Wohnungsnot? Wachsende Familie bleibt in bisheriger Wohnung

Mehr Platz ­
ohne Umzug
Mehr Platz ­
ohne Umzug

Riikka Laakso

Mehr Platz ­
ohne Umzug

Mit welchen Tricks man aus wenigen Zimmern mehr Räume zaubert.

chrismon: Wann ruft man Sie zu Hilfe?

Sabine Stiller: Typisch ist: Man ist zu zweit in eine Wohnung gezogen, oft Altbau, bekommt Kinder, und wenn die in die Schule kommen und jedes Kind ein Zimmer haben soll, fehlt eins. Aber die Familie will in ihrem Viertel bleiben und nicht im Neubaugebiet in der Vorstadt neu anfangen.

Wie schaffen Sie ein weiteres Zimmer?

Man kann aus dem Wohnzimmer eine Wohnküche machen, so dass die ehemalige Küche frei wird für ein Kind. Oder man kann Zimmer teilen – zum Beispiel mit einer Leichtbauwand. Das geht auch in Mietwohnungen. Wenn es mehrere Fenster gibt, ist das einfach. Sonst kann auch eine lichtdurchlässige Wand aus Glasbausteinen oder eine Schiebetür für eine Trennung sorgen.

Entstehen dann nicht oft winzige Kinderzimmer?

Ja, das kann schon mal sein. Aber es geht nicht um die Größe der Zimmer. Es geht vor allem darum, dass das Kind mal die Tür zumachen kann und vor kleineren Geschwistern Ruhe hat. Bei einer Familie war das neu geschaffene Zimmer für die Tochter nur zwei mal zwei Meter groß – das Bett auf einer Hochebene, darunter der Schreibtisch. Das Mädchen ist mittlerweile 15 und immer noch total happy damit.

Sie schlagen Eltern oft vor, mit dem Ehebett ins Wohnzimmer zu ziehen. Fällt das schwer?

Manchmal fällt es den Eltern zunächst schwer, sich für so eine unkonventionelle Lösung zu entscheiden, doch dann kommt die Gewohnheit und auch das Wohlbefinden. Ging mir selbst genauso. Es wird ja auch nicht einfach das Bett ins Wohnzimmer gestellt, sondern wir finden eine Lösung mit einem flexiblen Raumteiler, das ist auch für Mietwohnungen wunderbar. Man kann eine Schiebetür darin einsetzen oder das Wohnzimmer einfach nur mit einem Regal teilen, damit man nicht direkt aufs Bett gucken kann. Ich habe auch schon einen Schlaf-Kubus für die Eltern ins Wohnzimmer einer Mietwohnung gestellt. Dann sieht man das Bett gar nicht. Es liegt ein bisschen erhöht, darunter entsteht wertvoller Stauraum, der Schlafplatz oben kann mit Fensterläden geschlossen werden. Das ist einfach ein schöner Kubus, ein Raum im Raum – und später kann man ihn wieder abbauen wie ein Möbel.

Dann ist ja nicht mehr viel Platz übrig im Wohnzimmer!

Aber das Wohnzimmer braucht heute auch nicht mehr viel Platz. Im Grunde nur noch für ein Sofa. Früher hat man alle Gäste im großen Wohnzimmer empfangen, heute sitzt man mit Freunden in der Küche am Esstisch. Im Wohnzimmer verbringt heute eigentlich nur noch die Familie ihre Zeit, auf dem Sofa. Dann kann ich dorthin auch die Schlafgelegenheit der Eltern verlegen.

Aber Sofas sind heute oft so groß, dass das Wohnzimmer damit voll ist.

Keine Angst vor großen Flächen in kleinen Räumen! Das Sofa darf gern 2,5 mal 2,5 Meter groß sein, damit alle vier oder fünf Familienmitglieder richtig schön liegen und lümmeln können; dazu noch Platz für Bücher und Fernseher. Viel mehr Quadratmeter braucht der Raum nicht, denn die Dinge, die früher im Wohnzimmer viel Platz eingenommen haben, werden weniger: Wir haben keine großen Musikanlagen mehr, keine großen Fern­seher, keine CDs und DVDs, weil alles gestreamt wird. Dazu kommt: Wir nutzen das Wohnzimmer eigentlich nur noch abends, zum Entspannen. Also brauche ich dafür auch nicht unbedingt den hellsten Raum. Da, wo es hell ist, ist der Platz für die Wohnküche – da frühstückt man, da werden Haus­aufgaben gemacht, da ist vielleicht das Homeoffice, da unter­hält man sich, wenn alle nach Hause kommen – das ist das Familienzentrum. Wenn man sich klarmacht, dass man die Räume nicht mehr so nutzt wie früher, dann eröffnen sich neue Möglichkeiten.

Nun verzichten Eltern zugunsten der Kinder auf ein ­eigenes Schlafzimmer – und dann spielen die Kinder doch am liebsten im Wohn-Schlafzimmer... 

Wir hatten mit unseren Kindern die Absprache, dass abends sämtliche Spielsachen wieder in den eigenen Zimmern verschwinden mussten. Das hat bei uns super geklappt.

Überlegen manche Leute, was andere von ihnen denken, wenn sie das Elternbett im Wohnzimmer sehen?

Die, die sich für das Konzept interessieren, sind häufig Freidenker, sie sind stolz darauf, dass sie andere Wege gehen – und dann andere mitreißen. Das ist wie eine Kettenreaktion. Dann werde ich angerufen: Wir möchten auch so eine Lösung. Das ist der neue Weg, in der Stadt bleiben zu können.

Viele denken: Sobald wir groß wohnen, sind wir glücklich.

Das kann man so nicht sagen. In wie vielen großen Häusern bin ich, und es ist nicht wohnlich! Es kommt nicht auf die Quadratmeter an. Es ist zwar manchmal leichter, wenn man mehr Raum hat. Aber man muss es sich wirklich gut überlegen, ob man nach draußen zieht: Wie viel Zeit verbringe ich auf der Straße, wie viel Energie verbrauche ich, wie viel Kosten habe ich dadurch? Bevor mein Mann und ich jeder eine Stunde morgens und abends unterwegs sind, verbringen wir diese Zeit lieber mit unseren Kindern. Mein Eindruck ist: Das Denken verändert sich. Die Menschen ­lösen sich langsam von dem Gedanken, immer alles in ganz groß haben zu müssen.

Die Fragen stellte Christine Holch

Leseempfehlung

Zwei Zimmer, vier Menschen, 55 Quadratmeter - geht auch, sagt Van Bo Le-Mentzel. Gäste lädt er gern ins Restaurant ein
Einer kocht, andere putzen, sortieren Wäsche oder passen auf, dass kein Termin versäumt wird. Und wenn es einem schlecht geht, sind alle zur Stelle. Zu Besuch in einer Wohngemeinschaft für Senioren
Wohnen im Alter: mit Kindern, Freunden, Genossenschaftlern? Wer anders alt werden will, muss früh planen
...aber schwierig ist das mit dem Wohnen. 
Was tun?
Auch eine Art, Familie zu bilden: Berufspendlern ein Zimmer vermieten. Plötzlich hat man ein großes Netzwerk

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.