Warum die Schriftstellerin Judka Strittmatter Gott dankte


"Der Herr aber, der selber vor euch hergeht, der wird mit dir sein und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen." (5. Mose 31,8)
Online-Dachzeile: 
Warum die Schriftstellerin Judka Strittmatter Gott dankte
Kontrolle verloren
Das Wort - Kontrolle verloren, Bibelvers

Ahaok

Das Wort - Kontrolle verloren, Bibelvers

Welcher Bibelvers hat Sie klüger gemacht? 
Der Satz, dass Gott dich nicht verlässt – sagt die Atheistin Judka Strittmatter

Du fährst auf der Autobahn an einem sonnigen Tag. Mitten aus dem Nichts, bei 100 Kilometern die Stunde, fängt dein Auto an zu dröhnen, das Geräusch kommt von hinten rechts, alles geht furchtbar schnell. Dein Auto bricht aus, fährt Karussell mit dir, du verlierst die Kontrolle, Adrenalin überschwemmt deine Zellen. Es kracht.

Judka Strittmatter

Judka Strittmatter lebt und arbeitet als Journalistin und Schriftstellerin in Berlin und Brandenburg.
PrivatJudka Strittmatter

Ein paar Sekunden Todesangst – und alles ist anders. Ein paar Tage im Krankenhaus und einen Nerven­zusammenbruch weiter – und du spürst ein großes und gutes Gefühl heranwallen. Es ist, als hätte man dich vom Kopf auf die Füße gestellt. Dinge fallen von dir ab, die längst hätten abfallen sollen: der zähe Schmerz über ­eine ver­loren gegangene Beziehung, das Gefühl, sich nicht auf neue Wege zu trauen, weil dort Zurückweisung lauern könnte. Alles scheint klar vor dir zu liegen, du siehst auf dein Leben wie durch eine frisch geputzte Fensterscheibe, 
die seit Jahren verschliert war. Du hast auf bittere und befreiende Art und Weise erfahren, dass du nur ein Mal lebst. Wiederholung ausgeschlossen. Wir wissen das, ­leben aber zu wenig danach.

Lebend aus einem Auto zu steigen, das zusammengequetscht wie eine Coladose auf der Straße steht, das ist der Moment, in dem du innerlich auf die Knie fällst – selbst als Atheistin. Ja, ich beichte: Ich habe Gott oder dieser Macht gedankt, die mich da heil herausgeholt hat. Ich habe die Hände gefaltet, die Augen geschlossen und nach innen "Danke, lieber Gott" gemurmelt. Mir ist nichts anderes eingefallen. Ich habe Gott gedankt, dass nur mein Auto Schrott war, sonst aber niemand.

Tochter eines Parteigenossen

Gott also. Und das mir, der eingefleischten Heidin. Gott, der in meinem Leben nie eine Rolle spielte, weil ich als Tochter eines Parteigenossen in der DDR groß wurde und Religion dort nur als "Opium für die Massen" galt, siehe Karl Marx. Religion war mir qua Schulsystem und Elternhaus immer verboten. Aber auch ohne diese Verdonnerung würde ich noch heute vieles finden, was mich abstößt an der Kirche. Was nicht heißt, dass ich mich nicht zeit­lebens für sie interessierte. Ich weiß um die Verdienste des Glaubens. Ich würde niemanden verurteilen, der im ­Glauben Halt findet. Mit dem Alter wird man milder. ­Heute bin ich das, was man eine Agnostikerin nennt: 
Ich weiß es einfach nicht.

Schon als Teenager hinterging ich das Verdikt meines Vaters, mich "bloß nicht mit Kirchens abzugeben". Heimlich schlich ich zu den Gleichaltrigen in die Junge ­Gemeinde Rostocks, damals, Mitte der Achtziger. Was durchaus ­mutig war, denn ich fürchtete meinen Vater. Ich fühlte mich wohl bei ihnen. Sie spielten Gitarre und ­machten Feuer am Strand, packten Pakete für Mutter Theresa und redeten sich in großen, kalten Kirchenhallen die Köpfe heiß. Über das Leben und den Unrechtsstaat DDR. Das alles gefiel mir, zog mich auf ihre Seite, laut gesagt hätte ich es nie. Die Angst vor Abstrafung war groß.

Geliebte Großmutter

Diese Zeit hat mich geprägt, ich bin froh, dass sie vorbei ist. Wir hätten kein geeintes Deutschland, wenn sich nicht evangelische Pastoren und Pastorinnen gegen Honecker & Co. starkgemacht hätten. Inzwischen gehe ich oft in ­eine Kirche. Meistens, um Architektur und Anmutung zu ­genießen – und Weihnachten für die Christmette und die feierliche Stimmung. Meine Nichten und Neffen besuchen Kindergärten, auf deren Fassade ein großes Kreuz prangt. Sie sind dort bestens aufgehoben. Selbst mein Vater, 1989 enttäuscht von seinem SED-Staat, sitzt heute dann und wann in einer Kirche, sucht das Gespräch mit Pastoren.

Mir fällt immer wieder meine geliebte Großmutter 
ein, Jahrgang 1906, mit der Bibel aufgewachsen und Kommunistin unter den Nazis. Die Bibel musst du irgendwann mal lesen, Kind, sagte sie mir, die ist spannender als ein Krimi. Ein Verslein hatte sie auch immer noch parat: 
"Der Herr aber, der selber vor euch hergeht, der wird mit dir sein und wird die Hand nicht abtun und dich nicht verlassen." (5. Mose 31,8) Es fiel mir wieder ein, als sich die Rauchschwaden des Unfalls verzogen hatten.

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.