Abschied: Lars Nickels Bruder starb an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit

Hörst du, Bruderherz?
Dirk in seiner Wohnung

Lars Nickel

Für Besuche bei Dirk musste man Zeit mitbringen. Es gab dann türkischen Kaffee aus Cuba-Libre-Gläsern

Abschied - Hörst du, Bruderherz?

Sie quatschen, trinken und rauchen in der Küche, lieben beide die Kunst. Dann erkrankt der Bruder an Creutzfeldt-Jakob. Zwei Monate später stirbt er. Was Lars Nickel durch den Kopf ging, wollte er festhalten. Und weitersagen.

Heute habe ich zum ersten Mal deine eingepackten Bilder aus dem Regal geholt, die hier seit fünf Jahren, seit deiner Beerdigung liegen. Bisher hatte ich mich nicht getraut, sie auszupacken. Lustig, diese Dutzenden Meerbilder, der Horizont immer exakt in der Bildmitte. Auf einem hast du ganz unpassend Herbstlaub auf dem Meer platziert, als hätte es der Sturm dorthin geweht, und nun gehen die Blätter nicht unter. Ich habe einige der Bilder in der Küche aufgehängt, dort, wo wir so gerne saßen, Kaffee tranken, quatschten und rauchten. Dabei frage ich mich: War es der Sturm in deinem Kopf, der das Laub dorthin geweht hat?

Wenn ich bis dahin nicht sterbe, werde ich im April neunundvierzig Jahre alt. Noch spricht eigentlich nichts dagegen, ich fühle mich gesund. Es gibt nur einen Grund, warum ich mir Gedanken mache: Mein älterer Bruder war auch neunundvierzig, als er starb. Auch bei ihm deutete nichts auf einen nahen Tod hin. Er war ein talentierter Künstler, dessen hohe Sensibilität seiner Vermarktung im Weg stand.

Als unser Freund Behrmann bei der Beerdigung eines deiner Gedichte vortrug, da musste er immer wieder unterbrechen, weil ständig Flugzeuge über den Pankower Friedhof donnerten:

nimm in die hand jetzt dein herz
da es lichtdunkel um dich wird
und beginne die lang verschobene reise
dreh’ dich nicht um
riskiere nicht noch dein schicksal
da du nicht sicher weißt
ob deine trümpfe denn stechen
folge den brotkrumen die ich dir ausgelegt habe
da dir deine kraft schwinden könnte
stiehl dich vorbei an den hunden
nimm aber den kurzen weg durch das wasser
geh bis du die gestade der anderen seite erreicht hast
dort wo ich im sternenmantel stehe
dir zu leuchten
ich sage nimm den kurzen weg
und über nacht wird eine sonne aufgehen
die wir bisher nicht gekannt aber ahnen
in deren lichtkeil uns ein zuhause sei

Die ersten Anzeichen

Für mich fing es 2012, Anfang März, mit einem Besuch bei meinem Bruder an. Er wohnte in einer Atelierwohnung im Parterre an der Pankower Schulzestraße. Kerstin, seine Partnerin und Mutter der gemeinsamen Tochter, wohnte drei Treppen höher im selben Haus. Leinwände und Mal­utensilien standen in Küche, Flur und Zimmer. Dazwischen verschwommene Fotografien von Malerei, das letzte Werk seines unruhigen Schaffens. Wir unterhielten uns über dies und das. Kerstin hatte mich geschickt: Dirk vergesse neuerdings so vieles. Letztens hätte er das Fahrrad am Bankautomaten stehen lassen. Auch meine Mutter war alarmiert, kürzlich fand mein Bruder aufgrund einer Baustelle die Kita nicht mehr. Dabei hatte er seine Tochter bereits über ein Jahr lang dorthin gebracht.

Weißt du, was ich heute gefunden habe? Unsere Tickets von der Gerhard-Richter-Ausstellung am 11. März 2012 in der Neuen Nationalgalerie, zwei Tage vor deiner Auf­nahme im Krankenhaus. Ich hatte dich zu Hause abgeholt und gleich einen Schreck bekommen: Solch einen hilflosen Blick hatte ich zuvor noch nie gesehen. Du konntest dich nicht an ­unsere Verabredung erinnern. Aber spätestens im Gedränge der Neuen Nationalgalerie wurde mir klar, dass ich mit einem Kind unterwegs war. Du brauchtest meine volle Fürsorge, um nicht verloren zu gehen.

Trotzdem, schön, dass wir dort noch gemeinsam waren. Gerhard Richter hat ja unsere beiden Stilrichtungen – ­Fotografie und Malerei – auf das Feinste verbunden.

Alle dachten er wird wieder gesund

Zwei Tage später lieferten meine Eltern Dirk in die ­psychiatrische Abteilung des St.-Joseph-Krankenhauses ein. Wir dachten da alle noch, dass er gesund wieder heimkommen wird. In Dirks Koffer, den er selbst gepackt hatte, befanden sich die gepolsterte Umrandung des ­Bettes seiner kleinen Tochter, eine Hose von Kerstin und Arbeitshandschuhe.

Mein erster Besuch beunruhigte mich weiter: Dirk erkannte mich kaum, schlich wie ein Greis über den Gang und konnte den Speiseraum nicht finden, obwohl er nur ­zwanzig Schritte von seinem Zimmer entfernt war. ­Andere Patienten malten ein großes Schild, „Dirks ­Zimmer“. ­Das half nicht. Es war furchtbar. Er war innerhalb weniger ­Tage um dreißig Jahre gealtert.

Eine Woche später kam ich und bat ihn, sich zu duschen. Er fühlte sich wohl gegängelt, hatte wenig Lust. Nach einer halben Stunde hatte ich ihn überredet. Er war wie ein verängstigter Junge. Das Wasser rauschte ­minutenlang. Ich klopfte. Keine Antwort. Besorgt trat ich ein und fand meinen weinenden Bruder kauernd unter der rauschenden Dusche. Er wusste nicht mehr, wie das Wasser abzustellen war. Dieses Bild verfolgt mich noch immer. Ich bereue, dass ich ihn dazu überredet hatte, obwohl er nicht wollte, vielleicht sogar Angst vor dem Duschen hatte.

Zu dieser Zeit konnte er noch gehen und sprechen. Konnte selbst auf die Toilette gehen, konnte essen und schlucken. Konnte mich – wenn auch spät – erkennen. Das war erst der Anfang, weiß ich heute.

 Dirks letzter Eintrag in den Kalender, der aufgeschlagen auf dem Küchentisch liegen bliebLars Nickel

Der eigener Bruder wurde ihm fremd

Du warst so anders bei unserem letzten Treffen draußen. Dachtest plötzlich, fremde Personen wären alte Bekannte. Das habe ich erst später begriffen, dass das schon dazugehörte. In dem Arzt, der dich bei der Einweisung untersuchte, erkanntest du den Vater deiner alten Klassenkameradin. Das war ja total unwahrscheinlich, da der längst im Rentenalter war. Und als dich unsere Eltern fragten, ob er überhaupt Arzt gewesen sei, sagtest du: ­„Nee, der war Tischler.“

Dirk, mein eigener Bruder, wurde mir fremd. Er war zwar irgendwie da, aber er hatte sich verändert. Er wirkte wie eingesponnen. Er sprach weniger, blickte mich kaum an. Meine Eltern, Verwandte, Freunde und ich wechselten uns mit Besuchen ab. Eines Tages sagte Riccarda, Dirk könne nicht mehr laufen und man hätte ihn in einen Rollstuhl gesetzt. Die Einweisung lag gerade drei Wochen zurück. Es war dann nicht mehr weit, bis er Windeln tragen musste. Bald konnte er kaum noch schlucken. Aus Sätzen wurden Worte, und auch die wurden selten.

Seine Wortlosigkeit, das stand in krassem Gegensatz zu seinem Wesen. Dirk hatte sich früh für Literatur ­interessiert, hatte mich als jüngeren Bruder mit Gedichten von Paul Celan zu begeistern versucht und schließlich mit seiner Bewunderung für Thomas Bernhard angesteckt. Er selbst schrieb wunderbare Gedichte, die niemals veröffentlicht wurden. In den letzten Jahren war er einige Male auf Lesebühnen aufgetreten. In seinem Atelier türmten sich unzählige CDs mit eingesprochenen und teils vertonten Versionen, mit Texten von Ingeborg Bachmann und Wolfgang Borchert. Keine Einzige davon konnte der morsche CD-Player fehlerfrei abspielen.

"Dieses Entrücktsein, das hat mich manchmal wahnsinnig gemacht"

Jetzt fällt mir das Bild ein, wie ich dich 1990 im Zug auf der Fahrt nach Rönnebeck fotografierte. Du schreibst auf einen Block und siehst mit deinen goldenen Locken und jugendhaften Gesichtszügen aus wie ein Engel. Wer dich kannte, muss da vielleicht lachen: Engel, na so was! Aber es ist gar nicht von der Hand zu weisen: Du, der brave Chorknabe des Rundfunkkinderchors. Und dann später, dieses Entrücktsein, dieses Nicht-von-der-Welt-Sein. Das hat mich manchmal wahnsinnig gemacht. Vielleicht war das deine Stärke? Aber erkenn das mal!

Du hattest eine irre Ausstellung damals bei Visolux in Kreuzberg. Arbeiten aus Wachs und Collagen aus Spaghetti. Die beste Arbeit bestand aus einem Faden Heißkleber an einem metallenen Galgen. Der war fein wie Spinnweben und schwebte da so an seinem rostigen Gerüst. Nach der Ausstellung hast du die Arbeiten einfach dort gelassen. ­Anfangs haben sie dir noch geschrieben, dass du die Sachen abholen sollst. Wahrscheinlich haben sie danach gedroht und Kosten für die Aufbewahrung angekündigt. So war es oft, und so kam es, dass sich die offenen Rechnungen summierten und auf deinem Gewissen lasteten.

Es tut weh, dich manchmal so verkannt zu haben. Aber ich konnte dir doch auch nicht das Geld zum Leben schenken! Ich war doch selbst in dem Zwiespalt zwischen Kunst und Kohle. Unsere Mutter, eine Teilkonstrukteurin, die nach der Wende als Altenpflegerin und Putzfrau ihr Geld verdienen musste, hat dir öfter heimlich etwas zugesteckt. Vater war da härter: Borgen konnte man immer bei ihm, aber man musste halt auch zurückzahlen, sonst wäre es ja Schenken!

Falsche Hoffnung

Mitte April kam Dirks einundzwanzigjähriger Sohn Josch vom Bodensee nach Berlin. Ich hatte ihm mitgeteilt, dass es Dirk schlecht gehe. Die Krankheit war immer noch nicht eindeutig festgestellt. Dirk wurde in die Charité verlegt. Dort könne man besser diagnostizieren. Das machte uns irgendwie Hoffnung.

Ich erzählte damals einer befreundeten Psychiaterin von seinen Symptomen. Sie sagte: „Dein Bruder wird nicht so rauskommen, wie er reingegangen ist.“ Danach äußerte sie vorsichtig den Verdacht, dass es die Creutzfeldt-Jakob-Krankheit sein könnte.

Ich habe dann, nachdem die Kinder im Bett waren, ­beinahe heimlich, Creutzfeldt-Jakob gegoogelt. Bei Wiki­pedia stand: „Creutzfeldt-Jakob ist eine beim Menschen sehr selten auftretende, tödlich verlaufende Krankheit des Nervensystems. Patienten leiden an schnell fortschreitender Demenz, Bewegungsstörung und Muskelzuckungen.“ Danach folgten Symptome, die ich auch bei ihm beo­bachtet hatte: Halluzinationen, selbst nahe Verwandte werden nicht mehr erkannt, Inkontinenz, Verweigerung der ­Nahrungsaufnahme. Das Endstadium war mit „The Living ­Dead“ beschrieben, der vollkommenen Erstarrung des Körpers, bevor Lungenentzündung oder Atemlähmung den Tod brächten. Häufigkeit weltweit: 1 : 1 000 000.

Am nächsten Morgen bestätigten die Ärzte den Verdacht, sagten aber auch, dass man das noch im Nationalen Referenzzentrum in Göttingen prüfen müsse. Ich solle niemanden beunruhigen, meinen Eltern vorerst nichts von dem Verdacht sagen. Niemanden beunruhigen, guter Witz!

Seine letzten Worte

Weißt du noch, wie Matthias und ich dich in der Charité besuchten? Du hattest mindestens seit einer Woche nichts mehr gesagt, und als Matthias reinkam, sagtest du etwas vernuschelt, aber laut: ruh’n! Und dann nichts mehr. Das waren deine letzten Worte. Ruh’n. Was meintest du damit? Ausruhen?

Deine kleine Tochter sagte etwas später: „Papa hat ­immer so viel geschlafen, da ist er krank geworden!“ Sie hat versucht, dich zu wecken und deine Lider zu öffnen.

Vierzehn Tage vor seinem Tod hatten wir ein Gespräch mit dem Oberarzt, Dirk leide an der Creutzfeldt-Jakob-Krankheit. Es gebe keine Therapie. Er setze sich aber dafür ein, dass Dirk auf der Intensivstation bleiben könne. Er wirkte selbst sehr bewegt. Eine Überführung in ein Hospiz schloss er aufgrund des schlechten Gesundheitszustandes aus.

Ich glaube, es war warm draußen, als wir die Charité 
verließen. Ich informierte eine Kundin, dass ich am ­nächs­ten Tag nicht kommen würde, da ich gerade er­fahren hatte, dass mein Bruder sterben wird. Sie hatte dafür überhaupt kein Verständnis.

Mein Neffe und ich gingen an diesem Abend zu meinen Eltern. Zu reden war nicht viel, aber trotzdem waren wir zusammen, nicht allein. Wir aßen noch gemeinsam, bevor jeder mit seinen eigenen Gedanken ins Bett ging. Meine handelten vom Abschiednehmen. Mein Vater hatte es bestimmt schwerer. Ich weiß, dass es ihm schwer fiel, meinem Bruder, dem Bohemien, zu verzeihen, dass er ihn mit seiner Lebensweise ungewollt provoziert hatte. Einmal hatte er unseren Eltern vorge­worfen: „Was seid ihr denn schon geworden?“ Das hatten sie nicht vergessen, auch wenn sie es nie gezeigt haben.

 Kein zurück. Ein Bild in Dirks Atelier, aufgenommen, während er im Krankenhaus liegtLars Nickel

Nur der Monitor zeigt, ob er schläft oder wach ist

In seinen letzten zwei Wochen lag Dirk nur noch im Bett, an allerhand Geräte angeschlossen. Auf dem Monitor, erklärten uns die Schwestern, könne man erkennen, ob er schlafe oder wach sei. Darüber hinaus fiel es schwer, das zu erkennen. Dirk konnte den Druck meiner Hand nicht erwidern, keine Antwort geben auf meine Fragen.

Eines Morgens besuchte ich dich mit Nina, meiner damaligen Partnerin. Wir blieben eine Stunde, aber wir wussten gar nicht, ob du uns bemerkt hattest. Wir sagten dann Adieu, weil wir arbeiten mussten, und da veränderte sich plötzlich die Kurve deines Herzschlags, deine Atmung beschleunigte sich. Das war schön und furchtbar zugleich. Zeigte es doch, dass dir nicht alles gleich war, dass du noch da warst. Aber es zeigte auch ganz klar, dass du nicht allein sein wolltest, dass wir nicht gehen sollten und es dennoch taten.

Das ist schon irre: Der eigene Bruder stirbt und man weiß schon ziemlich genau, dass es sich nur um wenige Wochen 
handeln wird, und trotzdem ist man im Broterwerb ge­fangen. Ich ging weiterhin arbeiten, verdiente Geld mit Fensterputzen bei wohlsituierten Bürgern und ließ ihn allein. Vielleicht würde ich das heute anders einrichten.

Am 9. Mai sah ich den Musiker Blixa Bargeld durch die Kollwitzstraße gehen! Er sah aus wie der Sensenmann, so eine große, dunkle, rätselhafte Gestalt. Ich war auf dem Weg zu einem Freund. Ich erzählte ihm von dir. Wir legten gleich Musik auf. Es krachte ordentlich, als die „Einstürzen­den Neubauten“ plötzlich sangen: „Zerstörte Zelle, sieh meine Zellstruktur, die Zug um Zug zerfällt. Leg’ heute Nacht noch meinen Zellenbrand, der Zellkern bricht aus. Zerstörte Zelle, zerstörte Zelle, hörst du, Bruderherz?“ Dann haben wir ausgemacht. Das war mir ein bisschen zu viel.

Zwei Stunden später kam der Anruf aus der Charité: Wir sollten kommen. Es war klar, was das bedeutete. Jetzt kommt das Ende. Das hatte ich ja schon gelesen. Die Krankheit verläuft tödlich. Es war noch nicht einmal zwei Monate her, dass mein Bruder sich ins Krankenhaus be­geben hatte. Ich fuhr in Arbeitskleidung dorthin.

"Vielleicht versteckte ich mich hinter der Kamera"

Nacheinander trafen meine Eltern, Nina und Kerstin ein. Wir saßen zu fünft um das Bett meines Bruders, ­drapierten die gerahmten Fotos von Sohn und Tochter am Fußende und legten zur Entspannung „Für Alina“ von ­Arvo Pärt in den CD-Player. Die Ärzte erhöhten die Morphiumdosis und sagten, Dirk werde keine Schmerzen mehr spüren. Am meisten bedauerte ich in dem Moment meine Eltern. Sie konnten nicht fassen, warum ihr Kind vor und von ihnen ging.

Mir war nicht nach reden, ich habe fotografiert. Vielleicht wollte ich mich hinter der Kamera verstecken, vor dem Unabwendbaren?

Du schliefst die ganze Zeit unter dem komischen durchsichtigen Plastikdeckel, der dich mit Sauerstoff versorgte. Hast du uns gehört? Das Klacken meiner Kamera? Deine Lieblingsmusik? Du schriebst deinem Sohn zum achten ­Geburtstag:

ich glaube, dies ist die
schönste musik der welt,
so kommt sie heute zu dir.
ich kann dabei entspannen,
träumen, an dich denken und einschlafen,
vielleicht geht es dir einmal ähnlich.

Gegen 20 Uhr wurde die Atmung meines Bruders ­un­ruhiger, es fiel ihm schwer, genug Luft zu holen. Das Morphium linderte die Schmerzen, führte aber dazu, dass die ­Atmung nachließ. Eine halbe Stunde später war es still. Ich musste noch mal genau hinhören, aber da war kein Atem mehr. Mein Bruder lag warm, aber nun tot im fremden Klinikbett. Die Schwestern brachten mir eine Schere, um 
eine Locke für seine dreijährige Tochter aus dem noch vollen 
Haar zu schneiden. Dann gingen wir gedankenschwer auseinander. Es war noch nicht zehn, und ich beschloss, bei einem Supermarkt eine Flasche Schnaps zu kaufen. Habe ich genauso gemacht, geholfen hat es leider nicht.

In einer neuen Welt ohne Tod

Mein Sohn Mika sagte mir am Morgen, nachdem du ge­storben warst: „Dirk ist jetzt in einer neuen Welt. Dort gibt es keinen Tod.“ Diese Vorstellung ist für mich sehr tröstlich und mit der Hoffnung verbunden, dich dereinst in dieser neuen Welt wiederzusehen.

Wir waren dann später noch einmal in der Charité. Meine Eltern kamen, um dem Personal selbst gebackenen Käse­kuchen zu bringen, und ich ging in die Patho­logie. Ich wollte meinen toten ­Bruder ­sehen und fotografieren. Vielleicht könnte ich es dann besser verstehen, dachte ich.

Mit Stativ und Kamera betrat ich das Institut. Mir war etwas mulmig, aber das Schlimmste hatte ich doch schon hinter mir, was sollte geschehen? Ein Pförtner schien überflüssig, gefühlige Verwandtenbesuche waren nicht vorgesehen. Alle außer mir wussten, wo sie hinwollten. Der größte Teil waren Studenten, die, so vermutete ich, zur Obduktion gingen. Ich wollte meinen Bruder jedoch nicht zerlegt wissen, obwohl wir unser Einverständnis zur Obduktion gegeben hatten.
Nach einigem Suchen fand ich die Andachtshalle. Mein Bruder wurde aufgebahrt hereingerollt und man ließ mich mit ihm allein. Alles wirkte fremd, aber angemessen, ­sogar ein Kerzenleuchter stand in der Ecke. Mein Bruder sah ernst und würdevoll aus, wie Beethoven. Sein Mund war geschlossen worden und die Haare gekämmt.

Ich sprach mit ihm, während ich einige Aufnahmen machte. Ich hatte eine Aufgabe erhalten: eine zweite Locke für den Neffen abzuschneiden. Hierzu hatte ich einen ­Cutter mitgebracht und lauschte, ob jemand eintreten ­würde. Es war schwerer als gedacht, und von absurder ­Komik, wie ich in bester Absicht am Haar meines Bruders herumsäbelte. Dabei erhaschte ich einen Blick auf den Hinterkopf, hier war vermutlich die Obduktion erfolgt. Die Haut schimmerte dunkel und wirkte verletzt. Ich ließ mit schlechtem Gewissen von ihm ab. Ich berührte seine Hand und spürte, dass er direkt aus dem Kühlhaus hereingebracht worden war. Diese kalte, reglose Hand war das eindringlichste 
Zeichen, dass er nun nicht mehr unter uns war.

Wir haben dich auf dem Friedhof am Bürgerpark begraben, dort, wo du früher häufig spazieren gingst. Ein einfaches weißes Kreuz mit einem emaillierten Foto von dir, das ich einmal von dir im Studio gemacht hatte. Den Hinter­grund hattest du für mich handgemalt. Verzeih, dass ich nicht so gerne komme. Ich weiß nicht, was ich reden soll. Für mich bist du nicht unten, sondern oben.

Lars Nickel

Lars Nickel, geboren 1969, hat in diesem Text zusammengefügt, was er in fünf Jahren nach und nach an Gedanken gesammelt hat. Alles andere hat er wie im Rausch dazugeschrieben, erst nur für sich. Dann wollte er, dass auch andere wissen, was damals in ihm vorging.
Mika Weiß

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