Yoga: Religion oder Sport?

Ist Yoga eine Religion?
Ist Yoga eine Religion?

Lisa Rienermann

Ist Yoga eine Religion?

Ab auf die Matte – Millionen Menschen tun es täglich. Und vielen geht es dabei nicht nur um straffe Bauchmuskeln.

Genaue Zahlen gibt es nicht. Aber die Corona-­Pandemie dürfte dem globalen Yogaboom weiter Auftrieb verschafft haben. Online­kurse und Youtube-Lehrerinnen haben vielen gezeigt, wie wohltuend sich die Kraft-, Dehn-, Atem- und Entspannungsübungen auf Körper, Geist und Seele auswirken können. Man muss nur eine ruhige Ecke in den eigenen vier Wänden finden, und los geht es. Doch was macht man eigentlich, wenn man Yoga macht? Ist es eine Religion, eine Meditation, Sport, Therapie, Glückstechnik, Lifestyle? Die schlichte Antwort lautet: Von allem etwas – je nachdem, was man selbst darunter verstehen will. "Yoga" ist schließlich kein geschützter Begriff.

Johann Hinrich Claussen

Johann Hinrich Claussen, geboren 1964, ist Kultur­beauftragter der Evangelischen Kirche in Deutschland. Von ihm er­schien zuletzt: "Die seltsamsten Orte der Religionen: Von versteckten Kirchen, magischen Bäumen und verbotenen Schreinen" (C. H. Beck-Verlag, 2020) und zusammen mit Martin Fritz, Andreas Kubik, Rochus Leonhardt, Arnulf von Scheliha: "Christentum von rechts" (Verlag Mohr Siebeck, 2021).
Andreas Schoelzel(Berlin) 11.02.16; Dr. Johann Hinrich Claussen, Portraet, Portrait; Kulturbeauftragter des Rates der EKD, Leiter des EKD-Kulturbueros, evangelischer Theologe Foto: Andreas Schoelzel/EKD-Kultur. Nutzung durch und fuer EKD honorarfrei

Den wenigsten, die sich dafür begeistern, dürfte bewusst sein, dass ­Yoga, so wie die meisten es heute betreiben, auch eine unbeabsichtigte ­Folge des europäischen Kolonialismus ist. Das mag befremdlich klingen. Doch ist Yoga ohne die Globalisierungen des 19. und 20. Jahrhunderts nicht zu verstehen: als Reaktion, Anpassung und Verbindung. Als die Briten Indien beherrschten, verbreiteten sie ein ­negatives Bild der einheimischen Religionen und philosophischen Lehren, darunter auch Yoga in seiner traditio­nellen Form. Besonders die Körper­übungen von Fakiren und Gurus gab die Kolonialmacht der Lächerlichkeit preis. Im Gegenzug entwarfen mo­derne Inder einen Reformhinduismus. Berühmt wurde die Rede, die Swami Vivekananda 1893 im Weltparlament der Religionen in Chicago gehalten hat. Darin stellte er einen liberalen Hinduismus als die höchste, weil umfassendste und toleranteste Religion vor. Sein Verständnis von Yoga war dabei rein spirituell gedacht, ohne Einbeziehung des Körpers.

Welche Rolle spielt der Körper im Glauben?

In dieser Zeit nahm von Europa und Nordamerika aus die moderne Sportbewegung ihren Siegeslauf. Immer mehr Menschen arbeiteten nicht mehr körperlich und sehnten sich nach einem Ausgleich zu ihren intellektuellen Tätigkeiten. Das kam auch in der indischen Yogakultur an. Vor allem die Übungen des schwedischen Gymnastikpioniers Pehr Henrik Ling wurden dort aufgegriffen. Später entstand daraus ein erfolgreiches indisches Exportgut: das durchaus missionarische Hatha-Yoga. Heute ist es kaum mehr möglich, die Entwicklungen der unterschiedlichen Yogaschulen in all ihren Wechsel­wirkungen zwischen "Westen" und "Osten" genau nachzuzeichnen. ­Deutlich ist nur, dass es das eine, ­authentische Yoga nicht gibt, auch wenn die heute in Indien bestimmen­den Hindu-Fundamentalisten das behaupten. Als modernes Phänomen ist Yoga der Inbegriff einer globalen Religions- und Kulturvermischung.

Das muss man nicht kritisieren, eröffnet es doch die Chance, sich sein eigenes Yoga so zu gestalten, wie es einem guttut. Je nach innerer Einstellung kann man sich von hinduistischer Spiritualität anregen lassen oder – wo sie einem fremd bleibt – ­Yoga als Fitness oder Physiotherapie auffassen. Die meisten Christinnen und Christen dürften darin keinen Widerspruch zu ihrem Glauben sehen. Es ist vor allem eine Frage, die die moderne Yogakultur dem Chris­ten­tum stellt: Welche Rolle spielt der Körper im Glauben? Früher mag die arbeitende Bevölkerung auf dem Land eine Stunde auf der Holzbank in der Kirche als segensreiche Erholung empfunden haben. Heute verbringen die meisten Menschen den Tag auf Bürosesseln. Ihnen erscheint das Ausharren auf der Kirchbank eher wie eine Qual. Das Bedürfnis nach einer vertieften Wahrnehmung des eigenen Körpers hat zugenommen, auch in der Kirche.

Der Glaube hat seine Heimat im ganzen beseelten Körper

Die Yogabegeisterung kann einen Anstoß geben, in den eigenen Traditionen nach Impulsen für eine christliche Körperfreundlichkeit zu suchen. Ansätze dazu gibt es genug: den Glauben an Gott, der uns mit unseren Körpern geschaffen hat, und an Jesus Christus, in dem Gott ein leibhaftiger Mensch geworden ist. Der Glaube hat seine Heimat nicht bloß in Herz, Gehirn oder Gewissen, sondern im ganzen beseelten Körper. Es ist gut, ihn wahrzunehmen, zu pflegen und zu üben, respektvoll und barmherzig mit ihm umzugehen – mit Yoga oder auf andere Weise.

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Lesermeinungen

Sehr geehrtes Team der Redaktion,

… Auch meine Yoga-Lehrerin hat mir gezeigt, »wie wohltuend sich die Kraft-, Dehn-, Atem- und Entspannungsübungen auf Körper, Geist und Seele auswirken«.

Dennoch halte ich inne, indem es in der Meditationszeit - und auch manchmal bei den Übungen - darum geht, z.B. wie und wo ich wie ein Baum wurzele, wie und wo die »Sonnen- und die Mondseite meines Körpers« mich stärken, halten und tragen. Dann klinke ich mich aus von den möglicherweise missionarischen Vorschlägen einer Praktik des Kopfkinos der Hatha-Meditation durch die Stimme der Mentorin und werde dadurch kritisch gelenkt, mich genau hier zu besinnen, wo meine seelische Wurzel mich stärkt, trägt und hält. Auf diese Weise gelange ich zum Text eines Paul-Gerhardt-Liedes, zu einem Psalm oder einem Pauluswort.

Unter dieser Prämisse tut mir die Meditation mit jedem Atemzug gut.

Danke für Ihren Artikel, der mich zu diesem Leserbrief ermutigte.

Mit freundlichen Grüßen aus Köln
Ihre Leserin Roswitha Baum-Erbert

Vielen Dank für diese beiden Reaktionen! Und in der Tat habe ich von diesem Text (und anderen Texten) der Kollegen von der Evangelischen Zentralstelle für Weltanschauungsfragen viel für meinen Text viel gelernt (zudem von der neuen Missionsgeschichte von Bernhard Maier). Leider sind bei solchen Artikeln keine Anmerkungen vorgesehen. Deshalb habe ich gleich nach Veröffentlichung meinen Dank direkt ausgerichtet.