Familie Wenger lebt in einer Jurte

Die fünf aus dem Zelt
Familie - Die Fünf aus dem Zelt

Monika Höfler

Viele Familien sehnen sich nach einem eigenen Haus. Familie Wenger lebt einen besonderen Traum vom Eigenheim - in einer Jurte.

Familie - Die Fünf aus dem Zelt

Leicht ist die Jurte, schwer das Haus – für Lena und Robert Wenger ist es ein gewaltiger Unterschied, wie sie wohnen. Sie wollen näher an der Natur sein

Was würde ihnen fehlen, wären da wieder Wände und ein Dach! "Der Amsel­mann zwitschert", juchzt Frida in der Früh. Schuhe an und ab nach draußen, schauen, ob der Milan kreist. Papa Robert feuert derweil den alten Küchenofen an, die Kinder sollen es warm haben, wenn sie aus den Schlaf­anzügen in die Kleider schlupfen. Mama Lena steht an der Küchenzeile aus Holz und füllt Wasser in eine Kanne. Welcher Tee darf’s heute sein? ­Zitronenmelisse, Verbene, Brennnessel? Nur drei Schritte sind es bis in die "Vorrats­kammer", ein Holzregal mit Selbstgesammeltem. Fünf bis rüber ins "Kinderzimmer", wo die zweijährige Meret gerade eine Puppe mit Datteln füttert. Zwei Sofas, ein Küchenbuffet, ein Schreibtisch – "das ist unsere Einrichtung, mehr haben wir nicht", sagt Lena Wenger. ­Hätten sie mehr, würde ihnen das wenige ­fehlen, ist sie sicher. Auch der Blick zu den Sternen am Abend durch den Lichtkranz, der die Jurte nach oben hin mit einer durchsichtigen Plexi­glasscheibe abschließt. Warm. Hell. Durchlässig. Das sind Worte, mit denen die 30-Jährige und ihr sechs Jahre älterer Mann ihr Zuhause beschreiben. Von einem "Atmen in und mit der Natur" sprechen sie, weil man jedes Vogelstimmchen hört, jeden in der Ferne jaulenden Fuchs, jeden Regentropfen.

Lena und Robert Wenger leben mit ihren beiden Kindern in einer selbst gebauten Jurte, 
inmitten eines 800-Einwohner-Dorfes. Versteckt zwischen einem Zwetschgen- und einem Apfelbaum steht ihr Zuhause, ein ­Zimmer für alles. Im Sommer, sagt Robert Wenger, verschmilzt die Jurte richtiggehend mit dem Drumherum. Mit den Obstbäumen sowieso, aber auch mit dem hochgeschossenen Gras, dem mannshohen Zuckermais und den noch höheren Stangenbohnen. Ein Kontrast zu den angrenzenden Grundstücken mit gepflegtem Rasen und akkurat eingefassten Blumenbeeten. Ab dem Frühjahr brummen hier samstags unaufhörlich die Rasenmäher und Freischneider, und manchmal fragt sich Robert Wenger dann: Macht das wirklich frei, dieses Schneiden? Oder engt es in Wirklichkeit eher ein?

Elisabeth Hussendörfer

Elisabeth Hussen­dörfer, 47,wurde von ­Lena Wenger zum ­Abschied ­gefragt: 
Und wie lebst du so? Dass ihr vergleichs­weise schnelles, manchmal tatsächlich ­getriebenes Familien­leben ­letztlich selbst ­gewählt ist, wird ihr seitdem 
täglich aufs Neue ­bewusst.
PrivatElisabeth Hussendörfer

Monika Höfler

Monika Höfler hatte schon in der Mongolei in Jurten geschlafen. Trotzdem war sie überrascht, was alles auf 38 Quadratmetern Platz hat, auch an Herzlichkeit.
Privat

Dicht dran zu sein am Grün, der "grünen Mutter", dem Wetter, den Jahreszeiten, das hat für Lena und Robert Wenger mit Austausch zu tun und mit Fürsorge. "Nehmen wir das Klo", sagt Robert Wenger. 20 Liter rauschen da für gewöhnlich mit einem Tastendruck durch. Seine Familie kommt damit einen ganzen Tag lang klar, für Trinken, Kochen und Abspülen. Die etwas abseits stehende Komposttoilette produziert besten Humus für Gurken und Kohl. Der Urin hält als Stickstoffdünger her. Das Jurtenleben ist für Wengers ein in sich stimmiger Kreislauf. Nicht etwas "Anstrengen­des", wie viele glauben. Die Bekannte aus dem Nachbardorf etwa. Sie sprach Lena Wenger, die gerade zum dritten Mal schwanger ist, vor einiger Zeit an, ob das nicht besser wäre, jetzt mal über ein Dach überm Kopf nachzudenken. Die Schwiegereltern der Bekannten waren gestorben, das kleine alte Bauern­häuschen stand leer. Holzdielenboden, Küche mit Spülstein, und durchs Esszimmerfenster blickte man in den hübsch eingezäunten ­Garten – "heimelig" hätte Lena Wenger ­noch 
vor zehn Jahren gesagt. Dass dieses Haus sie von etwas Wichtigem wegbringen würde, dachte sie jetzt. Sie stellten sich vor, wie es wäre, in der Küche an diesem Tisch zu sitzen und die Kinder spielten am Boden – wie sonst üblich. Und so anders wie jetzt, wo sich das Leben um den großen Couchtisch unterm Lichtkreis abspielt, bodennah und ohne Hochstühle für die Kinder.

Zwei Nächte haben sie über das Angebot geschlafen. Die Absage sei auch eine Zusage gewesen. Ein Nein zum finanziellen Risiko, das der Hauskauf bedeutet hätte. Und zur Schwere, die Häuser nun mal haben. Ein Ja zum Provisorium, denn das sei die der­zeitige Wohnform noch. "Immerhin", sagt Lena ­Wenger und dass sie "noch nicht ganz angekommen" seien. "Aber in die richtige Richtung unterwegs", ergänzt ihr Mann.

Essen aus dem Garten, Milch von den Schafen

Gut tausend Euro, damit kommt die Familie derzeit monatlich klar. Der Grund, auf dem die Jurte steht, kostet sie nichts, der Großteil des Essens kommt aus dem Garten, der ab dem Frühjahr so viel herschenkt, dass man weiterschenken muss. Milch geben die Schafe bis in den Herbst. Täglich frisch, ein Kühlschank wäre überflüssig. Verderbliches kommt ins kühle Erdloch, Eier von den Hühnern, Fleisch von den Enten und Lämmern. Getreide, Butter, Käse und Olivenöl – das sind im Großen und Ganzen die Dinge, die sie kaufen müssen.

 Auf 38 Quadratmeter passt alles Notwendige. Im Garten sammelt die Familie Kräuter, nachts betrachtet sie die Sterne aus der Jurte heraus.Monika Höfler

Bleiben Fixkosten für die gesetzliche Krankenversicherung und das Auto. Was man eben so braucht, im Moment. Private Vorsorge fürs Alter, für die Rente? Lena Wenger winkt ab. Sagt, sie sehe all diese üblichen Sicherungs­systeme kritisch. Den Körper durch einen ­guten Lebensstil gesund erhalten, darum geht es ihr, dann stünden die Chancen gut, dass auch das Alter einmal krankheitsfrei verlaufe. Sie weiß, man kann das "weltfremd" nennen. Wieso aber soll sie Geld in einen Topf geben, mit dem der fragwürdige Lebensstil Fremder finanziert würde: "Menschen, die rauchen, ­jeden Abend auf der Couch hocken, Raubbau am eigenen Körper betreiben und auch an dem, was sie und uns umgibt?"

Zwei bis maximal drei Tage die Woche ­arbeitet Robert Wenger in einem Handwerksbetrieb. Wieso sollte es mehr sein?, fragt er, für den die Geldrechnung nie entkoppelt von der Zeitrechnung läuft. Für ihn ist es eine schreckliche Vorstellung, die fehlende Zeit mit der Familie an den Wochenenden durch "Unter­nehmungen" zu kompensieren. Radtouren. Freizeitpark. Wozu? Er kann seinen Töchtern stundenlang zuschauen, wenn sie Käfer sammeln oder Suppe in Eimern anrühren. Mit Muße geht er in den Wald und sammelt das Holz ein, das der Förster liegen gelassen hat. "Zu tun gibt es eigentlich immer was, und doch ist unser Tempo so, dass man den Blick für das Wesentliche nicht verliert", sagt Lena Wenger. Sie wurde schon gefragt, ob sie das wirklich ­erfüllend fände, nur als Mutter, ohne Job. Tue ich, sagte sie dann und dass das vielleicht auch damit zu tun habe, dass Robert Wenger genauso mit anpacke, bei allem, und sie nicht wie viele andere Mütter so alleine stehe. "Einsam und getrieben und entfremdet" – für Lena Wenger muss man kein allzu großer Pessimist sein, um den seelischen Zustand vieler Menschen so wahrzunehmen. Auch sie sei einmal Gefahr gelaufen, "in der Tretmühle zu landen", erzählt sie, die damals in Freiburg lebte.

Zu viel Besitz frustriert

Mitte zwanzig war sie, hatte 
gerade das Studium als ­Gartenbauingenieurin abge­schlossen und eine An­stellung als Gesellin in einer Biogärtnerei angetreten. Arbeiten von acht bis sechs – wozu?, fragte sie sich. Doch die Möglichkeiten durchs Gehalt am Ende des Monats lockten auch. Sie weiß noch, wie sie sich edle Lederschnürschuhe und eine teure Hose kaufte. Erhaben will sie sich gefühlt haben. Und kurz darauf frustriert, weil klar wurde: Das Leben hätte eigentlich auch ziemlich gut ohne diese Schuhe und ohne die Hose weitergehen können. "Es war eine richtige Sinnkrise", sagt Lena Wenger.

Robert Wenger sagt, über diesen Punkt sei er zu der Zeit bereits hinweg gewesen. Am Schreibtisch sitzen und planen, das ­interessierte ihn nicht mehr – ihn, den Landschaftsarchitekten. Einen falschen Weg hatte er eingeschlagen, das Diplom aber dennoch zu Ende gebracht. Anschließend stand er viel mit einem Freund auf dem Acker, baute Getreide an, experimentierte mit verschiedenen Sorten – mal schauen, was eines Tages daraus wird. "Das hat mich zur Erde und damit zu mir selbst zurückgebracht", sagt Wenger. Er war damals in einer komfortablen Lage, sein Vater hatte einen Bausparvertrag für ihn abgeschlossen. Aber dann wurden die Fragen ­lauter: Wie lange konnte er so weitermachen? Wann wäre das Polster aufgebraucht?

Nähe und Distanz auf 38 Quadratmetern Jurte

Auf einer dieser typischen Freiburger WG-Partys trifft er Lena. Beide staunen: Da gibt es also doch jemanden, der sich genau ­diese Gedanken macht. Keine drei Wochen später zieht Robert bei Lena ein, wo sie fortan auf 16 Quadratmetern leben. Gut leben. Ob das eine Typfrage ist, wie viel Nähe man erträgt? Jetzt, in der Jurte, kommt es durchaus vor, dass Lena mal zu Robert sagt: "Kann es sein, dass du mal ein bisschen nach draußen ­gehen willst?" Oder sie schnappt die Kinder und fährt eine Freundin besuchen. Oft aber bleibt sie, obwohl da diese Spannung ist. "Die Raum­situation macht, dass man sich Konflikten eher stellt", sagt Lena Wenger. Und nicht so leicht wegrennt, wie es in einem Haus möglich wäre. Überhaupt: "So was wie ein Kinderzimmer etwa, ist das nicht eigentlich etwas Künstliches?" Wenn Frida und Meret ein paar Meter weiter spielen und Lena Wenger auf dem Sofa sitzt und liest, ist ein Teil ihrer Aufmerksamkeit ­immer bei den Töchtern. Sie will wissen, wo die beiden gerade sind, "nicht nur räumlich". Sie ist sicher, sie wird es bemerken, wenn die Kinder nach mehr Eigenem verlangen, "eine Zusatz­jurte, zwei Zusatzjurten – möglich ist vieles". 

Selbst vor fünfzig Jahren sei es noch normal gewesen, die Winterabende als Familie gemeinsam in der beheizten Stube zu verbringen, sagt Lena Wenger – und nicht wie heute übers zentral geheizte Haus verteilt. Nähen, stricken, vorlesen – so sieht hier der Abend aus, winters wie sommers. Meret krault dann die Katze auf dem Sofa, Frida hebt das Huhn, das zur Tür reinkommen will, sanft hinaus, holt sich ein Spielzeug aus dem Regal und dann ein Stück Apfel vom Teller auf dem Tisch – ruhig und fließend geschieht das alles. Noch bevor es vielleicht laut werden könnte, gehen mal Lena, mal Robert Wenger unaufgeregt auf die Bedürfnisse der Kinder ein. Reichen Tee, ehe von Durst die Rede ist, heben auf den Schoß, wenn gefühlt Nähe guttäte.

"Ihr seid tolle Eltern", hören die beiden oft. "Wir haben tolle Kinder", antworteten sie eine Zeit lang. Aber das wäre zu einfach, implizierte ja, dass andere Kinder schlechter seien. Oder auch: andere Eltern. Was sie bestimmt nicht sind. Beziehungsweise: nicht von Haus aus. "Es ist diese Wohnform, die uns als Familie zu dem gemacht hat, was wir sind", sagen sie.

Von der Stadt aufs Land, von der Wohnung in den Bauwagen

Wie wollen sie leben? Im für andere beschaulichen, für sie selbst damals aber zu­nehmend hektischen und teuren Freiburg wird diese Frage immer drängender. Schließlich kündigt Lena Wenger ihren Job, Roberts Eltern haben angeboten, sie könnten ja zu ihnen nach Schwaben ziehen, wo die Familie ein Baugrundstück hat. Sie wollen einen selbst gebauten Zirkuswagen platzieren. Der Umzug kommt zur richtigen Zeit, von der Stadt aufs Land, von klein zu noch kleiner: So kurz nach dem Studium hat man erst wenig angehäuft, von dem man sich trennen müsste. Ein Teil der Sachen kommt bei Roberts Eltern in den Keller: Bücher, Klamotten, Dinge, die man vielleicht noch mal brauchen kann, wie Lena und Robert Wenger damals denken. Aber nie mehr gebraucht haben, wie sie heute wissen. Etappen­weise haben sie sich über die Zeit getrennt, endgültig. Als sie in den Holz­wagen ­ziehen, fühlen sie sich wie befreit. Die Getrieben­heit ist weg, dieses Leben, "um zu". Für die Wengers ist es ein Geschenk, so mit der Natur zu wohnen. Und dann kündigt sich auch noch Nachwuchs an. "Nur: Zu dritt im Wagen, das brachte uns an Grenzen", sagt Lena Wenger und berichtet von einer weiteren Sinnkrise. Denn was wäre die Alternative: Doch in ein Haus ziehen? "Dieser Gedanke hat uns fast verrückt gemacht."

 Wenn die Kinder größer sind, gibt's ein Kinderzelt. Wolle, Milch, Fleisch, Eier und Gemüse kommen aus dem Garten. Öl, Getreide und Käse werden eingekauft.Monika Höfler

Der Knoten löst sich überraschend. Zum Geburtstag bekommt Lena Wenger ein Buch geschenkt. Eine Familie, die in einer Jurte lebt, beschreibt ihren Alltag. Sie ist elektrisiert von den Bildern. Schreibt den Autoren eine Mail. Erst ein Dreivierteljahr später kommt eine Antwort. Zwischendrin haben sie weiter­gesucht. In einer Gemeinschaft in Thüringen scheinen sie fündig geworden: 30 Erwachsene und 30 Kinder leben dort in einem Schloss. Das ­wollen sie ausprobieren. Kurz vor dem Umzug aber besuchen sie den Kurs im Jurtenbau, den der Autor in der E-Mail angekündigt hat. Sie ­gehen in den Wald, schlagen Dachstangen, be­rechnen und binden Scherengitter, sägen aus einer Holzplatte Teilstücke, die zusammengeleimt den Lichtkranz ergeben. Fünf Tage dauert der Kurs. Als schließlich alle Einzelteile fertig sind, ist die Jurte in nur einem Tag zusammen­gebaut. Die Idee, so zu wohnen, beseelt sie. Dennoch brechen sie nach Thüringen auf, zugesagt ist zugesagt. In einem Raum im zweiten Stock des Schlosses kommen sie unter, hohe Decken, kalte Mauern. Der Erdboden weit weg. Und mit jedem Tag wird die Sehnsucht nach dem Rauschen des Windes, dem Surren der Bienen größer – der Transparenz, die sie schon im Holzwagen erlebt haben.

Ähnlich getrieben wie Menschen anderswo erscheinen die Mitglieder der Gemeinschaft, nur auf einer anderen Ebene. Bio im Bewusstsein, aber kaum genug Geld in der Tasche, um sich die teuren Produkte leisten zu ­können. Sie halten an der Jurtenidee fest. Robert ­Wenger geht viel in den nahen Wald, schlägt Holz, misst, sägt, leimt, schafft schließlich Unmengen Schafwolle zur Dämmung ­heran. "Die Jurte so kurz vor dem Winter noch auf­zubauen, mag unlogisch erscheinen – mit einem eben zur Welt gekommenen zweiten Kind und obwohl klar war, dass wir wieder zurück ins Schwäbische gehen würden, an den alten Platz", sagt er, doch es sei eine tolle Erfahrung gewesen, das dann tatsächlich innerhalb von zwei Tagen zu schaffen. "Eine Mobilie, ­keine Immobilie" sei das neue Zuhause.

"Jetzt also mit Jurte?" So reagieren die Nachbarn, als "die Wengers" sich erneut in der Baulücke einrichten, der Zirkuswagen dient seitdem als ausgelagerter Schlafplatz. Als "akzeptiert, aber nicht integriert" erlebt die Familie sich. Die Bürgermeisterin grüßt freundlich. Die Zurückhaltung führen Wengers auch darauf zurück, dass die Wohn­situation rechtlich ungeklärt ist. Sogenannte "fliegende Bauten" wie Jurten, Bauwägen oder "tiny houses" befänden sich in einer Grau­zone, sagt Robert. "Dass die Jurte hier steht, ist ­legal, nicht aber dass wir in ihr wohnen." Baurechtliche Bestimmungen wie eine bestimmte Schallfestigkeit zum Schutz der Bewohner oder auch die Feuerfestigkeit der Dachhaut sind ein Problem.

Begegnungen mit Gleichgesinnten sind selten

Nicht fragen, einfach machen, ist Robert und Lena Wengers Devise. Vorreiter wollen sie sein, einen Weg für diese Wohnform bereiten. Die nicht jedermanns Sache zu sein scheint. Besucher sagen oft: "Ich find’s toll, dass ihr das macht, aber ich selbst wäre zu faul dafür." Zu was? Fragt sich Lena Wenger dann und hat sich doch hin und wieder überlegt, was anders leichter wäre. Weniger anstrengend – also doch? Vielleicht, sagen sie, aber nicht im Sinne von wärmer, weicher, komfortabler. Was zuweilen zehre, sei, dass sie sehr "in der eigenen Suppe" köchelten. Zurückgeworfen auf sich wiederholende Gedankenkreisläufe, aus denen manchmal kein Ausweg zu finden sei. Wie anders war das im Studium! Wie sehr war das Leben da in Bewegung, man musste nur in eine Kneipe gehen. Begegnungen mit Gleichgesinnten sind mittlerweile selten geworden, sie müssen geplant sein. Wie neulich, als der Jurtenbauer mit Familie vorbeikam. Akkordeon spielte er, die Frauen kochten, der Ofen bollerte, die Kinder hüpften draußen durch den Schnee. Alles war perfekt. Weit weg die Fragen, die einen auch in der Jurte einholen können. Sollte Frida den Kindergarten im Dorf besuchen, wo man ständig drinnen ist? Oder lieber den Waldkindergarten, zu dem man zwanzig Minuten fährt? Sie haben ­lange gegrübelt. Und wie wird es eines Tages mit der Schule? Waldorf oder Montessori kosten was. "Um den Kindern zu ermöglichen, dass sie nicht ins System gepfercht werden, mehr arbeiten und wieder mehr Teil des Systems werden, das ist natürlich paradox", gibt Lena zu. Andererseits sei auch das wichtig: nicht dogmatisch zu werden. Zur Waschmaschine drüben bei Roberts Eltern zu stehen, die man mitbenutzt. Zu Strom und Wasser, die man bei den Nachbarn zapft. Zum Auto, das man ­früher nur alle paar Tage fuhr und jetzt fast täglich, weil es eben doch der Waldkinder­garten wurde.

Kompromisse werden ein Thema bleiben, da macht sie sich nichts vor. Die Zusatzjurte für die Kinder, wenn sie größer sind, wird kommen, auch: das Mama-Taxi, wenn bei den Mädchen die Partyzeit losgeht. Damit wird man sich arrangieren, sagen Lena und Robert Wenger, nicht aber mit diesem Zustand des Suchens und Schwebens – seit nicht weniger als drei Jahren bewegt sich nun schon alles aufs Finden hin. Und jetzt muss endlich was passieren, sagt Lena Wenger, die fühlt, dass die Zeit reif ist, jetzt wo bald das dritte Kind da ist.

Mit dem Jurtenbauer und seiner Familie wollen sie sich zusammentun, eine kleine solidarische Landwirtschaft gründen. Zwei ähnlich tickende Familien, eine Quelle, ge­nügend Sonne für Solarenergie – das wäre es. Und die Architekturprofessorin, die Interesse ­
angemeldet hat und das Ganze gerne als ­Forschungsprojekt begleiten möchte, steht vielleicht für etwas Größeres: Könnten bald viel mehr Menschen so leben wollen?

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Lesermeinungen

2 Erwachsene gesunde Menschen, die wahrscheinlich öffentlich Hochschulen besucht haben, leben auf Kosten ihrer Eltern und Nachbarn und erheben sich über die Menschen, die ins solidarisch ins Sozialsystem einzahlen. Wer bezahlt wohl die Zuschüsse für den Walldorfkindergarten. "Wieso aber soll sie Geld in einen Topf geben, mit dem der fragwürdige Lebensstil Fremder finanziert würde:" Welcher Lebensstil wird hier von Fremden finanziert. "Um den Kindern zu ermöglichen, dass sie nicht ins System gepfercht werden, mehr arbeiten und wieder mehr Teil des Systems werden, das ist natürlich paradox". Wenn schon selbst bestimmt und überheblich, dann aber auch komplett, bitte ohne die Annehmlichkeiten, die andere bezahlen und bitte auch ohne Notfallhilfe aus öffentlicher Hand.