Die evangelische Kirche, Missbrauch und Aufarbeitung

So geht es nicht weiter!
Sexuellen Missbrauch aufarbeiten, weiterer Gewalt vorbeugen und schnell eingreifen, wenn neue Fälle bekannt werden. Das hatte sich die EKD-Synode vor drei Jahren vorgenommen. Heute, am 8. November 2021, zog sie eine bittere Bilanz: Was wurde erreicht, was lief schief?

Die evangelische Kirche hat seit 2018 viel unternommen: Sie hat Ansprechstellen für Opfer sexualisierter Gewalt geschaffen, einen Betroffenenbeirat einberufen, um Betroffenen eine Stimme in der EKD zu geben. Sie hat eine "Fachstelle Sexualisierte Gewalt" eingerichtet, die alle Arbeit koordinieren soll. Sie hat Studien in Auftrag gegeben, das Pfarrdienstrecht angepasst und vieles mehr. Nun hat sich eine neue Synode für die EKD konstituiert – und irgendwie scheint man noch immer am Anfang zu stehen.

Burkhard Weitz

Burkhard Weitz ist als chrismon-Redakteur verantwortlich für die Aboausgabe chrismon plus. Er studierte Theologie und Religionswissenschaften in Bielefeld, Hamburg, Amsterdam (Niederlande) und Philadelphia (USA). Er ist ordinierter Pfarrer und Journalist. Über eine freie Mitarbeit kam er zum "Deutschen Allgemeinen Sonntagsblatt" und war seither mehrfach auf Recherchen in den USA, im Nahen Osten und in Westafrika.      
Lena UphoffPortrait Burkhard Weitz, verantwortlicher Redakteur für chrismon plus

Einiges geht voran. Zum Beispiel, dass vergangenes Leid gemeldet wird: Aktuell sind der EKD 942 Fälle bekannt, vor einem Jahr waren es 880 Fälle. Vergewaltigungen, körperliche Gewalt, sexuelle Übergriffe auf Schutzbefohlene. Gewaltopfer, die nicht gehört wurden, deren Fälle vertuscht wurden. Die meisten bislang bekannten Betroffenen erlitten die sexualisierte Gewalt in Einrichtungen der Diakonie, vor allem in Kinderheimen.

Anderes funktioniert gar nicht. Vor einem halben Jahr hat die EKD den Betroffenenbeirat ausgesetzt, gerade ein Dreivierteljahr, nachdem man den zwölfköpfigen Beirat ins Leben gerufen hatte. Nicht der Beirat habe versagt, sondern die Kirche, klagen dessen Mitglieder. Der Auftrag sei von Anfang an nicht klar gewesen, ebenso wenig, was mit den Hinweisen aus dem Beirat passiere: "Wir haben eine Stellungnahme abgegeben. Dann allerdings nichts mehr gehört, bis uns das Endprodukt serviert wurde", klagt ein Mitglied.

Erschwerend kam hinzu: Es fehlte der sehr heterogenen Gruppe an professioneller Moderation. Was die Betroffenen erlebt haben, ist sehr unterschiedlich, ebenso, wie sie damit umgehen; einige haben sich von Kirche und Glauben abgewandt, andere wollen ihre Kirche erneuern. Kein Wunder, dass man sich da verhakte. Der Beirat hatte sich allein gelassen gefühlt; man war sich nicht mehr einig über das weitere Vorgehen.

Die Angesprochenen fühlten sich instrumentalisiert

Und dann setzte die EKD den Beirat aus, so klagen die Betroffenen, und niemand von der Fachstelle habe sich danach mehr bei den Beiratsmitgliedern gemeldet. Erst kurz bevor nun die Synode tagte, das höchste Kirchenparlament, sei das Interesse zurückgekehrt: Ob man nicht auf der Synode auftreten wolle… Die Angesprochenen fühlten sich instrumentalisiert.

Schon gestern, am Sonntagvormittag, hielten daher die Opfer sexualisierter Gewalt ihre eigene Pressekonferenz und gaben ihrer Wut über die Unzulänglichkeiten Ausdruck: Die Fachstelle verhalte sich abweisend wie eine Behörde; es gebe noch immer Täternetzwerke in der Kirche; die Kirche wolle Anwaltskosten nicht tragen. In manchem hinke die evangelische Kirche der katholischen hinterher.

Auch heute, auf der Synode, riss die Kritik nicht ab. Eine Pfarrerin berichtete frustriert, wie sie 2011 den jahrelangen Missbrauch durch einen Vikar und späteren Pfarrer zur Anklage gebracht hatte. "Der Weg war immens mühsam", so fasst sie das Disziplinarverfahren zusammen. "Und kurze Zeit später hielt der Täter erneut Seminare in kirchlichen Räumen." Sie forderte die Kirchenleitenden zu echten Veränderungen auf. Beileidsbekundungen und Solidaritätsadressen möge sie nicht mehr hören: "Betroffenheitslyrik macht mich wütend."

Eine von sexualisierter Gewalt Betroffene pflichtete der Pfarrerin bei: Im Disziplinarverfahren gehe es um die Amtspflichtverletzung der Amtsperson gegenüber der Kirche. Der Kirche sei Schaden zugefügt worden. Dass vor allem sie den Missbrauch erlitt, habe im Verfahren gegen ihren Täter kaum gezählt: "Ich kann mit meinen Erfahrungen niemandem zu einem Verfahren raten."

Die Staatsanwaltschaft verfolgte den Fall nicht weiter

Eine Frau berichtete der Synode von einem Fall von 2018 in einer Berliner evangelischen Kita. Mehrere Familien hatten Anzeige wegen des Verdachts des sexuellen Missbrauchs an Kleinkindern gestellt. Doch statt die Klagen ernstzunehmen, wiegelten die Verantwortlichen in der Gemeinde und in der Berlin-Brandenburgischen Landeskirche ab. "Wir haben einen Pfarrer erlebt, der über die Fantasie von Kindern räsonierte und sagte: ‚Ach wäre es nicht schön, wenn es anders wäre?‘ Wir haben eine Pfarrerin erlebt, die sagte: ‚Dafür will ich erstmal Beweise sehen.‘" Sogar die Staatsanwaltschaft verfolgte den Fall nicht weiter.

Die Gemeinde feierte einen Abschlussgottesdienst, weil sie den Fall für abgeschlossen hielt. Dabei war es tatsächlich zu Übergriffen gekommen.Nach dem Bericht über den Fall meldete sich heute auf der Synode der damals zuständige Bischof Markus Dröge zu Wort und räumte ein, dass auch er sich damals nicht angemessen geäußert habe. Er habe den Abschlussgottesdienst nicht für angemessen gehalten, ihn aber nicht verhindern können. Auch die Behörden hätten unzureichend gehandelt.

Auch die Hamburger Bischöfin Kirsten Fehrs zeigte sich auf der Synode sichtlich bewegt. Was im Betroffenenbeirat schiefgelaufen sei, tue ihr sehr leid. Man habe den Beirat sich selbst überlassen, um nicht paternalistisch einen Rahmen zu setzen. "Aber es hat mir total eingeleuchtet, dass das der falsche Weg war." Was die Synode vor drei Jahren in die Wege geleitet hatte, "war als erster Schritt gedacht. Es ist klar geworden, dass eine Kulturveränderung ansteht, und dass sie Zeit braucht."

"Null Toleranz für Täter, maximale Transparenz für Betroffene"

Vieles muss sich ändern. Es ist zentral, dass die Opfer sexualisierter Gewalt eine Stimme bekommen, die auch gehört wird. Der Betroffenenbeirat muss wieder eingesetzt werden, aber diesmal mit vernünftiger Moderation. "Augenhöhe kann man fordern, aber sie muss sich bewähren", fasste jemand treffend zusammen. Und ein Synodaler fragte: "Wo ist der Raum, dass Betroffene über synodale Entscheidungen einwirken können?"

Auch das Disziplinarrecht muss einer Reform unterzogen werden. Opfer treten bei Verfahren als Zeuginnen und Zeugen auf. Damit haben sie bislang keinen Anspruch darauf, Anwaltskosten erstattet zu bekommen. Mehr noch: Täter bekommen Einsicht in alle Akten, die Zeugen aber nicht. Das darf nicht so bleiben.

Warum gibt es dieses Ausmaß an Gewalt in der Kirche überhaupt, fragte ein Synodaler. Das sollte sich der Ausschuss Theologie doch mal fragen. Das Thema der sexualisierten Gewalt wird die 13. Synode sicherlich über die ganze Amtsperiode begleiten.

Nach der Aussprache meldet sich die Synodenpräses Anna-Nicole Heinrich mit einem Statement vor der Presse zu Wort: "Die Kirche darf nicht die Deutungshoheit beanspruchen über das, was passiert ist", sagte sie. Und: "Das Ziel ist Null Toleranz für Täter und maximale Transparenz für Betroffene."

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Lesermeinungen

Vor allen Dingen, " die Kirche hat Schaden erlitten". Der gute Ruf, den man/frau glaubt zu haben. So sind die abgeschlagenen Opfer immer noch nachrangig. Man-n / frau hat nicht angemessen reagiert. Wer ist "man"- n / frau ?. Der ganze Text trieft von Rechtschaffenheit aller Verantwortlichen. Aber was ist Verantwortung ohne Konsequenzen? Wie eine Kanzellyrik ohne Bedeutung. Schöne Reden ändern nichts.