Missbrauch in der katholischen Kirche

Wenig Hoffnung
Seit 1946 wurden in Deutschland 
mindestens 3677 Kinder von 
katholischen Klerikern sexuell ­missbraucht. Doch die Kirche ist immer noch nicht bereit zu tief­greifenden Veränderungen.

Die Lebensform katholischer Kleriker kann zur Gefahr für Kinder und Jugendliche werden. Das weiß die Kirche spätestens seit 2002, als Hunderte Missbrauchsfälle im Erzbistum Boston öffentlich wurden. 2010 kam heraus, dass auch in Deutschland Priester und Ordens­leute vielfach Minderjährige begrapscht und sexuell genötigt haben. Doch das Wissen wurde vielerorts relativiert und beiseitegeschoben, Aufarbeitung wurde zögerlich und in den Bistümern sehr unterschiedlich angegangen, Maßnahmen zur Prävention oft nur halbherzig durchgesetzt. Wie wenig die Bistümer unternommen haben, um Missbrauch zu verhindern, hat ein Forscherkonsortium aus Psychologen und Kriminologen im Auftrag der Deutschen Bischofskonferenz offen­gelegt. Die Ergebnisse wurden im September veröffentlicht und zeigen auch das Ausmaß der Verbrechen: Zwischen 1946 und 2014 haben sich mindestens 1670 Kleriker an 3677 Kindern und Jugendlichen vergriffen. 4,4 Prozent der Kleriker wurden übergriffig, in manchen Bistümern sogar bis zu acht Prozent.

Claudia Keller

Claudia Keller schreibt seit vielen Jahren über sexuellen Missbrauch in der katholischen Kirche und kann es nicht fassen, wie wenig sich ändert.
Lena UphoffPortrait Claudia Keller

Tagelang haben sich die katholischen Bischöfe beraten und wort­reich ihr Entsetzen bekundet. Die Erklärung, die sie am Ende veröffentlichten, macht allerdings wenig Hoffnung, dass sich Grundlegendes ändern wird. Die Führung der Personalakten soll standardisiert, ein Monitoring für Prävention eingeführt werden, auch externe Anlaufstellen für Betroffene sollen eingerichtet werden. Das ist ­alles, worauf sich die Bischöfe konkret einigen konnten. Was ist mit den "Risikofaktoren", die die Forscher herausgearbeitet haben, die den Missbrauch in der katholischen Kirche fördern? Was ist mit dem Zölibat? Wie kann klerikale Macht begrenzt und wie können für Laien unzugängliche priesterliche Netzwerke aufgebrochen werden? Wie die rigide Sexualmoral geöffnet und Missbrauchstäter kirchenrechtlich schnell bestraft werden? Auf diese ­Fragen gibt es nur vage Antworten.

Pädophilen bietet der Priesterberuf Kontaktmöglichkeiten zu Kindern

Das macht fassungslos, denn nichts deutet darauf hin, dass es mit dem Missbrauch ein Ende hat. Die Zahl der Priester, die zu Tätern werden, ist über die Jahrzehnte konstant geblieben. Aus der Studie lässt sich herauslesen, dass der Zölibat mittlerweile eine Negativauswahl junger Männer anzieht. Pädophilen bietet der Priesterberuf viele Kontaktmöglichkeiten zu Kindern. Das Risiko, entdeckt zu werden, ist gering, da die Kontrolle von außen fehlt. Die Forscher schreiben, dass die Machtfülle des Priesteramtes auch "narzisstischen Psychopathen" ein breites Handlungsfeld bietet. Und für verklemmte, sexuell und persönlich unreife Männer ist die Verpflichtung zur Enthaltsamkeit attraktiv, weil sie sich dann nicht mehr für den Mangel an Beziehungen rechtfertigen müssen. Kommen Stress und Einsamkeit hinzu, kann daraus eine gefährliche ­Mischung entstehen. Da sich in Westeuropa immer weniger Männer für den Priesterberuf entscheiden, wird sich dieses Problem weiter verschärfen.

Auch enthaltsam lebende Priester können eine gesunde sexuelle Identität und Persönlichkeit entwickeln, betonen die Forscher. Dazu braucht es offene Gespräche, lebenslange Begleitung und Fortbildungen. Doch die katholische Sexualmoral verhindert Offenheit, und die Angebote in der Priesterausbildung zur Persönlichkeitsentwicklung und Sexualpäda­gogik sind "äußerst knapp bemessen", heißt es in der Studie. Über Missbrauch werde höchstens mal bei einem zweitägigen Blockseminar gesprochen. Vier Bistümer haben gar nicht geantwortet auf die Frage, wie umfangreich in ihren Priesterseminaren Sexualität und Missbrauch thematisiert werden. Wer Kinder verletzt, schädigt ihr Leben nachhaltig. Wer Kindern so etwas antut, zerstört auch die Beziehung zu Gott, der sich nach christlichem Glauben gerade in den Schwachen ­offenbart. Deshalb trifft der Missbrauch die Kirche in ihrem Kern. Doch wie es scheint, haben viele den Ernst der Lage nicht begriffen. Eine Hostie zu schänden, ist kirchenrechtlich immer noch genauso schlimm, wie ein Kind zu missbrauchen. Der Papst schweigt. Eltern kann man nur raten, genau hinzuschauen, mit wem ihre Kinder zu tun haben.

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