Das Kunstwerk - Verstörend aufdringlich

Giuditta Decapita Oloferne, 1620/Google Cultural Institute

Das Kunstwerk - Verstörend aufdringlich

Judith und Holofernes: Kunst von Artemisia Gentileschi

Verstörend aufdringlich
Artemisia Gentileschi, Superwoman des italienischen Barock, lehrte die Männer im 17. Jahrhundert das Fürchten .

Autsch! So brutal-direkt malen pro Jahrhundert nur ganz wenige Ausnahmekünstler. In diesem Fall tat es Artemisia Gentileschi, Superwoman des italienischen Barocks, die den Männern im 17. Jahrhundert zeigte, wo der Pinsel hängt. Ihre ver­störend aufdringliche Version von ­Judith und Holofernes – die Jüdin ­Judith ermordet den assyrischen Feldherrn Holofernes – bekommt durch das Schicksal der Künstlerin den persönlichen Erzählstoff, den man sich bei Hofe beim Betrachten zuflüsterte: Sie ist nicht mal volljährig, da vergewaltigt ein mit dem Vater ­befreundeter Maler Artemisia Gentileschi im ­Atelier. Ein traumatisierendes Verbrechen. Für die Gesellschaft von damals gilt die junge Frau damit zudem als ehrlos und beschmutzt.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
PrivatLukas Meyer-Blankenburg

Ihr Vater, ein einflussreicher Mann, lässt den Täter vor Gericht bringen. ­Artemisia Gentileschi sagt unter ­Folter aus. Der Vergewaltiger wird verurteilt, kommt aber frei. Die Künstlerin zieht von Rom nach Florenz und wird eine der bedeutendsten Persönlichkeiten ­ihrer Epoche. Sie beschränkt sich nicht auf unverdächtige Still­leben, sie hat männliche Angestellte und ­Geliebte. Und sie bedient die ­alten Bibelge­schichten mit Twist in der Perspe­ktive: Ihre Hausmädchen, Königstöchter oder Dirnen sind starke, selbstbewusste Frauen, die sich den Männern widersetzen – ein krasser Gegensatz zu den gängigen Darstellungen der Zeit.

Alkoholschwäche, Komasaufen, tot

Auch Judith, die ihr Volk Israel von den Assyrern befreit, indem sie die ­Alkoholschwäche des Feldherrn ausnutzt und diesen dann im Schlaf enthauptet, lässt hier keinen Zweifel an ihrer Bestimmung aufkommen. Die Ärmel hochgekrempelt, zieht sie das Schwert so kräftig, dass man sich selbst unwillkürlich an die Kehle fasst. Das Blut spritzt ordentlich, mit der ­Lupe finden Sie noch kleinste Tropfen in den Falten ihres Gewandes. Und Holofernes bemerkt entsetzt seinen Fehler. Lernen wird er aber nicht mehr aus ihm. Merke: Komasaufen mit einer Feindin – keine gute Idee.

So fulminant wie Judith hier auftritt, wäre sie mit dem Zwei-Meter-­Holofernes auch allein klargekommen. Im Sinne der Bildkomposition – aufgrund der wallenden Stoffe und der Laken eine wahre Dreifaltigkeit – ist die treu assistierende Dienerin aber auch ganz praktisch.

Frappant, dass sich die Künstlerin nach dem Gerichtsverfahren lange Zeit und in verschiedenen Versionen mit Judith befasste. Artemisia Gentileschis Bild aber nur vor dem Hintergrund ­ihrer Vergewaltigung zu lesen, wird ihr nicht gerecht. Das Werk wirkt auch so, als weibliche Selbstermächtigung, die Männer durchaus als Warnung auffassen sollten. Selten hat ein Pinsel so scharf geschnitten.

Nichts mehr verpassen. Erhalten Sie regelmäßig alle Reportagen, Interviews und Kommentare im Monatsabo. Jetzt testen im Probeabo von chrismon plus. Gedruckt und digital – hier bestellen

Leseempfehlung

Kreuzunglücklich im feinsten Zwirn. George Frederic Watts und der reiche Jüngling, der nicht ins Reich Gottes kommt
Das Kunstwerk - Andrea Mantegna, "Darbringung Christi im Tempel"
Alle gequetscht auf engstem Raum - vielleicht ein Bild fürs kleine Eckchen überm Sofa: Andreas Mantegna und das Jesuskind im Leichentuch
Der Heimatmaler Hans Thoma posiert zwischen Schädel und Amor - und deutet auf seinen überzeitlichen Ruhm
Hans Baldung Grien - ein unterschätztes Genie? Jedenfalls war er ganz schön frech für einen Maler der Renaissance
Joos van Craesbeeck, Die Versuchung des Heiligen Antonius, circa 1650
Die schaurigen Bestien sehen aus wie Yongbo Zhao, der Künstler. Sie haben den Papst im Griff. Noch wehrt er sich
William Holman Hunt malte seinen Sündenbock am Toten Meer, 
wo das historische Sodom vermutet wird

Neue Lesermeinung schreiben

Wir freuen uns über einen anregenden Meinungsaustausch. Wir begrüßen mutige Meinungen. Bitte stützen Sie sie mit Argumenten und belegen Sie sie nachvollziehbar. Vielen Dank! Damit der Austausch für alle ein Gewinn ist, haben wir Regeln:

  • keine werblichen Inhalte
  • keine Obszönitäten, Pornografie und Hasspropaganda
  • wir beleidigen oder diskriminieren niemanden
  • keine nicht nachprüfbaren Tatsachenbehauptungen
  • Links zu externen Webseiten müssen zu seriösen journalistischen Quellen führen oder im Zweifel mit einem vertretbaren Prüfaufwand für die Redaktion verbunden sein.

Die Redaktion behält sich das Recht vor, Beiträge zu bearbeiten, macht dies aber stets kenntlich. Wir zensieren nicht, wir moderieren.
Wir prüfen alle Beiträge vor Veröffentlichung. Es besteht kein Recht auf Publikation eines Kommentars.