Organisierter Missbrauch - auch von Vätern und Müttern

Es waren viele Männer – und die Mütter
Missbrauch

Patricia Morosan

Pia und Anne wollen anderen Opfern Mut machen: "Gib nicht auf! Du schaffst es." Deshalb berichten sie hier

Missbrauch

Zwei Frauen berichten von sadistischer Gewalt, die sie als Kinder ­erlitten. Über Jahre. Sie sagen: Hätten Menschen genauer hingesehen, hätten sie etwas bemerken können.

Gespannt haben die beiden Frauen den Prozess verfolgt, vergangenes Jahr in Freiburg: Eine Mutter hatte ihren Sohn missbraucht, das Kind ihrem Partner ausgeliefert sowie gegen Geld weiteren Männern, jahrelang. Das Landeskriminalamt sagte: Noch nie habe man einen so schlimmen Missbrauchsfall . . . "Das war unser Alltag", sagen die beiden Frauen.

Es kostet sie viel Überwindung, aber sie wollen berichten, was ihnen angetan wurde. Damit Kinder gerettet 
werden. Weil Menschen genauer hinsehen. Denn man hätte etwas be­merken können.

Es sind nachdenkliche Frauen, klug und mit Humor begabt. Pia und Anne* wollen sie in diesem Text heißen. Kennengelernt haben sie sich vor Jahren über ein Forum. Was sie erlebten, trug sich in Berlin und im Osten Deutschlands zu, vor und nach der Wende.

Pia, heute 34, wuchs bei ihrer dauer­-
studierenden Mutter auf; der Missbrauch begann mit vier und endete mit 13. Anne, heute 44, kommt aus einem bildungsbürgerlichen Elternhaus, sie wurde ab dem sechsten Lebensmonat missbraucht.

Weil sie ahnen, dass das Erzählen zu Schmerzen und Flashbacks ­führen wird, haben sie sich Unterstützung organisiert für das Gespräch in Pias 
Wohnung. Stefan, Pias bester Freund, stellt sich vor: "Ich mach das Cate­ring." Er soll Coolpacks reichen, Wärmflaschen, Kaffee, Tabletten. Im Hintergrund an seinem Schreibtisch immer Pias Mann.

Christine Holch

Pia und Anne ­hatten sich direkt an chrismon-­Redakteurin ­Christine Holch gewandt. Sie vertrauten ihr wegen eines früheren Textes über ein Missbrauchsopfer ("Zieh dich aus, du Schlampe!", April 2017). ­Christine Holch sprach mit den Frauen über drei Tage, sie sah die Fotos, las die Jugend­amtsakte und den Brief der Tante.
Manfred Dworschak

Patricia Morosan

Die ­Fotografin ­Patricia Morosan stand vor der schwierigen ­Aufgabe, die ­beiden Frauen 
unerkennbar 
zu ­fotografieren. Die Ideen dazu ­entwickelte sie zusammen mit Pia und Anne.
William Minke

Aber zunächst muss das Aufnahmegerät aus dem Blick. Weil die Täter Verhöre inszeniert haben, mit Drohungen und Strafen. Damit die Kinder niemals jemandem etwas erzählen. Das Mikro wird hinter eine Saft­flasche gestellt. Also: Was ist passiert?

Pia will es als Erste hinter sich ­bringen. Sie ringt nach Luft, sagt nichts, sagt endlich: "Wenn wir den Teil fertig ­haben, brauch ich ganz ­dringend eine große Kopfschmerztablette." Dann beginnt sie.

Mit drei bekam Pia Diabetes. Bald darauf trennten sich die Eltern. Weil der Vater kein behindertes Kind ­haben wollte, so stellte es die Mutter gegenüber Pia dar; die Tochter sei schuld, dass der Verdiener weg ist, also müsse sie das Geld verdienen. Dann saßen drei Männer bei ihnen zu Hause auf der Couch. Sie müsse etwa vier gewesen sein, kurz vor der Wende, "denn wir hatten noch diese hässliche dunkelbraune Couch". ­Anne ruft dazwischen: "Schlafsofa Dagmar! 
Hatten in der DDR alle."

"Als ob der Bauch bis zum Hals aufgerissen wird"

Die Mutter habe das Kind angepflaumt: Zieh dich aus. Sie musste sich vor den Fremden drehen, ­einer tatschte sie ab, dann gingen die ­Männer. Irgendwann kam einer ­wieder und nahm sie mit. Eine Keller
treppe hinunter, sie schlang ihre ­dünnen Ärmchen um das metallene Geländer, wurde weggerissen, fiel mit dem Kopf auf eine Stufe, lag auf einem Tisch, strampelte, wurde gefesselt. 
"Es fühlte sich an, als ob der Bauch bis zum Hals aufgerissen wird."

Wusste die Mutter, was da genau passiert? "Sie wusste das, sie hat Geld dafür bekommen!" Pia schreit es fast. Rund um die Einschulung, als sie mal wieder besonders oft zu Männern musste, behauptete die Mutter: Die Feier sei so teuer. "Außerdem, so ein Kind, das einem wieder nach Hause gebracht wird und das aus mindestens einer Körperöffnung blutet, Würgespuren am Hals hat, Hängespuren an den Handgelenken, rote Handflächen und Fußsohlen von den Verbrennungen – dass das nicht die Schaukel ausprobiert hat, das ist eindeutig. Sie wusste das ganz genau."

Wieso Hängespuren an den Hand­gelenken?

Pia: Die haben einen aufgehängt, 
an Hand- oder Fußgelenken. Bei einem kleinen Kind kann man das auch 
über der Tür machen.

Verbrennungen durch was?

Pia: Bügeleisen.

Anne: Bei mir auch Toaster mit ­Klappen.

Wieso ausgerechnet Ver­brennungen?

Anne: Weil das narbenlos verheilt.

Warum macht das jemand?

Anne: Man sieht das Kind leiden.

Pia: Man hat Macht. Und Spaß ­daran.

Anne: Man kriegt das Kind dazu, alles "freiwillig" zu machen.

Pia: Nach dem Füßeverbrennen muss einer nur sagen: "Möchtest du dem Onkel einen blasen, oder wollen wir spazierengehen?"

Das Foto - kein Beweis, aber ein Hinweis

Sie bringt ein Foto, von der Einschulung: vorn die kleine Pia in schwarzen Lackschühchen und kurzärmeligem Kleid, dahinter die flippige Mutter in bunter Batikhose, die Schultüte im Arm. Das Kind lässt die Arme hängen. An den Handgelenken eine deutliche Einschnürung, oberhalb ist der Arm wulstig verdickt. Anne fällt auch auf, dass Pia auf den Außen­kanten der Füße steht. Alles kein Beweis, sagt Pia nüchtern. Höchstens ein Hinweis.

Ein Hinweis – so wie die fast handtellergroße Brandnarbe auf Pias 
Rücken. Sie hat den Pulli hochge­schoben. "Die sagten: ‚Damit du nie vergisst, dass du eine Sklavin bist.‘"

Wer macht so was? Anne und Pia hatten die Täter schon als Kinder ­kategorisiert. Es gab die "Harmlosen", die "Netten". Das seien die "wirklich Fehlgeleiteten", die in dem Kind ein Gegenüber suchten, das es nicht gibt. Die kauften den Kindern was zu ­essen und steckten ihnen Geld zu. Und hinter­her sagten sie, wenn sie gefragt wurden, ob sie zufrieden waren: "Ja! Ein ganz liebes Mädchen, macht ­alles." Damit das Kind nicht bestraft wurde.

Viel schlimmer dagegen die Sadistischen. Leider seien das die meisten gewesen.

"Pause!", sagt Stefan. Er stellt eine Dose Kekse auf den Tisch. Anne hat die gebacken. Ingwerkekse mit der vierfachen Menge an Ingwer. Anne und Pia fühlen sich durch die Schärfe ins Jetzt zurückgeholt.

Solchen Sadismus, kennt den Staatsanwalt Benjamin Krause? Er arbeitet in der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität in Gießen. Dort sichtet man Fotos und Videos von Kindesmissbrauch. Ja, sagt er, gefesselte Kinder zum Beispiel sehe man häufig. Auch Verbrennungen habe er schon gesehen, aber die Aufnahmen, die heutzutage kursieren, seien in Osteuropa oder in Asien hergestellt.

Pia war auch mit Strom gequält worden. Das Surren eines Netzteils erträgt sie nicht. Ihr Mann rasiert sich nass. Er legt beim Kochen das Messer aus der Hand, bevor er sie anspricht. Nur er geht in den Keller. Und wenn sie vor Ostern oder ihrem Geburtstag "sofort ganz weit weg" muss, organisiert er seine Termine um und reist mit.

"So eine Kreuzigung kann man schön nachinszenieren"

Besonders schlimm war es immer Ostern. "So eine Kreuzigung kann man schön nachinszenieren", sagt Pia, "und Geburtstagskinder sind heiß begehrt bei Spinnern, das gibt denen einen Extrakick. ‚Du wolltest doch ­eine Feier, jetzt machen wir eine ganz besondere.‘ Dafür zahlen die einen hohen Preis."

Gibt es tatsächlich solche Netzwerke von Missbrauchern? "Wissen wir nicht", sagen ­Polizei und Staatsanwaltschaften. Es liegen ihnen keine Anzeigen von ­Opfern vor. Dass es organisierte sexualisierte Gewalt gibt, davon berichten 
Betroffene ganz anderen Stellen: ­Therapeutinnen oder der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs.

Dunkelfeld: Organisierter Missbrauch

Organisierter Missbrauch ist ein Dunkelfeld. Susanne Nick vom Hamburger Institut für Sexualforschung hat es gerade ein wenig erhellt. 165 Betroffene gaben ihr Auskunft. Sie berichteten von extremer, von sadistischer Gewalt, über Jahre, oft schon innerhalb der Familie, dann durch fremde Täter, häufig floss Geld.

Pia möchte das Organigramm eines Netzwerks aufzeichnen. Sie beugt sich über den Couchtisch – aber der Stift fällt ihr immer wieder aus der Hand. Was ist los? Stumm zeigt sie ihre Hände vor: Die Finger sind einwärts gekrümmt, im Krampf. Stefan erklärt, während er in die ­Küche geht: "Das sind Schmerzen wie damals, Pia durchlebt die gerade wieder." Er bringt ihr ein Coolpack. Die Kälte ist ein Gegenreiz, so dass sie merkt: Es ist nicht damals.

Derweil hat Anne das Netzwerk gezeichnet: Pias Mutter am Rand, sie kannte die Täter am Ende nicht direkt. Aus Sicherheitsgründen. Sie gab das Kind einem Zulieferer, der fuhr das Kind auf irgendeinen Parkplatz, wo es in ein anderes Auto wechselte. Anne dagegen war Kind der Organisatoren selbst.

Können sich die beiden an Orte erinnern? Pia kennt keine Adressen, würde aber zu einigen hinfinden. Anne, die länger missbraucht wurde, kennt auch Adressen. Was sind das für Orte?

Schallisolierte Partykeller, einsame Jagdhütten

Es waren einsame Seminarhäuser. Schallisolierte Partykeller in Plattenbauten. Wohnungen mit edlem Fischgrätparkett. Schmuddelhaushalte mit angerostetem Wäscheständer auf der Badewanne. Eigenheime, in deren Flur die Schuhe der dort wohnenden Kinder ordentlich weggeräumt waren. 
Jagdhütten, in denen es einen ausgefliesten Raum mit Schlauch gab, mit dem die Mischung aus Blut, Urin, Erbrochenem, Fäkalien und Sperma weggespült wurde.

------------------------------------------

Wie hast du das gemacht, Christine Holch? Die Autorin im Interview zu den Hintergründen der Geschichte

--------------------------------------------

Anne war auch bei einem Apo­theker mit Antikmöbeln. "Ich glaub, der hat jedes Staubkrümelchen persönlich geohrfeigt, er war komplett clean." Sie wurde schon im Flur ausgezogen und desinfiziert. War das einer der "Netten"? Nein, sagt Anne, "der war – schwierig."

Was war das Schlimmste? Vieles. Besonders schlimm: wertlos zu sein, ungeliebt. Pia versuchte mit sieben Jahren, sich mit Insulin das Leben zu nehmen – sie dachte, die Mama freue sich wenigstens dann mal über das Kind.

Pia: Ich war nie genug. Ich wurde auch bei einer Eins minus bestraft.

Anne: Und ich, wenn ich die Gabel falsch einsortiert hatte im Besteck­kas­ten. Schlaf­entzug war eine Strafe, 
ich schrieb die ganze Nacht Schul
hefte ab.

Pia: Der Durst, wenn man endlos lang im Keller eingesperrt ist.

Anne: Ich musste verdorbenes Essen essen. Leberwurst, die schon grün und schleimig ist. Fisch, wenn er schlecht wird. Gibt eine ordentliche Lebensmittelvergiftung. "Wenn du das nicht isst, hast du keinen Hunger."

Anne wurde zur Strafe oft in die Regentonne gesteckt, musste dann nass und mit nackten Füßen auf dem ­kalten Stein stehen, auch winters. Sie habe bestimmt zwei-, dreimal im Jahr eine Lungenentzündung gehabt. Trotzdem musste sie in die Schule.

Zur Erinnerung: Pias Mutter studierte und galt als weltoffen. Annes Eltern waren Akademiker, hatten als Chemiker gute Positionen, ein Haus, machten zweimal im Jahr Urlaub, und das waren keine Zelturlaube.

Die Eltern waren Akademiker - und brutal

Haben die beiden je versucht, sich die Brutalität ihrer Eltern zu erklären? "Wir haben nur überlebt", sagt Pia, "weil wir dauernd versucht haben zu verstehen, wie die ticken!" Um es ihnen doch irgendwie recht zu machen. Sie mögen diese Frage nicht. Erklären und Verstehen sei so nah am Verständnis-Haben. Und von da sei es nur noch ein Schritt, die Eltern zu entschuldigen. Und sich selbst zu fragen, was man falsch gemacht hat, dass man nicht geliebt wurde.

Pia weiß, dass ihre Mutter ihrer ­eigenen depressiven Mutter engste Vertraute hatte sein müssen. ­Anne weiß, dass ihr Vater als Baby bei ­seinen Eltern fast verhungert wäre, er kam zu Adoptiveltern. Ihre Mutter sei selbst missbraucht worden, habe das aber nie bearbeitet. Das erfuhr sie von der Schwester der Mutter.

Aber das rechtfertige doch nichts, sagt Pia. Die meisten Menschen, die als Kind Schlimmes erlebt haben, würden nicht selbst gewalttätig. "Mal alle Psychologie beiseite: Meine ­Mutter hat sich immer wieder ­dafür entschieden, böse zu sein. Sie hat sich immer wieder gegen die ­Liebe entschieden und gegen die Nachsicht."

Wurden sie auch von ihren Müttern missbraucht?

Wurden sie auch von ihren Müttern missbraucht?

Anne: Von meinem Vater und von ­meiner Mutter. Aber nie zusammen. Mit 13 war ich schwanger, ich weiß nicht von wem, ich verlor das Kind. 
Zu der Zeit hörte meine Mutter auf, 
sie fand mich nicht mehr attraktiv.

Pia: Bei uns lief es unter "Kuscheln". Ich musste um sechs Uhr morgens ­antreten. Sie schlief nackt. Manchmal hat sie mich gewürgt dabei.

Pia flüstert: "Ich kann das nicht gut erzählen, ich schäme mich so doll."

"Pause!", rufen Stefan und Anne. ­Stefan bringt Pia eine Flausch­decke.

Warum werden manche Opfer ­später selbst zu Tätern und Täterinnen? Man kann das die Sozial­wissenschaftlerin Barbara Kavemann fragen. Sie ist Mitglied der Unabhängigen Kommission zur Aufarbeitung sexuellen Kindesmissbrauchs. Manche Menschen, sagt Kave­mann, kompensieren erlebte Ohnmacht durch eigene Gewalt­tätigkeit. "Denn sich selbst zu beweisen, dass man kein Opfer mehr ist, erreicht man am leichtesten dadurch, dass man selbst gewalttätig wird." Andere dagegen setzen sich mit ihrer Ohnmachts­erfahrung auseinander. Was hart ist.

Manche Frauen sind nicht nur Opfer, sondern auch Täterinnen

Barbara Kavemann erkannte schon Anfang der 90er Jahre, dass manche Frauen nicht nur Opfer, sondern auch Täterinnen sind. Und manche sind ausschließlich Täterinnen. "Bei Menschenhandel und bei organisiertem Missbrauch sind viele Frauen in den Strukturen. Nicht alle missbrauchen selbst sexuell, aber sie profitieren davon und organisieren das Ganze. Denn es ist schwierig, an Kinder heranzukommen ohne Frauen, ohne Mütter."

Ab wann Anne von ihrer Mutter missbraucht wurde, weiß sie nicht. Aber sie weiß, wann der Vater begann: als das Kind sechs Monate alt war. Das Baby erlitt durch die massive Gewalt einen Dammriss, einen tiefen Riss zwischen Scheide und Po. Man brachte es nicht ins Krankenhaus, sondern zur Krankenpflege zu den Großeltern. Anne erfuhr davon erst 2004, aus dem Brief einer Tante.

Der Vater vergewaltigte das Baby

Die Tante stand vor einer Operation 
mit ungewisser Überlebenschance und wollte sich "entlasten", so schreibt sie an Anne, damals 30. Alle in der ­Familie hätten es gewusst. Und der Vater sei "vorher schon so komisch beim Wickeln" gewesen. Es habe halt jeder seine Gründe gehabt – so wie sie: Ihr Mann habe viel schwarzgearbeitet. Am Ende sei ja alles gutgegangen und Anne wieder gesund gewesen. Die Tante schließt ihren Brief hiermit: "Weißt du, man muss Vergebung lernen, sonst wird man nie glücklich."

Zwei Jahre später verlangte die Tante den Brief zurück. Man müsse das Gewesene auch mal hinter sich lassen. Anne behielt den Brief.

Sexuelle Gewalt an Säuglingen, gibt es das wirklich? "Ja", sagt Staatsanwalt Benjamin Krause von der Zentralstelle zur Bekämpfung der Internetkriminalität, "auch Analverkehr bei Säuglingen."

Mit zwei hat bei Anne auch das "Verkaufen" angefangen. Woher sie das weiß? "Ich musste später einen Teil der Buchführung machen. Mein Vater war einer der drei Organisatoren und ein Pedant." Da standen jahrgangs­weise Mappen, darin aufgelistet die Namen der Mädchen und was man mit ihnen verdient hat, wie viel Geld für Zwischenhändler, Essen und Schäden bezahlt wurde. Sie blätterte zurück, 1976 fand sie erstmals ihren Namen.

Eigene Erinnerungen hat sie ab etwa vier. Dass ihr die Eltern sagten: "Man muss sich sein Bett und sein Essen verdienen. Wir gehen arbeiten, und das ist deine Arbeit."

Trotzdem war Anne gut in der Schule. Zur Klassenbesten reichte es nur deswegen nicht, weil die Kopf­noten nicht stimmten. Sie war ständig übermüdet, schlief oft ein, rutschte auch mal vom Stuhl, schlief auf dem Klassenboden weiter.

In Sport waren sie beide nicht gut. Sie schleppten sich mit verbrannten Fußsohlen durch die Zielläufe. Und hatten auch bei größter Hitze lange Sporthosen an – angeblich, so die Mütter, weil sie hässliche Beine hätten.

Pia: Klar, an den Beinen sind die ­Spuren. Von den Schnüren, von den Schlägen.

Anne: Vom Genitalmissbrauch.

Pia: Wenn sich drei Typen Spaß mit einem kleinen Mädchen gönnen, 
dann wird das ab den Knien sichtbar: blaue Flecke, Kratzspuren, Biss­spuren, Knutschflecke.

Fielen die Verletzungen denn nie jemandem auf?

Fielen diese Verletzungen denn nie jemandem auf? Den Schulärzten zum Beispiel? Ach, sagt Anne, die schleusten 20 Kinder in einer Schulstunde durch. Außerdem wurden die Untersuchungen angekündigt. Entweder achteten die Eltern darauf, dass die Wunden bis dahin ausgeheilt waren, oder sie nahmen Anne an dem Tag aus der Schule.

Kam sie zum Ersatztermin auch nicht, wurden die Eltern vorgeladen. "Zu dem Termin erschienen dann meine Akademikereltern mit einem äußerst gnatzigen Gesicht – dass sie maximal beschäftigt sind und warum man sie mit so was behelligt, wo es dem Kind doch gut geht, das sieht man doch."

Das Kind hatte zwar ständig Blessuren, aber die konnten die Eltern immer erklären: "Sie wissen doch, das Kind findet das einzige Loch auf der Straße." Stimmte ja auch, sagt Anne heute, "ich stolperte dauernd. Natürlich. Ich war maximal unaufmerksam als Kind. Ich galt als der klassische Unglücksrabe, da guckt man dann gar nicht mehr hin. Und dass ich mit ­meinen Beinen nicht klarkam, konnte man als Wachstumsschub ausgeben."

Bei Pia, der Tochter der alleiner­zie
henden Studentin, war sogar das Jugend
­amt mit im Spiel – aber alle Verhaltensauffälligkeiten führte man darauf zurück, dass das Kind seine Diabeteserkrankung nicht akzeptieren konnte.

Wie sehr hätte sich Pia gewünscht, dass die Leute vom Jugendamt mal nur mit ihr, dem Kind, gesprochen hätten! Mit der Zusicherung: Das bleibt alles unter uns, und es kann ­keine Strafe für dieses Gespräch ­geben. Statt­dessen habe man sich von ihrer so sympathisch und fürsorglich wirkenden Mutter täuschen lassen.

Der blinde Fleck: Mütter als Täterinnen

Das ist der blinde Fleck: Mütter als Täterinnen. Die Freiburger Staatsanwältin Nikola Novak hat die Ermittlungen im Missbrauchsfall Staufen geleitet, sie klagte die Mutter an. Auch wenn sie damit oft auf Unverständnis stößt, Novak richtet ihren Blick schon lang auch auf Mütter – als Täterinnen oder, häufiger, als Mitwisserinnen, die nicht eingreifen – denn auch die Verletzung der Fürsorgepflicht wird bestraft, mit bis zu drei Jahren Haft.

Haben Pia und Anne denn nie jemandem was gesagt? Doch, Pia hat es mehrmals versucht. Aber wegen des Schweigegebots durch Täter und Mutter musste sie es so verklausulieren, dass sie nichts verriet und trotzdem verstanden wurde. Also sagte sie so was wie: Böse Monster haben mich entführt und meinem Bauch wehgetan. Dann fragten Kindergärtnerinnen und Grundschullehrer die Mutter: "Die Pia erzählte so komische Sachen – stimmt das denn?"

Warum sind sie nicht weggelaufen? "Wir SIND weggelaufen!" Beide mit neun. "Aber das macht man nur ein oder zwei Mal. Zurückkommen ist die Hölle." Überhaupt: Wohin?

Einmal rannte Anne vor den Tätern weg

Anne: "Ich stand an dem See bei uns in der Nähe. Ich wusste, Reinspringen bringt nichts, ich kann schwimmen. Und ich bin ja weggelaufen, weil ich NICHT sterben wollte. Wo sollte ich hin? Es gab nichts. Wenn man mit dem Satz ‚Dich will keiner haben’ aufwächst, dann spricht man auch keinen an. Die bringen einen eh zurück. Da hat man sich so ultimativ verloren gefühlt." Tränen rinnen über ihre Wangen.

Mit elf rannte Anne sogar mal vor Tätern weg. Einer der Haupttäter fuhr mit ihr in die "Ferien" auf Rügen, seinen 
Trafo mit im Auto. Er folterte das Mädchen mit Strom. An einem Abend fragte Anne, ob sie noch mal zur Toilette dürfe, bevor es losging. Erstaunlicherweise durfte sie. Sie rannte los. Sofort waren zwei der Mittäter hinter ihr her, schneller als sie, es gab keinen Ausweg, nur nach vorn – sie stürzte die Kreidefelsen hinunter, landete mit der Hüfte auf einem Felsbrocken. Mehrfacher Beckenbruch. Der Bruch wurde in einem Schlafzimmer auskuriert, einer 
in der Leitung des Netzwerks war Orthopäde. Die Hüfte wuchs schlecht zusammen. Seitdem hat sie Schmerzen.

Anne sagt plötzlich nichts mehr. Pia beugt sich zu ihr, sagt eindringlich: "Rosa Elefant! Grüne Sternchen! ­Türkise Punkte!" Anne hat einen Flashback, wird überflutet von der Rück­erinnerung. Manchmal hilft es, an rosa Elefanten zu denken. Endlich blinzelt Anne: "Okay." Sie ist wieder da. In Pias Wohnzimmer, in Sicherheit.

Was hielt die beiden Mädchen am Leben? Es war das Versprechen, das jede sich gegeben hatte.

Das Versprechen: Ich überlebe das hier!

Anne: Ich hatte "dort" eine Freundin kennengelernt, Stefanie. Unser ­Mantra war: Mit 18 ziehen wir aus, 
und dann ist es vorbei, dann leben wir. Ich überlebe das hier! Ich krieg das hin!

Pia: Ich wollte dort nicht sterben, es sollte nicht das Letzte sein, was ich sehe. Meine Mutter hat immer gesagt: "Einmal Hure, immer Hure." Aber ich habe mir versprochen: Es kommt noch was anderes. Ich werde auch mal so sauber sein wie die anderen Kinder in der Schule.

Aber erst einmal kam 1989 die Wende. Für die fünfjährige Pia in Ostberlin bedeutet die Wende nur Pech. Ost­berlin sei sofort von einer massiven Nachfrage aus Westberlin überschwemmt worden, man habe also viel Geld verdienen können mit einem Kind, das bereits "eingeritten" war.

Bei Anne im Inneren der DDR war die Tätergruppe kurz verunsichert, dann formierte sie sich neu. Sie war mittlerweile 16, jetzt ging man noch brutaler mit ihr um. Anne und Pia erklären das so: Sex mit einer sehr jungen Frau könne man überall kaufen, "aber wenn man jemanden an die Grenze der Lebensfähigkeit bringen will..."

Stefanie, die Freundin, mit der Anne den Ausstieg erträumt hatte, hielt es nicht mehr aus, sie sprang vom Hochhaus, kurz vor den Sommerferien. Anne wusste: "Wenn ich hierbleibe, springe ich auch." Kurz entschlossen verließ sie das Gymnasium und begann eine Ausbildung als Sozialversicherungsfachangestellte.

Endlich: ein rettender Mensch!

Und endlich trat ein rettender Mensch in ihr Leben. Denn die Prak­tika verbrachte Anne bei der Landesversicherungsanstalt in einer westdeutschen Großstadt, untergebracht war sie bei einer städtischen Finanzprüferin: Gisela. Die erfasste sofort, dass sie hier ein großes, verlorenes Kind vor sich hatte. Sie dachte anfangs, der Vater schlage Anne. Empörend!

Hat Anne ihr denn nicht gleich ­alles erzählt? Anne schüttelt den Kopf. "Das ist ja nicht etwas, was man einfach so erzählt", sagt Pia, "das sind Dinge, die man nach und nach durchtropfen lässt in einer dieser durch­zitterten, durchfürchteten Nächte, die jemand mit einem aushält."

Jede Nacht kochte Gisela nun Kakao und saß an Annes Bett, wenn das Mädchen wieder schreiend aufgewacht war. "Plötzlich in Ruhe schlafen zu können, da hab ich totale Alp­träume gekriegt", sagt Anne. Ganz selbstverständlich gab Gisela ihre vielen 
Fernreisen und Freundestreffen auf. Als Anne mal vergaß, ein Brot fürs Abendessen einzukaufen, zitterte sie vor Angst. Gisela sagte nur: "Ach, dann machen wir Nudeln zum Salat." Keine Bestrafung, kein Weltuntergang. "Und egal was für eine Zumutung ich war, Gisela gab mir immer das Gefühl, dass es schön ist, dass ich da bin."

Die ersten vier Praktikumswochen waren um, Anne wollte den Schlüssel zurückgeben, aber Gisela drückte ihn 
ihr wieder in die Hand: "Das ist ­deiner, hier ist jetzt dein Zuhause." Anne schluchzt, als sie das erzählt.

Alsbald fuhr das junge Mädchen jeden Freitag direkt von der Arbeit mit dem Zug zu Gisela und montags im Morgengrauen zurück ins Büro. Nur unter der Woche war sie noch bei den Eltern, aber für das Netzwerk nicht mehr verfügbar, auch weil man Gisela nicht einschätzen konnte – die kannte viele Leute, vielleicht auch den ­Polizeipräsidenten? Nur dem Vater war Anne immer noch ausgeliefert. "Es war ein Kampf."

Für Pia in Ostberlin war ein 
Ende der Qualen nicht absehbar, damals, Mitte/Ende der 90er Jahre. Es gibt ein Foto aus der Zeit: Man sieht eine beschwipste ­Silvesterrunde, die Mutter liegt auf der Couch, vor ihr sitzt Pia, die Mutter hat ihr den Arm über die Schulter gehängt und die Hand auf ihre Brust gelegt. Sie hat die Brustwarze zwischen ­ihren Fingerspitzen. Pia versucht, mit der freien Hand den Arm der Mutter wegzuschieben. Auch das sieht man.

"So makaber das klingt: Diese Vergewaltigung war mein Glück."

Doch dann passierte etwas. Es war abends, die Mutter war nicht da, die nicht ganz 13-jährige Pia spazierte noch mal um den Block. In einem Dönerladen plauderte sie mit dem Verkäufer, der zog sie nach hinten und vergewaltigte sie. "So makaber das klingt: Diese Vergewaltigung war mein Glück." Denn endlich hatte sie etwas, über das sie sprechen durfte. Und das ihr jeder glaubte. "Denn dass ein Dönerverkäufer ein Mädchen vergewaltigt, das passte genau ins Bild der Leute."

So landete sie bei der Beratungsstelle 
"Wildwasser" und – weil Pia sich derart vehement weigerte, weiter bei ihrer Mutter zu wohnen – in einer geheimen Mädchen-Notunterkunft. Die Mutter drohte Wildwasser mit Anwalt und Zeitung und ließ die Tochter in eine psychosomatische Klinik verbringen. Dort diagnostizierte man bei Pia Depressionen, Suizidgefährdung und eine schwere posttraumatische Belastungsstörung – wegen der ­
Vergewaltigung durch den Döner­
ver­käufer, dachten die Ärzte.

Niemand hatte die Mutter in Verdacht. Die wollte, dass die Tochter nach Hause kam. Pia aber kämpfte mit aller Kraft dagegen an. Spät, aber dann doch, nahm die Klinikärztin die Mutter zumindest als "destruktiv" wahr, so schrieb sie es in einem Brief ans Jugendamt.

Die Heimleiterin hatte schon viel gesehen

Und endlich, endlich traf Pia auf ­eine Frau, die sofort erkannte, in ­welcher Not das Mädchen war: ­Alexandra, die taffe Leiterin eines Kinderheims. Die hatte schon viel gesehen. Sie merkte als Erste, an welcher Stelle Pia ihr Er­zählen immer abbrach. ­Alexandra sagte ganz direkt: "Weißt du, so was machen nicht nur Männer." Pia wurde wütend. Aber Alexandra 
redete einfach weiter: "Weißt du, wenn das Frauen machen, kann man sich das genauso wenig aussuchen, wie wenn das Männer machen." Pia schämte sich entsetzlich, dachte, die Heimleiterin ekele sich vor ihr. Die aber nahm das große Kind einfach in den Arm.

Es war auch die Heimleiterin, die das Foto außen an der Wohnungstür der Mutter bemerkte. Sie hatte Pia zu einem Besuch begleitet – denn wie sehr wünschte sich Pia noch immer, dass ihre Mama sie liebhatte. Als sie gingen, löste Alexandra das Foto von der Tür und gab es Pia.

Das Foto: Das vielleicht achtjährige Mädchen sitzt auf einer Fensterbank, es hat einen kurzen Rock an, ein Bein hängt herunter, das andere hat das Kind aufgestellt, man sieht die Unter­hose. Das Kind macht einen Kussmund. Der Fokus der Kamera liegt aber nicht auf dem Gesicht, sondern auf der weißen Unterhose.

Pia murmelt noch ein "Ich muss mich mal eben zusammenrollen, weil . . . das ist jetzt echt . . ." Stefan begleitet sie in ihr Zimmer. Anne übernimmt: Das Foto sei ein "klassisches Anwerberfoto". Um neue Kunden zu animieren. Dafür nehme man absichtlich nicht normale bunte Kinder­unterwäsche, sondern "unschuldig" weiße Wäsche. "Das soll sagen: Du bist der Erste, der da randarf."

Pia und Anne haben als junge Frauen den Kontakt zu ihren Eltern komplett abgebrochen. Alles gut also?

Anne: Ich fühle mich wie 96. Es tut ­alles ständig weh.

Pia: Die Panikattacken, die sind so heftig, dass Suzid der einzige Ausweg zu sein scheint.

Am schlimmsten sind die Nächte. Wenn sie aus dem Schlaf hochschrecken und "dort" sind. Meist schlafen sie höchstens vier Stunden, seit Jahrzehnten.

Pia führt ein eng durchgetaktetes Leben, niemals dürfe Ruhe einkehren. Sie arbeitet vollzeit als Pharmazeutin im Krankenhaus und macht nebenher ein Aufbaustudium. Sie funktioniere nach außen, sagt sie, doch der innere Leidensdruck sei groß. Sprechtherapien hätten ihr nicht geholfen. Und gute Trauma-Körpertherapeutinnen sind rar, sie findet keine.

Anne kann keine Kinder be­kommen, zu schwer sind die Ver­letzungen. Und sie ist erwerbsun­fähig, seit sie 20 ist.

Anne: Mein Lungenrestvolumen ist sehr begrenzt, deshalb habe ich ein krankes Herz.

Pia: Ein schwerkrankes Herz, wenn ich das mal korrigieren darf. So dass sie die Handynummer ihres Kardiologen bekommen hat. Deine Lunge ist eher Narbe als Lunge.

Anne: Ja. Das kommt von den vielen verschleppten Lungenentzündungen. Wenn man ein Kind in ein Regenfass stopft . . .

Warum zeigen sie die Tätern nicht an?

Warum zeigen sie die Täter nicht an? Jetzt, wo sie einigermaßen stabil sind. Die Taten sind doch noch nicht verjährt.

Pia: Da lagen keine Teilnehmerlisten aus, da hat sich niemand mit Namen und Adresse eingetragen! Ich kann mich deutlich mehr an Hände und ­Penisse erinnern als an Gesichter. 
Ich habe keine Beweise. Wenn Sie wirklich sicher sein wollen, dass 
Ihnen als ­Täter nichts passiert, foltern Sie ­Ihre Opfer so stark, dass es ihr Erinnerungs­vermögen zerrreißt.

Anne: Ich war bei spezialisierten Strafrechtsanwälten, bei mehreren. Die ­Anwälte haben alle auf ihr Honorar verzichtet und waren sehr bemüht. Aber sie haben mir alle drei abgeraten. Bei dem Umfang, was mir passiert ist, würden die Glaubhaftigkeitsgutachten sehr schlecht für mich ausfallen. Es war so viel bei mir, dass ich manchmal nicht weiß, war das jetzt mit sechs oder erst mit acht? Und wenn die ­einzigen Anhaltspunkte die Schuhe sind, die man damals hatte, oder die Jahreszeiten, ist man durch Fragen leicht zu verwirren.

Pia: Zu mir sagte eine Anwältin: Bei 
organisierten Täter­kreisen kann sie nur abraten. Wenn es nur ein Täter gewesen 
wäre und nur über ein, zwei Jahre...

Anne: Die Täter verwirren das Kind 
ja auch absichtlich. Einmal hatte ein Täter ein Herz in der Hand, er hat 
mir weisgemacht, es sei meins. Ich dachte wirklich, das ist meins. Ich war halt noch recht klein. Mit solchen ­Geschichten ist man vor Gericht sofort unglaubwürdig. Heute denke ich, es war ein Schweineherz.

Opferanwältin Claudia Willger in Saarbrücken hat das oft erlebt: "Die Betroffenen sind so schwer geschädigt, dass sie durch jedes Glaubhaftigkeitsgutachten rasseln." Eigentlich sollen Gutachter das Gericht nur beraten, am Ende müssen 
die Richter selbst prüfen und entscheiden. Tun sie aber oft nicht, so die Erfahrung der Rechtsanwältin. "Ein Unding! Gutachter dürfen nicht die ‚heimlichen Richter’ sein."

Sie könnten doch wenigstens die Mutter, die Eltern anzeigen! Sollten Pia und Anne es nicht wenigstens versuchen? Nein, sagen sie, am Ende stünde Aussage gegen Aussage. Und Pias Mutter kannte die Täter gar nicht.

Stefan mischt sich ein: "Ich bin ja auch ein Außenstehender, der sagt: Da muss man doch mal mit einer großen Axt dazwischenfahren! Aber so was zu fordern, ist leicht. Wir sind nämlich nicht diejenigen, die dann im Rampenlicht stehen, die vor Gericht von den Gegenanwälten auseinandergenommen werden, die danach noch mehr traumatisiert sind. Wir gehen nach Hause und sagen: ‚Da ­haben wir was Gutes getan.‘ Aber 
am Ende werden die Täter freige­sprochen, und die Opfer sind am Boden zerstört. Deren Leben ist vorbei."

"Ich will nicht noch mal zum Opfer werden"

Anne: Der Preis ist mir zu hoch. Ich will nicht noch mal zum Opfer werden.

Pia: Wir kommen unserer gesellschaftlichen Verantwortung sehr wohl nach: indem wir hier berichten. Um Menschen zu sensibilisieren. Davon haben am Ende alle mehr.

Aber wollen sie denn nicht so was wie Gerechtigkeit? Doch, sagen sie. Sie wünschen sich sehr, dass der Staat ihr Leid anerkennt und Wiedergutmachung leistet. Weil er sie nicht beschützt hat. Dafür gibt es das  Opferentschädigungsgesetz. Eigentlich.

Anne scheiterte schon an der ersten Sachbearbeiterin. Ohne Anzeige, sagte die, könne sie für Anne gar nichts tun. Dabei stimmt das gar nicht. Behörden können auf eine Anzeige verzichten, wenn sie nicht zumutbar ist. Anne müsste sich eine Anwältin nehmen und gegen die Behörde vorgehen. So was kann Jahre dauern.

Es würde Anne schon helfen, wenn sie ein Trampolin und ein E-Bike bezahlt bekäme, für die kaputte Hüfte und das kranke Herz. Sie hat dafür einen Antrag beim "Fonds Sexueller Missbrauch" der Bundesregierung gestellt. Der soll "niedrigschwellig" ­helfen. Ihr Antrag wurde abgelehnt. Der Hüftschaden müsse nicht zwangsläufig vom Missbrauch kommen.

Beschämend sind solche Ablehnungen. Dabei schämen sich Anne und Pia ohnehin jeden Tag. "Okay, reden wir über Scham", flüstert Pia von ihrem Sofalager, "mein Lieblingsthema."

"Ich schäme mich, dass mir das passiert ist"

Anne: Ich schäme mich, dass mir 
das passiert ist. Ich schäme mich, 
weil ich das Gefühl habe, schuld an allem zu sein.

Pia: Ich weiß vom Kopf her, dass 
ich nicht schuld bin, aber mein Herz 
weiß es nicht. Einer der schreck­lichsten Sätze in meinem Kopf ist: 
Ein anständiges Mädchen wäre 
dort einfach gestorben.

Anne: Man schämt sich, es anderen 
zu erzählen.

Nur wenige Freunde und Freundinnen wissen, dass Pia und Anne missbraucht worden sind. Und noch weniger kennen das ganze Ausmaß.

Pia: Es reduziert einen auf den ­Missbrauch.

Anne: Ich bin ja nicht nur eine Über­lebende von schwerer sexueller ­Gewalt. Das ist nicht alles, was uns ausmacht. Wir sind mehr.

Pia: Ich bin zum Beispiel Patentante von vier wunderbaren Patentöchtern, Pharmazeutin, Musikliebhaberin, Handtaschenbegeisterte, Christin, Ehefrau – ich bin alles Mögliche.

Anne: Ich bin Patentante von sieben Patenkindern. Und ich kann relativ 
gut kochen.

Stefan und Pia: Du kannst hervor­ragend kochen!

Anne: Ach . . . 

Pia: Vor allem bist du eine tolle ­Freundin, die Beziehungen nie 
infrage stellt.

Könnten sie vielleicht auch Menschen Mut machen, die noch nicht so weit sind? Pia und Anne schreiben ein ganzes Blatt voll. Bildungsabschlüsse finden sie wichtig. Jede Chance zu ergreifen. Am Ende einigen sie sich auf diese Kurzansprache an andere Betroffene: "Liebe kleine Schwester, es wird besser. Ganz bestimmt. Du hast schon so viel geschafft, dass du am Leben geblieben bist. Gib nicht auf! Komm, du kriegst das hin."

*Namen und einige Details zum Schutz der Frauen von der Redaktion geändert

 

Lesen Sie auch ein Interview mit der Fotografin Patricia Morosan, die zusammen mit der Autorin Christein Holch den Courage-Preis 2019 für diese Arbeit erhalten hat.

Infobox

Rat und Hilfe

Wer „Pia“ und „Anne“ helfen möchte, kann sich bei chrismon melden unter buhrfeind@chrismon.de.

Leseempfehlung

Wie kommt es zu einer Geschichte wie "Es waren viele Männer – und die Mütter"? Ein Blick hinter die Kulissen
Dass auch Mütter Kinder missbrauchen, dringt sehr spät ins gesellschaftliche Bewusstsein.
Gewaltopfer haben Anspruch auf Entschädigung, bekommen aber oft keine. Was tun? Fragen an Kerstin Claus vom Betroffenenrat
Ein Verdacht keimt auf: Mein Kind könnte missbraucht worden sein. Was soll man tun? Selbst ermitteln? Bloß nicht, sagt die erfahrene Kinderschützerin Julia von Weiler
Viele Taten sind noch nicht verjährt! Ein Dossier voller Tipps
Lea ist das Opfer, aber sie will nicht Opfer bleiben. Was schwierig ist, wenn man als Kind acht Jahre missbraucht worden ist. Die Geschichte eines ungesühnten Verbrechens

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.

Lesermeinungen

Ich möchte Ihnen ein großes Lob aussprechen für das Titel-Thema der Ausgabe 03/2019 zu Kindesmissbrauch.

Tief erschüttert und schockiert habe ich den Artikel "Es waren viele Männer - und die Mütter" von Frau Holch gelesen, der das Thema sensibel angeht, aber auch dem Leid und grausamen Unrecht, dass die beiden Mädchen und nun Frauen erfahren haben, gerecht zu werden versucht. Neben der Empathie für die Opfer, bleibt vor allem Wut über die Täter und Täterinnen und dem Unvermögen des Rechtsstaats diese zu bestrafen. Angesichts solch unfassbarer Verbrechen ist es nur schwer zu ertragen, dass die Täter/innen straffrei ausgehen. Zugleich bleibt aber auch die große Hochachtung vor dem Mut der beiden Frauen über die Verbrechen, die an ihnen verübt wurden, zu sprechen. Welch Überwindung muss es sie gekostet haben, die Schrecken in solch einem Gespräch offen zu legen. Dies war sicher auch für Sie, Frau Holch, nicht leicht. Danke, dass Sie sich des Themas angenommen haben und so die Öffentlichkeit über dieses schreckliche Unrecht informieren.

Vielleicht sind Sie bei Ihren Recherchen auf Möglichkeiten gestoßen, wie Opfern wie diese beiden Frauen unterstützt werden können (Einrichtungen zum Opferschutz, aber auch politische Vertreter, bei denen man mal Druck machen sollte). Über eine diesbezügliche Information würde ich mich sehr freuen.

Nochmals ein großes Lob und Dankeschön, dass sich Ihr Magazin immer wieder kritisch solcher "schwierigen" Themen annimmt.

Liebe Frau Kunde,

haben Sie Dank dafür, dass Sie Ihre Eindrücke/Gefühle/Gedanken in Worte gefasst haben!

Weil Sie fragten, was Sie tun könnten:

  • Immer gut: einer Fachberatungsstelle in Ihrer Nähe sachbezogen zu spenden. Etwa für einen Präventionsworkshop in einer Schule. Dass Kinder eine Nummer in die Hand bekommen, hält zum Beispiel die eine der Betroffenen, Pia, für immens wichtig. Solche Fachberatungsstellen (sie heißen ja nicht alle „Wildwasser“) kann man z.B. hierüber finden: https://www.hilfeportal-missbrauch.de/startseite.html
  • Falls Sie Kontakt zu Ihrer/Ihrem Bundestagsabgeordneten haben: Er/Sie soll sich mal mit dem Opferentschädigungsgesetz beschäftigen. Das derzeit angedachte reformierte Gesetz bringt Missbrauchsopfern nämlich gar nichts. Siehe hier: https://chrismon.evangelisch.de/missbrauch-OEG
  •  

Herzliche Grüße

Christine Holch/Redaktion chrismon

 

Um mich zuerst kurz vorzustellen:
Mein Name ist Willi Lambert und Ich gehöre zur Ordensgemeinschaft der Jesuiten und bin in der geistlichen Begleitung tätig.
Ich bin gerade von einer Tagung am 22. Februar zum Thema „Organisierte rituelle Gewalt“ an der Katholischen Stiftungshochschule in München mit 200 Teilnehmenden zurück und lese Ihren Artikel im März-Heft „Es waren viele Männer-und die Mütter“.
Ganz vielen Dank für den Mut ihrer Redaktion zu dieser ausführlichen Veröffentlichung und die Bereitschaft der beiden interviewten Frauen zum Gespräch!!
Da ich selber seit einigen Jahren eine betroffene Frau geistlich begleite, weiß ich –soweit man das „Mitwissen“ nennen kann – um diese Szene von menschenverachtender Unmenschlichkeit.
Mit Ihrer Veröffentlichung tun sie einen guten Dienst, dieses geradezu unglaubliche Untergrundgeschehen ein wenig mehr ins gesellschaftliche Bewusstsein. Für die betroffenen Menschen und jene, die sie begleiten, bedeutet ihre mediale Aufmerksamkeit an der Information und Sensibilisierung eine starke Ermutigung. –
Noch einmal:
Vielen Dank für Ihren Menschen- und Evangeliums-Dienst!

Kind mit Verhaltensstörungen. Verhaltensmuster aus der Fam. der Mutter. Besonders engagierte Kirchgängerinnen kommen dann auf die Idee, das Kind müsste missbraucht worden sein und der Nachbarsjunge noch mit dazu.
Das gibt Intrigen.
Mittlerweile bin ich der Meinung, dass die Dramatisierung des Themas in der Presse sogar für die Opfer schädlich ist. Die seelische Belastung wird nämlich nur noch schlimmer, wenn das Verbrechen auch nochmal dramatisiert wird.

Gibt es noch mehr Männer, denen so übel mitgespielt wurde?

Lieber Leser,

wenn Sie zu Unrecht verdächtigt und dann auch noch mit Intrigen überzogen worden sein sollten, wäre das in der Tat übel. Julia von Weiler, erfahrene Leiterin der Kinderschutzorganisation Innocence in Danger, hat mir mal in in einem Interview mal gesagt: 1. Es gibt keine Verhaltensauffälligkeiten von Kindern, die eindeutig auf Missbrauch hinweisen. 2. Bloß nicht selbst "ermitteln". Das Interview finden Sie hier: https://chrismon.evangelisch.de/artikel/2017/33784/missbrauch-kann-man-erkennen-dass-ein-kind-missbraucht-wird

Was ich allerdings nicht verstehe, ist Ihr Satz, dass man es für Missbrauchsbetroffene schlimmer mache, wenn man das Verbrechen auch noch "dramatisiere". Im chrismon-Text wurde nichts "dramatisiert", wir haben ganz im Gegenteil diverse schlimme Details weggelassen. Und: Die beiden Missbrauchsüberlebenden WOLLTEN, dass über ihre Erlebnisse berichtet wird und zwar genau so. Sie haben - natürlich - den Text vor Druck gelesen. Sie wollen anderen Betroffenen damit Mut machen - und einige Rückmeldungen bestätigen bereits jetzt, dass das genau so ankommt. Und natürlich wollten sie Menschen sensibilisieren. Nur, wie gesagt: Privatdetektiv ist nicht die richtige Rolle.

Herzliche Grüße

Christine Holch/Redaktion chrismon

Seiten