Unsere Lieblingslehrerzitate

Ein Satz und seine Geschichte
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Foto: Paula Winkler

Ein Satz und seine Geschichte – hier verraten Mitarbeiter aus der chrismon-Redaktion, welcher Lehrerausspruch sie bis heute begleitet

Sabine Lechner zu Ursula Ott:

„Du wirst später mal Kinderbücher schreiben“

Gibt es das eigentlich noch? Dass man aus fünf Begriffen eine Geschichte erfinden muss? Als ich in der Grundschule im schwäbischen Weissenau war, mussten wir oft Aufsätze schreiben, in denen bestimmte Begriffe vorkommen. Ich habe das geliebt. Tintenpatrone, Luftballon, Elefant, Sonne, Haifisch. Unter die Geschichte, die mir zu diesen Begriffen einfiel, schrieb meine Klassenlehrerin Sabine Lechner: „Du hast so viel Fantasie, du wirst später mal Kinderbücher schreiben“.  Oh je, klingt jetzt sehr eitel, aber dieses Lob hat mich echt angespornt. Schreiben! Das könnte meine Bestimmung sein, so habe ich das verstanden, und so ist es auch gekommen, ich lebe vom Schreiben. Kinderbücher habe ich leider noch nicht geschrieben, aber viele Bücher über das Leben mit Kindern.


Die Freude an Büchern, die verdanke ich ganz bestimmt Frau Lechner. Sie war lange krank, das ganze vierte Schuljahr hindurch. Und sie schickte uns aus dem Krankenhaus immer Bücher, die dann im Klassenzimmer vorgelesen wurden. „Krabat“ von Otfried Peussler, das ist für mich bis heute fast ein heiliges Buch, weil unsere geliebte Frau Lechner es uns aus dem Krankenhaus geschickt hat. Ich hoffe, sie lebt gesund irgendwo in Oberschwaben. Und wenn ich doch mal ein Kinderbuch schreiben sollte – das erste Exemplar werde ich ihr schicken!

Ursula Ott, stellvertretende Chefredakteurin

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Ursel van Haag zu Nils Husmann:

„So richtig schön Niederdeutsch!“

Es passierte im Mathematikunterricht, aber dieser Satz hatte mit Mathe gar nichts zu tun. Er war nicht einmal an mich gerichtet, sondern an Tim, einen Mitschüler. Wir waren damals vielleicht zwölf Jahre alt, 6. oder 7. Klasse. Genau in dem Alter also, in dem alles ganz schrecklich peinlich ist. In meiner Erinnerung war uns allein unsere unbeholfene Existenz schon irgendwie unangenehm, weil immer und überall Peinlichkeiten lauerten.
Eine der größten Peinlichkeiten war: das Plattdeutsche. Meine Eltern  sprachen nur Plattdeutsch mit mir. Egal wo. Ich fand es schrecklich, wenn meine Mutter im Supermarkt nach mir rief: „Nils, bring mol bidde de Bodder un de Melk mit!“ Oder wenn jemand für mich am Telefon war. „Nils, komm mol rünner, Jan will mit di schnacken!“

Natürlich hat niemand im Unterricht Platt gesprochen, sondern Hochdeutsch. Aber Tim, ebenfalls aus bäuerlichem Hause, muss bei einer Antwort aus Versehen ins Plattdeutsche gefallen oder ganz stark Dialekt gesprochen haben. Vielleicht rollte er das R, vielleicht stolperte er über den berühmten spitzen Stein, vielleicht sagte er „Föfftich“ statt „Fünfzig“. Was ich aber genau weiß: Frau van Haag, unsere Mathe-Lehrerin, lobte Tim. Nicht für das richtige Ergebnis, sondern für die Aussprache. „So richtig schön Niederdeutsch!“, sagte sie – und freute sich. Und zwar so ehrlich, dass jeder in der Klasse wusste: Das ist echte Freude, die meint das ernst.

Ich war grottenschlecht in Mathe und erinnere aus diesem Fach so gut wie nichts mehr. Aber dieser Satz ist hängengelieben, weil Frau van Haag neben der binomischen Formel und dem Satz des Pythagoras so ganz nebenbei vorgelebt hat: „Seid Euch nicht peinlich, Ihr seid gut so, wie Ihr seid!“

Nils Husmann, chrismon-Redakteur

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Frau Ahrends zu Dorothea Heintze:

"Seid Ihr schon fertig, oder kommt da noch was?"

Ich war vielleicht 15 oder 16 Jahre alt, und unsere Mathelehrerin, Frau Ahrends hatte uns zu einem Nachmittags-Kaffee eingeladen, darunter einige ihrer Lieblingsmathe-Schüler und -Schülerinnen. Ich erinnere mich an Ansgar, Friedrich-Carl und an Verena. Frau Ahrends stand direkt vor ihrer Pensionierung. Auf dem Couchtisch Kaffee und Plätzchen, Papierservietten, das gute Porzellan. Wir redeten über dies und das und irgendwann fragte sie uns: "Na, wie seht ihr Euer Leben? Seid ihr schon fertig? Oder kommt da noch was ganz anderes?"

Die Antworten der anderen ähnelten sich: "Nee, gar nicht fertig", "Eigentlich keine Ahnung, wer ich bin" - und so weiter. Ich dagegen antwortete wie aus der Pistole geschossen: "Ich? Ich bin fix und fertig. Ich weiß genau, was ich will vom Leben." Das, nun ja, irgendwie entsetzte Gesicht von Frau Ahrends habe ich nie vergessen. Fertig? Mit 16?

Heute mit 52 weiß ich, warum sie erschauerte. Wie war ich borniert und eingebildet. Kein Wunder, dass ich es es in folgenden Jahren dementsprechend schwer mit mir hatte. Von wegen fertig. Ich war die Unreifste von uns allen. Keine Neugier auf das eigene Leben, keine Lust zum Experimentieren. Wie schade!

Liebe Frau Ahrens, ich hoffe, Sie sitzen auf irgendeiner Wolke und lesen dies. Wenn Sie mich heute noch mal fragen würden, dann würde ich anders antworten: "Fertig? Ich mit mir? Hoffentlich nie!"

Dorothea Heintze, chrismon.de-Portalleiterin

 

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Herr Rupp zu Christine Holch:

"Wer den Kopf aus der Menge streckt, dem bläst auch mal der Wind um die Ohren"

13. Klasse, kurz vorm Abi, die Schulleitung hatte mich und zwei Mitschüler fürs Auswahlverfahren der Studienstiftung des deutschen Volkes vorgeschlagen. Ein stundenlanger Test mit grässlichen Matheaufgaben sowie ein zweitägiges Auswahlseminar mit Gruppendiskussionen und Einzelgesprächen: Die beiden in meinen Augen sehr klugen Mitschüler wurden nicht aufgenommen.

Es gab Gerede in der Schule. Peinvoll! Nach der Philosophie-AG fragte ich meinen Religionslehrer um Rat. Herr Rupp, damals vielleicht Mitte 30, Motorradfahrer, lässig, aber auch fordernd, sagte: "Wer den Kopf aus der Menge streckt, wer herausragt, dem bläst auch mal der Wind unangenehm um die Ohren; muss man sich halt eine Mütze besorgen."

Solcherart in ein Bild gepackt, ging’s mir gleich besser. (Mit der Studienstiftung und mir ging’s übrigens nicht lang gut, ich passte da nicht recht rein. Darauf könne ich durchaus stolz sein, meinte nun wiederum mein Literaturprof an der Uni. Danke für diesen erweiterten Blinkwinkel!)

Christine Holch, chrismon-Chefreporterin

 

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Der Kunstlehrer zu Marion Schwald:

"Ihr müsst rumsauen!"

Als Schülerin auf dem Gymnasium war ich im Kunstunterricht darauf aus, ganz ordentlich zu malen. Die Farben auf meinen Bildern und im Tuschkasten wollte ich auf keinen Fall vermischen. Unser Kunstlehrer ging gelegentlich durch die Reihen und schaute sich an, wie wir arbeiten. Und dann kam es vor, dass er über die Bilder und die Farben fuhr, alles durcheinander mischte und rief. "Kinder, Ihr müsst rumsauen!"

Von meiner Schwester, die auch bei ihm Unterricht hatte, wusste ich, dass er dort genau denselben Satz gebrauchte, bevor er die Farben verwischte. Ich habe diesen Satz nicht vergessen. Und ihn bis heute als Aufforderung in Erinnerung, gelegentlich mal Abstand zu nehmen von Gewohnheiten. Und die Dinge auch einfach mal durcheinander sein zu lassen.

Marion Schwald, chrismon-Redaktionsassistenz

 

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Die Klassenlehrerin zu Dirk Artes:

"Du kannst doch gut zeichnen“

In der zehnten Klasse hatten die meisten meiner Mitschüler schon einen Lehrvertrag oder einen Platz an einer weiterführenden Schule. Ich nicht. Ich hatte keinen Plan für meine Zukunft. Meine Klassenlehrerin, Frau Hübsch, aber hatte einen Plan. „Du kannst doch gut zeichnen“, sagte sie. Sie fand, dass ich daraus etwas machen sollte, und schlug vor, dass ich mich bei der Fachoberschule für Kunst und Gestaltung bewerben sollte.


Meine Eltern hatten nichts dagegen. Frau Hübsch unterstützte mich bei der Bewerbung. Vor allem schrieb sie mir eine Beurteilung über meine künstlerischen Fähigkeiten, die mir die Türen zur Fachoberschule öffnete. Dank ihrer Mithilfe und ihres Gutachtens brauchte ich nicht mal eine Aufnahmeprüfung zu machen. Ich habe ihr sehr viel zu verdanken. Denn ich selber war damals überhaupt nicht überzeugt davon, dass meine Zeichenkünste ausreichend wären.

Viele Jahre später, bei einem Klassentreffen, hat sich Frau Hübsch sehr gefreut, als ich ihr erzählte, dass ich Art Director geworden bin. Danke, Frau Hübsch!

Dirk Artes
Art Director von chrismon

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Der Deutschlehrer zu Hanna Lucassen

"Die äußere Form ist einer geistigen Leistung unwürdig",

Deutsch-Grundkurs, 11. Jahrgang. Wir bekamen einen Aufsatz zurück. Unter meinem stand nur ein einziger, in Rot geschriebener Satz: "Die äußere Form ist einer geistigen Leistung unwürdig", Keine Note. Der Lehrer hatte den Text nicht einmal gelesen! Meine Schrift - ich fand sie individuell und ausdrucksstark! - sei nicht zu entziffern gewesen, sagte er lapidar auf meine wütende Nachfrage.

Das Genick hat´s mir damals nicht gebrochen. Aber ich denke immer mal wieder über diesen Satz nach. Braucht ein guter Inhalt eine gute Form? Darf man sich von einer unangenehmen Hülle abschrecken lassen? Ich gebe zu: Später im Soziologiestudium habe ich bei der Lektüre von Adornos furchtbar verschachtelten Sätzen auch gedacht: Ja, ein bisschen Mühe bei der Verpackung hätte nicht geschadet. Hat auch was mit Respekt vor dem Leser zu tun. Und zum Thema schöne Hülle: Meine Mutter zitiert gerne Theresa von Avila: "Tu deinem Körper etwas Gutes, damit deine Seele Lust hat, darin zu wohnen".

Manchmal aber ist mir das alles egal. Sehr guten Freunden schreibe ich Postkarten genussvoll in einer echten Klaue. Voller Ausrufezeichen und durchgestrichenen Wörtern, mit schiefen, immer enger werdenden Zeilen, die die Adressangabe umschlingen. Nicht aus Respektlosigkeit, sondern als Vertrauensbeweis: Euch kann ich das zumuten - Ihr lest trotzdem, auch wenn´s Mühe macht. Wenigstens Ihr!

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Frau Mukherjee zu Andreas Fritzsche

"...aber die Herrn müssen’s ja wissen“.

Kein Lehrer, keine Lehrerin ist darum zu beneiden, an einem Spätnachmittag einer Horde pubertierender Buben Mathematik beizubringen. Die Hölle tun die, nur nicht lernen. Das neue Gymnasium ward grad fertiggestellt, da entwickelten sich die Schülerzahlen auch schon über die Kapazitätsgrenzen (so war das in den 70ern).

Und so traf es die 9b, meine 9b: „Nachmittagsunterricht“ hieß das Zauberwort der Schulleitung, um die Schüler alle unterzubekommen – und „Ausschlafen“ hieß das Zauberwort der Schüler. Die Hausaufgaben schnell nach dem Mittagessen gemacht, mit vollem Bauch in die Schule und am Nachmittag nur noch Blödsinn im Sinn. Mancher Lehrer schrie, mancher verzweifelte. Nur eine nicht: Frau Mukherjee. Eine ruhige, in meiner Erinnerung leicht rundliche, kleine, nette Frau – etwa 50, wobei sie sicher nicht älter als 40 war – aber alle Menschen über 30 sahen in meinen jungen Augen schon fast alt aus. Im größten Tumult saß Frau Mukherjee an ihrem Pult, hob die Hand und sagte gelassen: „Darf ich auch etwas sagen?“ – Kurze Ruhe. „Ich kenne den Satz des Pythagoras, ihr jedoch noch nicht – aber die Herrn müssen’s ja wissen“.

Je öfters dieser Spruch im Raum stand (und sie hat ihn häufig gebraucht) – „die Herrn müssen’s ja wissen“ – je mehr habe ich damals darüber nachgedacht, wenn wir wieder blödelten. Nur dieser kleine Satz der Frau Mukherjee, der ohne Drohung daherkam, hat doch dieses Unbehagen ausgelöst, dass es vielleicht doch besser sei, jetzt mal zuzuhören statt zu albern (auch wenn es nicht immer gelang). Und wenn ich heute als Erwachsener mal von einer grad nicht angebrachten Antriebslosigkeit getrieben werd, sag ich zu mir: „Der Herr muss es ja wissen“...

Andreas Fritzsche, Chef vom Dienst (CvD)

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Frau Kamp zu Louisa da Cunha

„Louisa, auf die wir uns immer verlassen konnten“

Nach vier Jahren Grundschule bekamen wir aus der 4a alle ein Abschiedsbuch. In den letzten Wochen vor den Sommerferien hatten wir selbst mit daran herumgewerkelt. Wir klebten Fotos ein und besonders schöne Bilder sowie die ersten Sätze, die wir geschrieben hatten. Jeder von uns schrieb einen Aufsatz über die Zeit an der Grundschule. Unsere Klassenlehrerinnen, Frau Lehner und Frau Kamp, die uns mit großem Engagement und aufrichtiger Herzlichkeit durch die Grundschulzeit begleitet hatten, bedachten uns alle in einem Text mit einem kurzen Satz. Über mich war zu lesen: "Ich erinnere mich an Louisa, auf die wir uns immer verlassen konnten." Ich glaube, Frau Kamp hat das damals geschrieben.

Damals war ich stolz und freute mich, von meinen Lehrerinnen so gesehen und wahrgenommen zu werden. Heute habe ich die elfte Klasse auf dem Gymnasium hinter mir und denke, dass mir dieser Satz sehr viel gezeigt, vielleicht sogar bewiesen hat. Zunächst, dass Lehrer durchaus imstande sind, in ihren Schülern auch Menschen mit ganz eigenen und besonderen Fähigkeiten zu erkennen. In meiner weiteren Schullaufbahn gab es so einige Situationen, die mich daran zweifeln ließen.

Dann hat der kleine Satz von Frau Kamp mir bestätigt, dass ich meinen eigenen Idealen gerecht werden kann: Ich möchte, dass man sich auf mich verlassen kann. Das ist mir wichtig!
Vor allem aber habe ich verstanden, dass Vertrauen funktioniert. Wenn ich an meine eigene Zuverlässigkeit glaube, kann ich mich auch auf andere Menschen einlassen, mich auf sie verlassen

Louisa da Cunha, 17, zur Zeit Praktikantin bei chrismon

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