Frauentaxis in Indien

Frau am Steuer

Starke Frauen in Indien - Eindrücke der chrismon-Autorin Dorothea Heintze aus Indien

Sie ist Taxifahrerin in Delhi und verdient ihr eigenes Geld. Seema, 24 Jahre alt, lässt sich weder von schweren Karossen noch von Männern am Steuer beeindrucken. Frauen fahren Frauen – ein ungewöhnliches Unternehmen, für das es keine Kastengrenzen gibt

"Lock", sagt Seema und guckt streng. Erfolgt ­keine sofortige Reaktion ihres Fahrgastes, wiederholt sie: "Lock, Mam!", gefolgt von einem knappen: „Seatbelt!“ Sicher ist ­sicher im indischen Verkehr. Erst wenn ihre Sitznachbarin alles brav ausgeführt hat, dreht Seema den Schlüssel im Zündschloss. Auf geht es in den Verkehrswahnsinn von Indiens Hauptstadt Neu-Delhi.

Seema ist eine zuverlässige Taxifahrerin. Egal, wann und wo man sie hin­bestellt: Seema ist da, mit ihrem kleinen, weißen Tata, ihrer türkisfarbenen Uniform, den Plastiksandalen an den bloßen Füßen, ihrem Wischlappen für die Armaturen, dem Putzeimer im Gepäckraum, dem kleinen verschrabbelten, am Auf­ladekabel hängenden Handy und ihrem „Lock, Mam“, bevor sie losfährt. Sie benutzt keinen Stadtplan, kein GPS, auch kein Smartphone mit Kartenfunktion. Wenn sie unsicher wegen der Adresse ist, telefoniert sie kurz.

Eine Frau am Steuer? Entgeistertes Kopfschütteln

Delhi

rund 16 Millionen Einwohner

mehr als 11000 Einwohner pro Quadratkilometer (2011). Zum Vergleich Berlin (mit einer Bevölkerung von 3,5 Millionen): 3900 Einwohner pro Quadratkilometer

Female Drivers for female Guests“, Fahrerinnen für weibliche Gäs­te, lautet der Werbespruch des Unternehmens. Delhi gilt als gefährliche Stadt für alleinreisende Frauen. Ein exklusiver Frauenfahrdienst scheint genau richtig zu sein. Doch was es bedeutet, in Delhi als Frau neben einer „Chauffeuse“ in Uniform zu sitzen, das muss man erlebt haben.

Eine Milliarde erhebt sich

Weltweite Aktion "One Billion Rising". Am Valentinstag findet ein weltweiter Aktionstag gegen Gewalt gegen Frauen und Mädchen statt. Karin Heisecke beantwortet die wichtigten Fragen zu "One Billion Rising"

Irgendwo mitten in Delhi. Seemas weißer Tata nähert sich einer vollgestopften Kreuzung. Hunderte von Kleinwagen, Bussen, Radlern, Lastern, Auto-Rikschas und Mopeds stehen in Fünfer- oder Sechser­kolonnen nebeneinander. Ampeln baumeln über der Kreuzungsmitte in der Luft, ein weiß uniformierter Verkehrspolizist steht auf einer runden Tonne mit Gitter, fuchtelt mit den Händen und pfeift wild herum. Stickige Hitze um die 40 Grad, Auspuff­gase verpesten Luft und Sicht, rufende und schreiende Menschen, infernalisches ­Hupen aus allen Richtungen.

#1billionrising auf Twitter

„Auch Seema hupt, fängt an zu drängeln. Aus den offenen und höher liegenden Fens­tern eines Stadtbusses starren Dutzende von Augen auf sie hinab. Links schiebt sich ein Mopedfahrer durch die Rinne am Fahrbahnrand zum hohen Gehsteig. Der Fahrer trägt einen Turban, seine Frau hinter ihm Sari und Mundschutz, zwei Kinder haben sie zwischen sich gequetscht.

Auch die vier starren ungläubig ins Frauentaxi. Seema bleibt vollkommen ungerührt, nutzt die Lücke, die der Mopedfahrer geschaffen hat und kämpft sich über den Bürgersteig bis ganz nach vorn direkt unter die Ampel. Links und rechts dicke schwarze SUV mit verdunkelten Scheiben, in einem sind auf der Rückbank Frauen und Kinder schemenhaft zu erkennen; in einem anderen sitzt ein Mann im dunklen Anzug und telefoniert, am Steuer jeweils ein männlicher Chauffeur. Als sich der Miniwagen frech an ihnen vorbeischiebt, schüttelt der eine Fahrer entgeistert den Kopf, der andere ignoriert Seema stur.

Autos in Delhi

 Foto: Florian Lang

circa 7,5 Millionen sind angemeldet, jährlich kommen etwa 500000 dazu.

Geschätzte Zahl der Auto­fahrerinnen: 5 bis 10 Prozent

„Doppeltes Genderbrechen“, so beschreibt Shri­nivas Rao von der gemeinnützigen AZAD-Foundation die Grundidee: Frauen aus Unterschichten verdienen Geld durch professionelles Autofahren – revolutionär für Indien. In der Regel verfügen Inderinnen aus armen und niederen Kas­ten nicht über eigenes Geld. Und autofahrende Frauen? Die sind selbst in den Metro­polen wie Delhi, Hyderabad oder Bangalore immer noch die Ausnahme, erst recht als Taxifahrerin oder Privatchauffeuse. Die Stiftung finanziert die zweijährige ­Ausbildung der Mädchen und Frauen. Sind sie gut, werden sie vom kommerziellen Schwesterunternehmen, dem Frauentaxidienst, übernommen. So wie Seema.

Seema ist 24 Jahre alt und stammt aus einer „Colony“ im Süden Delhis, einem ehemaligen Slum, das sich zu einem Arbeiterwohnviertel weiterentwickelt hat. Seemas Eltern verkaufen Gemüse auf dem Markt, vier Geschwister leben noch zu Hause, dazu die Großeltern – neun Personen in zwei Zimmern. Immerhin: Diese zwei Zimmer gehören der Familie.

Als Seema vor fünf Jahren nach einer Info­veranstaltung der AZAD-Stiftung ihren Eltern mitteilte, dass sie nun unbedingt Auto fahren lernen wolle, sagte die Mutter entgeistert: „Was ist das für ein Beruf, Autofahren?“ Der Vater hätte lieber gehabt, dass sie in einem Callcenter arbeitet. Doch Seema hat sich durchgesetzt. Stolz erzählt sie, dass sie mit ihrem Einkommen der ganzen Familie hilft.

Schluss mit der Schüchternheit

Sie selbst ging nur bis zur achten Klasse zur Schule, ihre beiden kleinen Schwes­tern sind inzwischen in der neunten und zehnten. Und: Seemas Schwägerin wird jetzt auch Taxifahrerin. Seema hat also genau das gemacht, was die Stiftung sich von ihren Absolventinnen erhofft: Sie wurde „role model“, Vorbild.

Das erste Praxisjahr nach der Führerscheinprüfung gehört mit zur Ausbildung: Die Frauen arbeiten für zwölf Monate bei anderen feministischen Nichtregierungsorganisationen in Delhi oder für Ausländerinnen, die in der Stadt leben. So können sie in einem geschützten Rahmen weiter lernen: Orientierung mit und ohne Karten, Umgang mit ausländischen Fahrgästen, Verhalten in Konfliktsituationen, Pannenhilfe, Hygiene, Verkehrssicherheit.

Seema hat die zwölf Monate bei Jagori in Delhi verbracht, einer der großen und bekannten Frauenhilfsorganisationen ­im Land. Suneeta Dhar, Direktorin bei Jagori, hat Seema damals angelernt und erinnert sich genau: „Die Veränderung war unglaublich.“ Schüchtern und unscheinbar sei Seema zu Anfang gewesen. Und heute?

Wie Frauen in Indien leben

64 Prozent aller Inderinnen sind Analphabetinnen; 80 Prozent aller Männer.

61 Prozent aller indischen Frauen heiraten unter 16, obwohl das Gesetz die Volljährigkeit vorschreibt

Hochzeiten kosten oft mehrere Hunderttausend Rupien (2000–3000 Euro) und ruinieren viele Familien. Laut Gesetz ist die Mitgift längst verboten, heute heißt sie daher „Geschenk“. Auf dem Land werden jedes Jahr Tausende von Bräuten ermordet, weil ihre „Mitgift“ aufgebraucht ist..

Ein Blick in die Teeküche reicht: Da kauert eine der neuen Chauffeusen in blauer Uniform: klein, schmal, bescheiden. Seema steht vor ihr. Sie redet laut, lacht, gestikuliert mit den Händen. Eine selbstbewusste junge Frau mit eigenem Einkommen. Wie viele Mitarbeiterinnen von Jagori nennt sie auch nie ihren Nachnamen. In fast allen indischen Nachnamen steckt ein Hinweis auf die Kas­tenzugehörigkeit.

Im Dezember 2012 erschütterte die grausame Gruppenvergewaltigung einer Studentin in Delhi Menschen nicht nur Indien, sondern auf der ganzen Welt. Zu dieser Zeit arbeitete Seema bei Jagori. Zusammen mit Kolleginnen besuchte sie fast täglich die großen Demonstrationen. Trotz der öffentlichen Empörung werden Männer aus höheren Kasten nur selten verurteilt, wenn sie Frauen aus niedrigeren Kasten vergewaltigen.

Manchmal wird es abends spät. Dann döst Seema im Auto, die Rückenlehne ist nach hinten geklappt, die Fenster stehen offen. Hat sie keine Angst, als Frau allein im Dunkeln auf der Straße unterwegs zu sein? Nein, hat sie nicht, sagt sie. Sie hat ein Pfefferspray im Handschuhfach und während ihrer Ausbildung ein paar handfeste Selbstverteidigungsgriffe gelernt. Für viel wichtiger jedoch hält sie es, erst gar nicht in einen Konflikt zu geraten. Männer nicht zu provozieren, das haben alle Taxifahrerinnen während ihrer Ausbildung intensiv geübt.

Für eine Handvoll Rupien

Die Autorin

 chrismon-Redakteurin Dorothea Heintze
Dorothea Heintze, 55, war beeindruckt vom Selbst­bewusstsein vieler Inderinnen. Unglaublich, diese Power!
Ist der Arbeitstag zu Ende, holt Seema ihren Quittungsblock und Kugelschreiber hervor. Akribisch berechnet sie jede Stunde Fahrt, jede Stunde Warten, einen Abend- oder Wochenendzuschlag, die über die Pauschale hinausgehenden gefahrenen Kilometer. Sie nimmt ihr Handy, nutzt die Rechnerfunktion und kommt auf Summen wie 1007 Rupien – umgerechnet circa 13 Euro für einen ganzen Tag Arbeit. Ihr Monatslohn liegt bei durchschnittlich 9000 Rupien, also etwa 118 Euro. Für eine Überstunde bekommt sie 30 Rupien (circa 39 Cent).

Mittags kauft sie sich bei einem Imbiss etwas für 20 bis 30 Rupien auf die Hand. Seema bekommt keine Sozialleistungen, hat keinen Kündigungsschutz. Bald will sie heiraten, den Bräutigam haben die ­Eltern längst ausgesucht. Auch als Ehefrau und Mutter will sie weiter Taxi fahren. Ihr Ziel: ein eigenes Auto.

Seema fährt auf einer staubigen Straße langsam an einer Gruppe herumlungern­der Kerle vorbei. Denen fallen fast die Augen aus dem Kopf. Eine Frau am Steuer! Sie klopfen sich amüsiert auf die Schenkel. In Deutschland würde Seema ihnen wohl den Stinkefinger zeigen – hier drückt sie ein kleines bisschen mehr aufs Gas. Der Sand spritzt. Und weg ist sie.

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