Corona und die Krise des Neoliberalismus

Die fetten Pferde füttern
Standpunkt - Die fetten Pferde füttern

Jill Senft

Wenn Geiz plötzlich geil genannt wird, wenn Gier für das Fi­nanzsystem als eine Qualifikation gilt, schwinden auch die moralischen Bedenken gegen den eigenen Egois­mus.

Standpunkt - Die fetten Pferde füttern

Das muss so sein, haben uns die Ökonomen ein­geredet. Eigennutz und der freie Markt würden schon alles gut regeln. Jetzt zeigt sich, wie falsch das war.

Vorgelesen: Standpunkt "Die fetten Pferde füttern"

Das Coronavirus verändert alles, sogar das Denken der Wirtschaftspolitiker. Auf einmal ist es selbstverständlich, dass private Unternehmen staatliche Zu­schüsse erhalten. Vor wenigen Monaten ­hatte der Begriff "Enteignung" noch hasserfüllte Reaktionen ausgelöst, jetzt werden Verstaatlichungen zur Rettung von Betrieben nicht mehr ausgeschlossen. Plötzlich kritisiert ein Sozialminister, dass es manche Krankenhäuser wohl mit dem Effizienzdenken etwas übertrieben hatten, weil lange Zeit keine Schutzanzüge vorrätig waren. Und Bundeskanzlerin Angela Merkel appellierte mehrmals an die Solidarität der Mitbürger und bittet sie, ihre kurzfristigen Interessen und ihren Egoismus hintanzustellen. 

Wolfgang Kessler

Wolfgang Kessler ist Wirtschafts­wissenschaftler und Publizist. Er war von 1999 bis 2019 Chef­redakteur der unabhängigen christlichen Zeitschrift "­Publik-Forum". 2019 erschien sein Buch "Die Kunst, den Kapitalismus zu ­verändern" im Publik-­Forum-Verlag. Im Juni erhält Kessler den Walter-Dirks-Preis für engagierten ­Journalismus für Frieden, Gerechtigkeit und Bewahrung der Schöpfung.
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Es brauchte offenbar ein tödliches Virus, um zu erkennen, dass die Wirtschaftsphilosophie, die Ökonomen seit 40 Jahren predigen, mit großen  Krisen nicht fertig wird. Seit den 1970er ­Jahren wurde uns eingeredet, dass der Wohlstand aller wächst, wenn sich alle an ihren kurzfristigen Interessen, an ihrem Eigennutz orientieren; dass der freie Markt effektiv ist, der Staat dagegen ein bürokratischer Moloch. Und dass es den Menschen umso ­besser geht, je mehr sie dem ­freien Markt vertrauen, weil dieser ­Krisen besser und schneller bewältigen ­könne als der Staat. Dieser Marktradikalismus fällt uns nun auf die Füße.

Um zu verstehen, woher er kommt, muss man in das Jahr 1947 zurück­gehen. Der Sieg über den Nationalsozialismus war gerade einmal zwei Jahre alt, als sich eine kleine Schar von etwa 50 Personen, zumeist Universitätsprofessoren, auf dem Mont Pèlerin hoch über dem Genfer See zu einer Konferenz trafen. Sie hatten ein klares Ziel vor Augen: den staatlichen Einfluss auf die Wirtschaft zurückzudrängen, wie er zuvor in brutalen Diktaturen, aber auch unter US-Präsident Roosevelts New Deal gewachsen war.

Chicago als Brutstätte marktradikaler Ökonomen

Der wichtigste Kopf dieser Gesellschaft war Friedrich August von ­Hayek, ein Ökonom, der 1944 einen Bestseller geschrieben hatte: "Der Weg zur Knechtschaft". Sein aufmerksams­ter Zuhörer war ein junger US-amerikanischer Ökonom: Milton Friedman. Dessen Lehrstuhl in Chicago wurde in den 1970er Jahren zur Brutstätte marktradikaler Ökonomen, die neben Margaret Thatcher und Ronald ­Rea­gan auch den chilenischen Putsch­general Augusto Pinochet berieten.

Der vermeintlichen Allmacht des Staates setzten von Hayek und Co. die Lehre von einem freien Markt entgegen, auf dem freie Unternehmen und freie Individuen um die Gunst der Konsumenten ringen. Die Triebfeder des wirtschaftlichen Handelns sahen sie im Egoismus des "Homo oeconomicus", der jede Entscheidung rational danach abwägt, welchen Nutzen sie ihm bringt. Nach dieser Theorie sind alle ihres Glückes Schmied. Allerdings tragen sie auch die Verantwortung ­dafür, wenn sie es nicht schaffen.

Diese marktradikale Gedankenwelt blieb lange Zeit Theorie. Viele europäische Regierungen setzten in den 1960er und 1970er Jahren auf eine "soziale Marktwirtschaft" oder auf den "Wohlfahrtsstaat". Sie wollten die Unwägbarkeiten der freien ­Märkte durch staatliche Korrekturen ausgleichen – und vor allem Menschen in Not mit staatlicher Hilfe absichern.

Egoismus wird zur politischen Doktrin

Ende der 1970er Jahre begann sie dann, die Marktrevolution. Es war eine Chemikerin namens Margaret Thatcher, die auf einem Parteitreffen der Konservativen 1975 das Buch von Hayek hochhielt und ihre Pferde-Spatz-Philosophie verkündete: Man müsse die fettesten Pferde füttern, dann fielen auch für die Spatzen mehr Pferdeäpfel ab, sagte Thatcher. Sie senkte die Steuern für Reiche und Investoren und beseitigte viele Beschränkungen für Unternehmen. Ihr Credo: Vorrang für den freien Markt, Vorfahrt für den Eigennutz, die individuelle Bereicherung nutzt allen. Mit diesem Programm gewann Margaret Thatcher 1979 die britischen Parlamentswahlen. In den USA folgte bald Ronald Reagan als Präsident, mit einem ähnlichen Programm.

Diese Revolution zeigt Folgen bis heute: "Im Laufe der vergangenen 40 Jahre wurde das, was wir respektieren und denken, durch das Einbinden von marktwirtschaftlichen Konzepten in unseren Alltag völlig verändert", schreibt der britische Ökonom Jona­than Aldred in seinem brandaktuellen, in einigen Monaten auf Deutsch erscheinenden Buch ­"Der korrumpierte Mensch" (Klett-Cotta).

Ökonomen sehen sich als Hüter der Wahrheit

Die Pferde-Spatz-Philosophie beherrscht mittlerweile viele Köpfe. Am stärksten die der Wirtschaftswissenschaftler. Sie differenzierten diese Lehre immer weiter aus, gossen sie in mathematische Formeln und taten so, als sei sie die Wahrheit schlechthin. Der Siegener Wirtschaftsprofessor Helge Peukert durchforstete jüngst für eine Studie die wichtigsten wirtschaftswissenschaftlichen Lehr­bücher und stellte fest: "Von Alaska bis zum Horn von Afrika wird in allen Lehrbüchern der möglichst freie Markt beschworen, der Mensch als Homo oeconomicus. In vielen ­Büchern mit Millionenauflage kommt der Staat als Akteur erst gar nicht vor."

Der Einfluss des marktradikalen Denkens, heute als Neoliberalismus bezeichnet, reicht weit über die Wissen­schaft hinaus. Viele Vermögende und Unternehmer machen keinen Hehl daraus, dass die Lobpreisung der ­"fetten Pferde" genau ihren Interessen entspricht. Wer glaubt, dass jeder seines Glückes Schmied ist, sieht seinen Reichtum und seine Gewinne als wohlverdient an und übersieht den Anteil, den die Bildung daran hat, die der Staat ermöglicht hat. Oder welche Rolle der Zufall spielt. Wer so denkt, wehrt sich gegen jede Form der Umverteilung. Warum Geld an jene abtreten, die – nach dieser Glücksphilosophie – selbst für ihr Unglück verantwortlich sind?

Die Steuern für Reiche werden gesenkt

Auch die Mehrheit der Politikerinnen und Politiker regiert seit vielen Jahren nach dem marktradikalen Muster. Viele nicht so konsequent wie einst Margaret Thatcher, aber trotzdem für alle spürbar. So senkten viele Regierungen die Steuern für Reiche und Unternehmer und schafften in den 1990er Jahren viele Schranken für die Kapitalmärkte ab. Im Glauben an die Segnungen des freien Marktes ließen sie zu, dass Finanzinvestoren Krankenhäuser, Pflege­heime, Wohnungen oder etwa die Wasser­versorgung an sich reißen. In vielen Staaten traten die ­Regierungen die Herstellung von Impfstoffen vor rund 20 Jahren an private Hersteller ab, aus Kostengründen. Jetzt in der Krise kann sich der Ausverkauf des Staates an die Privatwirtschaft bitter rächen.

Doch längst hat sich die Marktmentalität weit in unseren Alltag gefressen. Wenn Geiz plötzlich geil genannt wird, wenn Gier für das Finanzsystem als eine Qualifikation gilt, schwinden auch die moralischen Bedenken gegen den eigenen Egoismus. Es geht dann im Leben vor allem darum, im Rennen um immer mehr der Schnellste zu sein. Über Hamsterkäufe in Krisenzeiten braucht sich da niemand zu wundern. Von Solidarität war ja 40 Jahre lang kaum die Rede, außer auf Gewerkschaftsversammlungen und in den Kirchen.

Der Marktradikalismus trägt nichts zur Lösung bei

Doch in Zeiten von Corona zeigt sich – nicht zum ers­ten Mal, aber diesmal besonders deutlich –, dass das Konzept des freien Marktes Krisen nicht verhindert und schon gar nicht zu ihrer Lösung beiträgt: Dies bewies bereits die Finanzkrise, in der Banken und Investoren ihre neuen Freiräume zu rasenden und unkontrollierbaren Spekulationen nutzten – und später nur mit milliardenschweren Hilfs­programmen der Staaten gerettet werden konnten.

Auch die Klimakrise wird nicht allein mit Hilfe des freien Marktes gelöst werden können. Im Gegenteil. Der Übergang von einem kurzfristig orientierten Wegwerfkapitalismus zu einer nachhaltigen Langfrist­ökonomie wird nur mit staatlichen Rahmenbedingungen und einem Höchstmaß an sozialer Gerechtigkeit gelingen. Wenn die Unternehmen in der Corona-­Krise jetzt entschieden nach dem Staat ­rufen und Politiker die Solidarität der Menschen beschwören, so steckt darin auch Hoffnung. Jene nämlich, dass der Glaube an den allein selig machenden freien Markt, an den Egoismus der Einzelnen zum Nutzen aller als das entlarvt wird, was er ist: eine Ideo­logie für die Herrschaft von wenigen, die die Zukunft aller bedroht, weil sie den großen Herausforderungen dieses Jahrhunderts nicht gerecht wird.

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Lesermeinungen

Friedman ist nicht der Messias der Ökonomen, seine Theorie eine unter anderen. In Deutschland ist nach wie vor die "Soziale Marktwirtschaft" das Grundmodell und wir haben eine Staatsquote von ca. 45 % (2017 44,5 %, USA zum Vergleich 38,1 %). Im Rahmen der Corona-Krise und der nachfolgenden Rezession wird diese Quote wohl noch etwas steigen, ebenso wie das Bewusstsein für die Wichtigkeit realer, produzierender Wirtschaft.

Sehr geehrter Herr Kessler
Mit großer Überraschung habe ich Ihren Artikel in der Ausgabe 05.2020.gelesen. Nach meinem Wissen hat sich die evangelische Kirche noch nie in so klarer Form zu der staatlichen Wirtschaftspolitik positioniert. Die Auswüchse z.B. in einer auf Gewinn gestaltetetn Gesundheitspolitik, unglaublichen Zuständen in der Fleischindustrie, Artensterben insbesondere durch eine verfehlte Bodenbearbeitung als Folge einer verfehlten Landwirtschaftspolitik u.s.w. Man könnte Seiten füllen mit Beispielen. Es mußte erst ein tödlicher Virus kommen, um zumindest auch in der Politik mit einem wenn auch noch vorsichtigen Umdenken zu beginnen. Ob es in der Folge auch zu einer durvhgreifenden Veränderung kommen wird ? Da können wir nur hoffen. Denn es tauchen schon jetzt wieder die Stimmen auf, die ein-weiter-so versuchen zu erreichen. Dann dürfte der Klimawandel wohl endgültig und nicht mehr umkehrbar kommen. Ich hoffe nur, dass sich immer mehr Stimmen und damit Menschen aber auch Institutionen wie die Kirche gegen diese Politik wehren. Denn die Bewahrung der Schöpfung ist ja ein zentraler Punkt im Christensein.
Mit freundlichen Grüßen
Horst Biczkowski

Da habe ich Wolfgang Kessler als den sozial denkenden Publizisten von „Publik-Forum“ wiedererkannt, das ich damals auch las. Ja, ich vom Jahrgang 1939 habe die Jahre miterlebt, wo Regierungen in den 70er Jahren versuchten, der „sozialen Marktwirtschaft“ Raum zu geben.
Und dann kamen Thatcher und ihresgleichen auch in unserem Lande an die Regierungsmacht. Wir haben erleben müssen, wie der Neoliberalismus aus dem Schlamm der Scheußlichkeiten hervorgeholt wurde und Politik und Wirtschafts-wissenschaften mit kapitalistischem Gedankengut versaute. Es wurden in den 1990er Jahren die Reichen mehr als schon bisher begünstigt durch Abschaffung von Schranken für das Kapital, und schlimmer noch, durch den Verkauf von Wohnungen, Wasserwerken und ÖPNV-Betrieben an Finanzinvestoren. Der Begriff von Solidarität war verschollen, und wenn der jetzt in der Corona-Krise wieder auftaucht, müssen wir ihn festhalten und gleichzeitig klarmachen, wie pervers ‚Geiz ist geil‘ eigentlich ist, und dass der sog. Freie Markt nur Egoismus pur darstellt.
Ich hoffe und wünsche mir sehr, dass die Durchsetzung der Sozialen Markwirtschaft nun bald von allen Parteien gefordert und gefördert wird. Noch hört man von Seiten z.B. der Grünen und der Linken nichts dergleichen, vielleicht haben ja auch ihre Abgeordneten mehrheitlich bei den falschen Professoren VWL und BWL studiert, haben markradikales Denken und Wegwerfkapitalismus in sich aufgenommen. Aber vielleicht kommen so Manchen doch langsam Zweifel bei ihrer Suche nach einem Umdenken, nach einer Langfristökonomie; sie könnten das vielleicht finden in einem „Zusatz- und Ergänzungsstudium Soziale Markwirtschaft“. Einsame Rufer wie Laumann CDA und Wolfgang Kessler sind gut, aber leider überhaupt nicht ausreichend in ihrer Wirkungsmacht.
Horst Kowalak

Sehr geehrte Damen und Herren!
Seit Jahren lese ich „chrismon“ mit Freude und Gewinn. Bei der Lektüre von „Die fetten Pferde füttern“ in Heft 05/2020 musste ich allerdings bei fast jeder Zeile den Kopf schütteln. Weil dies ein Leserbrief sein soll und kein Gegenartikel, möchte ich mich auf zwei Punkte beschränken.
Wolfgang Kessler schreibt, dass Politiker zuließen, „dass Finanzinvestoren Krankenhäuser … an sich reißen.“ An sich reißen? Oder haben Träger der öffentlichen Hand die Krankenhäuser gerne verkauft, weil sie dafür hinreichend viel Geld bekamen und die Kliniken nun von anderen unter Randbedingungen, die nach wie vor die öffentliche Hand bestimmt, betrieben werden? Ist ein staatliches Gesundheitswesen besser?
Ich denke an den britischen NHS. Und was soll man von einer Klinik der öffentlichen Hand halten, die in einem Jahr 8,5 Millionen Euro Verlust macht? Ist es sozial oder solidarisch, jeden Tag 23.000 Euro mehr auszugeben, als man einnimmt, und dann der arbeitenden Bevölkerung zu
sagen: „Was ihr vorher nicht bezahlt habt, bezahlt bitte jetzt!“?
Der zweite Punkt ist das Buch „Der Weg zur Knechtschaft“ von F. A. von Hayek. Ich wünsche mir, dass alle, die dem Staat möglichst viele Aufgaben überlassen möchten, dieses Buch wie ich vollständig lesen. Es ist – mutatis mutandis – auch heute noch lesenswert.
Natürlich werden wir uns als Gesellschaft (immer) überlegen müssen, wie Wirtschaft und Wirtschaften in Zukunft aussehen kann und soll: oeconomia semper reformanda. Aber vor einer Wirtschaft, wie Wolfgang Kessler sie sich vorzustellen scheint, habe ich Angst.
Mit freundlichen Grüßen
Guido Dischinger

Sehr geehrte Damen und Herren,
als Pastor der reformierten Gemeinden in Bückeburg und Stadthagen möchte ich Ihnen mein Lob und Dank für Ihre letzte Ausgabe aussprechen. Dort sind wirklich ein breites Spektrum spannender Beiträge vereint gewesen. Und das sage ich als jemand, der teilweise recht desinteressiert sonst auch einmal nur schnell durchblättert.
Vor allem die Beiträge von Herrn Johann Hinrich Claussen (Demut, wie geht das?) und Herrn Wolfgang Kessler (Die fetten Pferde füttern) empfand ich für diese ganz speziellen Zeiten - aber eben auch darüber hinaus! - als längst überfällig und dementsprechend anregend. Der Alltag wie nun auch Ausnahmezustand des Gemeindepfarramtes bestätigt in aller Lebensfülle Claussen Aussage, "dass man eben doch nicht alles planen und vorhersagen kann" - und wie wertvoll für den einzelnen wie für die Gemeinschaft die demütige Haltung vor der "letzten Grenze", der Unendlichkeit Gottes ist. Auch Herr Kesslers Plädoyer gegen die inzwischen auch tief in unserer Gesellschaft verankerten Denkmuster und Bestimmungsstrukturen des Neoliberalismus und seiner Folgen ist für gemeindliche Belange hoch aktuell. Wird derzeit doch gern den Kirchen "vorauseilender Gehorsam" gegenüber den Staat vorgeworfen, so wird doch zugleich viel zu oft verdrängt, das eine deutlichere Trennung zwischen Staat und neoliberalen Wirtschaftmodellen dringender den je ist - und dass auch die einzelnen Gemeinden, die freilich auch auf die Steueraufkommen und Spenden von Großverdienern und Unternehmern zwingend angewiesen sind, nicht von der Kanzel eine Lanze für den Neoliberalismus brechen sollten. Das mag für viele Pastoren vorangehender Generationen eine Selbstverständlichkeit sein. Gerade aber angesichts der gravierenden wirtschaftlichen Folgen notwendiger radikaler Maßnahmen zur Eindämmung der Corona-Pandemie werden zunehmend Stimmen laut, die das Wohl und den Wert des einzelnen Lebens - und sei es auch noch so alt, krank und gebrechlich - gegen die wirtschaftliche Gesundheit der Gesellschaft ausspielen - und mehr oder weniger berechtigt die katastrophalen Folgen für die Wirtschaft und damit Arbeitnehmer und Unternehmer gleichermaßen ausmalen oder vorrechnen. Oftmals steckt dahinter die bisweilen ja sogar schon offen ausgesprochene, provokante Frage (siehe Palmer): Wollen wir die Zukunft und das Wohl vermeintlich gesunder, wirtschaftskräftiger Steuerzahler und Kasseneinzahler gefährden, indem wir die Schwächsten unter uns, die Alten und Kranken, die ohnehin nur auf der Tasche liegen und Wachstum bremsen, besonders umfänglich durch Maßnahmen schützen, die sich egalitär auf die Gesamtgesellschaft auswirken?
Auch als Pastor werde ich damit täglich konfrontiert. Und kann nur sagen, dass wir als Kirche nicht nur den Luxus, sondern auch den Auftrag haben, eben außerhalb solcher wirtschaftlichen Kosten/Nutzen-Rechnungen zu denken und zu verkündigen. Es kann natürlich nicht die Aufgabe der Wirtschaftsvertreter selbst sein, dies zu tun. Ihr System steht für ständiges Wachstum und Gewinn, und daher kann ihr Verkündigung nur lauten, die Eindämmungsmaßnahmen einzureißen und zum Regelbetrieb überzugehen. Es ist freilich die Aufgabe des Staates, für das Wohl all seiner Bürger zu sorgen - und damit immer auch notwendige Kompromisse zwischen Alt und Jung, Gesund und Krank zu finden. Die Aufgabe der Kirche ist jedoch ein klares und kompromissloses Eintreten für die Schwächsten unter uns. Ohne Berechnung der wirtschaftlichen Folgen oder des materiellen Wertes des jeweiligen Menschenlebens. Sondern so, wie Jesus Christus es selbst mit seinen klaren Worten vertrat: "Amen, ich sage euch: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan." Höher als mit den Verweis auf den Geringsten unter uns, kann man den Wert eines jeden menschlichen Lebens nicht beziffern. Gerade daher ist Kesslers Eintreten gegen die Langzeitschäden neoliberaler Wirtschaftsmodelle für das soziale Miteinander in Kirche und Gesellschaft ein wichtiger Weckruf.
Mit herzlichen Grüßen
Marc Bergermann

Guten Morgen Frau Ott,
ich komme aus einer kleinen Landwirtschaft mit Familientradition, habe Volkswirtschaft studiert und im Kreditgeschäft mit Unternehmenskunden deutschlandweit Einblick in sehr viele kleine, mittlere und große Betriebe gehabt. Inzwischen bin ich mit 67 Jahren wieder in der Pferde- und Grünlandwirtschaft tätig. Bekanntlich hatte ich mich ja 2019 mit der Frage beschäftigt, ob es sein konnte, dass eine Kuh tagelang nicht gemolken wurde, wer die Verantwortung für diese Formulierung trägt und wie aktive Landwirte auf den damaligen Artikel reagieren könnten. Aktuell frage ich mich, wie meine ehemaligen Unternehmenskunden auf den Artikel von Herrn Kessler reagieren könnten. Es gibt eine große Tageszeitung in der bei widerstreitenden Meinungen immer die Vertreter der einen und der anderen Seite zur Sprache kommen. Das finde ich gut, weil man sich dann dazu eine übergreifende Meinung bilden kann. Außerdem wird damit auch der Eindruck verhindert, die Redaktion könnte eventuell hinter dem Artikel "Eigennutz und der freie Markt - ein Abgesang" stehen. Wenn ich den Gegenartikel hätte schreiben sollen, wäre mir dazu als Überschrift eingefallen: "Kühe müssen gefüttert werden, wenn man sie melken will", die soziale Marktwirtschaft hat uns einen beispiellosen Wohlstand beschert, um den wir international beneidet werden. Ohne diese Ausgangslage wären die unendlich teuren Soforthilfen für den Corona-Shutdown nicht möglich gewesen.
Viele Grüße aus Arpke sendet Ihnen
Gerhard Giere

Sehr geehrte Damen und Herren,
es hat mich sehr gewundert, daß Sie einen Artikel wie "Die fetten Pferde füttern" von Wolfgang Kessler in Ihrem Heft abgedruckt haben.
1. Der Autor will offenbar behaupten, daß eine Staatswirtschaft die Corona-Krise besser bewältigt hätte. Aber die Beispiele vor unseren Augen bestätigen dies nicht. Diese Krise hat mit der ökonomischen Organisation eines Staates wenig zu tun.
2. Wenn der Autor über Organisationsformen heutiger Wirtschaft schreibt, müßte er außer Margret Thatcher und Mont Pélerin auch Ludwig Erhard und die Soziale Marktwirtschaft behandeln und im Vergleich die Nachteile einer Zentralen Verwaltungswirtschaft.
3. Echte wirtschaftliche Errungenschaften für den gesamten Staat und seine Bürger sind offenbar nur mit einer geordneten und geregelten sozialen Marktwirtschaft erreichbar. Diese gewährleistet Freiraum für Innovation und kann Mißbrauch begrenzen.
Der Artikel von W. Kessler schadet, weil er uninformierte Leser zu wirklichkeitsfremden Träumen verleiten kann.
Mit freundlichem Gruß
Dr. Armin Albano-Müller

Sehr geehrte Damen und Herren,
zum im Betreff genannten Artikel in Ihrer Zeitschrift habe ich folgenden Leserbrief verfasst, den ich Sie bitte zu veröffentlichen: Vielen Dank für Wolfgang Kesslers hervorragenden Beitrag. Kleine Ergänzung: Die haarsträubend simpel gestrickte neoliberale Ideologie konnte schon im Ansatz nicht funktionieren. Sie basiert nämlich auf dem erschreckend offensichtlichen, durch jeden Hauch von Lebenserfahrung widerlegten und daher strohdummen Fehler, den Mensch für stets rational handelnd zu halten. Den Preis für solch grotesk unwissenschaftliches Nichtdenken und solch methodisch verheerende Verweigerung genauer Wirklichkeitsbeobachtung seitens der geradezu lächerlichen (oder einfach nur gut geschmiert-korrupten) Versager im Fach Volkswirtschaft um den hochdekorierten Milton Friedman zahlen seit 40 Jahren die kleinen Leute weltweit.
Mit freundlichen Grüßen, Michael Lohr

Sehr geehrte Damen und Herren der Redaktion,
ich finde es eigentlich ok., dass Sie auch ökonomischen Mindermeinungen ein Sprachrohr geben. Insofern passt es, dass Ihre Zeitung dem Wirtschaftsethiker Wolfgang Kessler Raum für seine Thesen gibt. In dieser Hinsicht unterscheidet Herr Kessler sich wohltuend von den Atac- Autoren , die bis vor ca. 2 Jahren mit abenteuerliche Thesen in Ihrer Zeitung die ökonomische Marschrichtung angegeben haben. (Falls Sie sich nicht mehr erinnern, lesen Sie sich mal deren Blödsinn nach zu bsw. Gen- forschung, TTIP , Werbung- speziell vor dem eigenen Hintergrund mit der Vielzahl von Alkoholangeboten und Schiffsreisen).
Wenn Helge Peukert, übrigens auch im Beirat von Attac, feststellt, dass in Lehrbüchern von Alaska bis zum Horn von Afrika überall der freie Markt beschworen wird, dann hat das sicherlich auch damit zu tun , dass so schlecht die Ergebnisse sein mögen, sie offensichtlich besser sind als in anderen Wirtschaftssystemen. Anscheinend machen diese Autoren die Augen zu, wenn sie Alternativen wie Nordkorea, Venezuela und Kuba oder auch die DDR Staatswirtschaft ansehen.
Nun zu Herrn Kesslers Aussagen zur Coronakrise, was ist denn unsozial daran, dass jeder Bürger behandelt wird, unabhängig wie hoch seine Krankenkassenbeitragszahlung ist? Spricht er von den USA oder Deutschland?
Was soll die Aussage, dass das Konzept des freien Marktes Krisen nicht verhindert, ja hätte sie denn ein staatliches Gesundheitssystem verhindert? Will er chinesische Verhältnisse bei der Bekämpfung? Im Gesundheitswesen ist doch der Einfluß von Staat und Gesellschaft ohnehin besonders hoch, hier ist doch der Markt in vielen Teilen, z.B der Preisbindung ausgeschaltet. Erfreulicherweise mischt die evangelische Kirche auch mit und, wenn es ihr ökonomisch nötigerscheint, schließt sie auch Krankenhäuser. Ich habe auch nirgends gelesen, dass kirchliche Krankenhäuser z.B. vermehrt Patienten aus dem benachbarten Ausland oder Arme besonders kostengünstig für den Patienten betreut hätten.
Es ist hanebüchen schon fast verleumderisch zu schreiben, das Konzept des freien Marktes würde nichts zur Lösung der Krise beitragen. Sind die Biotech Unternehmen wie bsw. Gilead oder Biontech nicht aktiv und investieren viel Geld in ein Projekt, dessen Erfolg das einzelne Unternehmen nicht absehen kann? Aber jeder Erfolg ist ein hoher Gewinn für die Menschheit. Zumindest habe ich die Hoffnung, dass eines der fast 100 forschenden Unternehmen einen Impfstoff entwickelt. Das wird einem oder mehreren dieser Biotech Unternehmen, deren Aktien man an der Börse kaufen kann, wahrscheinlich eher gelingen als einer sonstigen Forschungseinrichtung speziell in einem nicht marktwirtschaftlichen System.
Aber nur zu, wenn das erfindende Unternehmen dann Mrd. US$ oder Euro Gewinne erzielt und sogar Dividende zahlt, kann der Autor ja über den Eigennutz der Unternehmen und die übertriebenen Gewinne referieren.
Hoffentlich haben bis dorthin auch ökonomische Laien verstanden und dazu- so ehrlich bin- ich zähle ich auch Ihre Redaktion, es sei denn Sie erklären, dieser Artikel diene eher der Provokation als der Information, dass der Wunsch eines Unternehmens Gewinne zu machen, nur dann funktioniert, wenn es auch jemanden gibt der das Produkt kaufen will. Außerdem ist der Erfolg nicht voraussehbar und viele Forschungen enden ergebnislos. Wenn der Erfolg eintritt, werden sich aus der Ecke der Systemkritiker wieder Neider geben, die die Entlohnung unverhältnismäßig finden. Schon der Marktwirtschaftler Adam Smith hat geschrieben „ein Bäcker, der im Wettbewerb den Gewinn seiner Bäckerei maximiert, orientiert sich, so gut er kann, an den Bedürfnissen seiner Kunden“. Ist das unmoralisch, sollten nicht diese Bedürfnisse befriedigt werden ? Irren vielleicht die Ethiker?
Einem Dialog würde ich nicht ausweichen.
In diesem Sinne
Mit freundlichen Grüßen
Manfred Neureuther

Sehr geehrter Herr Neureuther, bevor die Leistungen des freien Marktes für die Lösung der Krise einer passenden Würdigung zugeführt werden, möchte ich auf die eindrücklichen Leistungen des Marktes für die Entstehung und Entwicklung der Pandemie hinweisen.

Schauplatz 1: Bevor die chinesischen Behörden grob gegen die guten marktwirtschaftlichen Sitten verstießen und den Markt schlossen, herrschte auf dem „Huanan Seafood Wholesale Market“ in Wuhan freies Markttreiben. Die dortigen Händler machten genau das, was der Bäcker im angeblichen Adam Smith Zitat auch macht. Sie orientierten sich, so gut sie konnten, an den Bedürfnissen ihrer Kunden. Die wollten Wolfswelpen, Pfauen, Schlangen, Fledermäuse und Schuppentiere in die Pfanne hauen oder sonstwie nutzen. Um den Gewinn der Händler zu maximieren, wie es Adam Smith und die moderne KP Chinas ("Bereichert Euch!") propagieren, dürfen keine unnötigen Unkosten anfallen. Also sind die Tiere auf engem Raum zu halten. Bei diesem segensreichen munteren Treiben will sich natürlich auch das Virus in seiner marktwirtschaftlichen Begeisterung nicht lumpen lassen. Es schätzt die gebotenen Chancen ab, geht - ganz ohne VWL- und BWL-Studium - ein Risiko ein und springt auf den Menschen über. Mit durchschlagendem Erfolg!

Schauplatz 2: Das marktwirtschaftliche Aprés-Ski-Treiben in Ischgl verträgt nun mal nicht, Gäste mit irritierenden Meldungen über erkrankte Mitarbeiter zu verschrecken. Auch hier orientiert man sich besser an den Bedürfnissen der Kunden, bietet denen also munteres Treiben und achtet auf die eigenen Kosten. Der durchschlagende Erfolg der marktwirtschaftlichen Vernunft zeigt sich in den Tagen und Wochen danach: Das Virus breitet sich machtvoll auch in Europa aus.

Schauplatz 3: Wer sich aus Überzeugung oder wegen der staatlichen Anordnung einen Mund-Nasen-Schutz der simpelsten Art vorhängen möchte, hatte dafür vor einem Jahr etwa 5 Cent zu zahlen. Wie begeisternd, dafür jetzt das 30-fache zahlen zu müssen.

Schauplatz 4: Aber selbst bei diesen Preiserhöhungen waren weder Schutzausrüstung, noch Beatmungsgeräte auf den gepriesenen marktwirtschaftlichen Wegen auch nur in annähernd ausreichender Stückzahl zu bekommen. Hier waren die Bedürfnisse der Kunden der großartigen unsichtbaren Hand hinter dem Marktgeschehen, die alles so trefflich regieret, nicht wichtig. Pech gehabt.

Bei soviel Leistungen des freien Marktes darf man frohgemut den künftigen Wohltaten der forschenden Pharmaindustrie entgegen sehen. Ihrem angebotenen Dialog sehe ich mit Interesse entgegen.

Friedrich Feger

Den Beitrag "Die fetten Pferde füttern" von Wolfgang Kessler in der Ausgabe 05/2020 fand ich ganz hervorragend und auf die gegenwärtige Lage total zutreffend.
Mit meiner ökonomischen Ausbildung beobachte ich nicht erst seit der Klima- und der Finanzkrise, sondern schon seit Beginn der 90er Jahre, daß der Neoliberalismus als einseitig-marktorientierte Denkweise zu ungehemmter Korruption und dazu führt, daß die Kluft zwischen Arm und Reich weltweit immer größer wird. Marktwirtschaft kann vom Wesen her niemals sozial sein, auch wenn man sie von staatswegen mit sozialen Maßnahmen- mehr oder weniger erfolgreich- begleitet. Jetzt in der Zeit von Corona zeigt sich besonders deutlich, daß der Markt selbst gar nichts zu regeln vermag, sondern eine intelligente zentrale Führung für eine funktionierende Gesellschaft unverzichtbar ist.
Das im Beitrag genannte Buch "Der korrumpierte Mensch" werde ich mir bestimmt beschaffen.
Edda Schulz