Sebastian Koch übers Älterwerden, Krisenmeistern und seine Kinder

Bei der Arbeit schweben
Der Schauspieler Sebastian Koch

Dirk von Nayhauß

Wer sich gut um sich selbst kümmert, kann auch gut für andere sorgen, findet der Schauspieler Sebastian Koch

Sebastian Koch, fotografiert von Dirk von Nayhauß

Und in der Freizeit ein zuverlässiger Freund sein. So gefällt es dem Schauspieler Sebastian Koch

chrismon: In welchen Momenten fühlen Sie sich lebendig?

Sebastian Koch: Wenn ich in der Arbeit gleichsam schwebe. So war es auch bei "Werk ohne Autor", ein poetischer, intelligenter Film. Florian Henckel von Donnersmarck und ich haben sehr intensiv an der Figur des Carl Seeband gearbeitet – ein Professor, ein überaus intelligenter, zugleich sehr kalter Mensch, ein überzeugter Nazi. Sehe ich den Film, steht mir ein Mensch gegenüber, mit dem ich so gut wie keine Schnittmengen habe. Da kann ich fast sagen: "Das ist ein anderer, das bin ich nicht." Einen solchen Charakter zu entwickeln, geht nicht mit jedem Regisseur. Aber wenn es gelingt, ist es ein großes Glück.

Sebastian Koch

Sebastian Koch, 1962 geboren, zählt spätestens seit "Das Leben der Anderen" (2006) zu den gefragtesten deutschen Schauspielern. Er war in zahlreichen historischen Rollen zu sehen, darunter als Andreas Baader, Rudolf Höss, Richard Oetker, Claus Graf Stauffenberg, Albert Speer, Klaus Mann und Alfred Nobel. Ab 4. Oktober läuft "Werk ohne Autor" in den Kinos, die Geschichte ist angelehnt an das Leben Gerhard Richters. Sebastian Koch hat zwei Kinder und lebt in Berlin.
Dirk von Nayhauß

Was können Erwachsene von Kindern lernen?

Nach der Geburt meiner Tochter Mitte der 90er habe ich schnell gemerkt, dass man einem Baby nicht sagen kann: "Warte mal." Das Kind muss jetzt gewickelt, muss jetzt gefüttert werden. Plötzlich konnte ich all das verschieben, von dem ich dachte: Geht gar nicht! In diesen Anfangs­tagen von Pauli rückten die vielen Aufgaben, die ich ­eigentlich hätte erledigen müssen, immer weiter nach ­hinten: Nächs­ter Tag, nächster Tag. Bis ich mich fragte: Was ist wirklich wichtig? Da blieben nur ganz wenige Punkte ­übrig. Die Prioritäten ändern sich, und das ist gut so. Man wird gelassener – ich lerne das immer noch.

Haben Sie eine Vorstellung von Gott?

Gott ist in uns. Es gibt diese friedlichen, sehr kraftvollen Momente, die zugleich eine große Leichtigkeit haben. In denen man weiß, dass wir alle zusammenhängen, dass wir zusammen atmen. Man kann das intensiv wahr­nehmen, aber so schwer beschreiben.

Muss man den Tod fürchten?

Der Tod an sich bereitet mir keine Sorgen, er ist ein Übergang. Zu akzeptieren, wenn bei klarem Verstand die Mobilität immer mehr abnimmt, das sehe ich als eine der härtesten Aufgaben. Mein Leben ist gekennzeichnet von Bewegung: Ich bin oft umgezogen, bin beruflich wie privat viel auf Reisen, mache Sport, liebe das Motorrad- und Auto- fahren. Wenn ich mich nicht mehr gut bewegen könnte, fände ich das extrem ärgerlich. Das zu akzeptieren, wird ­eine Aufgabe sein. Aber man hat ja Zeit, sich vorzubereiten, ich bin 56. Mir wird immer klarer, wie vernichtend kurz unsere Zeit hier ist. Allerdings entwickelt sich die Technik so unglaublich rasant, dass ich hoffe, davon zu profitieren und die Umstände angenehmer gestalten zu können.

"Ich bin sehr protestantisch, methodistisch aufgewachsen, da ist Schuld ein großes Thema"


Wie gehen Sie mit Schuldgefühlen um?

Ich bin sehr protestantisch, methodistisch aufgewachsen, da ist Schuld ein großes Thema. Ich dachte, ich hätte mich davon befreit, aber dann stelle ich immer wieder mit Entsetzen fest, dass es doch Muster gibt, die ich inhaliert habe. Kommt jemand und sagt: "Ach willste nicht, ach kannste nicht", habe ich erst einmal den Impuls nachzugeben, um den anderen nicht zu enttäuschen. Ich kann zwar Nein sagen, aber es fällt mir nicht leicht. In erster Linie hat man die Verantwortung, für sich selbst zu sorgen, und das im wörtlichen Sinne, oder besser noch: fürzusorgen. Dann ist der Atem in der Mitte, man ist präsent und kann Rücksicht nehmen. Und man sieht andere viel besser.

Wer oder was hilft in der Krise?

Die Krise selbst – wenn man sie akzeptiert. Dann ist sie nur noch eine, mit der ich mich auseinandersetzen muss. Und sie muss auch nicht sofort gelöst werden, es ist halt, wie es ist. Das hat übrigens auch etwas mit Schuld und Bewegung zu tun: Ich muss es ja irgendwie hin­kriegen! Eine Weile kam es bei mir beruflich wie ­privat ziemlich dicke. Aber von einem Tag auf den anderen war es, als würden sich die Regenwolken verziehen, sich die schwarze Energie drehen, und plötzlich kommt das ­Leben zurück und beschenkt einen wieder. Ich sage nicht, dass ich die schlimme Zeit souverän gemeistert habe, aber ich bin daran gewachsen und kann sagen: Irgendwann ­kommen die Kräfte wieder.

Welche Liebe macht Sie glücklich?

Die meiner Familie und meiner Freunde. Das tiefe Ver­trauen meines Sohnes und die gewachsene Vaterfreundschaft mit meiner Tochter. Im letzten Jahr habe ich bewusst wenig gearbeitet. Es tut mir gut, dass ich so langsam wieder ein zuverlässiger Freund sein, also einfach da sein kann.

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