Mail aus Neu-Delhi: Alltag in Delhi

Im Smog
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Blick aus dem Fenster: Jeden Tag zieht die Herde vorbei

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Leben in der 20 Millionen Megacity Delhi – der Auslandspfarrer erzählt

Wie lebt es sich in der Megacity Delhi mit fast 29 Mil­lionen Einwohnern? Smog, Stau, heilige Kühe – diese Stichworte fielen mir ein, als ich im vergangenen Jahr gefragt wurde, ob ich in der Gemeinde Nordindien aushelfen könne. Ich lag nicht so falsch. 

Nach einem herrlichen Herbst hörte der Monsun auf und die Reisbauern im Umland begannen, ihre Felder abzubrennen. Der schwarze Rauch zieht bis in die Stadt. Zusammen mit Fabrik- und Autoab­gasen und Baustellenstaub bildet sich der giftige Smog. Jeden Morgen, kurz nach sechs Uhr, hören wir, wie sich der alte Hausdiener im Stockwerk unter uns die Lunge frei hustet. Wir schützen uns mit Tabletten und Luftreiniger. Und schauen regelmäßig auf die Internetseite, die den Grad der Luftverschmutzung in unserem Viertel anzeigt. Vom gelben moderaten Bereich steigt der Messwert manchmal ins Orange, zu den ungesunden Messwerten. Wind und Gewitter reinigen zwischendurch die verdreckte Luft, das ist immer wieder eine Erleichterung.

Wolfgang Leuschner

Wolfgang Leuschner betreut als Pfarrer im Ruhestand für zehn Monate die Kirchengemeinde Nordindien
PrivatWolfgang Leuschner

Dabei sind wir noch privilegiert. Wir wohnen in Neu-Delhi, einst angelegt durch die Briten mit Wohnvierteln und Parks zwischen den breiten Straßen. Morgens und abends trabt "unsere" Herde Kühe durch die Straße. In unserem Viertel wohnen Botschaftsangehö­rige und Mitarbeitende internationaler Organisationen, indische Familien, die zum Mittelstand gehören. Doch auf dem Weg zur Schule sehen wir die Kehrseite des Wohlstands: Familien, die an einer großen Kreuzung unter einer Hochstraße "wohnen". ­Deren Kinder, die vor der roten Ampel Luftballons an Autofahrer verkaufen. Notdürftig gezimmerte Hütten an der Straße. Und überall Dreck und Müll.

Immerhin: Delhi bemüht sich um Umweltschutz. Plakate rufen dazu auf, Plastikmüll zu vermeiden. Plas­tiktüten sind verboten, in den Läden gibt es Einkaufstaschen aus einem Zellulosegewebe. Die muss man bezahlen, trotzdem bringt nur selten jemand seine eigene Tasche mit. Gelungen finde ich die Idee eines Obst- und Gemüsehändlers: Er verwendet Papiertüten, die aus Illustriertenseiten zusammengebastelt sind.

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Lesermeinungen

...dem öffnen sich Türen und diese ernüchternden Einsichten. Der ist veranlasst, weiter zu denken. Herr Leuschner könnte auch seinen hiesigen Amtsbrüdern berichten, wie lange es seiner Meinung nach denn dauern könnte, bis sich die indischen sozialen, religiösen und kulturellen Bedingungen (Kastenvorbehalte!) soweit geändert haben, dass nach unseren Maßstäben eine Klimaänderung möglich ist. Sollte aber diese Einsicht oder Umerziehung von z. Zt. ca. 1,3 Milliarden nicht in absehbarer Zeit möglich sein, was ist dann? Was sind ja schon 50 Jahre! Und wenn nicht nur der wachsende indische Mittelstand, sondern auch die erbarmungswürdigen Armen in den Städten und die 600-800 Millionen Bauern auf dem Lande auch nur ein kleinwenig wie wir leben möchten, was macht das dann mit den Ressourcen und dem Klima? Dann wird wohl manche Kanzel sprachlos werden.