Volker Schlöndorff über den Tod seiner Mutter und Schaffenskrisen

Ein Haus am See, so etwas Schönes!
Fragen an das Leben - Volker Schöndorff

Dirk von Nayhauss

Beim Laufen, sagt Volker Schlöndorff, kann der Geist schweben - das hilft ihm in Krisen

Und dieser Erfolg als Regisseur! Trotzdem fragt sich Volker Schlöndorff, ob er das Beste aus seinem Leben gemacht hat.

In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Wenn ich im Wald laufe. Da gibt es fast immer so einen Moment: Ich sehe das Grün, die Bäume, ich sehe das Licht in den Blättern. Dann reiße ich begeistert die Arme hoch, das habe ich schon als Kind gemacht.

Fürchten Sie den Tod?

Heute überhaupt nicht. In der Jugend war der Tod schrecken-erregend. Meine Mutter ist im Feuer umgekommen, da war ich fünf Jahre alt. Sie hatte in der Küche Bohnerwachs gekocht, ein Funke sprang über. Ein Unfall. Ansonsten ­habe ich nach nächtlichen Bombardierungen Tote ge­sehen, diese Kriegsbilder eben. Immer wieder spüre ich die Präsenz von Toten, meine Mutter hat mich mein Leben lang begleitet. Vor fast zwei Jahren habe ich meine Frau verloren; meine beiden Brüder, auch die meisten meiner Freunde sind tot, die schleppe ich sozusagen alle mit mir rum. Oft habe ich das Gefühl: Jetzt guckt mir der eine über die Schulter. Oder die andere würde den Kopf schütteln. Ich weiß nicht, ob ich zu Lebzeiten so auf sie gehört hätte. Heute sind das alles gütige Geister.

Volker Schlöndorff

Volker Schlöndorff, geboren 1939, begann Ende der 50er Jahre als Regieassistent von Louis Malle. Für seinen Film "Die Blechtrommel" erhielt er die Goldene Palme und als erster Deutscher einen Oscar. Oft dienten Romane als Vorlage, zu seinen bekanntesten Filmen zählen "Die verlorene Ehre der Katharina Blum", "Die Fälschung", "Tod eines Handlungsreisenden", "Homo Faber" und "Rückkehr nach Montauk". 1992 bis 1997 leitete er die Film­studios Babelsberg. "Die Blechtrommel" ist gerade neu als Collectors Edition und in 4K restauriert auf DVD/Blu-Ray (Arthaus) erschienen. ­Volker Schlöndorffs zweite Frau, Angelika Gruber, starb 2018. Er hat eine Tochter und lebt in Potsdam.

Dirk von Nayhauß

Dirk von Nayhauß absolvierte die Journalistenschule Axel Springer und studierte Psychologie in Berlin (Diplom 1994). Heute arbeitet er als Journalist, Buchautor und Fotograf (vertreten durch die renommierte Fotoagentur Focus) in Berlin. Für chrismon macht er sowohl die Interviews als auch die Fotos der Rubrik "Fragen an das Leben".
Dirk von Nayhauß

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Nein. Ich denke, da ist ein höheres Gesetz – ein Algorithmus, würde man heute sagen –, der im Weltall schwebt. Einen persönlichen Gott habe ich nicht. Aber auch wenn man nicht an Gott glaubt, kann man beten, ein Stoßseufzer, ein Anflehen. Als ich ein Kind war, haben wir immer gebetet, aber da ging es eher um die Erinnerung an unsere verstorbene Mutter. Sie hat meinen Bruder und mich beschützt, sie war in meiner Kindheit der Statthalter Gottes. Mit 16 bin ich, wiewohl Protestant, in Frankreich in einem Jesuiteninternat gelandet. Dort habe ich mich sehr wohlgefühlt, habe mich mit den Patres auseinandergesetzt, und keiner hat je versucht, mich zu bekehren. Die haben mich sogar ermutigt, Filme zu machen.

"Das Beste Mittel gegen die Krise: laufen und alles rausschwitzen"

Wer ist klüger, Kopf oder Bauch?

Der Bauch, muss ich leider sagen, obwohl ich als kluger Kopf gelte, aber das Allermeiste ahnt der Körper im Voraus. Die Entscheidungen werden auf unerfindliche Weise im Körper getroffen und dann erst vom Kopf gerechtfertigt. Evident ist es natürlich bei Trennungen, die sind immer schmerzhaft und denen geht eine große Wahrheitssuche voraus.

Wer oder was hilft in der Krise?

Meine schlimmsten Krisen hatte ich bis Mitte 40, irgendwie war das Leben bis dahin beängstigend, es war ein Suchen, ein Nicht-Schaffen, ein Sich-überfordert-Fühlen. Selbst der Oscar und die Goldene Palme hatten nicht wirklich geholfen. Mit 47 kam eine tiefe Ehekrise, ich konnte mich zwischen zwei Frauen nicht entscheiden, und damit zwischen zwei Lebensformen: Amerika oder Europa, ich lebte damals in New York. Ich bin zum Analytiker gegangen. Und ich bin gelaufen. Die Gefahr der Krise ist ja, dass man Angst bekommt, unsicher wird und dass einen das überwältigt bis zur Lähmung. Dann ist das beste Gegenmittel Bewegung: laufen und alles rausschwitzen. Man kann keine Sorgen durchdeklinieren, dafür nimmt einen das schiere Laufen zu sehr in Anspruch. Man kann nur den Geist schweben lassen, und das ist das heilende Element: Man ist gezwungen, alles andere abzuschalten.

"Ich versuche, mich von Schuldgefühlen zu befreien"

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die Liebe zum Film. Und die Liebe zu Frauen. Wahrscheinlich war die Liebe zum Film stärker und hat dadurch den Rest schwer gemacht. Eigentlich bin ich mit dem Beruf verheiratet.

Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Über die Hälfte meiner Filme handeln mehr oder weniger vom Faschismus. Ich habe oft gesagt, ich mache diese Filme, um rauszukriegen: Wie war das möglich? Aber in Wirklichkeit versuche ich, mich von Schuldgefühlen zu befreien. Ich kann gar nicht erklären, warum diese so stark sind.

Ein gelungenes Leben – wie sieht es aus?

Das ist eine Frage, die man sich besser nicht stellt. Zu ­Freunden und Familie sage ich immer: "Wenn ich auch nur einmal klage, dann haut mir mit einem Prügel auf den Kopf!" Materiell habe ich es geschafft, das ist unbestreitbar. Was Schöneres hätte ich mir nicht vorstellen können, als heute in diesem Haus am See zu sitzen. Aber war es das ­Beste, was ich aus meinem Leben machen konnte? Sind meine Ent­scheidungen vielleicht doch zu sehr beeinflusst gewesen von der Suche nach Erfolg? Auf der kreativen Seite habe ich den Anspruch, den ich als Jugendlicher an mich hatte, nicht erfüllt – und das ist durch den ganzen Erfolg nicht aufzuwiegen.

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren!
Wie Männer ticken, das weiß ich nicht, ich weiß nicht einmal, wie wir Frauen ticken oder wie wir ticken sollten! Ab und zu, da soll auch ich so ticken, wie es andere von mir erwarten, aber solche Erwartungen, die werde, die will und die kann ich mit Sicherheit nicht erfüllen!
Das Interview mit Volker Schlöndorff habe ich mit großem Interesse gelesen, auch die letzte Frage von Dirk von Nayhauß an den Regisseur: "Ein gelungenes Leben - wie sieht es aus?"
Nun, da hat Volker Schlöndorff wohl recht, wie soll eigentlich ein gelungenes Leben wirklich aussehen; keine Ahnung lautet da sinngemäß sein Resümee! Ich denke, dass jedermann irgendetwas "Gescheides" aus seinem Leben machen möchte, nur was der Mensch dann wirklich aus seinem Leben macht, das wird ein Leben lang die spannende Frage bleiben.
Ihre Riggi Schwarz