Corona-Krise: Einsam sterben auf der Intensivstation

Zu viel Kontrolle, zu wenig Empathie
Intensivstation

Berthold Steinhilber/laif

Deutschland, Uniklinik . Neurologie, Intensivstation mit Schlaganfallpatienten. Germany, university hospital . Neurology, intensive care unit with stroke patients. (Bildtechnik: sRGB, 69.21 MByte vorhanden)

In Würde sterben, das geht nicht mit einer auf Effizienz getrimmten Apparatemedizin, sagt Barbara v. Meibom.

"Bei uns wird nicht gestorben!" Mit diesem Ausruf lief vor Jahren eine resolute Stationsleiterin über den Krankenhausflur, um das Unvermeidbare zu verhindern – dass ein alter Mensch dabei war, die Schwelle vom Leben zum Tod zu überschreiten. Im Sommer 2019 vermisste ich beim Marktbesuch eine ältere Verkäuferin. Es hieß, ein plötzlicher Herzinfarkt habe sie ereilt; sie liege im Koma. Monate später, März 2020 – Zustand unverändert. Wer kennt sie nicht – die Angst, durch die "Segnungen" der Medizin zum Pflegefall zu werden und unter teils desaströsen Bedingungen bis zur Erlösung durch den Tod "leben" zu müssen? All dies stammt aus Zeiten vor oder unabhängig von Corona. Doch was sich hier zeigt, wird nun vollends deutlich. Was ist los in unserem Land und nicht nur hier?

Wohin hat sich unser Medizinsystem entwickelt?

Unser Medizinsystem verschlingt Milliarden und wird dank Corona nun ein weiteres Mal "aufgerüstet". Wir haben in weiten Teilen ein System geschaffen, das nach ökonomischen Effizienzgesichtspunkten organisiert wird und zunehmend auf Apparatemedizin, vermeintliche wissenschaftliche Untersuchungen und fragwürdige statistische Evidenzen setzt. Schlimmer noch: Ärzte und Ärztinnen, Pfleger und Pflegerinnen sind in ein System eingebunden, in dem die Fähigkeit zur ganzheitlichen Wahrnehmung, zur Empathie, zur Begegnung und Partnerschaftlichkeit mit den Erkrankten weder geschult noch verlangt wird. 

Prof. Dr. Barbara v. Meibom

Prof. Dr. Barbara v. Meibom unterrichtete Politik- und Kommunikationswissenschaft an der Universität Duisburg-Essen. Sie leitet Communio-Institut für Führungskunst in Berlin www.communio-fuehrungskunst.de. Bücher u.a.: Wertschätzung. Wege zum Frieden mit der inneren und äußeren Natur, München: Kösel 2006 (auch als E-Book)  

Was hier geschieht, ist ein Vergehen an dem Ethos der heilenden Berufe. Die Endlichkeit des Menschen, seine seelisch-geistige Verfassung, Resilienz- und Selbstheilungskräfte sowie wichtige Umweltbedingungen geraten vollends aus dem Fokus. Es wird "Krieg" geführt in einem mythisch anmutenden Glauben an die Kraft von Pharmakologie und Technologie. Ein Virus vermeintlich "ausrotten" zu können, zeugt nur von einer Unkenntnis der Gewebe des Lebens. Ein illusionärer Kontrollwahn greift um sich, der letztlich lebens- und demokratiefeindlich ist.

Leben ist zum Tode hin

Leben ist zum Tode hin. Ohne das Bewusstsein der Endlichkeit allen Lebens, ohne ein Bewusstsein des Todes, kann Leben nicht in seiner Schönheit und Schmerzlichkeit gelingen.

Dies gilt auch für alte Menschen, an denen sich die Fehlentwicklungen eines technokratischen Zugriffs auf Leben und Gesundheit besonders deutlich zeigen. Alte Menschen vereinsamen in unseren schnelllebigen Burn-out-Gesellschaften in besonderem Maße. In Corona-Zeiten werden sie nicht nur auf physische, sondern auch auf soziale Distanz gehalten. Erkranken sie schwer und sterben sie jetzt auf Isolierstationen, wird ihnen das Minimum an menschlicher Wärme versagt: Kontaktsperre! Ja, doch, es wird gestorben! Steril, an Schläuchen, isoliert! Den Kollateralschaden - Vereinsamung und Enthumanisierung - nehmen wir hin!

Die Einseitigkeit eines technokratischen Zugriffs auf Mensch und Gesundheit bedarf einer dringenden Korrektur. Es bedarf einer Würdigung der Endlichkeit unserer Ressourcen, unserer Ökosysteme und unserer emotionalen Resilienz. Und es bedarf einer Würdigung der Tatsache, dass es der natürlichen Ordnung des Lebens entspricht, dass alte Menschen näher an der Todesschwelle sind als junge Menschen, auch jene, die nicht wegen, sondern unter anderem mit Corona erkranken und sterben.

Die Würde des Sterbens

Ich selbst bin 73 Jahre, achte auf die Kraft meines Immunsystems und bin mir bewusst, dass ich eines Tages diese Erde verlassen werde, vielleicht mit oder wegen Corona. Damit habe ich meinen Frieden geschlossen. Wenn unsere derzeitigen Aufgeregtheiten ein wenig von dieser Demut dem Leben gegenüber ausdrücken würden, würde ich mich wohler fühlen. Ich könnte mich dann als Teil einer großen Menschheitsfamilie fühlen, die durch die Höhen und Tiefen des Lebens wandert. Und ich bräuchte nicht mehr zornig sein oder mich schämen über Aufgeregtheiten, die aufgrund von Toten im höheren Alter und Menschen mit Vorerkrankungen Horrorszenarien formulieren und gleichzeitig die drohende Hungersnot von 25 Millionen Afrikanern durch Heuschreckenplagen ebenso konsequent ausblenden wie die Zehntausenden Toten auf Autobahnen oder die Opfer von wahnwitzigen Machtkonflikten, die mit Waffen ausgetragen werden. Lasst uns endlich Tod und Sterben – auch in unserem Medizinsystem – wieder die Würde zurückgeben, die sie in unserem Leben verdienen, fern der Illusion, dass wir das Leben, wie auch immer, kontrollieren könnten. Leben ist ein Leben hin zum Tod. Wer das beherzigt, kann die Fülle und Schönheit des Lebens erfahren.

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