöhnen? Braucht Versöhnung die anderen? ­Brauchen die anderen, dass ich mich mit mir und meiner Geschichte versöhne? Wie viel muss ich mich versöhnen, wie viel werde ich versöhnt? Einer sagt: "Aber die Liebe von Christus drängt doch zur Versöhnung. Das schreibt doch Paulus! Unversöhntes darf nicht einfach stehen bleiben!" Andere berichten, wie sich die Leute im Neben­einander eingerichtet haben, im Nichtversöhnten, im kalten Schweigen. Gibt es kalte Versöhnung oder nur warme?

"Erst mal wütend werden, das ist schon viel. Benennen, was schmerzt"

Eine Traumatherapeutin fordert uns heraus. "Warum immer versöhnen? Erst mal wütend werden, das ist schon viel", sagt sie. "Benennen, was schmerzt. Sich und anderen eingestehen, wie es subjektiv war. Nicht gleich fragen, wie man es lösen kann." – Kann ich das? Will ich nicht immer konstruktiv sein? Was sagt denn Paulus, wo die Versöhnung herkommen soll? Die Liebe Christi "drängt" uns, Liebe, die von Christus ausgeht, nicht die Liebe zu Christus. ­Damit fängt christlicher Glaube an, das ist das Zentrum. Eine Liebe, die wie jede lebendige Liebe Beziehung sucht. Resonanz. Antwort. Ich habe noch immer Fragen.

Am letzten Nachmittag läuft jeder aus der Gruppe allein eine Stunde durch den eiskalten Frühlingsnachmittag. Wir suchen nach etwas, das versöhnt werden will: eine nicht verziehene Trennung, ein nicht ausgelebter Vaterstreit. Alle suchen einen Gegenstand, der sich mit diesem Thema symbolisch verbinden lässt: eine Scherbe, eine Plastikrose, ein zerknülltes Taschentuch aus der eigenen Handtasche. Ich finde einen abgebrochenen Flaschenhals mit Erde, braunes Glas. Aus dem Erdrest schiebt sich etwas frisches Grün.

"Seit dem Abendmahl suche ich nach Dreck auf Altardecken, Versöhnungsresten"

Als wir mit den Dingen wieder zusammensitzen, werden wir offener. Auf einmal passt alles besser zusammen. Dann feiern wir Abendmahl: in der Mitte auf dem Altar neben Brot und Wein die kleinen muckeligen Symbole, Spuren unserer Erinnerungen und unseres ungelebten Zorns. Für Gott. Nach dem Abendmahl nimmt unser Gastgeber die Gegenstände mit. Er werde sie im ­Gemeindegarten vergraben, sagte er. Die Kränkungen sind damit nicht weg, aber benannt. Sie sind Gott als Bitte um Versöhnung hingehalten und dann begraben.

Am Ende bleibt etwas Dreck auf der Altardecke, der aus meinem braunen Flaschenhals gebröselt ist. Versöhnung geht nicht rückstandsfrei. Seitdem suche ich nach Dreck auf Altardecken. Nach Versöhnungsresten.

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