Wohnungsnot? Zwei Zimmer für die ganze Familie - geht doch!

Zu viert auf 55 qm
Zu viert auf 55 qm

Riikka Laakso

Zu viert auf 55 qm

Zwei Zimmer, vier Menschen, 55 Quadratmeter - geht auch, sagt Van Bo Le-Mentzel in Berlin. Dank der niedrigen Mietausgaben kann er Gäste ins Restaurant einladen.

Van Bo Le-Mentzel:

Wir leben zu viert auf 55 Quadrat­metern. Wir haben zwei Zimmer, dazu eine kleine Küche mit einer L-förmigen Bank. Die Wohnung ist klein, aber wir haben gemerkt, dass wir trotzdem manche Bereiche kaum nutzen. Zum Beispiel das Zimmer zum Hof, also das Kinderzimmer, in dem auch unser Kleiderschrank steht: Die Kids, drei und fünf, spielen eigentlich die ganze Zeit vorn, im Zimmer zur Straße, wo meine Frau und ich auch schlafen. Ich will nicht, dass die vorne spielen, die haben ja schon die Küche und das Kinder­zimmer. Aber die machen das einfach! Die­ ­packen ihr Lego immer hier vorne aus, und dann tritt man nachts auf Legosteine, das nervt.

Ich liege jetzt gerade im Vorderzimmer auf dem SiWo-Sofa, das ich entworfen habe, das Bettsofa zum Selberbauen, den Bauplan gibt es auf HartzIVmoebel.de. Mit Arm­lehnen und Lattenrost, zum Schlafen, ­Sitzen, ­Knutschen. Manche mögen es natürlich nicht, dass ­andere Leute tagsüber auf ihrem Bett sitzen. Ich will damit sagen: Die Art und Weise, wie wir hier glücklich leben, ist nicht auf alle übertragbar. Die Menschen sind ja so verschieden!

In einer kleinen Wohnung geht Aufräumen viel schneller als in einer großen

Ich lade zum Beispiel gerne Leute zum Essen ein. Aber nicht zu mir nach Hause, sondern draußen, in Restaurants. Unsere Wohnung sieht halt schlimm aus, weil immer alles auf dem Boden liegt. Ich finde es nicht schlimm, weil ich weiß, dass es bei allen Familien so aussieht. Aber meine Frau ­findet es nicht schön, wenn Freunde das sehen. Deswegen lade ich in Restaurants ein. Mein Vater und mein Bruder mit seinen Kindern kommen natürlich zu uns nach Hause. Dann räumen wir vorher schnell noch mal auf. Geht in einer kleinen Wohnung auch viel schneller als in einer großen.

Jeder Mensch braucht einen Rückzugsraum, einen geschützten Raum. Viele Eheleute haben den nicht, die teilen sich das Schlaf­zimmer, noch nicht mal das Bett ist der Rückzugsraum. Das erklärt auch, warum so viele so gern im Auto sind oder im Büro – das ist deren Rückzugsraum. Oder in ­Garagen, viele Männer wollen ja in Garagen sein, irgend­was reparieren, behaupten sie jeden­falls, dabei wollen die einfach nur alleine sein. Ein Rückzugsraum ist wichtig, aber die Größe ist nicht wichtig. Ein Auto ist ja sehr viel kleiner als ein Kinderzimmer. Ein Bus dagegen ist kein Rückzugsraum.

Ich habe genug Rückzugsraum - ich gehe raus

Ich habe genug Rückzugsraum, ich gehe raus. Ich kann in den Park gehen und mich da abreagieren, wenn wir mal Streit hatten. Ich kann mich aber auch in einer Kneipe an die Bar setzen und runterkommen. Ich weiß aber von vielen Menschen, dass die sich nicht mal trauen, alleine in ein Kino zu gehen. Auch das kann ja ein Rückzugsraum sein.

Kein Mensch braucht zwei oder sogar drei Räume, das ist Quatsch. Ein Mensch braucht immer nur einen Raum, man kann ja immer nur an einem Ort sein. Jeder Mensch braucht unzählig viele Räume – zu unterschiedlichen Zeiten. Aber man muss die nicht besitzen, man muss nur den Zugang dazu haben, wenn man sie mal braucht – zu Geburtstagsräumen, Festsälen für Hochzeiten, zu Parks zum Laufen. Ich nutze das Angebot der Stadt. Das ist der Trick.

Natürlich haben wir eine Waschmaschine. Aber wenn mich die Wäscheständer nerven, geh ich zu unserem Waschsalon in Kreuzberg und dann ins Café daneben zum Arbeiten. Ich habe auch viel in der Kita gearbeitet, als ich die Kinder eingewöhnte. Viele denken: Ach nee, das sieht doch doof aus, wenn ich mit dem Laptop im Bällebad hocke! Ja, mag sein, aber ich muss trotzdem arbeiten.

Ich gebe zu, einfach mal ins Schwimmbad, ins Restaurant, ins Kino, zum Waschsalon zu gehen, das kann sich nicht jeder leisten. Das geht vor allem dann, wenn man maximal ein Drittel seines Einkommens für Wohnen ausgibt. Ich kann mir das leisten, weil ­unsere Wohnung klein ist. Das funktioniert nicht, wenn man in London, in New York oder Paris wohnt, da wohnen die Leute schon sehr klein und müssen trotzdem mehr als die Hälfte ihres Einkommens fürs Wohnen ausgeben. Da kannst du nur in die Parks gehen. Das ­kos­tet nichts.

Aufgeschrieben von Christine Holch

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