Was hat Irmgard Schwaetzer als Präses der EKD-Synode erreicht?

"Wir müssen die Kirche weiter verändern"
Irmgard Schwaetzer

Juergen Blume/epd

Die Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD), Irmgard Schwaetzer, am 15.10.19 an der Spree in Berlin.

Sagt Irmgard Schwaetzer, "doch die Beharrungskräfte sind unendlich". Jetzt gibt sie ihre Ämter ab.

Fast acht Jahre hat die ehemalige FDP-Bundesministerin Irmgard Schwaetzer das Kirchenparlament der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) geleitet. Jetzt gibt die 79-Jährige ihr Amt ab. Sie verabschiedet sich auch als chrismon-Herausgeberin. 

Am Freitag und Samstag kommt die neue Synode der EKD zusammen. Sie scheiden aus und übergeben an eine oder einen neuen Präses. Sind Sie wehmütig?

Irmgard Schwaetzer: Das wird sicherlich ein ziemlicher Einschnitt in meinem Leben sein. Aber ich freue mich darauf, wenn es ein neu gewähltes Präsidium gibt. Dann ist meine Aufgabe erledigt. 

Irmgard Schwaetzer

Irmgard Schwaetzer, Bundesministerin a. D., war von November 2013 bis Mai 2021 Präses der Synode der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) und Heraus­geberin des Magazins chrismon.
Julia BaumgartIrmgard Schwaetzer

Franziska Hein

Franziska Hein ist Redakteurin der epd Zentralredaktion in Frankfurt am Main.
Heike Lyding/epdRedakteurin beim Evangelischen Pressedienst (epd) in Frankfurt am Main (Foto vom 09.06.2020).

Fast acht Jahre haben Sie die Synode geleitet. In diese Zeit fallen das Reformationsjubiläum und die Diskussion um die Zukunft der evangelischen Kirche angesichts sinkender Mitgliederzahlen. Worauf sind Sie stolz?

Die Zukunftsprozesse sind auf einen guten Weg gebracht worden. Das sind die "12 Leitsätze für eine aufgeschlossene Kirche", die anders sein wird, als man das von der Kirche heute gewohnt ist. Gelungen sind auch die Finanzstrategie mit einem engeren Rahmen für die künftige finanzielle Ausstattung und die Digitalstrategie. Man sieht in der Corona-Pandemie, dass wir auf die digitale Verkündigung vorbereitet waren. Ich bin stolz darauf, was sich da an Kreativität für Gottesdienste und Seelsorge gezeigt hat. Mir persönlich wichtig waren auch die Absage der EKD an die Judenmission und die Distanzierung von Luthers Judenfeindschaft. Diese Beschlüsse hatten nicht nur weitreichende Konsequenzen innerhalb unserer Kirche, sondern auch für das Verhältnis zu unseren jüdischen Geschwistern. Da ist Vertrauen gewachsen.

Was wird von den digitalen Konzepten nach der Pandemie bleiben?

Ganz viel, das wird uns bei der bevorstehenden Synodentagung auch thematisch beschäftigen. In Zukunft wird Gottesdienst nicht nur Präsenzgottesdienst sein. Ganz positiv ist, dass wir Menschen mit digitalen Gottesdiensten erreichen, die bisher nicht in die Kirche gekommen sind. 

"Wir brauchen einen weiteren Ansatz
in der Friedensethik"

Drohen durch die Pandemie nicht auch Fäden abzureißen etwa zu Mitgliedern, die nicht so stark gebunden waren?

Wenn ich sonntagmorgens in den Berliner Dom zum Gottesdienst gehe, frage ich mich schon, ob die Kirchgänger nach der Pandemie alle wieder zurückkommen. Andererseits feiern Menschen mit uns Gottesdienst über den Livestream, die wir noch nie zuvor in unserer Kirche gesehen haben.

Was ist in Ihrer Amtsperiode nicht gut gelungen?

Ein offenes Thema blieb die Friedensethik. Wir brauchen einen weiteren Ansatz, um die Realität widerzuspiegeln. Das betrifft etwa Drohnenattacken oder Cyberangriffe. Solche verantwortungsethische Diskussionen waren früher selbstverständlich in der Kirche. Das ist ein bisschen verloren gegangen.

Die neue Synode muss fortführen, was Sie und Ihre Mitstreiter begonnen haben, etwa das Sparziel weiterverfolgen. Was raten Sie den Mitgliedern der neuen Synode?

Wir haben einen Vorschlag gemacht, wie man die bis jetzt eine Woche dauernden Tagungen um bis zu zwei Tage reduzieren kann. Gerade durch die Möglichkeit digitaler Treffen dazwischen, in denen wir jetzt alle geübt sind, kann ich dazu nur raten. Das Wichtigste, was wir weitergeben, sind aber der Zukunftsprozess mitsamt der Finanzstrategie. Es muss weiter daran gearbeitet werden, die Gestalt der Kirche zu verändern. Wir müssen versuchen, die verloren gegangene Resonanz in der Gesellschaft zumindest ein Stück weit zurückzugewinnen. Dazu gehört, rauszugehen vor die Kirchenmauern, an neutralen Orten von der Liebe Gottes zu reden, unsere Botschaft in die säkulare Gesellschaft tragen. Was ich dabei besonders dringlich finde: Wir müssen das in einer Sprache tun, die von dieser säkularen Gesellschaft verstanden wird. 

"Eine mutige Entscheidung des Kirchentags"

Und die Finanzstrategie: Welche Verantwortung hat die neue Synode in dem Punkt?

Bis 2030 müssen 20 Prozent des EKD-Haushalts eingespart werden. Prüfkriterium bei der Finanzierung von Aufgaben ist, ob sie diese Ziele erfüllen: Gemeinschaftsbindung, Mitgliederbindung und öffentliche Positionierung. Da wird die neue Synode jedes Jahr wieder diskutieren müssen.

Und sie wird schwere Entscheidungen treffen müssen. Ist der Rotstift eine historische Herausforderung?

Durchaus. Wir haben schon im vergangenen November erlebt, dass die Beharrungskräfte unendlich sind. Von diesen Beharrungskräften müssten sich die Synodalen aber frei machen. Es darf künftig nur noch darum gehen, worauf sich die Kirche der Zukunft konzentrieren muss.

Eine Woche nach der Synode ist der Ökumenische Kirchentag. Viel Diskussion gibt es wieder um ein gemeinsames Abendmahl. Würden Sie an der Eucharistie in der katholischen Messe teilnehmen?

Ja. Wir haben miteinander das Votum "Gemeinsam am Tisch des Herrn" des Ökumenischen Arbeitskreises evangelischer und katholischer Theologen diskutiert - sowohl im Rat der EKD als auch im Kontaktgesprächskreis mit der Deutschen Bischofskonferenz. Die Argumentation, das Gewissen der einzelnen Gläubigen sprechen zu lassen, überzeugt mich. Es ist eine mutige Entscheidung des Ökumenischen Kirchentags, diese Einladung zur Teilnahme an Abendmahl und Eucharistie an alle Gläubigen auszusprechen. 

"Für mich ist klar: Geimpfte können wieder ihre Freiheiten ausüben"

Beide große Kirchen treten zunehmend gemeinsam mit ihren Positionen auf. Trotzdem ist in der Pandemie der Eindruck entstanden, dass sie öffentlich weniger gefragt sind als beispielsweise bei der Fluchtbewegung vor einigen Jahren. Teilen Sie diesen Eindruck?

Den Eindruck teile ich nicht, denn vor allem die seelsorgerliche Arbeit ist stark angenommen worden. Schon vor der Pandemie haben wir aber die Säkularisierung zu spüren bekommen. Viele Menschen fühlen sich vom christlichen Glauben nicht mehr angesprochen. Damit verlieren wir an Resonanz. Nach der Pandemie müssen wir ehrlich aufarbeiten, ob unsere Worte und unsere Haltung zu den existenziellen Problemen vieler Menschen immer deutlich und angemessen waren, wie Menschen es zu Recht erwartet haben.

Gerade wird über Freiheiten für Geimpfte diskutiert. Können Sie sich vorstellen, dass Geimpfte in Zukunft keine Kontaktbeschränkungen mehr haben?

Als ehemalige Politikerin sage ich mit Blick auf Recht, Gesetz und Verfassung: Freiheiten sind nicht zurückzugeben, sondern Einschränkungen müssen entfallen, sobald die Voraussetzungen dafür entfallen. Deswegen ist für mich klar, dass Geimpfte ihre Freiheiten wieder ausüben können. Das ist aber nur die eine Seite. Die andere Seite ist: Diejenigen, die durch die Solidarität der Jüngeren der Bedrohung durch das Virus entgangen sind, müssen jetzt ihre Solidarität zeigen. Für mich heißt das beispielsweise, jetzt Familien zu unterstützen, die etwa in beengten Wohnverhältnissen leben oder wo Eltern nicht in großem Maß beim Lernen helfen können. Wir Geimpften sollten jetzt ein Stück Solidarität zurückgeben. Ich habe ja jetzt auch die Zeit, wenn ich das Amt der Synoden-Präses abgebe.

Wie werden Sie die gewonnene Freiheit und Zeit ansonsten nutzen?

Wenn es wieder möglich ist, werde ich sicher wieder mehr das kulturelle Angebot nutzen, das Berlin bietet. Das fehlt mir mächtig.

Das Interview führte Franziska Hein für den Evangelischen Pressedienst (epd).

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