Der Mensch ist wie Gras: Der Sterbepsalm 103,

"Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade aber des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten." (Psalm 103,15−17)
Der Mensch ist wie Gras: Der Sterbepsalm 103,
Ein Mensch wie Gras
Am Bett eines einsam Sterbenden sinnt die Soziologin Ruth Mächler einem Psalmvers nach.

Die meisten, die eingeliefert werden, ­wissen, dass sie den Ort nicht mehr lebend ver­lassen werden. Es ist Sommer 2020, ich arbeite im Rahmen einer klinischen Seelsorgeausbildung auf einer Palliativstation, bin dort die Seelsorgerin. Zehn Zimmer, Menschen kommen hierher, deren schwere Krankheiten nicht mehr geheilt werden können.

Ruth Mächler

Ruth Mächler, 53, arbeitet als wissen­schaftliche Mitarbeiterin an der Technischen Universität ­München und forscht im Bereich Seelsorge und psycho­somatische Gesundheit

Ich spreche mit den Patienten und Patientinnen, mit ihren Partnerinnen, Kindern und Freunden. Eine ver­zweifelte Frau, die ihre Zwillingsschwester festhalten möchte, ein kleiner Junge, dessen Mutter still im Bett liegt und nie mehr aufwachen wird, eine Ehepartnerin, die ihren Mann würdig verabschieden will und ihm eine ergreifende Ansprache hält. Eine alte Frau, die nach Hause will, nach Kroatien, um dort zu sterben, aber es ist zu spät.

Jede Situation, jede Sorge ist einzigartig. Jeder stirbt anders. Aber eines ist überall gleich und irgendwie viel intensiver spürbar als sonst: Es sind Menschen. Am Ende des Lebens bleibt nichts anderes als das blanke Menschsein. Keine gerichteten Frisuren, keine persönliche Kleidung, keine Brille, kein Zahnersatz. Dann keine Worte mehr, irgendwann auch keine Bewegung außer dem Atmen, Schlucken, Husten. Vielleicht noch ein Öffnen und ­Schließen der Augen. Irgendwann auch das nicht mehr. Bis zuletzt bleibt das Menschsein, uneingeschränkt, nicht geschmälert durch den Wegfall aller Äußerlichkeiten, pures, absolutes Menschsein. Ihm wohnt eine Würde inne, die sogar unsere Verfassung als unantastbar anerkennt. Auf der Palliativstation ist diese Würde so dicht und konzentriert spürbar, dass mich Ehrfurcht erfasst.

Er atmet. Manchmal hört er für ein paar lange Sekunden auf

Ich sitze am Bett eines sterbenden Mannes. "Sein ­Leben hängt am seidenen Faden", hat die junge Ärztin gesagt und noch im Nachsetzen einen schönen Superlativ geschaffen: "Besser gesagt, am seidensten Faden." Sie hat mir berichtet, dass er keinen Besuch bekommt, seit Tagen allein im ­Zimmer liegt und langsam stirbt.

Mehrere Tage hintereinander besuche ich ihn. Ich bin einfach da, bin Zeugin seines letzten Weges. Ich finde, auch das ist Seelsorge. Ich spreche ein wenig mit ihm, dann halte ich nur noch seine Hand. Die Ärztin hatte auf meine Nachfrage hin gesagt, das wäre in diesem Fall in Ordnung. Es fühlt sich auch so an, dass es für ihn in ­Ordnung ist, auch wenn ich es an nichts Sichtbarem festmachen kann. Er atmet, nicht durchgängig. Manchmal hört er für ein paar lange Sekunden auf. Ich lausche, halte selbst irgendwann den Atem an, bis er endlich wieder hörbar Luft in seine Lungen zieht. Er ist abgemagert, sein Anblick er­innert mich an die Fotografien von den ­Menschen, die aus Konzentrationslagern befreit wurden. Ich kann durch die Bettdecke hindurch die Rippen erkennen. Er liegt auf dem Rücken, die Wangen fallen nach innen, spitz ragen Nase und Jochbein empor. Die Augen liegen in tiefen ­Höhlen. Er ist wunderschön. Ein Mensch. Ein ­Wunder. Ein Geschöpf nach dem Bilde dessen, zu dem er nun unterwegs ist. Es tröstet mich, dass das, was ihn ausmacht, nicht einfach verschwinden wird. Mit meinen Augen sehe ich nur das zerbrechliche Gefäß. Bald wird es vergehen, das Wesentliche wird bleiben. Was es ist? Seele, Person, Geist, ich weiß nicht, wie ich es benennen soll.

Beim Anblick der Vergänglichkeit wird etwas von Ewigkeit spürbar

"Ein Mensch ist in seinem Leben wie Gras, er blüht wie eine Blume auf dem Felde; wenn der Wind darüber geht, so ist sie nimmer da, und ihre Stätte kennet sie nicht mehr. Die Gnade aber des Herrn währt von Ewigkeit zu Ewigkeit über denen, die ihn fürchten." (Psalm 103,15−17) Ja, Gott, denke ich, während ich dem stockenden Atem des Patienten lausche, wir müssen sterben, wir verlassen das Leben auf der Erde, aber deine Gnade bleibt, deine Gnade, mit der du den Menschen umfängst und mit der du ihn bei dir in Empfang nimmst. Deine Gnade währt von Ewigkeit zu Ewigkeit.

Hier stirbt jemand, aber gerade beim Anblick der menschlichen Vergänglichkeit wird etwas von Ewigkeit spürbar, von Gott selbst, der das Menschsein in eine Würde gekleidet hat, die unantastbar ist.

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