Organisierter Missbrauch - auch von Vätern und Müttern

Es waren viele Männer – und die Mütter
Missbrauch

Patricia Morosan

Pia und Anne wollen anderen Opfern Mut machen: "Gib nicht auf! Du schaffst es." Deshalb berichten sie hier

Missbrauch

Zwei Frauen berichten von sadistischer Gewalt, die sie als Kinder ­erlitten. Über Jahre. Sie sagen: Hätten Menschen genauer hingesehen, hätten sie etwas bemerken können.

Gespannt haben die beiden Frauen den Prozess verfolgt, vergangenes Jahr in Freiburg: Eine Mutter hatte ihren Sohn missbraucht, das Kind ihrem Partner ausgeliefert sowie gegen Geld weiteren Männern, jahrelang. Das Landeskriminalamt sagte: Noch nie habe man einen so schlimmen Missbrauchsfall . . . "Das war unser Alltag", sagen die beiden Frauen.

Es kostet sie viel Überwindung, aber sie wollen berichten, was ihnen angetan wurde. Damit Kinder gerettet 
werden. Weil Menschen genauer hinsehen. Denn man hätte etwas be­merken können.

Es sind nachdenkliche Frauen, klug und mit Humor begabt. Pia und Anne* wollen sie in diesem Text heißen. Kennengelernt haben sie sich vor Jahren über ein Forum. Was sie erlebten, trug sich in Berlin und im Osten Deutschlands zu, vor und nach der Wende.

Pia, heute 34, wuchs bei ihrer dauer­-
studierenden Mutter auf; der Missbrauch begann mit vier und endete mit 13. Anne, heute 44, kommt aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, sie wurde ab dem sechsten Lebensmonat missbraucht.

Weil sie ahnen, dass das Erzählen zu Schmerzen und Flashbacks ­führen wird, haben sie sich Unterstützung organisiert für das Gespräch in Pias 
Wohnung. Stefan, Pias bester Freund, stellt sich vor: "Ich mach das Cate­ring." Er soll Coolpacks reichen, Wärmflaschen, Kaffee, Tabletten. Im Hintergrund an seinem Schreibtisch immer Pias Mann.

Christine Holch

Pia und Anne ­hatten sich direkt an chrismon-­Redakteurin ­Christine Holch gewandt. Sie vertrauten ihr wegen eines früheren Textes über ein Missbrauchsopfer ("Zieh dich aus, du Schlampe!", April 2017). ­Christine Holch sprach mit den Frauen über drei Tage, sie sah die Fotos, las die Jugend­amtsakte und den Brief der Tante.
Lena UphoffChristine Holch, Chefreporterin chrismon

Patricia Morosan

Die ­Fotografin ­Patricia Morosan stand vor der schwierigen ­Aufgabe, die ­beiden Frauen 
unerkennbar 
zu ­fotografieren. Die Ideen dazu ­entwickelte sie zusammen mit Pia und Anne.
William Minke

Aber zunächst muss das Aufnahmegerät aus dem Blick. Weil die Täter Verhöre inszeniert haben, mit Drohungen und Strafen. Damit die Kinder niemals jemandem etwas erzählen. Das Mikro wird hinter eine Saft­flasche gestellt. Also: Was ist passiert?

Pia will es als Erste hinter sich ­bringen. Sie ringt nach Luft, sagt nichts, sagt endlich: "Wenn wir den Teil fertig ­haben, brauch ich ganz ­dringend eine große Kopfschmerztablette." Dann beginnt sie.

Mit drei bekam Pia Diabetes. Bald darauf trennten sich die Eltern. Weil der Vater kein behindertes Kind ­haben wollte, so stellte es die Mutter gegenüber Pia dar; die Tochter sei schuld, dass der Verdiener weg ist, also müsse sie das Geld verdienen. Dann saßen drei Männer bei ihnen zu Hause auf der Couch. Sie müsse etwa vier gewesen sein, kurz vor der Wende, "denn wir hatten noch diese hässliche dunkelbraune Couch". ­Anne ruft dazwischen: "Schlafsofa Dagmar! 
Hatten in der DDR alle."

"Als ob der Bauch bis zum Hals aufgerissen wird"

Die Mutter habe das Kind angepflaumt: Zieh dich aus. Sie musste sich vor den Fremden drehen, ­einer tatschte sie ab, dann gingen die ­Männer. Irgendwann kam einer ­wieder und nahm sie mit. Eine Keller
treppe hinunter, sie schlang ihre ­dünnen Ärmchen um das metallene Geländer, wurde weggerissen, fiel mit dem Kopf auf eine Stufe, lag auf einem Tisch, strampelte, wurde gefesselt. 
"Es fühlte sich an, als ob der Bauch bis zum Hals aufgerissen wird."

Wusste die Mutter, was da genau passiert? "Sie wusste das, sie hat Geld dafür bekommen!" Pia schreit es fast. Rund um die Einschulung, als sie mal wieder besonders oft zu Männern musste, behauptete die Mutter: Die Feier sei so teuer. "Außerdem, so ein Kind, das einem wieder nach Hause gebracht wird und das aus mindestens einer Körperöffnung blutet, Würgespuren am Hals hat, Hängespuren an den Handgelenken, rote Handflächen und Fußsohlen von den Verbrennungen – dass das nicht die Schaukel ausprobiert hat, das ist eindeutig. Sie wusste das ganz genau."

Wieso Hängespuren an den Hand­gelenken?

Pia: Die haben einen aufgehängt, 
an Hand- oder Fußgelenken. Bei einem kleinen Kind kann man das auch 
über der Tür machen.

Verbrennungen durch was?

Pia: Bügeleisen.

Anne: Bei mir auch Toaster mit ­Klappen.

Wieso ausgerechnet Ver­brennungen?

Anne: Weil das narbenlos verheilt.

Warum macht das jemand?

Anne: Man sieht das Kind leiden.

Pia: Man hat Macht. Und Spaß ­daran.

Anne: Man kriegt das Kind dazu, alles "freiwillig" zu machen.

Pia: Nach dem Füßeverbrennen muss einer nur sagen: "Möchtest du dem Onkel einen blasen, oder wollen wir spazierengehen?"

Das Foto - kein Beweis, aber ein Hinweis

Sie bringt ein Foto, von der Einschulung: vorn die kleine Pia in schwarzen Lackschühchen und kurzärmeligem Kleid, dahinter die flippige Mutter in bunter Batikhose, die Schultüte im Arm. Das Kind lässt die Arme hängen. An den Handgelenken eine deutliche Einschnürung, oberhalb ist der Arm wulstig verdickt. Anne fällt auch auf, dass Pia auf den Außen­kanten der Füße steht. Alles kein Beweis, sagt Pia nüchtern. Höchstens ein Hinweis.

Ein Hinweis – so wie die fast handtellergroße Brandnarbe auf Pias 
Rücken. Sie hat den Pulli hochge­schoben. "Die sagten: ‚Damit du nie vergisst, dass du eine Sklavin bist.‘"

Wer macht so was? Anne und Pia hatten die Täter schon als Kinder ­kategorisiert. Es gab die "Harmlosen", die "Netten". Das seien die "wirklich Fehlgeleiteten", die in dem Kind ein Gegenüber suchten, das es nicht gibt. Die kauften den Kindern was zu ­essen und steckten ihnen Geld zu. Und hinter­her sagten sie, wenn sie gefragt wurden, ob sie zufrieden waren: "Ja! Ein ganz liebes Mädchen, macht ­alles." Damit das Kind nicht bestraft wurde.

Viel schlimmer dagegen die Sadistischen. Leider seien das die meisten gewesen.

"Pause!", sagt Stefan. Er stellt eine Dose Kekse auf den Tisch. Anne hat die gebacken. Ingwerkekse mit der vierfachen Menge an Ingwer. Anne und Pia fühlen sich durch die Schärfe ins Jetzt zurückgeholt.

Solchen Sadismus, kennt den Staatsanwalt Benjamin Krause? Er arbeitet in der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Gießen. Dort sichtet man Fotos und Videos von Kindesmissbrauch. Ja, sagt er, gefesselte Kinder zum Beispiel sehe man häufig. Auch Verbrennungen habe er schon gesehen, aber die Aufnahmen, die heutzutage kursieren, seien in Osteuropa oder in Asien hergestellt.

Pia war auch mit Strom gequält worden. Das Surren eines Netzteils erträgt sie nicht. Ihr Mann rasiert sich nass. Er legt beim Kochen das Messer aus der Hand, bevor er sie anspricht. Nur er geht in den Keller. Und wenn sie vor Ostern oder ihrem Geburtstag "sofort ganz weit weg" muss, organisiert er seine Termine um und reist mit.

"So eine Kreuzigung kann man schön nachinszenieren"

Besonders schlimm war es immer Ostern. "So eine Kreuzigung kann man schön nachinszenieren", sagt Pia, "und Geburtstagskinder sind heiß begehrt bei Spinnern, das gibt denen einen Extrakick. ‚Du wolltest doch ­eine Feier, jetzt machen wir eine ganz besondere.‘ Dafür zahlen die einen hohen Preis."

Gibt es tatsächlich solche Netzwerke von Missbrauchern? "Wissen wir nicht", sagen ­Polizei und Staatsanwaltschaften. Es liegen ihnen keine Anzeigen von ­Opfern vor. Dass es organisierte sexualisierte Gewalt gibt, davon berichten 
Betroffene ganz anderen Stellen: ­Therapeutinnen oder der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Dunkelfeld: Organisierter Missbrauch

Organisierter Missbrauch ist ein Dunkelfeld. Susanne Nick vom Hamburger Institut für Sexualforschung hat es gerade ein wenig erhellt. 165 Betroffene gaben ihr Auskunft. Sie berichteten von extremer, von sadistischer Gewalt, über Jahre, oft schon innerhalb der Familie, dann durch fremde Täter, häufig floss Geld.

Pia möchte das Organigramm eines Netzwerks aufzeichnen. Sie beugt sich über den Couchtisch – aber der Stift fällt ihr immer wieder aus der Hand. Was ist los? Stumm zeigt sie ihre Hände vor: Die Finger sind einwärts gekrümmt, im Krampf. Stefan erklärt, während er in die ­Küche geht: "Das sind Schmerzen wie damals, Pia durchlebt die gerade wieder." Er bringt ihr ein Coolpack. Die Kälte ist ein Gegenreiz, so dass sie merkt: Es ist nicht damals.

Derweil hat Anne das Netzwerk gezeichnet: Pias Mutter am Rand, sie kannte die Täter am Ende nicht direkt. Aus Sicherheitsgründen. Sie gab das Kind einem Zulieferer, der fuhr das Kind auf irgendeinen Parkplatz, wo es in ein anderes Auto wechselte. Anne dagegen war Kind der Organisatoren selbst.

Können sich die beiden an Orte erinnern? Pia kennt keine Adressen, würde aber zu einigen hinfinden. Anne, die länger missbraucht wurde, kennt auch Adressen. Was sind das für Orte?

Schallisolierte Partykeller, einsame Jagdhütten

Es waren einsame Seminarhäuser. Schallisolierte Partykeller in Plattenbauten. Wohnungen mit edlem Fischgrätparkett. Schmuddelhaushalte mit angerostetem Wäscheständer auf der Badewanne. Eigenheime, in deren Flur die Schuhe der dort wohnenden Kinder ordentlich weggeräumt waren. 
Jagdhütten, in denen es einen ausgefliesten Raum mit Schlauch gab, mit dem die Mischung aus Blut, Urin, Erbrochenem, Fäkalien und Sperma weggespült wurde.

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Wie hast du das gemacht, Christine Holch? Die Autorin im Interview zu den Hintergründen der Geschichte

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Anne war auch bei einem Apo­theker mit Antikmöbeln. "Ich glaub, der hat jedes Staubkrümelchen persönlich geohrfeigt, er war komplett clean." Sie wurde schon im Flur ausgezogen und desinfiziert. War das einer der "Netten"? Nein, sagt Anne, "der war – schwierig."

Was war das Schlimmste? Vieles. Besonders schlimm: wertlos zu sein, ungeliebt. Pia versuchte mit sieben Jahren, sich mit Insulin das Leben zu nehmen – sie dachte, die Mama freue sich wenigstens dann mal über das Kind.

Pia: Ich war nie genug. Ich wurde auch bei einer Eins minus bestraft.

Anne: Und ich, wenn ich die Gabel falsch einsortiert hatte im Besteck­kas­ten. Schlaf­entzug war eine Strafe, 
ich schrieb die ganze Nacht Schul
hefte ab.

Pia: Der Durst, wenn man endlos lang im Keller eingesperrt ist.

Anne: Ich musste verdorbenes Essen essen. Leberwurst, die schon grün und schleimig ist. Fisch, wenn er schlecht wird. Gibt eine ordentliche Lebensmittelvergiftung. "Wenn du das nicht isst, hast du keinen Hunger."

Anne wurde zur Strafe oft in die Regentonne gesteckt, musste dann nass und mit nackten Füßen auf dem ­kalten Stein stehen, auch winters. Sie habe bestimmt zwei-, dreimal im Jahr eine Lungenentzündung gehabt. Trotzdem musste sie in die Schule.

Zur Erinnerung: Pias Mutter studierte und galt als weltoffen. Annes Eltern waren Akademiker, hatten als Chemiker gute Positionen, ein Haus, machten zweimal im Jahr Urlaub, und das waren keine Zelturlaube.

Die Eltern waren Akademiker - und brutal

Haben die beiden je versucht, sich die Brutalität ihrer Eltern zu erklären? "Wir haben nur überlebt", sagt Pia, "weil wir dauernd versucht haben zu verstehen, wie die ticken!" Um es ihnen doch irgendwie recht zu machen. Sie mögen diese Frage nicht. Erklären und Verstehen sei so nah am Verständnis-Haben. Und von da sei es nur noch ein Schritt, die Eltern zu entschuldigen. Und sich selbst zu fragen, was man falsch gemacht hat, dass man nicht geliebt wurde.

Pia weiß, dass ihre Mutter ihrer ­eigenen depressiven Mutter engste Vertraute hatte sein müssen. ­Anne weiß, dass ihr Vater als Baby bei ­seinen Eltern fast verhungert wäre, er kam zu Adoptiveltern. Ihre Mutter sei selbst missbraucht worden, habe das aber nie bearbeitet. Das erfuhr sie von der Schwester der Mutter.

Aber das rechtfertige doch nichts, sagt Pia. Die meisten Menschen, die als Kind Schlimmes erlebt haben, würden nicht selbst gewalttätig. "Mal alle Psychologie beiseite: Meine ­Mutter hat sich immer wieder ­dafür entschieden, böse zu sein. Sie hat sich immer wieder gegen die ­Liebe entschieden und gegen die Nachsicht."

Wurden sie auch von ihren Müttern missbraucht?

Wurden sie auch von ihren Müttern missbraucht?

Anne: Von meinem Vater und von ­meiner Mutter. Aber nie zusammen. Mit 13 war ich schwanger, ich weiß nicht von wem, ich verlor das Kind. 
Zu der Zeit hörte meine Mutter auf, 
sie fand mich nicht mehr attraktiv.

Pia: Bei uns lief es unter "Kuscheln". Ich musste um sechs Uhr morgens ­antreten. Sie schlief nackt. Manchmal hat sie mich gewürgt dabei.

Pia flüstert: "Ich kann das nicht gut erzählen, ich schäme mich so doll."

"Pause!", rufen Stefan und Anne. ­Stefan bringt Pia eine Flausch­decke.

Warum werden manche Opfer ­später selbst zu Tätern und Täterinnen? Man kann das die Sozial­wissenschaftlerin Barbara Kavemann fragen. Sie ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Manche Menschen, sagt Kave­mann, kompensieren erlebte Ohnmacht durch eigene Gewalt­tätigkeit. "Denn sich selbst zu beweisen, dass man kein Opfer mehr ist, erreicht man am leichtesten dadurch, dass man selbst gewalttätig wird." Andere dagegen setzen sich mit ihrer Ohnmachts­erfahrung auseinander. Was hart ist.

Manche Frauen sind nicht nur Opfer, sondern auch Täterinnen

Barbara Kavemann erkannte schon Anfang der 90er Jahre, dass manche Frauen nicht nur Opfer, sondern auch Täterinnen sind. Und manche sind ausschließlich Täterinnen. "Bei Menschenhandel und bei organisiertem Missbrauch sind viele Frauen in den Strukturen. Nicht alle missbrauchen selbst sexuell, aber sie profitieren davon und organisieren das Ganze. Denn es ist schwierig, an Kinder heranzukommen ohne Frauen, ohne Mütter."

Ab wann Anne von ihrer Mutter missbraucht wurde, weiß sie nicht. Aber sie weiß, wann der Vater begann: als das Kind sechs Monate alt war. Das Baby erlitt durch die massive Gewalt einen Dammriss, einen tiefen Riss zwischen Scheide und Po. Man brachte es nicht ins Krankenhaus, sondern zur Krankenpflege zu den Großeltern. Anne erfuhr davon erst 2004, aus dem Brief einer Tante.

Der Vater vergewaltigte das Baby

Die Tante stand vor einer Operation 
mit ungewisser Überlebenschance und wollte sich "entlasten", so schreibt sie an Anne, damals 30. Alle in der ­Familie hätten es gewusst. Und der Vater sei "vorher schon so komisch beim Wickeln" gewesen. Es habe halt jeder seine Gründe gehabt – so wie sie: Ihr Mann habe viel schwarzgearbeitet. Am Ende sei ja alles gutgegangen und Anne wieder gesund gewesen. Die Tante schließt ihren Brief hiermit: "Weißt du, man muss Vergebung lernen, sonst wird man nie glücklich."

Zwei Jahre später verlangte die Tante den Brief zurück. Man müsse das Gewesene auch mal hinter sich lassen. Anne behielt den Brief.

Sexuelle Gewalt an Säuglingen, gibt es das wirklich? "Ja", sagt Staatsanwalt Benjamin Krause von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, "auch Analverkehr bei Säuglingen."

Mit zwei hat bei Anne auch das "Verkaufen" angefangen. Woher sie das weiß? "Ich musste später einen Teil der Buchführung machen. Mein Vater war einer der drei Organisatoren und ein Pedant." Da standen jahrgangs­weise Mappen, darin aufgelistet die Namen der Mädchen und was man mit ihnen verdient hat, wie viel Geld für Zwischenhändler, Essen und Schäden bezahlt wurde. Sie blätterte zurück, 1976 fand sie erstmals ihren Namen.

Eigene Erinnerungen hat sie ab etwa vier. Dass ihr die Eltern sagten: "Man muss sich sein Bett und sein Essen verdienen. Wir gehen arbeiten, und das ist deine Arbeit."

Trotzdem war Anne gut in der Schule. Zur Klassenbesten reichte es nur deswegen nicht, weil die Kopf­noten nicht stimmten. Sie war ständig übermüdet, schlief oft ein, rutschte auch mal vom Stuhl, schlief auf dem Klassenboden weiter.

In Sport waren sie beide nicht gut. Sie schleppten sich mit verbrannten Fußsohlen durch die Zielläufe. Und hatten auch bei größter Hitze lange Sporthosen an – angeblich, so die Mütter, weil sie hässliche Beine hätten.

Pia: Klar, an den Beinen sind die ­Spuren. Von den Schnüren, von den Schlägen.

Anne: Vom Genitalmissbrauch.

Pia: Wenn sich drei Typen Spaß mit einem kleinen Mädchen gönnen, 
dann wird das ab den Knien sichtbar: blaue Flecke, Kratzspuren, Biss­spuren, Knutschflecke.

Fielen die Verletzungen denn nie jemandem auf?

Fielen diese Verletzungen denn nie jemandem auf? Den Schulärzten zum Beispiel? Ach, sagt Anne, die schleusten 20 Kinder in einer Schulstunde durch. Außerdem wurden die Untersuchungen angekündigt. Entweder achteten die Eltern darauf, dass die Wunden bis dahin ausgeheilt waren, oder sie nahmen Anne an dem Tag aus der Schule.

Kam sie zum Ersatztermin auch nicht, wurden die Eltern vorgeladen. "Zu dem Termin erschienen dann meine Akademikereltern mit einem äußerst gnatzigen Gesicht – dass sie maximal beschäftigt sind und warum man sie mit so was behelligt, wo es dem Kind doch gut geht, das sieht man doch."

Das Kind hatte zwar ständig Blessuren, aber die konnten die Eltern immer erklären: "Sie wissen doch, das Kind findet das einzige Loch auf der Straße." Stimmte ja auch, sagt Anne heute, "ich stolperte dauernd. Natürlich. Ich war maximal unaufmerksam als Kind. Ich galt als der klassische Unglücksrabe, da guckt man dann gar nicht mehr hin. Und dass ich mit ­meinen Beinen nicht klarkam, konnte man als Wachstumsschub ausgeben."

Bei Pia, der Tochter der alleiner­zie
henden Studentin, war sogar das Jugend
­amt mit im Spiel – aber alle Verhaltensauffälligkeiten führte man darauf zurück, dass das Kind seine Diabeteserkrankung nicht akzeptieren konnte.

Wie sehr hätte sich Pia gewünscht, dass die Leute vom Jugendamt mal nur mit ihr, dem Kind, gesprochen hätten! Mit der Zusicherung: Das bleibt alles unter uns, und es kann ­keine Strafe für dieses Gespräch ­geben. Statt­dessen habe man sich von ihrer so sympathisch und fürsorglich wirkenden Mutter täuschen lassen.

Der blinde Fleck: Mütter als Täterinnen

Das ist der blinde Fleck: Mütter als Täterinnen. Die Freiburger Staatsanwältin Nikola Novak hat die Ermittlungen im Missbrauchsfall Staufen geleitet, sie klagte die Mutter an. Auch wenn sie damit oft auf Unverständnis stößt, Novak richtet ihren Blick schon lang auch auf Mütter – als Täterinnen oder, häufiger, als Mitwisserinnen, die nicht eingreifen – denn auch die Verletzung der Fürsorgepflicht wird bestraft, mit bis zu drei Jahren Haft.

Haben Pia und Anne denn nie jemandem was gesagt? Doch, Pia hat es mehrmals versucht. Aber wegen des Schweigegebots durch Täter und Mutter musste sie es so verklausulieren, dass sie nichts verriet und trotzdem verstanden wurde. Also sagte sie so was wie: Böse Monster haben mich entführt und meinem Bauch wehgetan. Dann fragten Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer die Mutter: "Die Pia erzählte so komische Sachen – stimmt das denn?"

Warum sind sie nicht weggelaufen? "Wir SIND weggelaufen!" Beide mit neun. "Aber das macht man nur ein oder zwei Mal. Zurückkommen ist die Hölle." Überhaupt: Wohin?

Einmal rannte Anne vor den Tätern weg

Anne: "Ich stand an dem See bei uns in der Nähe. Ich wusste, Reinspringen bringt nichts, ich kann schwimmen. Und ich bin ja weggelaufen, weil ich NICHT sterben wollte. Wo sollte ich hin? Es gab nichts. Wenn man mit dem Satz ‚Dich will keiner haben’ aufwächst, dann spricht man auch keinen an. Die bringen einen eh zurück. Da hat man sich so ultimativ verloren gefühlt." Tränen rinnen über ihre Wangen.

Mit elf rannte Anne sogar mal vor Tätern weg. Einer der Haupttäter fuhr mit ihr in die "Ferien" auf Rügen, seinen 
Trafo mit im Auto. Er folterte das Mädchen mit Strom. An einem Abend fragte Anne, ob sie noch mal zur Toilette dürfe, bevor es losging. Erstaunlicherweise durfte sie. Sie rannte los. Sofort waren zwei der Mittäter hinter ihr her, schneller als sie, es gab keinen Ausweg, nur nach vorn – sie stürzte die Kreidefelsen hinunter, landete mit der Hüfte auf einem Felsbrocken. Mehrfacher Beckenbruch. Der Bruch wurde in einem Schlafzimmer auskuriert, einer 
in der Leitung des Netzwerks war Orthopäde. Die Hüfte wuchs schlecht zusammen. Seitdem hat sie Schmerzen.

Anne sagt plötzlich nichts mehr. Pia beugt sich zu ihr, sagt eindringlich: "Rosa Elefant! Grüne Sternchen! ­Türkise Punkte!" Anne hat einen Flashback, wird überflutet von der Rück­erinnerung. Manchmal hilft es, an rosa Elefanten zu denken. Endlich blinzelt Anne: "Okay." Sie ist wieder da. In Pias Wohnzimmer, in Sicherheit.

Was hielt die beiden Mädchen am Leben? Es war das Versprechen, das jede sich gegeben hatte.

Das Versprechen: Ich überlebe das hier!

Anne: Ich hatte "dort" eine Freundin kennengelernt, Stefanie. Unser ­Mantra war: Mit 18 ziehen wir aus, 
und dann ist es vorbei, dann leben wir. Ich überlebe das hier! Ich krieg das hin!

Pia: Ich wollte dort nicht sterben, es sollte nicht das Letzte sein, was ich sehe. Meine Mutter hat immer gesagt: "Einmal Hure, immer Hure." Aber ich habe mir versprochen: Es kommt noch was anderes. Ich werde auch mal so sauber sein wie die anderen Kinder in der Schule.

Aber erst einmal kam 1989 die Wende. Für die fünfjährige Pia in Ostberlin bedeutet die Wende nur Pech. Ost­berlin sei sofort von einer massiven Nachfrage aus Westberlin überschwemmt worden, man habe also viel Geld verdienen können mit einem Kind, das bereits "eingeritten" war.

Bei Anne im Inneren der DDR war die Tätergruppe kurz verunsichert, dann formierte sie sich neu. Sie war mittlerweile 16, jetzt ging man noch brutaler mit ihr um. Anne und Pia erklären das so: Sex mit einer sehr jungen Frau könne man überall kaufen, "aber wenn man jemanden an die Grenze der Lebensfähigkeit bringen will..."

Stefanie, die Freundin, mit der Anne den Ausstieg erträumt hatte, hielt es nicht mehr aus, sie sprang vom Hochhaus, kurz vor den Sommerferien. Anne wusste: "Wenn ich hierbleibe, springe ich auch." Kurz entschlossen verließ sie das Gymnasium und begann eine Ausbildung als Sozialversicherungsfachangestellte.

Endlich: ein rettender Mensch!

Und endlich trat ein rettender Mensch in ihr Leben. Denn die Prak­tika verbrachte Anne bei der Landesversicherungsanstalt in einer westdeutschen Großstadt, untergebracht war sie bei einer städtischen Finanzprüferin: Gisela. Die erfasste sofort, dass sie hier ein großes, verlorenes Kind vor sich hatte. Sie dachte anfangs, der Vater schlage Anne. Empörend!

Hat Anne ihr denn nicht gleich ­alles erzählt? Anne schüttelt den Kopf. "Das ist ja nicht etwas, was man einfach so erzählt", sagt Pia, "das sind Dinge, die man nach und nach durchtropfen lässt in einer dieser durch­zitterten, durchfürchteten Nächte, die jemand mit einem aushält."

Jede Nacht kochte Gisela nun Kakao und saß an Annes Bett, wenn das Mädchen wieder schreiend aufgewacht war. "Plötzlich in Ruhe schlafen zu können, da hab ich totale Alp­träume gekriegt", sagt Anne. Ganz selbstverständlich gab Gisela ihre vielen 
Fernreisen und Freundestreffen auf. Als Anne mal vergaß, ein Brot fürs Abendessen einzukaufen, zitterte sie vor Angst. Gisela sagte nur: "Ach, dann machen wir Nudeln zum Salat." Keine Bestrafung, kein Weltuntergang. "Und egal was für eine Zumutung ich war, Gisela gab mir immer das Gefühl, dass es schön ist, dass ich da bin."

Die ersten vier Praktikumswochen waren um, Anne wollte den Schlüssel zurückgeben, aber Gisela drückte ihn 
ihr wieder in die Hand: "Das ist ­deiner, hier ist jetzt dein Zuhause." Anne schluchzt, als sie das erzählt.

Alsbald fuhr das junge Mädchen jeden Freitag direkt von der Arbeit mit dem Zug zu Gisela und montags im Morgengrauen zurück ins Büro. Nur unter der Woche war sie noch bei den Eltern, aber für das Netzwerk nicht mehr verfügbar, auch weil man Gisela nicht einschätzen konnte – die kannte viele Leute, vielleicht auch den ­Polizeipräsidenten? Nur dem Vater war Anne immer noch ausgeliefert. "Es war ein Kampf."

Für Pia in Ostberlin war ein 
Ende der Qualen nicht absehbar, damals, Mitte/Ende der 90er Jahre. Es gibt ein Foto aus der Zeit: Man sieht eine beschwipste ­Silvesterrunde, die Mutter liegt auf der Couch, vor ihr sitzt Pia, die Mutter hat ihr den Arm über die Schulter gehängt und die Hand auf ihre Brust gelegt. Sie hat die Brustwarze zwischen ­ihren Fingerspitzen. Pia versucht, mit der freien Hand den Arm der Mutter wegzuschieben. Auch das sieht man.

"So makaber das klingt: Diese Vergewaltigung war mein Glück."

Doch dann passierte etwas. Es war abends, die Mutter war nicht da, die nicht ganz 13-jährige Pia spazierte noch mal um den Block. In einem Dönerladen plauderte sie mit dem Verkäufer, der zog sie nach hinten und vergewaltigte sie. "So makaber das klingt: Diese Vergewaltigung war mein Glück." Denn endlich hatte sie etwas, über das sie sprechen durfte. Und das ihr jeder glaubte. "Denn dass ein Dönerverkäufer ein Mädchen vergewaltigt, das passte genau ins Bild der Leute."

So landete sie bei der Beratungsstelle 
"Wildwasser" und – weil Pia sich derart vehement weigerte, weiter bei ihrer Mutter zu wohnen – in einer geheimen Mädchen-Notunterkunft. Die Mutter drohte Wildwasser mit Anwalt und Zeitung und ließ die Tochter in eine psychosomatische Klinik verbringen. Dort diagnostizierte man bei Pia Depressionen, Suizidgefährdung und eine schwere posttraumatische Belastungsstörung – wegen der ­
Vergewaltigung durch den Döner­
ver­käufer, dachten die Ärzte.

Niemand hatte die Mutter in Verdacht. Die wollte, dass die Tochter nach Hause kam. Pia aber kämpfte mit aller Kraft dagegen an. Spät, aber dann doch, nahm die Klinikärztin die Mutter zumindest als "destruktiv" wahr, so schrieb sie es in einem Brief ans Jugendamt.

Die Heimleiterin hatte schon viel gesehen

Und endlich, endlich traf Pia auf ­eine Frau, die sofort erkannte, in ­welcher Not das Mädchen war: ­Alexandra, die taffe Leiterin eines Kinderheims. Die hatte schon viel gesehen. Sie merkte als Erste, an welcher Stelle Pia ihr Er­zählen immer abbrach. ­Alexandra sagte ganz direkt: "Weißt du, so was machen nicht nur Männer." Pia wurde wütend. Aber Alexandra 
redete einfach weiter: "Weißt du, wenn das Frauen machen, kann man sich das genauso wenig aussuchen, wie wenn das Männer machen." Pia schämte sich entsetzlich, dachte, die Heimleiterin ekele sich vor ihr. Die aber nahm das große Kind einfach in den Arm.

Es war auch die Heimleiterin, die das Foto außen an der Wohnungstür der Mutter bemerkte. Sie hatte Pia zu einem Besuch begleitet – denn wie sehr wünschte sich Pia noch immer, dass ihre Mama sie liebhatte. Als sie gingen, löste Alexandra das Foto von der Tür und gab es Pia.

Das Foto: Das vielleicht achtjährige Mädchen sitzt auf einer Fensterbank, es hat einen kurzen Rock an, ein Bein hängt herunter, das andere hat das Kind aufgestellt, man sieht die Unter­hose. Das Kind macht einen Kussmund. Der Fokus der Kamera liegt aber nicht auf dem Gesicht, sondern auf der weißen Unterhose.

Pia murmelt noch ein "Ich muss mich mal eben zusammenrollen, weil . . . das ist jetzt echt . . ." Stefan begleitet sie in ihr Zimmer. Anne übernimmt: Das Foto sei ein "klassisches Anwerberfoto". Um neue Kunden zu animieren. Dafür nehme man absichtlich nicht normale bunte Kinder­unterwäsche, sondern "unschuldig" weiße Wäsche. "Das soll sagen: Du bist der Erste, der da randarf."

Pia und Anne haben als junge Frauen den Kontakt zu ihren Eltern komplett abgebrochen. Alles gut also?

Anne: Ich fühle mich wie 96. Es tut ­alles ständig weh.

Pia: Die Panikattacken, die sind so heftig, dass Suzid der einzige Ausweg zu sein scheint.

Am schlimmsten sind die Nächte. Wenn sie aus dem Schlaf hochschrecken und "dort" sind. Meist schlafen sie höchstens vier Stunden, seit Jahrzehnten.

Pia führt ein eng durchgetaktetes Leben, niemals dürfe Ruhe einkehren. Sie arbeitet vollzeit als Pharmazeutin im Krankenhaus und macht nebenher ein Aufbaustudium. Sie funktioniere nach außen, sagt sie, doch der innere Leidensdruck sei groß. Sprechtherapien hätten ihr nicht geholfen. Und gute Trauma-Körpertherapeutinnen sind rar, sie findet keine.

Anne kann keine Kinder be­kommen, zu schwer sind die Ver­letzungen. Und sie ist erwerbsun­fähig, seit sie 20 ist.

Anne: Mein Lungenrestvolumen ist sehr begrenzt, deshalb habe ich ein krankes Herz.

Pia: Ein schwerkrankes Herz, wenn ich das mal korrigieren darf. So dass sie die Handynummer ihres Kardiologen bekommen hat. Deine Lunge ist eher Narbe als Lunge.

Anne: Ja. Das kommt von den vielen verschleppten Lungenentzündungen. Wenn man ein Kind in ein Regenfass stopft . . .

Warum zeigen sie die Tätern nicht an?

Warum zeigen sie die Täter nicht an? Jetzt, wo sie einigermaßen stabil sind. Die Taten sind doch noch nicht verjährt.

Pia: Da lagen keine Teilnehmerlisten aus, da hat sich niemand mit Namen und Adresse eingetragen! Ich kann mich deutlich mehr an Hände und ­Penisse erinnern als an Gesichter. 
Ich habe keine Beweise. Wenn Sie wirklich sicher sein wollen, dass 
Ihnen als ­Täter nichts passiert, foltern Sie ­Ihre Opfer so stark, dass es ihr Erinnerungs­vermögen zerrreißt.

Anne: Ich war bei spezialisierten Strafrechtsanwälten, bei mehreren. Die ­Anwälte haben alle auf ihr Honorar verzichtet und waren sehr bemüht. Aber sie haben mir alle drei abgeraten. Bei dem Umfang, was mir passiert ist, würden die Glaubhaftigkeitsgutachten sehr schlecht für mich ausfallen. Es war so viel bei mir, dass ich manchmal nicht weiß, war das jetzt mit sechs oder erst mit acht? Und wenn die ­einzigen Anhaltspunkte die Schuhe sind, die man damals hatte, oder die Jahreszeiten, ist man durch Fragen leicht zu verwirren.

Pia: Zu mir sagte eine Anwältin: Bei 
organisierten Täter­kreisen kann sie nur abraten. Wenn es nur ein Täter gewesen 
wäre und nur über ein, zwei Jahre...

Anne: Die Täter verwirren das Kind 
ja auch absichtlich. Einmal hatte ein Täter ein Herz in der Hand, er hat 
mir weisgemacht, es sei meins. Ich dachte wirklich, das ist meins. Ich war halt noch recht klein. Mit solchen ­Geschichten ist man vor Gericht sofort unglaubwürdig. Heute denke ich, es war ein Schweineherz.

Opferanwältin Claudia Willger in Saarbrücken hat das oft erlebt: "Die Betroffenen sind so schwer geschädigt, dass sie durch jedes Glaubhaftigkeitsgutachten rasseln." Eigentlich sollen Gutachter das Gericht nur beraten, am Ende müssen 
die Richter selbst prüfen und entscheiden. Tun sie aber oft nicht, so die Erfahrung der Rechtsanwältin. "Ein Unding! Gutachter dürfen nicht die ‚heimlichen Richter’ sein."

Sie könnten doch wenigstens die Mutter, die Eltern anzeigen! Sollten Pia und Anne es nicht wenigstens versuchen? Nein, sagen sie, am Ende stünde Aussage gegen Aussage. Und Pias Mutter kannte die Täter gar nicht.

Stefan mischt sich ein: "Ich bin ja auch ein Außenstehender, der sagt: Da muss man doch mal mit einer großen Axt dazwischenfahren! Aber so was zu fordern, ist leicht. Wir sind nämlich nicht diejenigen, die dann im Rampenlicht stehen, die vor Gericht von den Gegenanwälten auseinandergenommen werden, die danach noch mehr traumatisiert sind. Wir gehen nach Hause und sagen: ‚Da ­haben wir was Gutes getan.‘ Aber 
am Ende werden die Täter freige­sprochen, und die Opfer sind am Boden zerstört. Deren Leben ist vorbei."

"Ich will nicht noch mal zum Opfer werden"

Anne: Der Preis ist mir zu hoch. Ich will nicht noch mal zum Opfer werden.

Pia: Wir kommen unserer gesellschaftlichen Verantwortung sehr wohl nach: indem wir hier berichten. Um Menschen zu sensibilisieren. Davon haben am Ende alle mehr.

Aber wollen sie denn nicht so was wie Gerechtigkeit? Doch, sagen sie. Sie wünschen sich sehr, dass der Staat ihr Leid anerkennt und Wiedergutmachung leistet. Weil er sie nicht beschützt hat. Dafür gibt es das  Opferentschädigungsgesetz. Eigentlich.

Anne scheiterte schon an der ersten Sachbearbeiterin. Ohne Anzeige, sagte die, könne sie für Anne gar nichts tun. Dabei stimmt das gar nicht. Behörden können auf eine Anzeige verzichten, wenn sie nicht zumutbar ist. Anne müsste sich eine Anwältin nehmen und gegen die Behörde vorgehen. So was kann Jahre dauern.

Es würde Anne schon helfen, wenn sie ein Trampolin und ein E-Bike bezahlt bekäme, für die kaputte Hüfte und das kranke Herz. Sie hat dafür einen Antrag beim "Fonds Sexueller Missbrauch" der Bundesregierung gestellt. Der soll "niedrigschwellig" ­helfen. Ihr Antrag wurde abgelehnt. Der Hüftschaden müsse nicht zwangsläufig vom Missbrauch kommen.

Beschämend sind solche Ablehnungen. Dabei schämen sich Anne und Pia ohnehin jeden Tag. "Okay, reden wir über Scham", flüstert Pia von ihrem Sofalager, "mein Lieblingsthema."

"Ich schäme mich, dass mir das passiert ist"

Anne: Ich schäme mich, dass mir 
das passiert ist. Ich schäme mich, 
weil ich das Gefühl habe, schuld an allem zu sein.

Pia: Ich weiß vom Kopf her, dass 
ich nicht schuld bin, aber mein Herz 
weiß es nicht. Einer der schreck­lichsten Sätze in meinem Kopf ist: 
Ein anständiges Mädchen wäre 
dort einfach gestorben.

Anne: Man schämt sich, es anderen 
zu erzählen.

Nur wenige Freunde und Freundinnen wissen, dass Pia und Anne missbraucht worden sind. Und noch weniger kennen das ganze Ausmaß.

Pia: Es reduziert einen auf den ­Missbrauch.

Anne: Ich bin ja nicht nur eine Über­lebende von schwerer sexueller ­Gewalt. Das ist nicht alles, was uns ausmacht. Wir sind mehr.

Pia: Ich bin zum Beispiel Patentante von vier wunderbaren Patentöchtern, Pharmazeutin, Musikliebhaberin, Handtaschenbegeisterte, Christin, Ehefrau – ich bin alles Mögliche.

Anne: Ich bin Patentante von sieben Patenkindern. Und ich kann relativ 
gut kochen.

Stefan und Pia: Du kannst hervor­ragend kochen!

Anne: Ach . . . 

Pia: Vor allem bist du eine tolle ­Freundin, die Beziehungen nie 
infrage stellt.

Könnten sie vielleicht auch Menschen Mut machen, die noch nicht so weit sind? Pia und Anne schreiben ein ganzes Blatt voll. Bildungsabschlüsse finden sie wichtig. Jede Chance zu ergreifen. Am Ende einigen sie sich auf diese Kurzansprache an andere Betroffene: "Liebe kleine Schwester, es wird besser. Ganz bestimmt. Du hast schon so viel geschafft, dass du am Leben geblieben bist. Gib nicht auf! Komm, du kriegst das hin."

*Namen und einige Details zum Schutz der Frauen von der Redaktion geändert

 

Lesen Sie auch ein Interview mit der Fotografin Patricia Morosan, die zusammen mit der Autorin Christein Holch den Courage-Preis 2019 für diese Arbeit erhalten hat.

Infobox

Rat und Hilfe

Wer „Pia“ und „Anne“ helfen möchte, kann sich bei chrismon melden unter buhrfeind@chrismon.de.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Frau Holch,

bitte lesen Sie meine Ausführungen doch noch einmal. Ich habe an jeweils einer Aussage von Pia und Anne versucht zu zeigen, wie sehr diese beide Frauen bis heute unter ihrer Traumatisierung leiden. Ich habe Zweifel geäußert, ob sie (die beide Protagonisten) damit anderen Traumatisierten eine „tragfähige Ermutigung“ geben können. Dass Opfer generell anderen Opfern Mut machen können, habe ich nirgends bestritten. Sie, Frau Holch, sehen in meinen Ausführungen sogar eine Respektlosigkeit gegenüber den beiden Frauen, die ich nicht einmal selbst bemerke! („Sie mögen es gut meinen“ schreiben sie an mich gerichtet).
Ich habe den Artikel mehrfach gelesen. Die beiden Traumatisierten können dort ihr körperliches und seelisches Martyrium öffentlich ausbreiten, und nur im letzten Abschnitt findet sich eine Ermutigung in Form einer positiven Selbstdarstellung und in einer „Kurzansprach an andere Betroffene: Liebe kleine Schwester...“ Das „Ermutigungs-Motiv“ der beiden Frauen und von Ihnen/Ihrer Redaktion zweifle ich nicht an. Aber es nimmt den kleinsten Raum Ihres Beitrages ein, das lässt sich nicht übersehen.
Ich habe nirgends gefordert, dass Menschen, die vom Leben gezeichnet sind, nur nach „abnicken“ von Psychotherapeuten sprechen dürfen. Die beiden Opfer, so schwer sie auch missbraucht wurden, haben eine Intimsphäre. Jeder hat ein Recht darauf, dass diese respektiert wird. In Ihrem Beitrag beschreiben Sie nach meinem Verständnis nicht „klassisch journalistisch die Wirklichkeit“, sondern Sie lassen „die Opfer sprechen“. Dieses Vorgehen dient der Erzeugung von Teilhabe an dem Geschehen, so als wären die Leser Teilnehmer einer Therapiesitzung. Die beiden Frauen fühlten Vertrauen zu ihnen, und waren nur unter großen Mühen und nur in Begleitung ihrer beiden Freunde/Partner in der Lage sich zu öffnen. Und sie haben bis heute noch nicht einmal eine befriedigende therapeutische Begleitung erlebt. Und jetzt sprechen Sie in wörtlicher Rede zu Millionen von fremden Lesern! Woher sollen die beiden Frauen denn sehr genau gewusst haben, was sie da tun?
Ja, sie sprechen sogar zu Tätern. Pia spricht Leser, die Täter sein könnten, persönlich an (Personalpronomen groß geschrieben!) und gibt ihnen einen Rat: „Wenn Sie wirklich sicher sein wollen, dass Ihnen als Täter nichts passiert, foltern Sie Ihre Opfer so stark, dass es ihr Erinnerungsvermögen zerreißt“ (S. 22 oben). Das steht da, unkommentiert, ohne Nachfrage, z.B. ob das wohl zynisch gemeint sei. Als Leser kann ich das natürlich so interpretieren. Sicher darf ich mir aber nicht sein. Denn ein paar Sätze weiter unten sagt die „Opferanwältin Willger“: „Die Betroffenen sind so schwer geschädigt, dass sie durch jedes Glaubhaftigkeitsgutachten rasseln“.
Frau Holch, es geht mir in diesem Zusammenhang nicht darum ob schwerst traumatisierte Menschen „irgendwem nicht ganz zurechnungsfähig vorkommen“, wie Sie mir zuspekuliert haben, sondern um den sehnlichsten Wunsch der beiden Frauen, und aller anderen Opfer, dass sie von der Gesellschaft ernstgenommen werden möchten. Dazu braucht es auch Berichte und Reportagen. Diese muss der Leser aber verstehen können, wenn er sich etwas „Unfassbarem“ zuwenden soll. Das kann man nicht erzwingen! Ihr Beitrag lässt viele Leser schockiert und in vielen Punkten irritiert zurück.

Dass traumatisierte Menschen für die Position der Leser nicht viel Verständnis haben, kann man ihnen nachsehen (siehe auch ihr aktuelles Zitat einer Traumatisierten auf der Homepage von Chrismon, die kritische Leser zu „Täterschützern“ erklärt, und unterstellt, sie wollen die Opfer zum Schweigen bringen). Es wäre Aufgabe der Journalisten und Redakteure, hier die nötige Vermittlung zu leisten. Das scheinen Sie anders zu sehen.
Die Stimme der Opfer ist wichtig. Aber ohne aufmerksame und zugewandte Zuhörer nützt selbst die lauteste Stimme, und wahrste Wahrheit nichts. Womit wir beim Thema wären.

Mit freundlichen Grüßen
Jürgen Pilz

Ich selbst habe den Artikel, bis auf die Anfangszeilen, nicht ganz gelesen, weil mir die Themen aus meiner psychotherapeutischen Arbeit genügend bekannt sind, und offen gestanden, halte ich gar nichts von Details, die, in der Tat, Triggerwirkung haben. Ich, als Leser, muss um solche Details nicht wissen, aber in der Therapie sind sie wichtig, weil sie schmerzhaft belastend sind. Deshalb wäre hier weniger mehr, d.h. mehr Zurückhaltung, statt schonungslose Offenheit, aber es liegt nicht in meiner Verantwortung. Ich weiß auch nicht, wie hilfreich eine erboste Öffentlichkeit ist, meistens macht sie alles nur noch schlimmer. Je stärker sich die Menschen geben, je empörter sie sind, desto unsensibler werden sie. Für etwas sensibilisiert zu werden, heißt nur hellhörig für etwas, und blind für ein anderes.
Im Zusammenhang mit der Abtreibungsdebatte, sehe ich hier Mutter und Vater auf dem Pranger, und das Kind erhebt sich und klagt an. Und dazwischen die Behörden.
Eine solche Gesellschaft ist nicht besser, als die, welche vordem die Augen verschlossen hatte. Das ist entsetzlich, denn wer nicht erkennt, dass für solche Taten eine Menge kriminelle Energie notwenig ist, der zieht sich einen Schuh an, der ihm nicht passt, aber er sieht es nicht. Weil er sich durch den Bericht hat benebeln lassen. Zuviel Mitleid macht blind.
Wie dem auch sei, von den Autorinnen, also den Betroffenen, war der Bericht ausdrücklich gewünscht. Den Wunsch respektiere ich.

Sehr geehrte/r G. L.,

die von Ihnen befürchtete "erboste Öffentlichkeit" habe ich hier bislang nicht wahrgenommen. Niemand forderte die Todesstrafe für Vergewaltiger etc. Vielmehr haben sehr viele Leser und Leserinnen sich an chrismon gewandt, um Pia und Anne finanziell zu unterstützen. Einige wollen nun auch Missbrauch-Fachberatungsstellen in ihrer Nähe unterstützen, die sind nämlich in der Regel unterfinanziert, machen aber z.B. wichtige Aufklärungsarbeit, etwa an Schulen.
Freundliche Grüße
Christine Holch/Redaktion chrismon

Ich finde, manche Wahrheit kann man einfach nicht in Worte fassen, da ist Schweigen besser. Ich hätte mich mit meiner Kritik zurückhalten sollen. In Ihrem Falle ist Schweigen falsch, das ist sicher. Nur sollten Sie sich vor Unterstellungen hüten.

"Und danke auch für die Anmerkungen innerhalb der Leserdiskussion, ich fühle mich als Betroffene gesehen, verstanden und verteidigt."
Ich als Leserin dagegen, bekomme den Buhmann. Typisch Presse, würde ich sagen.

Guten Tag,
ich hab den Link zum Artikel zufällig über Twitter bekommen.
Ich bin fassungslos und habe viel geweint beim Lesen.
An diejenigen die kritisieren, dass diese grausamen Details geschildert werden, möchte ich sagen, wie soll es im Vergleich zu Ihnen den Betroffenen gehen, die das alles und noch viel schlimmeres erlebt haben, wenn Sie es schon nicht aushalten können, "nur" darüber zu lesen?

Mein größter Respekt und mein Mitgefühl gilt diesen beiden Frauen, ich kann es nicht in Worte fassen. Dass sie ihr Martyrium überlebt haben, ist für mich ein absolutes Wunder. Umso schrecklicher dass es so wenig kompetente Ansprechpartner in dem Bereich gibt, die heute therapeutisch und menschlich begleiten können. Bei vielen Menschen, auch den Lesern, greift hier der Abwehrmechanismus "es kann nicht sein was nicht sein darf" was sich in Unverständnis und sogar Schuldzuweisungen äußert weil es kaum auszuhalten ist, mit so einer unvorstellbar grausamen Realität von Opfern konfrontiert zu werden. Die psychischen Kapazitäten die die Auseinandersetzung mit dem Thema benötigen, haben viele Menschen nicht.
Umso wichtiger ist es über dieses Thema in der Öffentlichkeit aufzuklären, um dafür zu sensibilisieren und andere Kinder dadurch zu retten. Ja, auch Mütter werden zu Tätern und die Dunkelziffer ist verdammt hoch!

Ich habe mich gefragt, ob es nicht möglich ist, Geld zu sammeln für das E-Bike und Trampolin? Es gäbe sicher einige Menschen die unterstützen möchten, so auch ich.

Ich wünsche den beiden Frauen einfach nur, dass sie jetzt und heute viele positive Begegnungen und Dinge erfahren können, auch wenn es niemals einen Trost oder eine Entschädigung geben kann für die Versäumnisse der Gesellschaft die hier vorliegen.

Neulich habe ich auf WDR 5 in einer Reportage folgenden Hinweis gehört: Es wäre besser von "sexualisierter Gewalt an Kindern" als von "sexuellem Missbrauch" zu sprechen. Denn im Wort Missbrauch schwingt mit, dass es einen guten, legalen "Gebrauch" von Kindern/ Erwachsenen gibt. Jeder Mensch ist aber Subjekt und nicht Objekt und somit niemals Gebrauchsgegenstand - weder im guten noch im schlechten Sinne.
Das fand ich, obwohl ich sonst weniger zur Wortklauberei neige, doch einen sehr bedenkenswerten Hinweis und habe das im mein Sprachgebrauch übernommen. Vielleicht ist das auch ein sinnvoller Hinweis für die Redaktion von Chrismon, die sich ja in der Märzausgabe mit dem Thema eindrücklich beschäftigt hat.

Sehr geehrte Frau Katharina Weinzheimer,

Sie haben zum Begriff Missbrauch angemerkt: "Denn im Wort Missbrauch schwingt mit, dass es einen guten, legalen "Gebrauch" von Kindern/ Erwachsenen gibt. Jeder Mensch ist aber Subjekt und nicht Objekt und somit niemals Gebrauchsgegenstand - weder im guten noch im schlechten Sinne."

In ähnlichem Sinn hatte sich bereits Frau Pfarrerin Birgit Lallathin geäußert: " sogenannten Missbrauch (als ob es eine positive Form dieses Ausdrucks gäbe: „Gebrauch“ etwa?)"

Ich fürchte, die Lage ist etwas ungemütlicher, als Sie beide es darstellen. Es ist verpönt, vom Gebrauch von Menschen zu reden. Anhänger der "political correctness" greifen hier gerne zu sprachpolizeilichen Maßnahmen. Das sollte hellhörig machen. Gibt es keinen Gebrauch von Menschen oder soll der gerade durch Sprachregelungen unter den Teppich gekehrt werden?

Der Gebrauch von Menschen ist sogar eine der tragenden Säulen unserer Gesellschaft. Die Unternehmer oder Unternehmen gebrauchen ihre Arbeitskräfte, um schöne Gewinne zu machen. Haben sie keine Verwendung mehr für die verehrten Damen und Herren Mitarbeiter, werden die entlassen. Also ein klarer Fall von Gebrauch.

Die Vermieter machen Gebrauch von ihren Mietern, solange es einträglich für sie ist. Wenn nicht mehr, werden sie sehr erfinderisch, wie man die jetzt Nutzlosen los wird.

Der Staat gebraucht seine Bürger und Bürgerinnen mit und ohne Uniform zum Kriegführen, zur Kriegsdrohung oder als zivile Kriegsopfer.

Die Liste ließe sich fortsetzen. Die Missbrauchstäter - oft selber früher Missbrauchsopfer - machen gewaltsam Gebrauch von den Kindern. Mit dem Gebrauch an sich stehen sie keineswegs im Gegensatz zu den üblichen Gepflogenheiten dieser Gesellschaft. Es ist der Gebrauch jenseits der erlaubten Grenzen, der sie zu Straftätern und Straftäterinnen macht.

Wie ein roter Faden zieht sich durch die meisten der empörungsreichen Leserkommentare die Vorstellung, die Verbrecher seien irgendwie von einem anderen Stern. Solche Verbrechen bei dieser doch so liebenswerten aufgeklärten, christlichen, abendländischen, friedfertigen oder sonst wie hochstehenden Gesellschaft!

Das Gegenteil ist der Fall. Jede Gesellschaft hat die Verbrechen, die zu ihr passen. Und spätestens die Verbrechen könnten Anlass sein, darüber nachzudenken, wie der gesetzestreue, nichtverbrecherische Alltag verläuft. Bedauerlich, dass dabei kaum einer oder einem schlecht wird, die Luft wegbleibt oder das Weinen kommt.

Traugott Schweiger

Mit Betroffenheit habe ich den Artikel gelesen, höre als Ärztin in einer Suchtklinik oft ähnliche Berichte von Opfern. Es sind leider keine Einzelfälle. Als selbst liebevoll Aufgewachsene komme ich immer wieder an meine Schmerz- und Vorstellungsgrenze und möchte manchmal zumindest innerlich fliehen, nehme mich aber in die Pflicht, zuzuhören, hinzusehen, aufzuklären. Richtig, so ein Artikel gehört nicht in Kinderhände, vertrauensvolle Aufklärung darüber, dass es so etwas gibt, müssen leider schon Kinder altersangemessen erfahren. Wie sollten sie sonst wissen, dass sie zu uns mit allem "Komischen" kommen können? Aber nun zu uns: es sind nicht zuerst die Professionellen gefragt, sondern wir als stabile Ansprechpartner der Nachbarskinder, Klassenkameraden, Verwandten...Und war ist mit all dem was wir ahnen, wo es aber zu anstrengend und "schnüffelnd" erscheint, etwas zu tun? Es gibt hierauf keine einfachen Antworten. Danke, den Aufklärern für ihre Offenheit. Viel Kraft!

Sehr geehrte Damen und Herren,

nicht zum ersten Mal habe ich Anlass, Ihnen in Sachen OEG zu schreiben. Ich verstehe nicht recht, welchen Sinn es haben soll, möglichen Antragstellerinnen und Antragstellern mit fehlerhaften Angaben den Mut zu einem Verfahren zu rauben.

Nun ja, als Richter am Sozialgericht kenne ich natürlich die wohlfeile Neigung die wohlfeile Neigung von Medien und Interessengruppen, die ach so bösen Behörden in Grund und Boden zu schrauben. Rentenversicherung, Krankenversicherung, natürlich Jobcenter und natürlich Versorgungsämter: Alles seelenlose Bürokraten, die den Bürger ärgern und Geld sparen sollen.

Mag ja im Sinne gesteigerter Aufmerksamkeit der Leserschaft alles ganz nett sein, aber bei der Wahrheit möge man schon bleiben. Nämlich: selbstverständlich benötigt man für das Verwaltungs- wie auch für das Gerichtsverfahren in Sachen OEG (und allgemein am SG) keinen Rechtsanwalt. Ein Großteil der Kläger tritt alleine auf oder leistet sich für derzeit meines Wissens 120 € pro Jahr die sehr kompetente Vertretung durch einen Verband wie den VdK.

Und natürlich muss man auch bei den Versorgungsämtern nicht jahrelang auf Auskunft und Antwort warten. Die Anwendung des OLG ist überall speziellen und ständig fortgebildeten Teams anvertraut, die zügig und kompetent reagieren. Und dasselbe setzt sich natürlich auch auf der gerichtlichen Ebene fort. Ich glaube, zu wissen, wovon ich rede, denn ich war nun einmal immerhin 18 Jahre lang (bis 2018 und bis zur Pensionierung) der am Sozialgericht München und mithin für ganz Oberbayern zuständige Richter auf diesem Gebiet.

Und natürlich gibt es auch keinen Rechtsgrundsatz, wonach eine Strafanzeige gegen mögliche Täter Voraussetzung für das OEG-Verfahren wäre. Selbstverständlich ist ein Strafverfahren außerordentlich hilfreich für den Nachweis des Gewaltgeschehens (wir haben es ja nicht nur mit sexualisierter Gewalt zu tun), aber allein schon in den vielen Fällen, in denen Missbrauch vor 20, 30 (!), 40 (!!), 50 (!!!) Jahren zum Gegenstand des Verfahrens gemacht wird und die Täter selbstverständlich verstorben oder nicht ermittelbar sind, ist eine Strafanzeige natürlich gegenstandslos.

Richter wie ich und die von mir in eigener Verantwortung ausgesuchten Sachverständigen und zwar auf zwei sorgfältig zu trennenden Gebieten, nämlich der Aussagepsychologie in Sachen Glaubhaftmachung von Aussagen und der Traumapsychiatrie in Sachen Schädigungsfolgen sind ebenfalls ständig fortgebildet und entsprechend sensibilisiert. Völlig klar war es für mich, Mitteilungen über eine Unsensibilität von Gutachterinnen und Gutachtern ernst zu nehmen und weitere Aufträge dorthin nicht zu vergeben.

Über das neue Recht der sozialen Entschädigung kann ich naturgemäß keine Aussage treffen. Einer generellen Denunziation der bisherigen Rechtslage, der bisherigen Verwaltungspraxis und der bisherigen gerichtlichen Arbeit kann ich aber aus wirklich gereifter eigener Arbeit widersprechen. Aber bitte sehr: die große Anklage insoweit ist medial natürlich viel interessanter als die differenzierte Realität.

Ihr jedenfalls stets treuer Leser

Andreas Knipping, Eichenau

Sehr geehrter Herr Richter Knipping,
Sehr aufmerksam habe ich Ihren Leserbrief gelesen. Leider kann ich diesen nicht unkommentiert stehen lassen.
Es kann sein das Sie ein Richter waren, der stets schnell gearbeitet hat, aber die Realität sieht leider anders aus. Oder: ich wünschte mir in München gelebt zu haben.
Ich habe eine ähnliche Geschichte wie diese beiden Frauen, aber die wahre Hölle habe ich durch das OEG-Verfahren erlebt. Von Anfang an war es klar, das ich nach den Buchstaben des Gesetzes, Anspruch auf eine Entschädigung nach dem OEG Gesetz haben müsste, weil der Täter rechtskräftig verurteilt wurde. Aber was dann folgte war einmal die Verschleppung des Gerichtes selber, ich habe fünf verschiedene Richter kennengelernt, und dann zwei Gutachten die den Namen nicht verdient hatten. So voller Fehler das selbst die Mitarbeiterin von Wildwasser nicht mehr zuschauen konnte. Und das alles so verschleppt ( über 10 Jahre! ) das ich sogar noch ein drittes Gutachten erstellen lassen sollte, weil das letzte zu alt geworden war. Nach zehn Jahren Kampf hatte ich die Wahl, jetzt entweder vom Dach zu springen oder den Prozess abzubrechen und auf meine Ansprüche aus dem OEG zu verzichten. Ich bin nicht vom Dach gesprungen sondern habe den OEG Prozess abgebrochen. Damit bin ich aber durchaus nicht die Ausnahme sondern die Regel. So werden Ansprüche vom jeweiligen Bundesland umgangen.
Es kann sein, dass Sie Herr Knipping schnell gearbeitet haben, aber Sie sind damit eindeutig die Ausnahme und nicht die Regel!

Mit freundlichen Grüßen

Elke Bellmann

Bei der Lektüre ihres Berichtes blieb mir mehrere Male die Luft weg; im Laufe meines langen Lebens mußte ich von vielen Grausamkeiten Kenntnis nehmen so manche auch selbst erfahren. Aber diese abgründigen Verbrechen an Kindern sind das Schlimmste und Unvorstellbarste.
Mich überkam sofort der Wunsch, den Tätern und Verantwortlichen die schlimmsten Schicksale und mittelalterliche Rache zu wünschen.
Unglaublich, daß solche "Monster" unbehelligt unter uns leben.

Im Zusammenhang mit "Siebzig Jahre Grundgesetz" begründen Sie mit diesem unglaublichen Ausmaß des in Form und Inhalt beschriebenen Kindesmissbrauches meine tiefsitzenden Zweifel an der Gottesebenbildlichkeit des Menschen. Hier speziell die der "vielen Männer - und die [der] Mütter". Vor allem aber meine Zweifel an der aus der Gottesebenbildlichkeit abgeleiteten resp. höchstrichterlich behaupteten und festgeschriebenen Menschenwürde, die zudem dann auch noch in jedem Einzelfall unantastbar sein soll. Erlogen und geheuchelt pur!

Für Ihren sehr bewegenden Artikel möchte ich Ihnen herzlich danken!

Ich denke, wir als Gesellschaft müssen uns den Abgründen menschlicher Existenz ganz anders stellen.

Menschen mit sadistischen Neigungen wird es immer geben - und in jeder Gesellschaft Ein Glück, dass sie in Deutschland und Europa derzeit nicht als Folterknechte arbeiten können!).

Also suchen sie sich diejenigen aus, die am schlechtesten geschützt sind - und das sind hierzulande die Kinder.

Meine These:

das Erbe des Dritten Reiches begünstigt dies in mehrerer Hinsicht
- Eingriffsbehörden ( wie Jugendämter) wird viel stärker misstraut als in anderen Ländern, weil sie sich damals delegitimiert haben.
Wahrscheinlich dulden wir alle deshalb auch, dass kommunale Strukturen der Kinder- und Jugendhilfe unterfinanziert, personell ausgeblutet und die dort Tätigen so schlecht bezahlt sind.

- das Ideal der Mütterlichkeit spukt immer noch in deutschen Köpfen und verstellt oft den realistischen Blick auf die tatsächliche Mutter - Kind- Beziehung.
Auch Nachbarn, Lehrer und andere Kontaktpersonen trauen dann ihren eigenen Beobachtungen nicht so recht „was nicht sein darf, hab ich auch nicht gesehen“.

Durch die Überlastung und Überforderung vieler Lehrer ( mit personell unzureichend ausgestatteter Integration Behinderter, Migration und anderen Herausforderungen) wird die Chance, Missbrauch zu erkennen nicht besser.

Gleichzeitig weiss ich wie groß die Bemühungen mancherorts sind, die Lage der Kinder und ihrer Familien zu verbessern - durch Zusammenarbeit von Kinderkliniken, Kitas , Hebammen, Familienhebammen und Jugendämtern.
In Nordrhein -Westfalen gibt es das „Netzwerk frühe Hilfe“ um Familien in Schwierigkeiten früh zu erkennen und zu unterstützen.
Ich wünsche mir jedoch noch viel mehr Geld, Aus- und Fortbildungsmöglichkeiten in Kitas, Schulen und bei Familiengerichten, um die Problematik des Missbrauchs - auch des gewerbsmäßigen in Täternetzwerken - besser erkennen und begrenzen zu können.

Ich werde Ihren Artikel im Kollegen- und Bekanntenkreis weiterreichen.

Können Sie vielleicht auch zum Skandal in Lügde recherchieren?

Ich bin auch der Meinung, dass der dt. Mutterkult dringend einer Renovierung bedarf. Wenn eine Mutter Angst um ihr Wohlergehen (phys. o. psych.) hat, werden ihr , ab einer bestimmten Schmerzgrenze, die Kinder egal. Das ist wohl ein ererbter evolutionärer Instinkt von unsren tierischen Vorfahren.
Die romantisch verklärte Mütterlichkeit, in Kombination mit dem Feminismus, wird wohl auch dazu beitragen, dass Eingriffsbehörden unrealistische Entscheidungen treffen. Außerdem denke ich, dass in den sozialen Einrichtungen viele unfähige Leute arbeiten. Das kann aber regional unterschiedlich sein. Dort wo lange SPD-Regierungen waren ist die Situation für die Männer schlechter als in "schwarzen" Regionen.

Mit großem Interesse und geschockt habe ich Ihren Artikel über die zwei missbrauchten Frauen gelesen. Da mich das (Donnerstag habe ich es gelesen) bis heute beschäftigt, möchte ich mich doch kurz an Sie wenden.

Zum einen: Mein Kompliment. Ein Artikel, der dermaßen lange in Erinnerung bleibt, ist journalistisch wirklich hervorragend (und ich meine es ein wenig beurteilen zu können, da ich auch Journalistin bin, wobei ich inzwischen fast nur PR mache)

Zum anderen: Als Mutter (meine Kinder sind aber schon 18 und 20) und normaler Mensch bin ich mehr als fassungslos. Erwähnen möchte ich nur einen Aspekt, weil dieser der Sinn meiner Mail ist und etwas in die Zukunft blickt: Wie kann es sein, dass sich so viele mitschuldig an diesen Verbrechen gemacht haben? Vor allem Kindergärtner und Lehrer! Da in Deutschland Schulpflicht ist und die meisten Kinder auch in den Kindergarten gehen, wäre hier doch enormes "Potential" um stärker vorbeugend zu wirken.

Ich weiß nicht, ob es so etwas schon gibt, aber man könnte einen Verein gründen, der regelmäßig Lehrer und Kindergärtner informiert. Man könnte Rundschreiben an die Einrichtungen schicken, aber langfristig natürlich auch mal auf Lehrerkongressen (also da, wo viele Lehrer versammelt sind) die Lehrer für das Thema sensibilisieren. Weiter gedacht, müsste man sich natürlich kurz (um Tipps zu geben, wie sich Lehrer bei Auffälligkeiten verhalten sollen) mit der Polizei (und Jugendamt) treffen. Auf Kongressen könnte man auch Ihren Artikel zum Lesen verteilen (sofern von Ihnen erlaubt) etc. pp.

Vielleicht besteht von Ihrer Seite und/oder der beiden Frauen ein Interesse.

Der Artikel "Wer tut so was?" hat mich wirklich fassungslos zurückgelassen. Während des Lesens sind mir konstant die Tränen gelaufen.
Dass Menschen, und v.a. die eigenen Eltern, zu solchen Taten fähig sind, macht mich ebenso fertig wie die Tatsache, dass die Täter juristisch so gut wie nicht belangt werden können.

Es ist ein kleiner Trost, dass Anne und Pia nun von Menschen umgeben sind, welche sie lieben und unterstützen.
Ich bewundere ihre Stärke, über die Geschehnisse zu sprechen, um anderen helfen zu wollen.

Vielen Dank für diese Reportage. Sie wühlt mich zwar unheimlich auf, aber hilft mir vielleicht dabei, im Alltag aufmerksamer zu sein, was den Missbrauch an Kindern betrifft.
Außerdem bricht sie mit dem Tabu der Frau/Mutter als Täterin. Das ist m. E. wichtig für die bessere gesellschaftliche Aufklärung zu dem Thema.

Erst einmal vielen Dank, dass sie sich dieses Themas angenommen haben.

Ich konnte den Artikel kaum zu Ende lesen, weil die geschilderten Geschehnisse mich zutiefst erschüttert und geschockt haben.

Das Leid der Frauen ist gar nicht zu fassen.

Und die Rechtsmittel und angeblichen Hilfs-Einrichtungen sind ja völlig inkompetent, schamlos und zutiefst beschämend für ein vermeintlich zivilisiertes Land wie Deutschland.

Ich hoffe, dass es eine überwältigend große Resonanz gibt auf ihren entlarvenden Artikel.
Dass er mächtige Wellen schlägt und zum Weckruf wird für die beteiligten Täter sowie für die angeblichen 'Hilfs-Organisationen'.

Und vor allem möchte ich mein Mitfühlen für die Opfer ausdrücken und meine tiefe Achtung und Liebe für ihren weiteren Lebensweg.

Selten war ich so schockiert wie nach der Lektüre in einer christlichen Veröffentlichung, d.h. in dem Evangelischen Magazin Chrismon 03.2019

Wer tut so was?: Mit diesem detaillierten Bericht tragen Sie das Thema Missbrauch, genauer Kinderschändung, in eine breite Öffentlichkeit.

Ich frage mich, ob sich die Autoren und die Herausgeber von Chrismon ihrer Verantwortung für die teilweise in menschliche Abgründe führenden Texte

und ihre Wirkungen auf nicht mit so einem Thema befasste Menschen voll bewußt sind. Z.B. auf Kinder, die das Magazin auch lesen könnten.

Selbst als fast 80jähriger, in der Welt Herumgekommener, hat mich das Gelesene den Tag über mächtig schockiert.

Nicht zuletzt hat mich die Gleichgültigkeit der Umgebung - so z.B. der Schulärzte - sprachlos und wütend gemacht.

Bleibt schließlich die Frage: Was wollen Sie mit dem aufwühlenden Bericht bezwecken?

Den Artikel habe ich mit angehaltenem Atem gelesen. Ich danke Ihnen für Ihren Mut, Ihnen und zuallererst den beiden Frauen. Alles, was sie erzählen, hätte von mir sein können, und mehr. Ich bin Jahrgang 1955 und im Westen in einer Kleinstadt im kleinbürgerlichen Milieu großgeworden. Der Missbrauch durch meinen Vater begann, ich ich noch nicht 3 Jahre alt war. Und auch ich könnte Ihnen von mindestens einer Organisation erzählen und von Missbrauch gegen Bezahlung, sprich von Kinderprostitution.
Beim Lesen habe ich endlich verstanden, warum ich damals so grandios durch die Glaubwürdigkeitsprüfung gerasselt bin; es hat mich immer verfolgt, und ich habe ganz tief in mir verschlossen, dass ich wohl doch unglaubwürdig bin - obwohl es viele Menschen an meiner Seite gab und gibt, die mir glauben.

Wie auch immer, ich danke Ihnen! Und wenn Sie Kontakt zu Anne und Pia haben, dann sagen Sie ihnen doch bitte, dass ich zwar eine große Schwester bin, aber nicht aufgegeben habe!

Ich habe den Leitartikel gelesen und bin zum einen fassunglos ob dieser grausamen Taten und gleichzeitig erfasst mich eine immense Wut darüber, dass den Opfern nicht vernünftig geholfen wird und die Täter ohne Strafe davon kommen. Und es sind keine Einzelfälle.

Was geht in den Gehirnen der Männer und Frauen vor, die so etwas tun bzw. zulassen? In was für einer Gesellschaft leben wir, dass das passieren kann und die Täter unbehelligt bleiben?

In einem demokratischen Land, wo doch Gerechtigkeit, Menschenrechte und somit Menschlichkeit hohe Werte sind, auch noch zu lesen, dass Hilfsmittel wie ein Trampolin oder E-Bike nicht genehmigt werden, da der Hüftschaden von Anne "nicht zwangsläufig vom Missbrauch kommen kann", ist so widerwärtig, dass es allein beim Lesen schmerzt.

Leider, leider kann ich die Situation nicht ändern. Aber vielleicht kann ich ein klein wenig zur Entlastung beitragen. Daher die Frage: Wohin könnte ich einen Geldbetrag überweisen, der dazu beitragen kann, dass z. B. Anne eines der Hilfsmittel bekommt? Wäre das möglich?

Zum Schluss noch ein großes Lob an die chrismon-Redaktion. Ich lese das Magazin sehr gerne, die Artikel sind sehr interessant und geben mir oft Erklärungen, neue Gedankenansätze über Kirche und Religion. Und das, obwohl ich schon lange kein Kirchenmitglied mehr bin und auch nicht tief religiös bin.

Ich möchte meinen tiefen Respekt ausdrücken für diesen Artikel und alle, die daran beteiligt waren!

Auch ich konnte ihn nicht am Stück lesen, da es mich schmerzte vor Augen geführt zu bekommen, zu was Menschen in der Lage sind. Wie kann es sein, dass wir so wunderschöne Kultur, Kunst und Musik entstehen lassen und auf der anderen Seite zu Bestien mutieren?

Ich möchte verstehen können, ohne dabei die Taten zu entschuldigen. Es ist schlicht nicht zu entschuldigen.

Ich bin aufgewühlt und zugleich so hilflos.

Und ich bin dankbar für all jene, die hier begleitend den beiden Frauen zur Seite stehen.

Bitte bedenken Sie, dass ihr Heft auch unerbeten und unerwartet mit anderen Zeitungen ausgeliefert wird. So lag das aktuelle Chrismon Heft unserer FAS bei, die bei uns sonntags auf dem Frühstückstisch der Familie liegt. Ich mag mir nicht ausdenken, was passiert wäre, wenn unsere achtjährigen Kinder das aktuelle chrismon Heft selbstständig angelesen hätten, bevor wir dazu gekommen wären. Gekreuzigte Kinder, verbrannte Fußsohlen, Blut in den Körperöffnungen. Es mag o. k. sein, so etwas einem speziellen Personenkreis von fachlich Betroffenen ungefiltert zugänglich zu machen – Erzieher, Lehrer, Polizisten, Staatsanwälte, Kinderärzte. So etwas in einem - in unserem Fall - kostenlosen Kirchenblatt unserer abonnierten Zeitung einfach beizulegen, ist fahrlässig. Meine Konsequenz: Wenn ich in Zukunft die FAS aus dem Briefkasten hole, mache ich einen Umweg über die blaue Tonne in der Garage, bevor die Zeitung den Familientisch erreicht.

Es ist meines Erachtens richtig und wichtig dieses Thema zu diskutieren, weshalb ich mir im Heft 4/2019 aufmerksam die dazu abgedruckten Leserbriefe durchgelesen habe. Dabei ist mir aufgefallen, dass alle Briefe sich mit dem Thema als solchem auseinandersetzen und die Leserinnen und Leser eigene Erfahrungen oder auch einfach nur ihre Meinungen kundgetan haben. Nur ein Brief hat sich nicht mit dem Thema selbst befasst - der von Nadja Roderburg. Anstatt auf das Thema einzugehen stört sie sich an der Offenheit des Artikels.
Ich finde es ausgesprochen schlecht, wenn eine Mutter allen Ernstes ihre eigene Verantwortung dafür, was sie offen zugänglich für ihre Kinder hinlegt, auf andere abzuwälzen versucht. Ich frage mich, ob Frau Roderburg auch die HAZ kritisiert für die unzähligen Artikel über Kriege, Kindesmissbrauch und andere Straftaten. Wenn Frau Roderburg ihre Kinder vor verstörenden Meldungen und Berichten schützen möchte (was ja durchaus verständlich und löblich ist), dann sollte und muss sie schon selbst kontrollieren, was sie für noch zumutbar hält und was nicht. Das kann ihr niemand abnehmen.

Ich jedenfalls finde es gut, dass die Dinge beim Namen genannt und nicht kaschiert werden.

Kein Wort der Anteilnahme oder des Mitleids für die betroffenen Frauen,denen so viel Leid zugefügt worden ist und das von der eigenen Mutter.Man muss bedenken,in welchem Alter die jungen Frauen damals waren,nämlich in dem Alter oder sogar noch jünger als die achtjährigen Kinder der Schreiberin.Was wäre denn passiert,wenn sie es am gemütlichen Sonntagsfrühstückstisch gelesen hätten???Man hätte erklären müssen,was man eigentlich nicht erklären kann...Wozu Menschen fähig sind,man sieht es an den aktuellen Missbrauchsfällen,leider bittere Realität.Man kann Kinder leider nicht "in Watte" packen.

Mich hat der Artikel sehr erschüttert in seiner Ausführlichkeit. Ich kann gut verstehen, dass die Frauen Frieden wollen und eine Strafverfolgung schwer auszuhalten wäre. Aber ich denke, die Menschen, die diese Taten begangen haben, die tun dies doch mit großer Wahrscheinlichkeit weiter? Kann dort nicht mit der Polizei zusammengearbeitet werden ( Daten ausgetauscht werden), damit andere Kinder geschützt werden bzw. früher dort rausgeholt wreden können? Viele Grüße

Sehr geehrter Frau Holch,
diese Reportage macht so hilflos. Dass das Umfeld - und man selbst ist ja auch Umfeld - nicht ausreichend sensibilisiert war und sicherlich noch immer nicht ist, tut so weh. Den beiden Frauen muss ich meine höchste Anerkennung aussprechen für ihre Tapferkeit, mit der sie das Unfassbare ertragen haben und sogar davon berichten konnten. Auch den Personen, denen sie sich schließlich anvertrauen konnten und den Partnern, die jeden Tag eine riesige Leistung vollbringen. Und schließlich Ihnen Frau Holch, für Ihren Mut und Ihr Können, diese Reportage so zusammenzustellen.
Auch ich möchte einen finanziellen Betrag leisten, den beiden zu helfen. Bitte schicken Sie mir dazu Informationen.

Ich wünsche den beiden Frauen, dass sie ihren Lebenswillen behalten und Freude am Leben haben.

Eine Frage, die mich quält, ist, ob man davon ausgehen muss, dass die Täter unverändert aktiv sind und ihren Sadismus weiterhin an Unschuldigen ausleben. Unvorstellbar, unverantwortlich.

Ich lese Ihre Zeitschrift immer sehr gerne, aber diesmal bin ich entsetzt:

Es waren viele Männer - und die Mütter

Diesen Artikel finde ich so schrecklich, dass ich ihn nicht zu Ende lesen konnte. Außerdem halte ich die Veröffentlichung der vielen grausamen Details für äußerst gefährlich, wenn sie von Sadisten, wie im Text erwähnt, gelesen werden, die dadurch womöglich noch zu weiteren "Behandlungen" inspiriert werden.
Die Erlebnisse dieser Kinder gehören vor Gericht aber nicht an die Öffentlichkeit.

Sehr geehrte Frau Fischer,
wer soll solche Untaten aufdecken, wenn nicht die Öffentlichkeit? Ich sehe uns alle in Pflicht.

Liebe Frau Fischer, dass es gut war, diese Erlebnisse an die Öffentlichkeit gebracht wurden, zeigen uns andere Leserreaktionen. Viele Menschen schreiben uns, dass sie nun aufmerksamer sind.
Herzliche Grüße
Christine Holch/ Redaktion chrismon

Sehr geehrte Frau Holch,

ich danke Ihnen und vor allem den beiden betroffenen Frauen sehr für die Artikel: ,,Es waren viele Männer- und die Mütter" und ,,Viele Opfer sexueller Gewalt gehen leer aus".

Zur letzten Problematik habe ich als selbst Betroffene im November 2013 auf der Betroffenen Plattform ,,netzwerk b" einen Beitrag geschrieben.

Sie finden ihn unter folgendem Titel:
,,Nicht die Opfer sind verrückt, sondern die Umstände unter denen sie haben leben müssen" oder dem Link:

https://denefsschweigen.wordpress.com/2013/11/06/nicht-die-opfer-sind-ve...

Ich selber habe im Jahr 2010 nach einer 8 jährigen Odyssee, in der mir von Sachbearbeitern und Juristen des Versorgungsamtes Rentenbegehren, Freiwilligkeit und Unglaubwürdigkeit unterstellt wurden, nur eine Teilanerkennung für die körperlichen Misshandlungen durch meinen Vater zugestanden bekommen.

Alle weiteren Taten, d.h. die Zwangsprostitution durch meine Mutter, der sexuelle Missbrauch durch mehrere Männer, inner- und ausserfamiliär, gegen Bezahlung zusammen mit und ohne meiner Mutter, diese Taten, die von ihr inititiert und organisiert wurden sind wegen fehlender Beweise, der traumabedingten Erinnerungslücken trotz zahlreicher ambulanter und stationärer Therapien und eindeutigen Traunmafolgestörungen als nicht glaubwürdig und damit als nicht anerkennungsfähig eingestuft worden.

Erst nach langer Suche habe ich einen Therapeuten gefunden, der mir glaubt und bereit ist zuzuhören. Selbst für Ärztinnen, Beraterinnen und Therapeutinnen ist die sexuelle Ausbeutung von Töchtern durch die Mutter unvorstellbar. ,,Mütter tun soetwas nicht" wurde mir gesagt.

Die teilweise Ablehnung meines Opferentschädigungsantrages und damit auch der weiteren Finanzierung der Traumatherapie waren wie ein Schlag ins Gesicht. Trotzdem habe ich es geschafft im Jahr 2013 den Kontakt mit der Hautptäterin abzubrechen. Bis dahin hatte ich noch die Hoffnung, dass sie als Zeugin im Verfahren aussagen würde. Erst nach dem endgültigen Kontaktabbruch öffneten sich ,,die Schleusen zur Hölle". Ich musste der Wahrheit, dass es tatsächlich meine Mutter war ins Gesicht sehen. Der Schmerz war unvorstellbar und mir fehlten lange die Worte. Die Sprache ist oft zu begrenzt

Bis dahin hatte ich immer geglaubt meine Mutter hätte nur aus Hörigkeit und Angst mitgemacht. Das alleine wäre schon schlimm genug gewesen. Ich habe mich immer gefragt, warum sie weggeguckt und nicht geholfen hatte. Als wenn dieser Schmerz noch nicht genug gewesen wäre kamen dann nach dem Kontaktabbruch die Details wie sie mich den Männern ausgeliefert, angeboten und mit psychischer und körperlicher Gewalt aktiv beim und vor dem Missbrauch geholfen hat mich gefügig zu machen. Am schlimmsten waren und sind für mich die Erinnerungen daran, wie sehr sie durch die mir angetanene Gewalt und den sexuellen Missbrauch sexuell erregt und der Ekel, die Scham weil ich von meiner eigenen Mutter sexuell missbraucht wurde. Bis heute ist für mich der Missbrauch durch meine Mutter schlimmer, als der durch die Männer, weil es die Frau war, die mich geboren hatte, von der ich geliebt werden und Schutz erfahren wollte, aber auch weil ich bis heute Probleme habe mich als Frau und meine eigene Weiblichkeit anzunehmen, weil ich das gleiche Geschlecht habe.

Ja, auch Frauen missbrauchen ihre Töchter. Danke für ihren Artikel und dem Mut von Chrismon. Nur so können Opfer eine Stimme bekommen und Kinder geschützt werden.

Ich danke Ihnen für diesen Artikel. Und ich möchte mich mit Hochachtung bei den beiden Frauen bedanken, die die unglaubliche Stärke aufbringen, über diese Erlebnisse mit Ihnen zu sprechen.

Nur wenige Menschen haben den Mut, sich mit realer Gewalt auseinanderzusetzen und wollen nicht wahrhaben, dass so etwas geschieht. Es ist unglaublich wichtig, dass mehr Personen derartiges auch nur ansatzweise für möglich halten und ihre Umgebung dadurch aufmerksamer wahrnehmen. Und die es wagen, auch Frauen als Täterinnen in Erwägung zu ziehen. So schwer die Lektüre auch fällt - ich bin froh, dass Sie so mutig und ehrlich über so furchtbares berichten.

Danke für den sensiblen Bericht über die Frauen, die von den eigenen Eltern sexueller Gewalt und Verkauf ausgesetzt waren.

Wir hören, wir lesen so viel über sexuelle Gewalt, sogenannten Missbrauch (als ob es eine positive Form dieses Ausdrucks gäbe: „Gebrauch“ etwa?). Doch selten war ich innerlich so schockiert, aufgewühlt und voller Tränen wie beim Lesen des Berichts über „Pia“ und „Anna“. Niemand in einer so scheinbar „zivilisierten“ Gesellschaft hielte es bislang für möglich, dass eigene Eltern, Mütter! ihre Kinder der Gewalt übelster und sadistischer Täter ausliefern könnten! Und es ist also möglich! Mitten in unserer Gesellschaft, getarnt unter Wohlanständigkeit , gedeckt vom Nichtwissen-wollen der nächsten Umgebung? Wie konnten dieses monströsen Verbrechen nicht entdeckt und die Kinder und Jugendlichen geschützt werden? Weil es so undenkbar erscheint? Wer hat weggehört und –gesehen?
Was sind das für Menschen, die zu solchen Taten schlimmsten Sadismus fähig sind? Was wiegt schlimmer? Die Taten der Pädophilen oder das eiskalte Ausliefern der Mädchen – und der eigene Missbrauch – durch die Mütter und Väter?

Als Pfarrerin sind mir Abgründe des Menschenseins vertraut, wenn auch bislang nicht in dieser extremen Form, doch das Erschrecken und Mitleiden wird nicht geringer!
Umso mehr habe ich allergrößten Respekt vor der Öffnung in diese geheime Welt des Brutalsten, die die beiden Frauen vollzogen haben! Es muss sie fast übermenschliche Kraft gekostet haben. Umso mehr, als – erschreckenderweise – die Täter*innen wohl nicht belangt und betraft werden können, also in der Anonymität ihrer Taten bleiben können. Diese Frauen haben das fast Unmögliche versucht und geschafft: Ihr eigenes Leben gerettet! Dank auch den Helfern und Partnern, doch die größte Leistung haben die Frauen selbst vollbracht und müssen keine Opfer bleiben.

Und ich denke noch weiter, und das Erschrecken wird nicht geringer: All diese Taten sind keine Einzelfälle! Es wird weiter den Menschen Unsägliches angetan. Mitten unter uns leben Menschen unerkannt als Täter und Täterinnen. Wieviele kenne ich, ohne davon zu wissen? Rein statistisch muss ich Menschen begegnet sein im Lauf meines Leben, die zu Taten schlimmster sexueller Gewalt fähig sind und sie ausüben. Wer lebt mit der Maske der Anständigkeit und des gesellschaftlichen Ansehens und ist doch ein gemeiner Täter oder eine Täterin?
Egal, wo die Taten geschehen: in Deutschland, Europa, Asien oder Südamerika, oder…
Höre ich nicht wirklich hin, wenn sich mir ein Mensch anvertrauen möchte, der Schlimmstes erlebt hat? Will ich blind bleiben?

Für Ihren ausführlichen Bericht über das obige Thema danke ich Ihnen sehr. Er war schon lange fällig.
Auch andere Medien hätten darüber schon längst schreiben müssen. Wer hat Angst vor wem?
Sie waren mutig und haben das Thema ausführlich gebracht.

Eine Schade für das "sonst so aufgeklärte Land", das soetwas in unserer Gesellschaft geschieht und
nicht öffentlich gemacht worden ist bis jetzt.
Ich danke Ihnen sehr für Ihre Courage.

Mit Erstaunen las ich auf Seite 22, dass der Fonds einen Antrag abgelehnt habe, weil ein erwähnter Körperschaden "nicht zwangsläufig" auf Missbrauch zurückzuführen sei. - Da ich seit 2013 im Rahmen meiner WEISSER-RING-Arbeit auch bisher ca. 150 MenschInnen erfolgreich bei der Antragstellung begleitete, bin ich bass erstaunt, dass von dort eine solche Erklärung gekommen sein soll. Hat die Dame evtl. nur tel. Auskunft haben wollen und am Tel. diese inkompetente Antwort erhalten?
Ich zitiere aus S. 9 des Antrags "4. Folgebeeinträchtigungen des sexuellen Missbrauchs. Leiden Sie noch heute unter psychischen, körperlichen oder anderen Beeinträchtigungen, die sie auf dencerlittenen Missbrauch (zumindest teilweise) zurückführen? ... 4.1 Psychische Beeinträchtigungen ... 4.2. körperliche Beeinträchtigungen (auch psychosomatische) ... Infektionen, Schmerzen, Narben, Verletzungen ... Seite 10 4.3 andere Probleme und Beeinträchtigungen ..."
Unbedingt erneut beantragen! Oder ggfs mit Hilfe des WR klagen.

Mit Bestürzen habe ich gelesen, dass "Anne" noch nicht einmal die Kosten für ein Trampolin und ein E-Bike aus dem "Fonds sexueller Missbrauch" erstattet bekommt. Vielleicht gibt es eine Möglichkeit, ihr über Chrismon Geld zukommen zu lassen, damit sie diese beiden Dinge anschaffen kann und ihr Leben dadurch zumindest etwas leichter wird ? Ich wäre gern bereit, dafür zu spenden.

Liebe Frau Meincke,

ja, diese Möglichkeit gibt es. Am besten Sie mailen mich direkt an: holch@chrismon.de

Herzliche Grüße
Christine Holch/Redaktion chrismon

Liebe Frau Holch,
anders als meine „Vorrednerin“ Frau Marmann möchte ich diesen wirklich schlimmen Bericht eher „loben“ (?) ... das hört sich makaber an, aber ist so! Ihn zu lesen tat stellenweise zwar weh, aber wie schmerzhaft muss es für die Berichtenden und für Sie bei der Recherche gewesen sein! Ein wesentlicher Beitrag ist es ggf Anzeichen besser deuten zu können und zu verstehen. So oft stellt man sich Fragen in der Arbeit mit Kindern! Insofern „kommen *Pia u Anne* ihrer gesellschaftlichen Verantwortung“ tatsächlich Nahe, indem sie eine harte, kaum erträgliche Arbeit geleistet haben: Uns davon zu berichten. Daher gilt mein Dank den beiden Betroffenen und auch Ihnen Frau Holch, dass sie sich diesem Thema und den Berichten der Frauen in würdiger Weise gestellt haben!

Ich wanke neben mir.
Ich konnte den Artikel nicht zusammenhängend und vollständig lesen. Ich kann nicht und ich werde nicht. Trotzdem bleiben zwei komplexe Fragen.
Offensichtlich ist der Hauptbezug auf mündliche Aussagen bei solchen Problemen ungeeignet zur Wahrheitsfindung. Die Erinnerung nach mehreren Jahren ist gefiltert und mehrfach bearbeitet. Die Erinnerung von Kindern ist sehr selektiv, verzerrt und relativ leicht manipulierbar – schon bei der Wahrnehmung, aber noch mehr beim Aufrufen. Welche Ermittlungsmethoden können weiter helfen?
Das andere Problem ist das Erkennen von solchen Missbrauchsfällen, ohne allgemeine Schnüffelei

Lieber Herr Graf,
ganz so schwierig ist es nicht mit der Erinnerung, jedenfalls nicht in diesem Fall. Denn beide Kinder wurden ja auch noch als Teenager missbraucht, und an das, was einem mit 12 oder 16 geschah, kann man sich dann doch ziemlich gut erinnern.
Herzliche Grüße
Christine Holch/Redaktion chrismon

Es erschüttert mich sehr das die Täter nicht gefasst,- und diese kranken Eltern nicht belangt werden, ich hoffe das sie wenigstens in der Hölle dafür bestraft werden. Ich kann nicht verstehen wie so etwas gehen soll. Hier in Leipzig werden alle Kinder regelmäßig vom Kinderarzt untersucht. Gerade auch deshalb werden diese U- Untersuchungen durchgeführt. Wir werden vom Arzt ermahnt (!) wenn wir nur eine davon versäumen. Man hätte so frühzeitig die Schädigungen der Kinder erkennen können. Bei Verdacht informiert doch so ein Arzt sofort die Behörde. Da wurde ordentlich geschlampt, die trinken den ganzen Tag Kaffee und nix passiert? Das ist plamabel.
Ich wünsche das die beiden ihren Frieden finden, es tut mir so weh. (wenn man an seine eigenen Kinder denkt..., o mein Gott) Sehr mutiger Artikel.

Vielen Dank für diesen Artikel und den beiden mutigen Frauen, die ihr Leiden geschildert haben. Wie sie all das, was ihnen angetan wurde, überleben konnten?
Was gibt es nur für Menschen, die Kindern und noch dazu ihren eigenen so ein Leid zufügen können? Der Sadismus scheint in allen Bildungsschichten zu Hause und nach der Schilderung von Anne und Pia gar nicht selten. Ich hoffe das diese Taten in irgendeiner Form gestraft werden.
Die Frage bleibt, wie kann so etwas zukünftig verhindert werden?
Ich wünsche den beiden Frauen ganz viel Kraft ihr Leben zu leben und liebe Menschen um sie.

Ich lese die Chrismon sehr gerne.

Aber… der Leitartikel „ Wer tut so was? „ heute im 03.2019 hat mich so erschüttert und aufgewühlt, mir war schlecht.
Ich frage mich, wem nützt so ein ausführlicher Bericht, den Betroffenen bestimmt nicht. Die Täter sind nicht zu fassen!
Das Ganze ist reißerisch aufgemacht!
Ich kann doch annehmen, dass Fachleute darüber wissen und damit umgehen.
Ich habe das Heft gleich in den Müll geschmissen, ich möchte nicht, daß in meiner Familie noch jemand das alles liest.

Sehr geehrte Frau Marmann,

danke für Ihre Mail. So ganz verstehe ich sie noch nicht. Sie schreiben, Sie seien aufgewühlt und erschüttert gewesen (das kann ich verstehen ), und dann hätten Sie das Heft in den Müll geschmissen (das verstehe ich nicht).

Denn diese beiden Betroffenen WOLLTEN, dass wir ihre Erlebnisse weitergeben. Sie haben den Text natürlich vorher gesehen und fanden nichts reißerisch. Vielmehr haben wir diverse besonders schreckliche Details weggelassen, aus Rücksicht auf die Leser. Ziel der beiden Frauen war, anderen Missbrauchsbetroffenen Mut zu machen und die Öffentlichkeit mehr zu sensibilisieren. Und dass der Text Betroffenen Mut macht, dazu haben wir schon einige Rückmeldungen. Auch dazu, dass Menschen, die ein "komisches Gefühl" haben, sich ein Herz fassen und sich beraten, etwa beim Hilfetelefon sexueller Missbrauch. Denn wenn man vielleicht nicht immer den ersten Missbrauch eines Kindes verhindern kann, so kann man doch oft ein jahrelanges Martyrium verhindern. Das will der Text bewirken.

Herzliche Grüße

Christine Holch
 

Liebe Frau Holch,

ich danke sehr für den Artikel - und ganz besonders den beiden Frauen für ihren Mut und ihre Kraft, über den jahrelangen organisierten Missbrauch zu berichten und die noch immer lebendigen Schmerzen zu teilen. Wie feinfühlig und sensibel sie und ihre Partner in diesen Flashback-Situationen miteinander umgehen, aufeinander aufpassen, beeindruckt mich. Auf beeindruckend journalistisch-gute Weise nehmen Sie, Frau Holch, die Leser_innen mit und führen (dosiert) in Entsetzliches, Menschenverachtendes, das uns Leser_innen überfällt. Das tut uns schon vom Lesen und Vorstellen weh, bleibt hängen und wird hoffentlich nachhaltig präventiv durch eine hohe Sensibilität für Menschen in so großem Leid und Gefahr wirken!

Obwohl ich schon von vielen und schrecklichen Missbrauchen gehört habe, bin ich schockiert und unfassbar traurig über das, was die Frauen erleben mussten - was andere ihnen angetan haben - und immer wieder: wie man überhaupt auf solche Ideen kommt?! Ihr Hinweis, dass Sie "besonders schreckliche Details" nicht geschrieben haben, um die Leser_innen zu schützen, lässt meinen Atem stocken und mich fast erbrechen.

Ich wünsche den beiden Frauen und ihren Partnern, dass sie nun gute Zeiten haben und dass sie Hilfe erfahren, wo sie es brauchen. Sie haben meinen großen Respekt für Ihre Stärke, Ihren Kampf, Ihren Lebenswillen und Ihren Mut!
Und auch Ihnen, Frau Holch, wünsche ich, dass Sie einen guten Umgang mit dem Gehörten finden und Sie eine Stelle haben, wo Sie Ihren Kummer lassen können und es Sie nicht verfolgt.
Meinen Respekt für Ihre Arbeit - so schwer und doch so wichtig!
Mit freundlichen Grüßen
Sabine

Das wär natürlich toll! Ich maile Ihnen gleich.

Viele Grüße
Christine Holch/Redaktion

Ich möchte Ihnen ein großes Lob aussprechen für das Titel-Thema der Ausgabe 03/2019 zu Kindesmissbrauch.

Tief erschüttert und schockiert habe ich den Artikel "Es waren viele Männer - und die Mütter" von Frau Holch gelesen, der das Thema sensibel angeht, aber auch dem Leid und grausamen Unrecht, dass die beiden Mädchen und nun Frauen erfahren haben, gerecht zu werden versucht. Neben der Empathie für die Opfer, bleibt vor allem Wut über die Täter und Täterinnen und dem Unvermögen des Rechtsstaats diese zu bestrafen. Angesichts solch unfassbarer Verbrechen ist es nur schwer zu ertragen, dass die Täter/innen straffrei ausgehen. Zugleich bleibt aber auch die große Hochachtung vor dem Mut der beiden Frauen über die Verbrechen, die an ihnen verübt wurden, zu sprechen. Welch Überwindung muss es sie gekostet haben, die Schrecken in solch einem Gespräch offen zu legen. Dies war sicher auch für Sie, Frau Holch, nicht leicht. Danke, dass Sie sich des Themas angenommen haben und so die Öffentlichkeit über dieses schreckliche Unrecht informieren.

Vielleicht sind Sie bei Ihren Recherchen auf Möglichkeiten gestoßen, wie Opfern wie diese beiden Frauen unterstützt werden können (Einrichtungen zum Opferschutz, aber auch politische Vertreter, bei denen man mal Druck machen sollte). Über eine diesbezügliche Information würde ich mich sehr freuen.

Nochmals ein großes Lob und Dankeschön, dass sich Ihr Magazin immer wieder kritisch solcher "schwierigen" Themen annimmt.

Liebe Frau Kunde,

haben Sie Dank dafür, dass Sie Ihre Eindrücke/Gefühle/Gedanken in Worte gefasst haben!

Weil Sie fragten, was Sie tun könnten:

  • Immer gut: einer Fachberatungsstelle in Ihrer Nähe sachbezogen zu spenden. Etwa für einen Präventionsworkshop in einer Schule. Dass Kinder eine Nummer in die Hand bekommen, hält zum Beispiel die eine der Betroffenen, Pia, für immens wichtig. Solche Fachberatungsstellen (sie heißen ja nicht alle „Wildwasser“) kann man z.B. hierüber finden: https://www.hilfeportal-missbrauch.de/startseite.html
  • Falls Sie Kontakt zu Ihrer/Ihrem Bundestagsabgeordneten haben: Er/Sie soll sich mal mit dem Opferentschädigungsgesetz beschäftigen. Das derzeit angedachte reformierte Gesetz bringt Missbrauchsopfern nämlich gar nichts. Siehe hier: https://chrismon.evangelisch.de/missbrauch-OEG
  •  

Herzliche Grüße

Christine Holch/Redaktion chrismon

 

Um mich zuerst kurz vorzustellen:
Mein Name ist Willi Lambert und Ich gehöre zur Ordensgemeinschaft der Jesuiten und bin in der geistlichen Begleitung tätig.
Ich bin gerade von einer Tagung am 22. Februar zum Thema „Organisierte rituelle Gewalt“ an der Katholischen Stiftungshochschule in München mit 200 Teilnehmenden zurück und lese Ihren Artikel im März-Heft „Es waren viele Männer-und die Mütter“.
Ganz vielen Dank für den Mut ihrer Redaktion zu dieser ausführlichen Veröffentlichung und die Bereitschaft der beiden interviewten Frauen zum Gespräch!!
Da ich selber seit einigen Jahren eine betroffene Frau geistlich begleite, weiß ich –soweit man das „Mitwissen“ nennen kann – um diese Szene von menschenverachtender Unmenschlichkeit.
Mit Ihrer Veröffentlichung tun sie einen guten Dienst, dieses geradezu unglaubliche Untergrundgeschehen ein wenig mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein. Für die betroffenen Menschen und jene, die sie begleiten, bedeutet ihre mediale Aufmerksamkeit an der Information und Sensibilisierung eine starke Ermutigung. –
Noch einmal:
Vielen Dank für Ihren Menschen- und Evangeliums-Dienst!

Kind mit Verhaltensstörungen. Verhaltensmuster aus der Fam. der Mutter. Besonders engagierte Kirchgängerinnen kommen dann auf die Idee, das Kind müsste missbraucht worden sein und der Nachbarsjunge noch mit dazu.
Das gibt Intrigen.
Mittlerweile bin ich der Meinung, dass die Dramatisierung des Themas in der Presse sogar für die Opfer schädlich ist. Die seelische Belastung wird nämlich nur noch schlimmer, wenn das Verbrechen auch nochmal dramatisiert wird.

Gibt es noch mehr Männer, denen so übel mitgespielt wurde?

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