Wohnglück Folge 1: Die Baugemeinschaft schafft günstiges Eigentum, Nachbarschaft

"Den Hund teilen und das Rasenmähen"
chrismon-Serie Wohnglück

Julia Pfaller

chrismon-Serie Wohnglück

Eine Wohnung kann man kaufen, Nachbarn nicht: Eine chrismon-Serie über Wohn- , Bau- und Lebensgemeinschaften. Diesmal spricht Familie Do aus Hamburg.

Das Stadthaus der Familie Do steht in Hamburg-Wilhelmsburg und gehört zur Baugemeinschaft Neue Hamburger Terrassen. Trung Do, Jahrgang 1980, hat Elektrotechnik studiert, war Professor an der TU Harburg und führt heute ein Unternehmen im Bereich nachhaltige Energieversorgung; Thao Bui, Jahrgang 1982, ist Architektin bei der Hamburger Hochbahn. Das Paar hat drei Kinder.

chrismon: Warum bewirbt sich ein junges, kinderloses Ehepaar bei einer Baugemeinschaft?

Trung Do: Wir wollten damals, 2009, schon Kinder, aber gern in Gemeinschaft leben. Ich hatte als Student viel in WGs gewohnt. Freunde erzählten von ihrer Baugemeinschaft. Deren Gruppe war schon voll, da bewarben wir uns bei den Neuen Hamburger Terrassen.

Und dann ging es recht schnell . . .

Am 8. Juni 2010 wurde May geboren, zwei Tage später wurden wir von der Baugemeinschaft auf einer Sitzung aufgenommen.

2013 seid ihr eingezogen. Vier Blöcke, vier grüne Innenhöfe, ein Spielplatz . . . Wie ist es?

Einfach großartig. Es waren drei echt harte Jahre – stunden­lange Sitzungen, oft bis tief in die Nacht. Über jede Kleinigkeit wurde diskutiert: die Farbe der Jalousien, Holz- oder Kunststofffenster. Aber am Ende mussten wir uns einigen, und das hat uns zusammengeschweißt. ­Diese gemeinsamen Erinnerungen an heimliche Baustellen­besuche zum Beispiel. Ich sag immer: Ein Haus kann man sich kaufen, Nachbarn nicht.

Dorothea Heintze

Autorin Dorothea Heintze lebt selbst in einer Baugemeinschaft und kennt die Fallstricke dieser Wohnform aus eigener Erfahrung. Familie Do, findet sie, hat es gut gemacht: Man spricht sich ab, wenn ein Wohnungswechsel ansteht, das ist wichtig für die Gemeinschaft.
Lena UphoffDorothea Heintze

Julia Pfaller

Illustratorin Julia Pfaller lebt mit ihrer Familie im teuren Münchener Westend in einer 2,5 Zimmerwohnung zur Miete. Beim Zeichnen von Trungs und Thaos Baugemeinschaft fing sie an zu überlegen: Wär das auch was für uns?
Moritz Kipphardt

Jetzt lebt ihr auf rund 140 Quadratmetern in einem dreistöckigen Stadthaus. Was für Wohnungen gibt es noch?

Insgesamt gibt es 33 Wohneinheiten von 50 bis 170 ­Quadratmeter. Wir haben viele Familien, aber eben auch alte Menschen, Singles – ich finde, wir sind eine gut gemischte bunte Baugruppe.

Habt Ihr Geld gespart?

Auf jeden Fall. Wir haben unter dem Marktpreis pro Quadratmeter gebaut, wohlgemerkt Neubau mit wirklich gutem Energiestandard. Undenkbar als junge Familie auf dem freien Markt. Aber die eigene Arbeit muss natürlich mitgerechnet werden. Wir alle hier haben viele Stunden unbezahlte Arbeit im Vorstand und in den AGs geleistet.

Was hätte besser laufen können?

Bei einigen Dingen hätte unser Projektsteuerer mehr eingreifen und moderieren müssen. Und dann war unser Architekt am Ende teurer, als wir geplant hatten.

Was ist in einer Baugemeinschaft anders als bei normalen guten Nachbarschaften in einem Haus mit Eigentumswohnungen?

Als ich meine Disputation für die Doktorarbeit vorbereitete, habe ich abends im Gemeinschaftsraum vor Nachbarn geübt. Thao hat gerade ihr erstes Kinderbilderbuch, deutsch-­vietnamesisch, geschrieben. Eine Nachbarin hat beim Lektorat geholfen. Oder: Wir haben uns jahrelang einen Hund mit einer Nachbarsfamilie geteilt, Dogsharing. Ich freu mich schon jetzt wieder auf den Sommer – wenn du von der Arbeit nach Hause kommst, hat schon jemand den Grill im Hof angeworfen. Vielleicht sind wir erst zu dritt, später zu zehnt. Das ist unkom­pliziert, unheimlich schön und stärkt uns auch als Familie.

Hier wohnen 30 Kinder – wie ist es für die?

Wie in einem kleinen Dorf. Wir wohnen sowieso schon ruhig – an einer Spielstraße, direkt an einem Park. An den Wochenenden sind die Türen immer offen. Vor allem jetzt während der Corona-Zeit ist das Leben hier so viel einfacher, als es in einer anonymen Miets­kaserne wäre.

Hört sich idyllisch an – wer kümmert sich um den Gemeinschaftsgarten?

Wir sind da nicht anders als andere ­Gruppen: Einige machen viel, andere ­weniger; einige meckern, andere äußern sich nie. Am Ende finde ich wichtig: Wenn das Gras im Garten zu hoch ist, wird es halt gemäht von irgendjemandem. Bis jetzt haben wir keine wirklichen Konflikte. Worauf wir uns alle einlassen: die offene Architektur. Die vielen Gemeinschaftsflächen sind schon sehr durch­lässig, so eine richtige Privatsphäre hat man hier nicht immer.

Gab es schon Wohnungswechsel?

Ja, drei. Wegen Wegzug und aus persönlichen Gründen. Wir haben in unseren Vertrag geschrieben, dass wir bei allen Wechseln, ob Miete oder Kauf, mitreden können.

Eure Eltern stammen aus Vietnam, wie finden die das?

Erst waren die sehr skeptisch. Das Wort Baugemeinschaft gibt es auf Vietnamesisch nicht, die dachten erst, das ist so eine Art Sekte. Mittlerweile leben meine Eltern selbst in einer Baugemeinschaft hier in Hamburg, und alle unsere Bekannten finden unser Leben hier ziemlich cool. Für Thao und mich und unsere Kinder kann ich sagen: Wir sind zwar alle deutsch, aber unser kultureller Hintergrund ist doch ein anderer. Durch das Leben hier in der Baugemeinschaft sind wir ganz und gar angekommen. Mehr Integration geht nicht.

Und wie wohnt Ihr?
Haben Sie ein gelungenes, oder vielleicht auch nicht gelungenes, Beispiel, über das wir berichten sollen? Schreiben Sie uns; mehr Infos gibt es im Blog.

Infobox

Und wie wohnt Ihr?
Mieten oder kaufen? Stadt oder Land? Alters-WG oder Tiny-Haus? Wir zeigen Beispiele für neue Wohn- und Lebensformen. Als Anregung, zum Nachmachen. Dazu gibt es den Blog von Dorothea Heintze.
Haben Sie schon Ihr Wohnglück gefunden? Schreiben Sie ihr.

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