Noch mehr Beschleunigung, noch wildere Apps?

Jetzt mal ganz langsam!
Illustration: Jetzt mal ganz langsam!

EBOY

Noch billigere Flieger, noch schlauere Apps, noch wildere Medizintechnik? Ist krank. Macht krank

Ich werde misstrauisch, wenn jemand behauptet, Probleme "mit einem Schlag" zu lösen. Aua. Ich werde erstens nicht gerne gehauen und bin zweitens alt genug, um gelernt zu haben: Leben ist kompliziert. Lässt sich selten mit einem Schlag ändern. So ging es mir neulich mit einer Pressemitteilung des Dachverbandes Reproduktionsmedizin. Dort hat man eine Sorge: "In der Rushhour des Lebens kommt der Kinderwunsch manchmal unter die Räder." Mal abgesehen davon, dass die Babymacher ganz dringend an ihren Metaphern arbeiten müssen, mit der Diagnose haben sie vollkommen recht. Unser Leben hat sich enorm beschleunigt, gerade in der "Rush­hour" zwischen ­30 und 40. So dass viele erst mit 45 zum Kinderkriegen kommen. Und da geht die Fruchtbarkeit "in Richtung null Prozent", so die Repro-Docs.

Aber was fällt den Medizinern als Abhilfe ein? Helfen würde, wenn man in Deutschland die Eizell-­Spende erlauben würde. Und den "selektiven Single Embryo-Transfer", bei dem ­nur der Embryo mit den besten ­Chancen ausgesucht wird. Dann gäbe es ­weniger Kinderwunsch-Tourismus ins Ausland, weniger Zwillinge und Drillinge. All das wäre "mit einem Schlag" gelöst.

60 Prozent der Deutschen finden, dass ihr Leben immer stressiger wird

Ganz abgesehen von den ethisch fragwürdigen Methoden – ich ­glaube nicht, dass dies der Weg aus der Rush­hour ist. Ich glaube grundsätzlich nicht, dass eine neue Technik, ­eine neue App, ein noch wilderes ­Ver­fahren hilft gegen die Beschleunigung, unter der viele von uns leiden. Und es leiden ja nicht nur die Paare zwischen 30 und 40. In jedem Meeting sagt einer, da müsse man jetzt aber "Gas geben", da müsse jetzt "Gummi aufn Asphalt". Gleichzeitig klagen bei Umfragen der Krankenkassen 60 Prozent der Deutschen, ihr Leben werde immer stressiger. Die Kassen interessiert das brennend, denn die Zahl der Krankschreibungen wegen Psychostress, Kopf- und Rückenweh steigt und steigt. Es gibt dagegen kein Wundermittel. Im Gegenteil: Jedes Wundermittel macht die Sache eher schlimmer. Denn mit jeder technischen Neuerung, die unser Leben erleichtern soll, neigen wir dazu, noch mehr aufs Tempo zu drücken. Noch mehr vom Leben zu wollen.

Ursula Ott

Ursula Ott
, Jahrgang 1963, 
ist Chefredakteurin von chrismon. 
Sie lebt in einer Patchwork­familie 
und befasst sich auch als Autorin gern 
mit Leben, Liebe und Arbeit. In der ­edition chrismon erschien zuletzt: "Was Liebe aushält. Sieben 
wahre Geschichten"
Foto: Lena UphoffUrsula Ott, chrismon Chefredakteurin

Ich weiß, wovon ich rede. Ich führe ein schnelles Leben, und ich bin dankbare Nutzerin vieler technischer Hilfsmittel. Morgens bringt mich der ICE mit 300 km/h nach Frankfurt. Ich fahre schnell, ich gehe schnell, ich spreche schnell, daran wird sich nichts ändern. Im Gegenteil: Als es noch kein Carsharing gab, habe ich das Büro 40 Minuten vor Abfahrt des ICE verlassen, um die U-Bahn zum Bahnhof zu kriegen. Seit ich die ge­niale App auf dem Handy habe, die mir auch abends einen Smart sucht, der mich zum Bahnhof bringt, fahre ich so knapp los, dass ich am Gleis noch mehr ins Schwitzen komme. So ist der moderne Mensch: Jede Chance wird genutzt, um noch mehr in den Tag zu quetschen. Hier noch ein Coffee to go und da noch ein Speedtraining im Fitnessstudio. So wird die Zahl der Krankheitstage nicht zurückgehen.

Noch mehr in den Tag, noch mehr ins Leben quetschen – genau das würde passieren, wenn der deutsche Gesetzgeber neue seltsame Eizell-Zaubereien zulässt. Dann verschieben deutsche Paare ihren Kinderwunsch vermutlich auf 55. Ob sie damit glücklicher werden? Ob die "Rushhour des Lebens" damit zu einer gemütlichen Teestunde würde? Wohl kaum. Ein Blick in die USA genügt, wo Facebook seinen weiblichen Angestellten anbietet, Eizellen einzufrieren und sie nach den Wechseljahren wieder aufzutauen. Klingt wie ein Geschenk an die – wenigen – Frauen im Silicon Valley. Einfach mal durch­atmen, om. Om gibt es auch bei den Tech-Firmen: Yoga. Bällebad. Grüne Smoothies. Und dann mit Mitte 50 Kinder kriegen.

Nerds mit schwarzen Brillen sitzen an Laubsägearbeiten

Aber vom Social Freezing profitiert vor allem der Arbeitgeber, der weniger Schwangerschaften im Betrieb tragen muss. Mit dem Geld ­finanziert er dann eine Art Kindergarten für große Jungs. Echt, das gibt’s, habe ich selbst gesehen, als ich bei Facebook auf dem Campus zu Besuch war. Da sitzen erwachsene Nerds mit schwarzen ­Brillen in der Mittagspause in einer analogen Werkstatt an Laubsäge­arbeiten, damit sie ihre Synapsen auch mal anders verdrahten. Das könnten sie natürlich auch, wenn sie mit Mitte 30 zu Hause mit ihren echten Kindern Fußball spielen. Aber dazu müssten sie womöglich das ­Firmengelände verlassen. Nach Hause radeln zu den Kindern. Das verbraucht viel zu viel Zeit.

Verblüffend auch, welch ein Lamen­to durch die deutschen Leitmedien ging, als Air Berlin dichtmachte. Da ­erfuhr man etwa in der "Süddeutschen" von außerordentlichen Lebensmo­dellen. Offenbar gibt es Patchworkmodelle, bei denen die Boeing 737 eine Art Familienmitglied ist. Chris­toph P., Bariton an der Semperoper, probt in London, hat seine Freundin in Braunschweig und seine zwei Kinder aus einer ande­ren Beziehung in Dresden. Anja R., Regisseurin, lebt in Berlin, hat eine Wohnung in Zürich, weil dort viele Aufträge warten. "Mit dem Zug dauert das neun Stunden." Skandal! Oder Peter S., Bauingenieur, lebt am Chiemsee, die Freundin in Düsseldorf, er vermisst den Abendflieger von Salzburg und hat einen Brief ans Kartellamt geschrieben.

Ganz ehrlich – weder das Kartellamt speziell noch wir Steuerzahler allgemein können dafür haftbar ge­macht werden, dass die Liebe so kompliziert geworden ist. Dass Menschen – ich gehöre auch dazu – sich verheiraten, Kinder kriegen, sich ­trennen, neu verlieben, ans andere Ende der Republik ziehen. Das kann jede und jeder gestalten, wie sie ­wollen. Aber wie kann man sich mit seinem komplizierten Leben abhängig machen von einer schnellen, billigen Airline? Gibt es ein Menschenrecht auf Billigflieger? Und was sagt eigentlich der Planet dazu?

Liefert Amazon die Scheidungskinder bald mit Drohnen?

Komisch genug, dass sich vor Weihnachten so viele beschwert ­haben, dass ihr Amazon-Paket nicht rechtzeitig ankommt. Dabei ist ­Amazon ja schon pervers schnell, man hätte ­halt früher dran denken sollen, dass ­Weihnachten vor der Tür steht. Vielleicht liefert Amazon künftig ja auch die Scheidungskinder von Chris­toph P. nach London? Mit ­bemannten Drohnen, Same-Day-Delivery? Da sind die bestimmt schon drauf gekommen.

Amazon ist ein gutes Beispiel dafür, wer eigentlich profitiert von der ­Turbogeschwindigkeit. Sind wir alle entspannter geworden, seit wir uns nicht mehr zum stationären Einzelhandel bewegen müssen? Nö. Hat Amazon davon profitiert? Ja klar. Geschätzter Umsatz 2017: 170 Mil­liarden Dollar. Die Lieferdienste, die super­smarten Apps, die vielen ­Coffees und Snacks to go – lauter Sachen, die scheinbar Zeit sparen. Und doch nur dazu beitragen, wie der Kölner Psychologe Stephan Grünewald sagt, "die Maschinerie unseres Organismus nicht nur am Laufen (zu) halten, ­sondern auch das alltägliche Hamsterrad (zu) dynamisieren".

Im Turbo durchs Hamsterrad ­turnen, das klingt nicht gesund. Ist auch nicht gesund. Sagt einem jeder Arzt. Oder sagen wir: ­jeder vernünftige Arzt. Denn da landen wir eben irgendwann, wenn wir das Tempo weiter anziehen. Dann suchen wir gerne einen Arzt, der "auf einen Schlag" unser Problem löst. Der jenes neue Medikament verschreibt, das die "Bild am Sonntag" neulich pro­pagiert hat, mit dem man schnell wieder gesund wird oder hellwach oder migräne­frei. Wenn es eine gute Ärztin ist, sagt sie allerdings: "Dann können Sie halt nicht jeden Tag mit dem ICE fahren", oder sie sagt: "Wenn Sie sich Kinder wünschen, dann warten Sie nicht bis 45, sondern reden Sie jetzt mit Ihrem Partner, wie Sie das zu­sammen hinkriegen."

Irgendwo da scheint die Lösung zu liegen. Die Bundesregierung nennt das in einem aktuellen Gutachten "Lebensverlaufsperspektive". Also: aufs ganze Leben gucken, und nicht nur auf die vermeintlichen Turbojahre zwischen 30 und 40, in denen alles passieren muss und nichts schiefgehen darf. Die Experten empfehlen ein "Worker-Carer-Model", in dem jeder Mensch von 18 bis 80 und jeder Arbeitgeber beides im Blick hat: arbeiten, ob im Büro oder im Ehrenamt, und sich kümmern, um Kinder, den Liebsten oder die alten Eltern. Klingt auch nicht einfach, das "Erwerb-und-­Sorge-Modell". Aber wenn es einfach wäre, ganz ehrlich – dann gäbe es vermutlich schon eine App dafür.

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Lesermeinungen

Ausgezeichnet beobachtet, auf den Punkt gebracht und geschrieben. Es gibt übrigens Apps, die einen dabei unterstützen, tagsüber zwischendurch zu pausieren …

Jeder einzelne Gedanke verstärkt die Nachdenklichkeit. Turbo ohne Innehalten , Kinder ohne Spüren, dann Erwartungswunsch zur Änderung "auf einen Schlag ". Sie haben die weit besseren Worte gewählt.

Zu Ihrem Artikel in chrismon 03.18 möchte ich Ihnen gratulieren. Ein sehr, sehr weiser Text! Da sind Herz und Verstand beieinander. Der SZ- Bericht über das Ende der Air Berlin, den Sie darin erwähnen, hat mich beim Erscheinen damals auch fassungslos, aber auch wütend gemacht. Die Arroganz der zu Wort gekommenen Menschen (selbstverständlich hat man Anspruch auf einen Billigflug, aber entrüstet sich über die "unwürdige" Weglänge dafür am Flughafen) und die Widersprüche (ganz selbstverständlich wird wöchentlich unglaubliche Luftverschmutzung erzeugt, während man gleichzeitig ach, so kritische Theaterstücke inszeniert) sind geradezu pervers. Und - kein Wort natürlich über die Bedingungen des Flugpersonals, die die Billigpreise jahrelang ermöglicht haben. Man selbst ist ja soooo wichtig(er).