Die Pianistin Serra Tavsanli und ihr Weg aus der Krise

"So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren ­Vater im Himmel preisen."
5, 16
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Die Pianistin Serra Tavsanli und ihr Weg aus der Krise
Licht ins Dunkle
Johann Sebastian Bachs Musik ist 
meine Himmelsleiter, sagt die türkische 
Pianistin Serra Tavsanli

Vor drei Jahren fand ich mich in einer sehr ­dunk­len Phase meines Lebens wieder. Nach nicht 
einmal sechs Jahren war meine Ehe zerbrochen. Ich fand keine eigene Wohnung und musste trotz Trennung in der gemeinsamen Wohnung weiter ­leben. Es schien eine ausweglose Situation zu sein.

Serra Tavsanli

Serra Tavsanli, Jahrgang 1978, Pianistin aus ­Istanbul, studierte Klavier in Hannover, Detmold und 
Leipzig. Sie lebt in Hannover. Ihre CDs: "Mit Bach 
in die Gegenwart" (2011) und "Luther & Bach" (2017).
Nele MartensenSerra Tavsanli

Nur meinem Agenten ist es zu verdanken, dass ich weiter an meinem großen Wunsch festhielt, eine CD über Luther und Bach einzuspielen. Ich hatte ein Ziel, an dem ich festhalten konnte, begann aber, in zwei Welten zu leben: in der einen mit meinem Mann und – tagsüber, während er bei der Arbeit war – in der von Bachs Musik. Im Wechsel dieser Welten fühlte ich mich wie ein Baum, der jeden Abend entwurzelt und jeden Morgen wieder eingepflanzt wird. Eine Art Dunkelheit absorbierte meine ganze Energie. Allmählich verlor ich mein Selbstwertgefühl.

"Ein Satz traf mich wie ein Schlag"

Ein Satz meiner Therapeutin traf mich in dieser Zeit wie ein Schlag. Sie sagte: "Die Dunkelheit kann man mit Licht besiegen." Das erinnerte mich an einen Vers aus dem ­Mat­thäusevangelium: "So lasst euer Licht leuchten vor den Leuten, damit sie eure guten Werke sehen und euren ­Vater im Himmel preisen." (Matthäus 5,16) Plötzlich erschien mir alles logisch: Ich muss mein Licht aufdrehen, dann wird die Dunkelheit verschwinden.

Von da an begann ich, meine Aufmerksamkeit neu auszurichten. Ich wollte mich nicht länger von Wut und Ärger bestimmen lassen und vom Gefühl, ungerecht behandelt zu werden. Ich wollte wieder Verantwortung für mich übernehmen und kämpfte gegen alles an, was mich von der Musik abhielt: gegen Trägheit, gegen quälende ­Fragen, warum diese Ehe mir passiert ist und wie ich daran mitgewirkt habe, gegen das Urteilen über andere, wer wie zu leben hat. Ich wollte mein Licht zum Leuchten bringen.

"Ich dachte: Schlimmer geht es wohl nicht"

Die Heilung setzte ein. Ich konzentrierte mich ganz auf das Klavierspiel, auf die Musik. Wenige Monate ­später erschien meine CD. Und nach drei weiteren Monaten fand ich auch eine eigene Wohnung in unserem Viertel in ­Hannover. Eine Freundin hatte sie vermittelt. Unter 62 Bewerbern hatte ich den Zuschlag bekommen.

Nach dem Umzug am Weltfrauentag, dem 8. März 2017, bin ich erneut abgestürzt. Plötzlich war ich allein in den neuen Räumen, an dem Tag auch ohne meine Tochter. Überall standen Umzugskartons. Ich kroch unter ­meinen Flügel, wo ich mich am sichersten fühle und dachte: Schlimmer geht es wohl nicht mehr. Natürlich hätte es noch schlimmer kommen können, wenn meiner Tochter etwas passiert wäre, oder dem Flügel oder wenn ich gar keine Wohnung gefunden hätte. Aber in dem Moment ließ ich die Tränen laufen und fing an zu beten: "Ich weiß nicht, wo lang? Ich weiß nicht, wie ich mein Licht auf­drehen soll, kannst du mir deinen Pfad zeigen?"

"Eine Beziehung von Gleich zu Gleich"

Inzwischen habe ich mein Urvertrauen wiederge­funden, das Gefühl: Gott wird alles richten. Ich weiß: Wenn ich bete, ist Gott bei mir. Das ist wie beim ­Klavierspiel – dann ist Bach bei mir. Johann Sebastian Bach spricht durch seine Musik zu mir. Seine Musik ­wurde meine ­Leiter zum Himmel. Auch er hat nach vielen Rück­schlägen immer wieder zu großer Kunst zurückge-
funden. Ich lernte durch Bach, wie viel Kraft in mir steckt. ­Negative Gedanken verwandeln sich in neue Ideen. Seine Musik wurde mein Gebet.

Diese Erfahrung möchte ich weitergeben. Ich glaube, dass jeder Mensch sein Licht zum Leuchten bringen kann. "Ich ruf’ zu dir, Herr" – so heißt das letzte Stück auf ­meiner CD. Das Cover habe ich selbst gestaltet. Vorne bin im schwarzen Jackett abgebildet, männlich und stark. So, wie ich mir Martin Luthers Frau vorstelle, die der Reformator "Herr Käthe" nennt, und mit der er bei Tisch debattiert, eine Beziehung von Gleich zu Gleich.

"Meine eigentliche Hochzeit"

Auf den Innenseiten des CD-Covers trage ich ein blaues Kleid, blau wie der Himmel, nicht rot wie beim Stierkampf. Das soll zeigen: Ich fühle mich von Gott umarmt. Auf der Rückseite bin ich weiß gekleidet. Das steht für das Los­gelöste, die Befreiung. Es ist meine eigentliche Hochzeit – bei der ich in allen Lagen "Ja" zu mir sagen kann.

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