Der Teufel im Detail

Joos van Craesbeeck, Die Versuchung des Heiligen Antonius, um 1650, Sammlung der Staatlichen Kunsthalle Karlsruhe

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Joos van Craesbeeck: Die Versuchung des Heiligen Antonius

Der Teufel im Detail
Mit seiner "Versuchung des Heiligen Antonius" malte Joos van Craesbeeck um 1650 ein wildes Tableau menschlicher Sehnsüchte.

An diesem Bild kann man sich nicht sattsehen. Fantastische Kreaturen, intime Porträts, gewaltige Landschaften in Miniaturformat, gepaart mit versteckten Hinweisen auf die Meisterschaft des Künstlers, religiöse Symbolik und eine kleine Reise in das Goldene Zeitalter der niederländischen Malerei. Vermengt hat das Ganze der gelernte Bäckermeister Joos van Craesbeeck, ein flämi­scher Maler aus dem 17. Jahrhundert.

Er malte sein Bild "Die Versuchung des ­Heiligen Antonius" um 1650, auf der Höhe seines Schaffens. Wobei man den armen Antonius, der sich zum Gebet in die Wüste zu-
rückziehen und seine Ruhe haben will, erst mal 
suchen muss. Er sitzt auf der rechten Bildseite in brauner Kutte unter dem Baum, die Finger in einer zerlesenen Bibel, ein Bildchen mit Kruzifix an den mächtigen Stamm genagelt, und muss dort hinsehen, wovon er am liebsten 
den Blick wenden würde: eine lüsterne Frau, die vor ihm ihre Brust entblößt. Die Krallen­füße, die unter dem Rock hervorlugen, verraten 
den teuflischen Charakter der Dame.

So etwas kriegen nur echte Könner hin

Aufsehen erregt aber vor allem der riesige Kopf, den die Wellen hier an Land gespült ­haben. Gut möglich, dass es ein Selbstporträt des Künstlers ist. Die Stirn ist praktischerweise 
offen und gibt den Blick ins Innenleben des Verzweifelten frei: Da hockt doch tatsächlich ein Maler an der Staffelei. Kein leichtes Unterfangen, zumal ihm einer, der gemalt werden soll, mit dem Finger auf die Leinwand pikst.

Lukas Meyer-Blankenburg

Lukas Meyer-Blankenburg ist freier Journalist mit Hang zur Kunst
Privat

Über Joos van Craesbeecks Leben ist nur bekannt, dass er in Antwerpen bei dem berühmten Maler Adriaen Brouwer gelernt haben soll. Dass er sein Handwerk verstand, beweisen die vielschichtige, schattige Meerlandschaft im linken Hintergrund und die feine Struktur der braunen Terrakottavase auf der rechten Seite. So etwas kriegen nur echte Könner hin.

Geht es wirklich um die Versuchung des An­tonius?

Naturalismus und Fantastisches sind hier eng miteinander verwoben. Aber geht es hier wirklich um die Versuchung des An­tonius? Der Titel des Bildes ist irreführend. Der ­arme 
Eremit agiert hier ja sozusagen auf der Neben­bühne. Spielen also nicht viel mehr die Versuchungen, denen sich der Mensch Craesbeeck offenbar ausgesetzt sieht, die Hauptrolle?

Auch das ist noch nicht alles. Denn das ­Bild wirkt auf einer weiteren Ebene dämonisch: Es versucht sogar denjenigen, der es betrachtet. Die Neugier, mit der man sich jeder einzelnen Kreatur widmet, mit der man förmlich in die Höhlen, Nischen und Verstecke des Bildes kriechen möchte, beweist nichts weiter als den Erfolg dieser teuflischen Versuchung – wenn auch nicht ganz ernst gemeint.

Verführung mit ironischem Augenzwinkern

Denn während Hieronymus Bosch, an dessen Werke man hier unweigerlich denken muss, im 15. Jahrhundert noch ganz ernsthaft grauen­hafte Teufelchen malte und zu seiner Zeit die Neugier als Sünde galt, verführt der Maler­meister Craesbeeck aus dem 17. Jahrhundert mit einem ironischen Augenzwinkern. Bei näherer Betrachtung sind die meisten Dämonen nämlich gar nicht so schrecklich, sondern eher süß und trottelig – wie etwa das Schweinchen, dem der niedliche Bär am Schwanz zieht.

Oder die Liebelei im Mund des großen Kopfes, eine Balkonszene mit der Unter­lippe als Balustrade: Dort schenkt ein Wesen, das gut auch in die Muppetshow gepasst hätte, der verliebten Gans einen Strauß Terrakotta-
Pfeifen. Die Dinger sorgen in Verbindung mit dem richtigen Tabak übrigens für einen 
sündhaften, kleinen Rausch. Und dem scheint der Künstlerkopf auch nicht abgeneigt. Die verbliebenen dunklen Zähne ­zeugen von einem Kettenraucher. Heute ­wäre dem Maler schnell geholfen. Gegen das sündhafte Rauchen gibt es Nikotinpflaster und E-Zigaretten. Aber so etwas hat sich im 
17. Jahrhundert selbst der Teufel nicht vor­stellen können.

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