Nora Gomringer über die Arche Noah und die Sintflut

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Nora Gomringer über die Arche Noah und die Sintflut
Gott 
räumt auf
Gott räumt auf

Ahaok

Gott räumt auf

Wie einem Gott vertrauen, der einen fast umgebracht hätte? Nora Gomringer über die Sintflut.

"Denn siehe, ich will eine Sintflut kommen lassen auf Erden. Alles, was auf Erden ist, soll untergehen" (1. Mose 6,17).

In der Genesis, dem Buch, steckt die Welt noch im Fertigungszustand. Gott korrigiert nach der Schöpfung weiter, verzweifelt, ver­teufelt und radiert aus. Wir erfahren so schrecklich viel über Gott, dass es einem immer einfahren will mit Donner und Blitz und Pauken und Trompeten. Man ist erleichtert, dass die britischen Komiker von Monty Python einiges visuell veralbert haben. Es wäre sonst nicht auszuhalten mit diesem harten, frankenstein’schen Gott, der experimentiert und die Petrischalen schüttelt wie Schneekugeln.

Nora Gomringer

Nora-Eugenie Gomringer, Jahrgang 1980, ist Lyrikerin und leitet seit 2010 das Internationale Künstlerhaus Villa Concordia in Bamberg. 2015 wurde sie mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet.
PrivatNora Gomringer

So erfährt eine geneigte Leserin einiges über außergewöhnliche Männer. Einer, er ist – wie fast alle vorsintflutlichen (Vorsicht! Spoiler!) Menschen – uralt, als er in den Erzählstrom eingespeist wird. Er ist Vater und fromm und als uralter Mann noch potent, er zeugt seine drei Söhne, als 500 Kerzen zum Wiegenfest auf seiner Torte stehen. 100 Jahre später, da wird ihm angst und bange, als er spürt, dass Gott einen Plan hat mit seiner Familie, aber "challenge 
accepted" beginnt er, wohl unter nachbarschaftlichem ­Gespött, ein gewaltiges Boot zu bauen, denn es soll regnen.

Ein stolzer 
Erfinder will nicht, dass alles futsch ist, wenn er die Lösch­taste drückt

Es soll einen Regen geben, der die Welt ersäuft. Gott hat die Nase voll vom lasterhaften Menschenvolk, will seine ja noch fast jugendliche Schöpfung bändigen, einzäunen, abgrenzen, die Guten ins Kröpfchen, die Schlechten ins Töpfchen: Gott räumt auf. Er schickt dem Noah Träume und macht den Himmel dunkel, stell ich mir vor und dachte es als Kind immer, wenn die Sommergewitter den Sommerhimmel zerrissen und ich zu spüren meinte, wie wenig wert wir alle miteinander waren. So ein Kind war ich! Eine heillose Pessimistin. Ich las mir Noahs Geschichte oft laut vor und zwar am liebsten bis zum Einzug in die Arche.

Gott hatte ja fein spezifiziert und erklärt, wen er ­haben wollte auf dem Boot. Das fand ich so tüftelig, ein stolzer 
Erfinder will nicht, dass alles futsch ist, wenn er die Lösch­taste drückt. Das Coolste soll bleiben. Die Tiere, ­seine Land-, Wasser- und Luftwesen, kamen von selbst und hatten ­offensichtlich unter ihren Artgenossen friedlichst entschieden, wer es wert war, gerettet zu werden. Die Tiere gingen so demütig und sanft und offensichtlich gar nicht hungrig an Bord, wo ich mit dem Besteigen jedes Fortbewegungsmittels einen Hungeranfall leide und den Proviant in der Regel vor dem Ortsausgangsschild verzehrt habe.

Wie hat Gott wohl das Schiffsbohrwurmpaar gebändigt?

Ich dachte über Maße und Gewichte nach, an das stolze Kaufmannsschiff Wasa in Stockholm, das auf der Jungfernfahrt vor den Augen seiner Investoren unterging, als wollte es alle ärgern mit sturer Entschlossenheit. Dachte an Fülle und Leere, an Geräusche und Stille, an Gestank und Düfte, an Mut und Demut, an Sex auf diesem Schiff und wo man den wohl haben könnte, wenn doch überall Augenpaare sein mussten. Fledermäuse und Raupen gab’s ja sicher auch im großen Schiffsbauch. Wie hat Gott wohl die Termiten und das Schiffsbohrwurmpaar gebändigt?

Ich mochte die genaue Datierung des Regens, die 40 Tage des Fallens und Ertränkens, die 150 Tage, in denen das Wasser stand und man annehmen muss, dass – wäre man unterm Schiffsbauch – man durch die Schluchten des Himalaya tauchte. So viel Regen hatte Gott gesandt, um zu verdrängen, was bei ihm in Ungnade gefallen war.

Schön, dass ein Tier den Hoffnungszweig präsentiert

Schön, dass ein Tier den Hoffnungszweig präsentiert. Es hätten auch die Frauen von Sem, Ham oder ­Jafet Eins-a-Schwimmerinnen und Auffinderinnen der ­rettenden Scholle sein können. Es hätten am Ende sich alle Tiere gefressen haben und das Boot, in der Über­setzung ­"Kas­ten" genannt, voller Blut sein können und voller Schmerz und Trauer. Aber nein. Ab hier darf das Boot "Arche", Anfang, heißen. Gott, der Tüftler, schickt sein neuestes Experiment: einen R-e-g-e-n-b-o-g-e-n. Das müssen alle erst aussprechen lernen, dass das bunte Licht nun einen Namen hat. Und wie man einem Gott vertraut, der einen fast umgebracht hätte, das muss man in Menschheitsjahrtausenden lernen. Immer, wenn ich über Noah nachdenke, komme ich bei mir an.

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