Friedensmacher: Ein indischer Guru hilft im Friedensprozess in Kolumbien

Der Friedensguru
Frieden ist...

Daniel Ramirez-Perez

Erst Meditation, dann Mediation. So hat der indische Guru Sri Sri Ravi Shankar in Kolumbien geholfen, den Bürgerkrieg zu beenden

chrismon: Bevor Sie verhandeln, medi­tieren Sie. Welchen Einfluss hat das auf die Gespräche?

Sri Sri Ravi Shankar: Das wollte der UN-Generalsekretär Ban Ki Moon auch wissen, als einmal im Hauptsitz der UN der „Internationale Yoga-Tag“ anberaumt wurde. Ich leitete dort ­eine Meditation. Danach sagte er: „Wir sollten vor jeder Verhandlung meditieren.“ Er sagte, jede Verhandlung bringe viel Anspannung mit sich. Allein diese 15 Minuten Meditation würden aber helfen, die Gedanken zu beruhigen und zentrierter zu sein. Über unsere Technik, die Sudarshan Kriya, gibt es viele Studien, die be­legen, wie wirksam Meditation ist.

Dennoch sehen viele Menschen ­darin Hokuspokus oder Frevel. Was erwidern Sie?

Ravi Shankar: Solche Vorurteile sind immer wieder eine große Herausforderung. Die Farc-Guerilleros in Kolumbien sagten etwa: „Wir sind Kommunisten. Wir glauben an die Lehre der Marxisten und Leninisten.“ Ich sagte: „In Ordnung – können wir uns jetzt hin­setzen und diese Übung machen? Sie wird uns mehr innere Ruhe und Kraft bringen.“ Zum Glück waren sie einverstanden, sie schätzten es sofort sehr. Nach einigen Meditationen stimmten sie einer einseitigen Waffenruhe zu und wollten Gandhis Weg der Gewaltlosigkeit gehen.

Wie bekommen Sie Konfliktparteien an einen Tisch?

Ravi Shankar: Wir sind unparteiisch. Und wir ­müssen die Denkweise von Tätern
und Opfern verstehen und das Ver­trauens­defizit, das sie untereinander haben, wieder auffüllen. Am Anfang ist niemand an Gesprächen interessiert. Die Farc versuchten sogar, uns zu ihren Botschaftern zu machen: „Erst gehen Sie zur Regierung und sagen ihr, dass sie die Angriffe einstellen soll.“ Das geht natürlich nicht. Was wir mit unserem Dialog und unseren kleinen Übungen machen, das lässt sich nicht genau in Worte fassen. Es läuft eher auf der emotionalen ­Ebene ab. Sie fühlen unsere Echtheit, das Mit­gefühl, die Liebe, und ändern ihre Meinung. Wenn sie erkennen, dass wir keine eigenen Interessen im Konflikt haben, machen sie mit.

Sie sagen, man müsse sich zwischen Gerechtigkeit und Versöhnung entscheiden...

Sri Sri Ravi Shankar

Sri Sri Ravi Shankar ist indischer Guru und leitet das Institut The Art of living, das Yoga- und Meditationskurse anbietet und in Krisengebieten mit Meditationen Heilung und Frieden ermöglichen will. Sein größter Erfolg ist die Schlichtung zwischen der kolumbianischen Bevölkerung und den FARC-Rebellen.
Marmara/Le Figaro/laifSri Sri Ravi Shankar master yogi, apostle of the nonviolence, claims between 300 and 450 million followers through 151 countries. He tries, thanks to his technique of meditation, to settle the conflicts of the planet.
 

Ravi Shankar: Ja. Wir müssen den Tätern die Chance geben, herauszukommen und zu versprechen, dass sie das, was sie – aus welchem Grund auch immer – getan ­haben, nicht mehr tun werden. Versöhnung ist wichtig – und Vergebung dafür essenziell, die wichtigste Tugend. In Kolumbien haben wir die Opfer und Rebellen zusammengebracht. Die Farc haben um Vergebung gebeten, und die Menschen haben vergeben. Sie haben einander umarmt – das war ein sehr bewegender Moment. Hätten die Opfer in Kolumbien darauf bestanden: „Für Gerechtigkeit müsst ihr für die nächsten zwanzig Jahre ins Gefängnis“, hätte dieser Frieden niemals stattgefunden.

Was lernen Sie in den Verhandlungen?

Ravi Shankar: In jedem versteckt sich ein Opfer, jeder fühlt sich im Recht. Man muss den Leuten geduldig zuhören – und sie dann mit Liebe und Mitgefühl heilen.

Sie sind immer unterwegs, um ­Frieden zu schaffen. Warum?

Ravi Shankar: Ich sehe und spüre täglich, wie Medi­tation Menschen hilft. Also teile ich sie mit ihnen, damit Trauer und Leid verschwinden. Jeder achtet auf Zahnhygiene. Und ich bringe der Menschheit geistige Hygiene. 

Infobox

Dieses Interview ist Teil der Reihe "Friedensmacher": Frieden ist möglich, wenn die Zeit reif dafür ist. Das hat in Kolumbien über 50 Jahre gedauert. In Syrien ist seit fast sieben Jahren Krieg – und kein Ende in Sicht. Mediatoren, Schlichter, Diplomaten brauchen einen langen Atem. Auch im Kleinen ist manchmal Hilfe von außen nötig, bei Streit unter Schülern oder in Familien.

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