Auf den Kopf gestellt

Ausgestreckter Unterarm mit Kreuz-Taetowierung

Anna Thut

Jesus ist am Kreuz gestorben, einen schrecklichen Tod. Das Zeichen erscheint bis heute mit Bedeutung ­aufgeladen. Aber mit welcher? Es birgt ein Geheimnis – nicht nur für gläubige Christen

chrismon: 1992 schenkte der Künstler Georg Baselitz der Dorfkirche in Luttrum bei Hildesheim ein Bild, darauf ein Gekreuzig­ter, der kopfüber hängt. Die Gemeinde wollte es nicht. Was war da los?

Julia Helmke: Der Kirchenvorstand hängte das Bild in den Altarraum der Dorfkirche. Dagegen wehrten sich Gemeindemitglieder, teils sehr scharf. Es gab Drohungen gegen den Pastor. Zahlreiche Gemeindemitglieder wechselten in andere Gemeinden, die Gemeinde zerbrach fast. Am Ende nahm der Künstler das Bild zurück.

Weil das Kreuz auf dem Kopf steht, wie fast alle Motive bei Baselitz?

Vielleicht. Der damalige Pastor sagte: In der ers­ten halben Stunde reagierten die Leute negativ, dann sagten sie Interessantes: Auch die Welt steht kopf, Christus stellt die Welt auf den Kopf. Und: Was bedeutet das für mich, dass alles verkehrt herum ist? – Aber in der angespannten Lage war es nicht mehr möglich, die Leute ans Bild heranzuführen.

Warum reagierte die Gemeinde so scharf?

Viele waren in ihrer vertrauten Kirche getauft und konfirmiert, hatten da geheiratet. Sie fühlten sich dem Raum verbunden. Manche sagten auch, das sei nur eine Schmiererei. Andere sprachen von Blasphemie.

Wie sehen Sie das Werk?

Baselitz hilft dem Betrachter, neu hinzu­sehen. Viele Menschen könnten gar nicht sagen, wie das Kreuz in ihrer Kirche aussieht. Und er lässt den Betrachter das Ärgernis des Kreuzes, von dem der Apostel Paulus spricht, wieder wahrnehmen.

Was ist mit dem „Tanz ums Kreuz“ gemeint?

Der Titel spielt auf den biblischen Tanz ums Goldene Kalb an. Baselitz fragt: Was beten wir an? Worum geht es in unseren Gottesdiensten – um theologische Fragen oder um Gewohnheiten?

Was könnte man heute besser machen?

Die Gemeinde allmählich heranführen und das Bild erst nur für eine Weile aufhängen. Baselitz’ Werk war ja nicht für die Kirche in Luttrum gemacht. Es wirft Probleme auf, wenn fertige Kunst in geprägte Kirchen­räume kommt. Viel sinnvoller ist es, wenn die Künstler den Raum vorher kennen und die Gemeinde weiß, was sie will.

Julia Helmke

Pastorin Julia Helmke war in der Landeskirche Hannovers zuständig für Kunst und Kultur. Seit Februar 2015 ist sie Referentin im Bundespräsidialamt.

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Lesermeinungen

Das umgedrehte Kreuz ist das sogenannte Petruskreuz.

"Nach christlicher Überlieferung bat der Apostel Petrus, als er bei seinem missionarischen Wirken in Rom verhaftet wurde und gekreuzigt werden sollte, darum, kopfüber gekreuzigt zu werden. Dazu äußerte er, dass er nicht würdig sei, auf die gleiche Weise wie Christus zu sterben. Katholische Kirchen, die dem heiligen Petrus geweiht sind, tragen oder trugen anstatt des lateinischen Kreuzes ein Petruskreuz auf dem Turm. Auch in der Kunst taucht das umgekehrte Kreuz, auch zusammen mit dem Motiv des Schlüssels, als Symbol des Apostels Petrus auf." (Quelle: Wikipedia)

https://de.wikipedia.org/wiki/Petruskreuz