Onlineberatung für Kinder in Not

Erste Hilfe im Netz
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Birta Images/Plainpicture

Im Lockdown sind viele Kinder ihren Eltern schutzlos ausgesetzt

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Es reicht ein Handy: Kinder, die zu Hause in Not sind, finden Unterstützung.

"Mein Vater macht zurzeit Home­office. Dass er jetzt mit mir allein ist, ist gar nicht gut", schreibt das Mädchen. "Manchmal kommt er zu mir und fasst mich ungewollt an. Manchmal muss ich ihn auch anfassen. Können Sie mir sagen, wie ich mit der jetzigen Situation besser umgehen kann?" Anna Buning atmet einmal tief durch, bevor sie auf die E-Mail der 15-Jährigen antwortet. "Du bist nicht allein mit diesem Problem. So wie dir geht es vielen. Es ist nicht deine Schuld", das seien Sätze, die helfen. Die Psychotherapeutin weiß, sie muss vor allem Vertrauen aufbauen.

Etwa zwei Millionen Kinder und Jugendliche leben mit einem schwerwiegend psychisch erkrankten Elternteil zusammen, noch mehr Kinder wachsen in Deutschland in Familien mit Alkoholproblem auf. Diese Eltern fallen als Ansprechpartner häufig weg.

Betroffene Kinder trauen sich oft nicht, Hilfe von außen zu holen. Deshalb gibt es Kidkit – eine Plattform, die Hilfe bei "Problemeltern" für Zehn- bis 21-Jährige anbietet und bei Themen wie sexuellem Missbrauch, Spielsucht, psychischen Erkrankungen, Sucht, Gewalt und Einsamkeit zuhört und berät. Entweder im E-Mail-Austausch oder im Chat. 90 Prozent der Anfragen kommen von Mädchen. Vier Angestellte und vier Ehrenamtlerinnen antworten verlässlich innerhalb von 48 Stunden. Dauert eine Beratung länger an, schreiben sie mit den Jugendlichen einmal die Woche.

"Das ist manchmal schwierig, wenn man weiß, da passiert gerade etwas Schlimmes, und du kannst nichts tun"

In der Corona-Krise erhält das Team das Achtfache an Nachrichten. Von der 15-Jährigen, die mit ihrem Vater jetzt viel allein ist, erfährt Therapeutin Anna Buning, dass sich die Situation im Laufe des Lockdowns noch verschlimmert. Der Vater vergewaltigt das Mädchen, während die Mutter zur Arbeit geht. Buning arbeitet in Extremfällen wie sexuellem Missbrauch oder Suizidankündigung mit der Polizei zusammen. Da die Plattform aber anonym genutzt wird, können die Fälle über die IP-Adresse nicht nachverfolgt werden.

"Das ist manchmal schwierig, wenn man weiß, da passiert gerade etwas Schlimmes, und du kannst nichts tun." Doch das Schreiben allein kann auch helfen. Im September 2020, fünf Monate nach der ersten Mail, vertraut sich die 15-Jährige ihrem Sporttrainer an, und Buning informiert eine Beratungsstelle in der Nähe des Mädchens. "Das ist sehr wichtig, da Betroffene das ­Geschehene nicht wieder von Neuem erzählen wollen und im Beratungsgespräch sonst schweigen."

Die Kidkit-Mitarbeitenden sind für Kinder und Jugendliche oft die einzigen Erwachsenen, denen sie vertrauen. Sie begleiten sie dabei, sich Hilfe zu suchen und aus der Situation herauszufinden.

Spendeninfo

Sie können Kidkit – ein gemeinsames Projekt der Drogenhilfe Köln e. V. und von KOALA e. V. (Kinder ohne den schädlichen Einfluss von Alkohol und anderen ­Drogen e. V.) – mit Spenden unterstützen:

Spendenkonto: Drogenhilfe Köln e. V., Bank für Sozialwirtschaft 
IBAN: DE58 3702 0500 0007 1668 06
Stichwort: chrismon/kidkit

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Lesermeinungen

Sehr geehrte Damen und Herren,
es darf doch nicht wahr sein, dass ein 15-jähriges Kind weiterhin über Monate vom eigenem Vater sexuell missbraucht wird, obwohl es sich an eine Hilfsorganisation gewandt hat. Ich bin total entsetzt, dass man Menschen in ihrer Not, so weiter leiden lässt.
Angela Regener
Hamburg

Liebe Chrismon-Redaktion,
niemand wird bestreiten, dass es Kinder gibt, die zu Hause in Not
sind, niemand wird sich dagegen aussprechen, dass ihnen effizient
und nachhaltig geholfen werden muss und dass Kidkit hier gute und
notwendige Arbeit leistet. Sonnenklar ist auch, dass über dieses
traurige Thema journalistisch berichtet werden muss. Was mich an Ihrem Artikel außerordentlich geärgert hat, ist die Bildunterschrift: "Im Lockdown sind viele Kinder ihren Eltern schutzlos ausgesetzt". Ich empfinde das als kräftige Ohrfeige für alle Eltern, die speziell im Lockdown, aber auch sonst alles ihnen Mögliche tun, um ihre Kinder zu schützen, ihnen Liebe, Wärme und Geborgenheit zu geben und sie mit ihren Sorgen und Nöten eben nicht allein zu lassen. Wer soll unsere Kinder schützen, wenn nicht die Eltern? Und das tun sie auch. Solche Bildunterschriften erscheinen mir als Hohn auf die zahllosen Eltern, die Tag für Tag liebevoll um ihre Kinder bemüht sind.
Beste Grüße
Klaus Hübner
80803 München