Und nach der Corona-Krise? Wird häusliche Gewalt hoffentlich stärker bekämpft

#stayathome - am schrecklichsten Ort ihres Lebens bleiben?
#stayathome ist wie Knast und Folter

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#stayathome ist wie Knast und Folter

Vor allem Frauen sind Opfer häuslicher Gewalt. Für sie ist die Corona-Krise eine besondere Gefahr. Inge Bell von Terre des Femmes fordert im Interview Gegenmaßnahmen.

Frau Bell, #stayathome heißt es überall. Hört sich gemütlich an. Für Sie auch?

Inge Bell: Bei mir schrillen da sämtliche Alarmglocken. Für Millionen Frauen, Mädchen und auch Jungen ist ihr Zuhause der unsicherste Ort der Welt. Jede dritte bis vierte Frau ist Opfer von häuslicher Gewalt, von Partnerschaftsgewalt – schon vor der Pandemie. Jetzt hocken die Familien noch enger zusammen, oft in kleinen Wohnungen. Frühwarnsysteme und Schutzorte außerhalb, wie soziale Einrichtungen, Schulen, Kitas oder Sportvereine sind geschlossen; die Frauenhäuser schon jetzt am Rande der Kapazitätsgrenzen, viele überfüllt.

"Social Distancing" ist noch so eine zentrale Maßnahme in der Corona-Krise. Woran denken Sie da?

Soziale Distanz ist wenig hilfreich für Gewaltopfer. Es gibt auch in Nicht-Corona-Zeiten viel zu wenige Menschen, die hinsehen und aktiv werden, wenn sie den Eindruck haben, in der Nachbarwohnung wird eine Frau geschlagen. Weil sie irrigerweise denken, man dürfe sich nicht einmischen. Das sei Privatsache. Nein, Gewalt ist keine Privatsache, niemals. Etwas tun kann man immer.

Inge Bell

Inge Bell arbeitet als Medienunternehmerin und Management-Coach. Als langjährige ARD-Auslandsreporterin berichtete sie über Menschenhandel, Kinderprostitution und den Missbrauch behinderter Menschen auf dem Balkan - und engagiert sich seither als Menschenrechtsverteidigerin. Inge Bell ist Stellvertretende Vorsitzende von Terre des Femmes - Menschenrechte für die Frau e. V. und der bayrischen Vertretung von Solidarity with women in distress (Solwodi Bayern e. V.) sowie Vorstand vom Thomaskirche-Bach e. V. zu Leipzig. Sie trägt den Preis "Frauen Europas" und das Bundesverdienstkreuz am Bande.
Uwe Klössing

Was tun?

Wenn Sie ein komisches Gefühl haben, wenn Sie Schreie von Frauen oder Kindern hören, klingeln Sie an deren Wohnungstür und fragen Sie, ob dort vielleicht ein Ei zum Kuchenbacken übrig ist. Manchmal reicht so ein simpler kleiner Unterbrecher aus, um eine Gewaltorgie zu verhindern.

Werden die Hilferufe nach der Corona-Krise weiterhin zunehmen?

Bestimmt, das ist immer so. Erst nach Feiertagen wie Weihnachten melden sich die meisten Opfer zu Wort, ob nun bei der Polizei, in den Frauenhäusern oder mit den Notrufnummern. Das ist ja auch ganz klar: Wenn Sie unter einem Dach mit einem Gewalttäter leben und ständig unter Überwachung stehen, wie sollen Sie da frei telefonieren und um Hilfe bitten können? Umso wichtiger sind SMS oder Chats. Hilfe gibt es, aber selbst die nationale Notrufnummer kennen viele Frauen und Kinder nicht. Wir bitten daher immer alle: Drucken Sie den auf der offiziellen Seite des Notruftelefons verlinkten Flyer aus, und hängen Sie ihn überall hin, wo es nur geht.

Einige Städte haben geplant, Hotels und Jugendherbergen für Frauen anzumieten, wenn die Frauenhäuser voll sind. Reicht das?

Es ist gut, wie schnell und professionell hier reagiert wurde und wird. Nur: Einfach leerstehende Hotels anmieten, um Frauen und Kinder unterzubringen, reicht nicht. Es braucht auch das Fachpersonal zur Betreuung der Opfer. Woher soll das jetzt so schnell kommen? Der Notstand ist unfassbar groß, schon lange vor Corona. In der Istanbul-Konvention von 2011 gegen Gewalt an Frauen, die Deutschland 2017 unterzeichnet hat, gibt es klare Vorgaben: Allen Frauen, die Opfer von häuslicher Gewalt sind, soll Schutz gewährt werden, doch auch ohne Corona-Krise sind die Frauenhäuser überfüllt. Wir gehen davon aus, dass über 14.000 Plätze in ganz Deutschland fehlen, vor allem in den Ballungsgebieten. Ganz ehrlich: Da helfen ein paar Hotelbetten auch nicht weiter. Hier gibt es seit Jahren Versäumnisse, die sich nicht im Hauruckverfahren beseitigen lassen.

Häusliche Gewalt sind Partnerschaftskonflikte – das heißt, von häuslicher Gewalt sind auch Männer betroffen?

Männer sind natürlich auch von Partnerschaftsgewalt betroffen, aber meistens durch Männer – und bei weitem nicht in diesem Ausmaß.

Warum gibt es in Deutschland so wenige prominente Männer, die sich gegen häusliche Gewalt engagieren? In Indien beispielsweise hat ein Bollywood-Schauspieler das Aktionsbündnis "Men Against Rape and Discrimination" (MARD) gegründet …

In Indien ist Gewalt gegen Mädchen und Frauen so brutal und allgegenwärtig, dass das Thema mitten in der Gesellschaft angekommen ist. Es gehört schon fast zum guten Ton, sich gegen Gewalt an Frauen zu empören und einzusetzen. Bei uns ist Gewalt gegen Frauen nicht so offensichtlich, obwohl die Zahlen eine klare Sprache sprechen: 2018 starb in Deutschland jeden dritten Tag eine Frau durch Partnerschaftsgewalt, die Täter sind fast ausnahmslos männlich. Aber es betrifft ja "nur" Frauen, ist also vermeintlich nicht so wichtig und es ist nicht hip, sich dagegen zu positionieren. Wir wollen daher den Straftatbestand Femizid einführen, Frauenmord. Das macht klarer, worum es wirklich geht.

Wirkt die Corona-Krise – wie bei anderen Problemen wie unterbezahlten Pflegekräften oder der großen soziale Schere in der Bildung – auch hier wie ein Brennglas?

Das ist tatsächlich die Chance, die wir jetzt sehen. Elementare menschliche Dramen geraten so ins Blickfeld. Gerade hat UN-Generalsekretär António Guterres eine bemerkenswerte Keynote zum Thema häusliche Gewalt gehalten. Wir reden hier von einer weltweiten chronischen Krankheit. Doch seit Jahrzehnten sind Öffentlichkeit und Politik ziemlich blind, wenn es um häusliche Gewalt geht. Ich hoffe, dass uns durch diese Krise die Augen aufgehen. Es ist allerhöchste Zeit.

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