Kirchgang: Jerusalemkirche in Taufkirchen

Kreislauf der Freude
Kirchgang - Jerusalemkirche in Taufkirchen

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Die 1981 ein geweihte Jerusalemkirche in Taufkirchen bei München

Kirchgang - Jerusalemkirche in Taufkirchen

Beim Abendgottesdienst in der Jerusalemkirche in Taufkirchen geht es familiär zu

Jerusalemkirche in Taufkirchen, Sonntag, 19 Uhr: Inmitten der Hochhaussiedlung wirkt die moderne Jerusalemkirche mit ihrem Hof, Pfarrhaus und Kindergarten wie eine kleine Stadtoase. Aber seltsam, irgendetwas fehlt: Kein Kirchturm steht hier, keine Glocken ­läuten zum Abendgottesdienst. Doch in der Kirche wirft die Abendsonne vier farbenfrohe Bilder an die hell verputzte Altarwand. Mit dem schrägen Dach wirkt der Kirchenraum heimelig wie ein Dachbodenatelier. 

Uwe Birnstein

Uwe Birnstein ist Theologe, lebt in München und arbeitet als Journalist für Zeitschriften, Hörfunk und Fernsehen.
Maren Kolf

Etwa zwanzig meist ältere Männer und Frauen ­sitzen auf auseinandergerückten Stühlen. Auch schön: Die Orgel ist putzig in eine ­Nische eingepasst, der Organist wird also nicht auf eine Empore abgeschoben. Er sitzt wie auf einer kleinen Terrasse. Schade, ein riesiges Notenpult verdeckt sein Gesicht, nur seine Stirn ist zu sehen. Neben der Orgel hängt ein künstlerisch geformter gekreuzigter Jesus an der Wand.

Die kleine Orgel pustet beeindruckend ­tiefe Töne in den hellen Raum. Der Pfarrer, ein älterer stattlicher Herr im Talar, tritt an den Altar und begrüßt die Gemeinde. Offensichtlich kennt er die Anwesenden, denn er spricht sie jovial mit "du" an, sagt auch mal "meine Lieben". Er predigt über den berühmten Spruch im Johannesevangelium, in dem sich Jesus als Weinstock und die Jünger als Reben bezeichnet. "Wir leben aus den Wurzeln", sagt der Pfarrer, deshalb sei es wichtig, am ­Weinstock zu bleiben. Wie die Reben ziehen Christen Kraft aus den Wurzeln, so dass sie "fruchtig und fruchtbar" werden statt "fruchtlos und furchtbar". 

Applaus für den Organisten

Die Zuhörerinnen und Zuhörer nicken zustimmend. Bei manchen Scherzen, die sich beim Thema Wein an­bieten, lachen sie in ihre Masken. Auch über das italienische Sprichwort "Der Wein ist die Milch der Alten". Irgendwie familiär. Offensichtlich kennt man sich wirklich.

Die farbigen Bilder an der Wand ver­blassen, die Sonne geht unter, und der Abendgottesdienst nähert sich dem Ende. Der Pfarrer erzählt noch die Geschichte eines Mönchs, der eine Traube verschenkte und sie am Ende über viele Stationen wieder zurückbekam. Da habe sich ein "Kreislauf der Freude" geschlossen. Eine Frau verkündet die ­Höhe der Spenden der vergangenen Woche: ganz schön viel, fast 800 Euro. Ein Teil geht an die Partnergemeinde in Tansania. Der Pfarrer spricht den Segen, am Ende gibts Applaus für den Organisten. Dann verabschiedet sich der Pfarrer und wünscht einen guten Abend, vielleicht auch bei einem Glas Wein.

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