Der Missbrauchsskandal delegitimiert die Kirchen

"Wer braucht so eine Religion?"
Die Schwachen, Wehrlosen. Menschen ohne Fürsprecher. Es ist eine Katastrophe, wenn Kirchen sich selbst delegitimieren
Deutschland spricht 2019

"Wer braucht denn solch eine Religion?", fragte kürzlich der Präsident des Landes mit der drittgrößten katholischen Bevölkerung weltweit. Er stichelte gegen die katholische Kirche, in der Priester Minderjährige, Schutzbefohlene und Nonnen sexuell belästigen und lebenslang traumatisieren - und Vorgesetzte sich schützend vor die Täter stellen. Richtig ist: Kirchen, in denen so etwas geschieht, delegitimieren sich insgesamt. Sie tun das Gegenteil von dem, was sie sollen. Ihr Auftrag ist es, Schutzraum zu sein für die Schwachen, für Menschen ohne Lobby, für die Vergessenen. Tatsächlich aber sind sie viel zu oft Gefahrenzonen - gerade für diejenigen, denen sie beistehen müssten.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist chrismon-Redakteur und zusammen mit Claudia Keller  verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Es war Rodrigo Duterte, der Ende Februar boshaft gefragt hatte: "Wer braucht denn solch eine Religion?" Der philippinische Hardliner brüstet sich damit, Tausende Drogensüchtige und Dealer ermordet zu haben. Dieser Mann muss dringend in seine Grenzen gewiesen werden. Nur: Wer, wenn nicht die katholische Kirche, kann das noch? Gerade in einem Land wie den Philippinen wird die katholische Kirche dringend gebraucht. Doch was tatsächlich niemand braucht, ist ein Männerbund, der sexuell übergriffigen Priestern Raum und Gelegenheit für ihre Verbrechen bietet, der vorbehaltlose Aufklärung verschleppt und der nicht bereit ist, seine verkorksten Strukturen zu ändern.

Die Kirchen müssen alles dafür tun, dass man ihnen wieder vollends vertrauen kann

Der gewaltige Vertrauensverlust, den derzeit die reformunwillige katholische Kirche durch eigenes Verschulden selbst herbeiführt, droht auch andere etablierte Kirchen mit in den Abgrund zu reißen. Auch in den evangelischen Kirchen in Deutschland hat es sexuelle Übergriffe gegeben - und Vertuschung. Die Landeskirchen wissen mittlerweile, was sie zu tun haben, die Nordkirche macht es ihnen vor: Sie müssen auf die Opfer sexueller Übergriffe zugehen, aufarbeiten helfen und sich großzügig zeigen, wenn es um Anerkennungszahlungen und Geld für Therapien geht. Dafür brauchen sie die Unterstützung unabhängiger Anlaufstellen. Sie müssen Täter zur Rechenschaft ziehen und jeden Anschein von Kumpanei vermeiden. Dabei mögen sich ungeahnte Hürden auftun. Aber die Kirchen müssen alles dafür tun, dass man ihnen wieder vollends vertrauen kann.

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Lesermeinungen

Leider werden immer nur die Folgen beklagt. Ursachen oder unliebsame Vorprägungen werden nicht diskutiert. Gründe hierfür sind:

Katastrophale ungerechte Vorurteile, die Gefahr die Falschen zu diskreditieren, ganze Berufsgruppen in Verruf zu bringen, Unrecht zu erzeugen. Einerseits. Andererseits: Ein Weichling wird kein Boxer. Wer sich nicht quälen will, macht keinen Hochleistungssport. Ein Empfindsamer wird kein Politiker. Ein Arzt der kein Blut, Schmerzen sehen kann, kann nicht helfen. Ein Bauer, der sein Grund und Boden, sein Vieh, seine Ernten nicht als Broterwerb versteht, sollte aufgeben.

Wenn jemand sich durch seine Vorprägung zu sehr Kindern zuwendet, ist er entweder ein guter Vater, er könnte aber leider auch in seinem unverstandenen Innersten andere Ziele haben. Wer mit den besten Absichten Priester werden möchte, wer entgegen seiner Natur zuerst auf jede sexuelle Selbstbestimmung verzichten will, dann aber doch im Laufe der Jahre (ab ca. 18!) merkt, dass dieser Weg für ihn unpassierbar ist, der braucht eine "Haushälterin". Nonnen könnten dabei bequeme zur Verschwiegenheit verpflichtet „Helfer“ sein.

Ganz besonders gilt dies auch für religiöse Gemeinschaften, in denen süßlich-esotherischen (bis zu Sekten) Inhalte, Sprach- und Verhaltensnormen üblich ist. Dazu gehört dann auch das "Verniedlichen" von Mißständen in der eigenen Kommunity und deren Schutz vor der bösen allzu gerechten "weltlichen" Welt. Wer Gefahr laufen könnte, den ihm zugeteilten Machtmitteln nicht gewachsen zu sein, der sollte keine eigenen psychischen "Oberhoheiten" haben dürfen.

Aus diesem Grund laufen einige Berufe und "Berufungen" Gefahr, von bestimmten Vorprägungen ausgewählt zu werden. Was dann auch zu den unliebsamen Folgen führt. Was in der „Normal-Gesellschaft“ zu 5% (?) üblich (z.B. Gewalt, Missbrauch, Betrug) ist, ist dann in Berufen mit einer speziellen Auswahl durch Vorprägungen zu 10% (?) der Fall.

Fazit: Wir haben es bei vielen Berufsgruppen mit Vorprägungen zu tun, die erst Erfolg und Erfüllung ermöglichen. Dabei sind für eine harmonische Gesellschaftsform viele Vorprägungen und Vorlieben sowohl für die EINEN als auch für die ANDEREN vonnöten. Gäbe die Katholische Kirche das Zölibat auf, wäre zumindest eine "Quelle" von deren Falschprägungen bereinigt. Diese Preisgabe würde aber Machtverlust, Unsicherheit und die Aufgabe von Pfründen bedeuten. Da liegt dort der Stolperstein des Anstoßes.

Leider werden immer nur die Folgen beklagt. Ursachen oder unliebsame Vorprägungen werden nicht diskutiert. Gründe hierfür sind:

Katastrophale ungerechte Vorurteile, die Gefahr die Falschen zu diskreditieren, ganze Berufsgruppen in Verruf zu bringen, Unrecht zu erzeugen. Einerseits. Andererseits: Ein Weichling wird kein Boxer. Wer sich nicht quälen will, macht keinen Hochleistungssport. Ein Empfindsamer wird kein Politiker. Ein Arzt der kein Blut, Schmerzen sehen kann, kann nicht helfen. Ein Bauer, der sein Grund und Boden, sein Vieh, seine Ernten nicht als Broterwerb versteht, sollte aufgeben.

Wenn jemand sich durch seine Vorprägung zu sehr Kindern zuwendet, ist er entweder ein guter Vater, er könnte aber leider auch in seinem unverstandenen Innersten andere Ziele haben. Wer mit den besten Absichten Priester werden möchte, wer entgegen seiner Natur zuerst auf jede sexuelle Selbstbestimmung verzichten will, dann aber doch im Laufe der Jahre (ab ca. 18!) merkt, dass dieser Weg für ihn unpassierbar ist, der braucht eine "Haushälterin". Nonnen könnten dabei bequeme zur Verschwiegenheit verpflichtet „Helfer“ sein.

Ganz besonders gilt dies auch für religiöse Gemeinschaften, in denen süßlich-esotherischen (bis zu Sekten) Inhalte, Sprach- und Verhaltensnormen üblich ist. Dazu gehört dann auch das "Verniedlichen" von Mißständen in der eigenen Kommunity und deren Schutz vor der bösen allzu gerechten "weltlichen" Welt. Wer Gefahr laufen könnte, den ihm zugeteilten Machtmitteln nicht gewachsen zu sein, der sollte keine eigenen psychischen "Oberhoheiten" haben dürfen.

Aus diesem Grund laufen einige Berufe und "Berufungen" Gefahr, von bestimmten Vorprägungen ausgewählt zu werden. Was dann auch zu den unliebsamen Folgen führt. Was in der „Normal-Gesellschaft“ zu 5% (?) üblich (z.B. Gewalt, Missbrauch, Betrug) ist, ist dann in Berufen mit einer speziellen Auswahl durch Vorprägungen zu 10% (?) der Fall.

Fazit: Wir haben es bei vielen Berufsgruppen mit Vorprägungen zu tun, die erst Erfolg und Erfüllung ermöglichen. Dabei sind für eine harmonische Gesellschaftsform viele Vorprägungen und Vorlieben sowohl für die EINEN als auch für die ANDEREN vonnöten. Gäbe die Katholische Kirche das Zölibat auf, wäre zumindest eine "Quelle" von deren Falschprägungen bereinigt. Diese Preisgabe würde aber Machtverlust, Unsicherheit und die Aufgabe von Pfründen bedeuten. Da liegt dort der Stolperstein des Anstoßes.